Pres­se­mit­tei­lung Nr. 44/2021 vom 25.06.2021

Für die Ent­schei­dung über An­ord­nun­gen ge­gen­über ei­ner Schu­le ge­mäß § 1666 Abs. 1 und 4 BGB we­gen dort gel­ten­der Co­ro­na-Schutz­maß­nah­men ver­bleibt es bei der Zu­stän­dig­keit der Amts­ge­rich­te/Fa­mi­li­en­ge­rich­te

Für die Ent­schei­dung über ei­ne an ein Amts­ge­richt ge­rich­te­te An­re­gung, die auf ge­richt­li­che An­ord­nun­gen ge­gen ei­ne Schu­le ge­mäß § 1666 Abs. 1 und 4 BGB we­gen Co­ro­na-Schutz­maß­nah­men zielt, sind die Amts­ge­rich­te/Fa­mi­li­en­ge­rich­te zu­stän­dig. Die Ver­wei­sung ei­nes sol­chen Ver­fah­rens an ein Ver­wal­tungs­ge­richt ist aus­nahms­wei­se we­gen ei­nes gro­ben Ver­fah­rens­ver­sto­ßes nicht bin­dend. Das hat das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt in Leip­zig mit Be­schluss vom 16. Ju­ni 2021 ent­schie­den.


Die El­tern min­der­jäh­ri­ger Schü­ler hat­ten beim Amts­ge­richt Teck­len­burg die Ein­lei­tung ei­nes Ver­fah­rens gem. § 1666 Abs. 1 und 4 BGB zur Be­en­di­gung der von ih­nen be­fürch­te­ten nach­hal­ti­gen Ge­fähr­dung des Kin­des­wohls an­ge­regt, die sich u.a. auf­grund schul­in­ter­ner An­ord­nun­gen zum Tra­gen ei­nes Mund- und Na­sen­schut­zes so­wie zur Ein­hal­tung von Min­dest­ab­stän­den zu an­de­ren Per­so­nen er­ge­be. Das Amts­ge­richt hat mit Be­schlüs­sen vom 23. April 2021 den Rechts­weg zu den or­dent­li­chen Ge­rich­ten für un­zu­läs­sig er­klärt und den Rechts­streit an das Ver­wal­tungs­ge­richt Müns­ter ver­wie­sen. Das Ver­wal­tungs­ge­richt Müns­ter wie­der­um hat mit Be­schluss vom 26. Mai 2021 den Ver­wal­tungs­rechts­weg für un­zu­läs­sig er­klärt und das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt zur Be­stim­mung der Zu­stän­dig­keit an­ge­ru­fen.


Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt hat ent­schie­den, dass das Amts­ge­richt Teck­len­burg trotz der Ver­wei­sungs­be­schlüs­se vom 23. April 2021 zu­stän­dig ge­blie­ben ist. Zwar ist ei­ne Ver­wei­sung für das Ge­richt, an das das Ver­fah­ren ver­wie­sen wor­den ist, grund­sätz­lich bin­dend. Das gilt je­doch nicht, wenn die Ent­schei­dung bei ver­stän­di­ger Wür­di­gung nicht mehr nach­voll­zieh­bar er­scheint und of­fen­sicht­lich un­halt­bar ist. Ein der­ar­tig qua­li­fi­zier­ter Ver­fah­rens­ver­stoß des Amts­ge­richts liegt hier vor. Denn die El­tern hat­ten sich in ih­rem Schrei­ben an das Amts­ge­richt aus­drück­lich dar­auf be­schränkt, ein fa­mi­li­en­ge­richt­li­ches Tä­tig­wer­den ge­gen die Schu­le auf der Grund­la­ge des § 1666 Abs. 1 und 4 BGB an­zu­sto­ßen. Un­ter­las­sungs­an­sprü­che ge­gen die Schu­le, über die die Ver­wal­tungs­ge­rich­te zu ent­schei­den hät­ten, ha­ben sie nicht gel­tend ge­macht. Über Maß­nah­men ge­mäß § 1666 BGB ent­schei­det das Amts­ge­richt/Fa­mi­li­en­ge­richt je­doch selb­stän­dig von Amts we­gen. Es hät­te kei­ne Ver­wei­sung aus­spre­chen, son­dern - da fa­mi­li­en­ge­richt­li­che An­ord­nun­gen ge­gen­über Be­hör­den recht­lich aus­ge­schlos­sen sind - ent­we­der auf die Er­öff­nung ei­nes Ver­fah­rens ver­zich­ten oder ein be­reits er­öff­ne­tes Ver­fah­ren ein­stel­len müs­sen.


Die trotz­dem aus­ge­spro­che­ne Ver­wei­sung führt zu Brü­chen mit den Pro­zess­grund­sät­zen der Ver­wal­tungs­ge­richts­ord­nung. Die­se kennt kei­ne von Amts we­gen ein­zu­lei­ten­den Ver­fah­ren, son­dern über­lässt es dem Klä­ger bzw. An­trag­stel­ler, ob und mit wel­cher Ziel­rich­tung er ein Ver­fah­ren ein­lei­ten will. Er­wie­se sich die Ver­wei­sung für das Ver­wal­tungs­ge­richt als bin­dend, fän­den sich die Kin­der, für die le­dig­lich be­stimm­te Maß­nah­men an­ge­regt wur­den, nun­mehr in der Rol­le von Be­tei­lig­ten ei­nes ge­richt­li­chen Ver­fah­rens wie­der. Das ent­sprä­che we­der ih­rem Wil­len noch ih­rer vor­ma­li­gen Stel­lung vor dem Amts­ge­richt. Des­halb er­weist sich die Ver­wei­sung mit den Prin­zi­pi­en der Ver­wal­tungs­ge­richts­ord­nung als schlech­ter­dings un­ver­ein­bar und löst für das Ver­wal­tungs­ge­richt kei­ne Bin­dungs­wir­kung aus.


BVer­wG 6 AV 1.21 - Be­schluss vom 16. Ju­ni 2021

Vor­in­stanz:

VG Müns­ter, VG 5 L 339/21 - Be­schluss vom 26. Mai 2021 -

BVer­wG 6 AV 2.21 - Be­schluss vom 16. Ju­ni 2021

Vor­in­stanz:

VG Müns­ter, VG 5 L 340/21 - Be­schluss vom 26. Mai 2021 -


Be­schluss vom 16.06.2021 -
BVer­wG 6 AV 1.21ECLI:DE:BVer­wG:2021:160621B6A­V1.21.0

Kei­ne Bin­dungs­wir­kung durch will­kür­li­chen Ver­wei­sungs­be­schluss

Leit­sät­ze:

1. Bei ei­nem rechts­weg­über­grei­fen­den ne­ga­ti­ven Kom­pe­tenz­kon­flikt zwi­schen Ge­rich­ten der or­dent­li­chen und der Ver­wal­tungs­ge­richts­bar­keit ist für die Be­stim­mung des zu­stän­di­gen Ge­richts in ana­lo­ger An­wen­dung des § 53 Abs. 1 Nr. 5 Vw­GO der­je­ni­ge obers­te Ge­richts­hof des Bun­des zu­stän­dig, der ei­nem der be­tei­lig­ten Ge­rich­te über­ge­ord­net ist und zu­erst an­ge­gan­gen wird (Be­stä­ti­gung der bis­he­ri­gen Recht­spre­chung).

2. Auch ein un­an­fecht­ba­rer, feh­ler­haf­ter Ver­wei­sungs­be­schluss an ein Ge­richt ei­ner an­de­ren Ge­richts­bar­keit ist ge­mäß § 17a Abs. 2 Satz 3 GVG hin­sicht­lich des Rechts­wegs bin­dend. Das gilt nur dann nicht, wenn die Ent­schei­dung aus­nahms­wei­se schlecht­hin nicht mehr zu recht­fer­ti­gen ist, d.h. nicht mehr ver­ständ­lich er­scheint und of­fen­sicht­lich un­halt­bar ist.

3. Die Ver­wei­sung ei­nes beim Amts­ge­richt/Fa­mi­li­en­ge­richt an­ge­reg­ten, auf Maß­nah­men ge­gen ei­ne Schu­le auf der Grund­la­ge des § 1666 Abs. 1 und 4 BGB ab­zie­len­den Amts­ver­fah­rens an ein Ver­wal­tungs­ge­richt ist ver­fah­rens­feh­ler­haft und löst we­gen des da­durch auf­tre­ten­den un­auf­lös­ba­ren Wi­der­spruchs mit Pro­zess­ma­xi­men der Ver­wal­tungs­ge­richts­ord­nung kei­ne Bin­dungs­wir­kung aus.

  • Rechts­quel­len
  • Zi­tier­vor­schlag

Be­schluss

BVer­wG 6 AV 1.21

  • VG Müns­ter - 26.05.2021 - AZ: VG 5 L 339/21

In den Ver­wal­tungs­streit­sa­chen hat der 6. Se­nat des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts
am 16. Ju­ni 2021
durch den Vor­sit­zen­den Rich­ter am Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt Prof. Dr. Kraft, den Rich­ter am Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt Hahn und
die Rich­te­rin am Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt Stei­ner
be­schlos­sen:

  1. Die Ver­fah­ren wer­den ver­bun­den.
  2. Als zu­stän­di­ges Ge­richt wird das Amts­ge­richt Teck­len­burg/Fa­mi­li­en­ge­richt be­stimmt.

Grün­de

I

1 Die An­trag­stel­ler, ver­tre­ten durch ih­re El­tern, ha­ben bei dem Amts­ge­richt Teck­len­burg die Ein­lei­tung ei­nes "Kin­der­schutz­ver­fah­rens gem. § 1666 Abs. 1 und 4 BGB" zur Be­en­di­gung der nach­hal­ti­gen Ge­fähr­dung des Kin­des­wohls an­ge­regt, die sich u.a. auf­grund schul­in­ter­ner An­ord­nun­gen zum Tra­gen ei­nes Mund- und Na­sen­schut­zes so­wie zur Ein­hal­tung von Min­dest­ab­stän­den zu an­de­ren Per­so­nen er­ge­be. De­ren Auf­he­bung so­wie zeit­na­he fa­mi­li­en­ge­richt­li­che An­ord­nun­gen ge­gen­über den Lehr­kräf­ten und der Schul­lei­tung sei­en zur Ab­wehr von Schä­den der An­trag­stel­ler drin­gend er­for­der­lich.

2 Das Amts­ge­richt/Fa­mi­li­en­ge­richt hat nach An­hö­rung der An­trag­stel­ler, die sich ei­ner Ver­wei­sung wi­der­setzt ha­ben, mit Be­schlüs­sen vom 23. April 2021 den Rechts­weg zu den or­dent­li­chen Ge­rich­ten für un­zu­läs­sig er­klärt und die Rechts­strei­tig­kei­ten an das Ver­wal­tungs­ge­richt Müns­ter ver­wie­sen. Denn die An­trag­stel­ler wen­de­ten sich ge­gen ho­heit­li­ches Han­deln und für sol­che Strei­tig­kei­ten sei aus­schlie­ß­lich der Ver­wal­tungs­rechts­weg er­öff­net. Die Be­schlüs­se sind un­an­fecht­bar.

3 Das Ver­wal­tungs­ge­richt hat die Be­tei­lig­ten dar­auf hin­ge­wie­sen, dass es sich für un­zu­stän­dig hal­te und ih­nen Ge­le­gen­heit zur Stel­lung­nah­me ge­ge­ben. Mit Be­schlüs­sen vom 26. Mai 2021 hat es den Ver­wal­tungs­rechts­weg für un­zu­läs­sig er­klärt und das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt zur Be­stim­mung der Zu­stän­dig­keit an­ge­ru­fen.

II

4 1. Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt ist zur Ent­schei­dung des ne­ga­ti­ven Kom­pe­tenz­kon­flikts zwi­schen dem Amts­ge­richt Teck­len­burg und dem Ver­wal­tungs­ge­richt Müns­ter be­ru­fen.

5 Ge­mäß § 53 Abs. 1 Nr. 5 i.V.m. Abs. 3 Satz 1 Vw­GO wird ein ne­ga­ti­ver Kom­pe­tenz­kon­flikt zwi­schen Ge­rich­ten der Ver­wal­tungs­ge­richts­bar­keit von dem Ge­richt ent­schie­den, das den be­tei­lig­ten Ge­rich­ten über­ge­ord­net ist. Zwar ist die­se Vor­schrift auf den Kom­pe­tenz­kon­flikt zwi­schen ei­nem Ver­wal­tungs­ge­richt und ei­nem Amts­ge­richt we­der un­mit­tel­bar an­wend­bar noch gibt es für ei­nen sol­chen Fall an an­de­rer Stel­le ei­ne ge­setz­li­che Re­ge­lung. Die­se Re­ge­lungs­lü­cke ist aber - im Ein­klang mit der Recht­spre­chung an­de­rer obers­ter Ge­richts­hö­fe des Bun­des - in der Wei­se zu schlie­ßen, dass das­je­ni­ge obers­te Bun­des­ge­richt den ne­ga­ti­ven Kom­pe­tenz­kon­flikt zwi­schen den Ge­rich­ten ver­schie­de­ner Ge­richts­zwei­ge ent­schei­det, das ei­nem der be­tei­lig­ten Ge­rich­te über­ge­ord­net ist und zu­erst an­ge­gan­gen wird (BVer­wG, Be­schluss vom 10. April 2019 - 6 AV 11.19 - NJW 2019, 2112; BGH, Be­schluss vom 26. Ju­li 2001 - X ARZ 69/01 - NJW 2001, 3631 <3632>). Denn ob­wohl ein nach § 17a GVG er­gan­ge­ner und un­an­fecht­bar ge­wor­de­ner Be­schluss, mit dem ein Ge­richt den be­strit­te­nen Rechts­weg für un­zu­läs­sig er­klärt und den Rechts­streit an ein an­de­res Ge­richt ver­wie­sen hat, nach dem Ge­setz kei­ner wei­te­ren Über­prü­fung un­ter­liegt, ist ei­ne Zu­stän­dig­keits­be­stim­mung in Ana­lo­gie zu § 53 Abs. 1 Nr. 5 Vw­GO im In­ter­es­se ei­ner funk­tio­nie­ren­den Rechts­pfle­ge und der Rechts­si­cher­heit ge­bo­ten, wenn es in ei­nem Ver­fah­ren zu Zwei­feln über die Bin­dungs­wir­kung der Ver­wei­sung kommt und des­halb kei­nes der in Fra­ge kom­men­den Ge­rich­te be­reit ist, die Sa­che zu be­ar­bei­ten (vgl. BGH, Be­schluss vom 14. Mai 2013 - X ARZ 167/13 - MDR 2013, 1242 zu § 36 Abs. 1 Nr. 6 ZPO). Ei­ne sol­che Si­tua­ti­on ist vor­lie­gend ge­ge­ben. So­wohl das Amts­ge­richt Teck­len­burg als auch das Ver­wal­tungs­ge­richt Müns­ter ha­ben ent­schie­den, dass der Rechts­weg zu ih­nen un­zu­läs­sig sei.

6 2. Für ei­ne Ent­schei­dung über die von den An­trag­stel­lern an­ge­reg­ten Maß­nah­men ge­gen­über der Schu­le ist das Amts­ge­richt Teck­len­burg/Fa­mi­li­en­ge­richt trotz der Ver­wei­sungs­be­schlüs­se vom 23. April 2021 zu­stän­dig ge­blie­ben. Denn die An­trag­stel­ler ha­ben kei­nen kon­tra­dik­to­ri­schen Par­tei­streit um Un­ter­las­sungs­an­sprü­che ge­gen die Schu­le ein­ge­lei­tet (2.1), so dass sich die Ver­wei­sun­gen des Amts­ge­richts in so qua­li­fi­zier­ter Wei­se als ver­fah­rens­feh­ler­haft er­wei­sen, dass sie kei­ne Bin­dungs­wir­kung zu äu­ßern ver­mö­gen (2.2).

7 2.1 Die Aus­le­gung der an das Amts­ge­richt/Fa­mi­li­en­ge­richt ge­rich­te­ten Schrei­ben der An­trag­stel­ler vom 14. April 2021 führt zu dem Er­geb­nis, dass sie kei­ne ge­gen die Schu­le ge­rich­te­ten Un­ter­las­sungs­an­sprü­che in ei­nem kon­tra­dik­to­ri­schen Par­tei­streit gel­tend ma­chen wol­len. Für solch ein ge­richt­li­ches Streit­ver­fah­ren wä­re der vom Amts­ge­richt auf § 17a Abs. 2 Satz 1 Halbs. 1 GVG ge­stütz­te Aus­spruch der Un­zu­läs­sig­keit des Rechts­wegs zu den or­dent­li­chen Ge­rich­ten al­ler­dings im Er­geb­nis nicht zu be­an­stan­den. Denn über der­ar­ti­ge Un­ter­las­sungs­an­sprü­che hät­ten ge­mäß § 40 Abs. 1 Satz 1 Vw­GO die Ver­wal­tungs­ge­rich­te zu ent­schei­den. Sie be­trä­fen das Schul­ver­hält­nis als Rechts­ver­hält­nis zwi­schen dem Schü­ler und ei­ner öf­fent­li­chen, von ei­ner Ge­biets­kör­per­schaft ge­tra­ge­nen Schu­le, de­ren Han­deln in in­ne­ren Schul­an­ge­le­gen­hei­ten ein­schlie­ß­lich der Schul­ord­nungs­maß­nah­men nach nord­rhein-west­fä­li­schem Lan­des­recht dem Land zu­ge­rech­net wird (OVG Müns­ter, Be­schluss vom 14. Ja­nu­ar 2011 - 19 B 14/11 - NWVBl 2011, 270). Da­von er­fasst wür­den auch von der Schu­le an­ge­ord­ne­te co­ro­na­be­ding­te Schutz­maß­nah­men (OLG Nürn­berg, Be­schluss vom 28. April 2021 - 9 WF 343/21 - ju­ris Rn. 8 ff.; OLG Naum­burg, Be­schluss vom 14. Mai 2021 - 1 UF 136/21 - ju­ris Rn. 45 ff.).

8 Das Be­geh­ren der An­trag­stel­ler in ih­ren Schrei­ben vom 14. April 2021 an das Amts­ge­richt/Fa­mi­li­en­ge­richt be­schränkt sich je­doch aus­drück­lich dar­auf, ein fa­mi­li­en­ge­richt­li­ches Ein­schrei­ten des Amts­ge­richts/Fa­mi­li­en­ge­richt ge­gen die Schu­le auf der Grund­la­ge des § 1666 Abs. 1 und 4 BGB an­zu­sto­ßen. Dem­zu­fol­ge liegt kein ver­fah­rens­er­öff­nen­der Sach­an­trag als Ver­fah­rens- oder Pro­zess­hand­lung vor, son­dern le­dig­lich ei­ne an das Amts­ge­richt/Fa­mi­li­en­ge­richt ge­rich­te­te An­re­gung ge­mäß § 24 Abs. 1 FamFG. We­der die Ver­fas­ser noch de­ren Kin­der wur­den da­durch zu An­trag­stel­lern im ver­fah­rens­recht­li­chen Sin­ne (Ahn-Roth, in: Prüt­ting/Helms, FamFG, 5. Aufl. 2020, § 24 Rn. 3). Ein Pro­zess- oder Ver­fah­rens­rechts­ver­hält­nis wur­de durch die­se An­re­gung nicht be­grün­det.

9 2.2 Ge­mäß § 17a Abs. 2 Satz 3 GVG ist ein Ver­wei­sungs­be­schluss für das Ge­richt, an das der Rechts­streit ver­wie­sen wor­den ist, hin­sicht­lich des Rechts­wegs bin­dend. Die Be­schlüs­se des Amts­ge­richts vom 23. April 2021 sind un­an­fecht­bar ge­wor­den. Die in § 17a Abs. 2 Satz 3 GVG an­ge­ord­ne­te Bin­dungs­wir­kung tritt auch bei ei­nem feh­ler­haf­ten Ver­wei­sungs­be­schluss ein, et­wa wenn der Rechts­weg zu dem ver­wei­sen­den Ge­richt ent­ge­gen des­sen Rechts­auf­fas­sung ge­ge­ben war (BVer­wG, Be­schluss vom 10. März 2016 - 6 AV 1.16 - Buch­holz 300 § 17a GVG Nr. 36 Rn. 4) oder das Ge­richt den Ver­wei­sungs­be­schluss ent­ge­gen § 17a Abs. 4 Satz 2 GVG nicht be­grün­det oder un­ter Ver­let­zung des recht­li­chen Ge­hörs (BGH, Be­schluss vom 8. Ju­li 2003 - X ARZ 138/03 - NJW 2003, 2990) ge­trof­fen hat.

10 Mit Rück­sicht auf die in § 17a GVG er­öff­ne­te Mög­lich­keit, ei­nen Ver­wei­sungs­be­schluss in dem in § 17a Abs. 4 Satz 3 - 6 GVG vor­ge­se­he­nen In­stan­zen­zug über­prü­fen zu las­sen, kann die ge­setz­lich an­ge­ord­ne­te Bin­dungs­wir­kung ei­nes un­an­fecht­ba­ren Ver­wei­sungs­be­schlus­ses al­len­falls bei ex­tre­men Rechts­ver­stö­ßen durch­bro­chen wer­den. Das ist nur dann der Fall, wenn sich die Ver­wei­sung bei der Aus­le­gung und An­wen­dung der Zu­stän­dig­keits­nor­men so weit von dem die­se be­herr­schen­den ver­fas­sungs­recht­li­chen Grund­satz des ge­setz­li­chen Rich­ters (Art. 101 Abs. 1 Satz 2 GG) ent­fernt hat, dass sie schlecht­hin nicht mehr zu recht­fer­ti­gen ist (vgl. BVerfG, Be­schlüs­se vom 30. Ju­ni 1970 - 2 BvR 48/70 - BVerf­GE 29, 45 <48 f.>, vom 23. Ju­ni 1981 - 2 BvR 1107, 1124/77 und 195/79 - BVerf­GE 58, 1 <45> und vom 26. Au­gust 1991 - 2 BvR 121/90 - NJW 1992, 359 <361>). Hier­von kann aus­ge­gan­gen wer­den, wenn die Ent­schei­dung bei ver­stän­di­ger Wür­di­gung nicht mehr ver­ständ­lich er­scheint und of­fen­sicht­lich un­halt­bar ist (BVer­wG, Be­schlüs­se vom 10. März 2016 - 6 AV 1.16 - Buch­holz 300 § 17a GVG Nr. 36 Rn. 4 und vom 10. April 2019 - 6 AV 11.19 - NJW 2019, 2112 Rn. 10; BGH, Be­schlüs­se vom 8. Ju­li 2003 - X ARZ 138/03 - NJW 2003, 2990 <2991>, vom 9. De­zem­ber 2010 - Xa ARZ 283/10 - MDR 2011, 253 und vom 18. Mai 2011 - X ARZ 95/11 - NJW-RR 2011, 1497; BFH, Be­schluss vom 20. De­zem­ber 2004 - VI S 7/03 - BFHE 209, 1 <3 f.>). Der den Ver­wei­sungs­be­schlüs­sen des Amts­ge­richts vom 23. April 2021 zu­grun­de­lie­gen­de Ver­fah­rens­ver­stoß er­weist sich als in die­ser Wei­se qua­li­fi­ziert, denn er führt zu ei­nem un­auf­lös­ba­ren sys­te­ma­ti­schen Wi­der­spruch mit den Pro­zess­ma­xi­men der Ver­wal­tungs­ge­richts­ord­nung.

11 Das Amts­ge­richt hat auf der Grund­la­ge sei­nes un­zu­tref­fen­den Ver­ständ­nis­ses des Be­geh­rens der An­trag­stel­ler zu Un­recht die Kon­se­quenz ge­zo­gen, die Ver­fah­ren an das Ver­wal­tungs­ge­richt zu ver­wei­sen. Denn die Vor­schrift des § 17a GVG ist ein­schrän­kend da­hin­ge­hend aus­zu­le­gen, dass ei­ne Ver­wei­sung von Amts we­gen be­trie­be­ner Ver­fah­ren oh­ne Cha­rak­ter ei­nes Par­tei­en­streits man­gels "Be­schrei­tung ei­nes Rechts­wegs" durch ei­nen An­trag­stel­ler oder Klä­ger nicht in Be­tracht kommt, son­dern die­se bei feh­len­der Zu­stän­dig­keit ein­zu­stel­len sind (OLG Nürn­berg, Be­schluss vom 28. April 2021 - 9 WF 343/21 - ju­ris Rn. 16; OLG Karls­ru­he, Be­schluss vom 28. April 2021 - 20 WF 70/21 - ju­ris Rn. 5; OLG Frank­furt, Be­schluss vom 5. Mai 2021 - 4 UF 90/21 - ju­ris Rn. 10; OLG Naum­burg, Be­schluss vom 14. Mai 2021 - 1 UF 136/21 - ju­ris Rn. 48; vgl. fer­ner May­er, in: Kis­sel, GVG, 10. Aufl. 2021, § 17 Rn. 62; BT-Drs. 16/6308 S. 318 zu § 17a Abs. 6 GVG). Das Ver­fah­ren nach § 1666 BGB ist ein Amts­ver­fah­ren (OLG Bran­den­burg, Be­schluss vom 23. Fe­bru­ar 2018 - 13 WF 38/18 - NJW 2018, 1619; Schwab, in: Mü­Ko zum BGB, Bd. 10, 8. Aufl. 2020, § 1666 Rn. 223; Coes­ter, in: Stau­din­ger, BGB, Buch 4, 2020, § 1666 Rn. 261), so dass das an das Amts­ge­richt/Fa­mi­li­en­ge­richt ge­rich­te­te Schrei­ben der An­trag­stel­ler - wie be­reits aus­ge­führt - kei­nen Sach­an­trag, son­dern le­dig­lich ei­ne An­re­gung ge­mäß § 24 Abs. 1 FamFG ent­hielt (vgl. OLG Ko­blenz, Be­schluss vom 15. Ja­nu­ar 2018 - 9 WF 12/18 - FamRZ 2018, 1012). Da kein An­trags­ver­fah­ren (vgl. § 23 FamFG) vor­lag, durf­te das Amts­ge­richt kei­ne Ver­wei­sung aus­spre­chen. Man­gels Er­öff­nung des Zi­vil­rechts­wegs hät­te es ent­we­der auf die Er­öff­nung ei­nes Ver­fah­rens ver­zich­ten oder ein be­reits er­öff­ne­tes Ver­fah­ren ein­stel­len müs­sen.

12 Da sich auch im Fal­le ei­ner feh­ler­haf­ten Ver­wei­sung an ein Ver­wal­tungs­ge­richt das von die­sem an­zu­wen­den­de Pro­zess­recht im Grund­satz nach der Ver­wal­tungs­ge­richts­ord­nung be­stimmt, führt die Ver­wei­sung im vor­lie­gen­den Fall zu sys­te­ma­ti­schen Frik­tio­nen mit den Pro­zess­ma­xi­men der Ver­wal­tungs­ge­richts­ord­nung. Zwar hat der iu­dex ad quem auch im Fal­le ei­ner feh­ler­haf­ten Ver­wei­sung mit Blick auf das Ge­bot ef­fek­ti­ven Rechts­schut­zes die Rechts­schutz­funk­ti­on des ver­wei­sen­den Ge­richts zu über­neh­men. Das kann aber al­len­falls zu Mo­di­fi­ka­tio­nen der zu­grun­de zu le­gen­den Re­ge­lun­gen der Ver­wal­tungs­ge­richts­ord­nung füh­ren (BVer­wG, Ur­teil vom 6. Ju­ni 1967 - 4 C 216.65 - BVer­w­GE 27, 170 <175>; BFH, Be­schluss vom 14. Ok­to­ber 2005 - VI S 17/05 - DStRE 2006, 440; Eh­lers, in: Sc­hoch/Schnei­der, Vw­GO, Stand: Ju­li 2020, § 41 Vw­GO/§ 17a GVG Rn. 19), nicht je­doch de­ren grund­le­gen­de Ver­fah­rens­grund­sät­ze über­spie­len.

13 Die Ver­wal­tungs­ge­richts­ord­nung ge­horcht der Dis­po­si­ti­ons­ma­xi­me (vgl. §§ 81, 88 und 92 Vw­GO) und kennt grund­sätz­lich nur kon­tra­dik­to­ri­sche Par­tei­streit­ver­fah­ren. Ein dem § 24 FamFG ver­gleich­ba­res, von Amts we­gen ein­zu­lei­ten­des Ver­fah­ren ist die­ser Pro­zess­ord­nung sys­tem­fremd und darf des­halb den Ver­wal­tungs­ge­rich­ten auch nicht im We­ge der Ver­wei­sung "auf­ge­drängt" wer­den (vgl. May­er, in: Kis­sel, GVG, 10. Aufl. 2021, § 17 Rn. 62). Er­wie­sen sich die vom Amts­ge­richt/Fa­mi­li­en­ge­richt aus­ge­spro­che­nen ver­fah­rens­feh­ler­haf­ten Ver­wei­sun­gen als bin­dend, wür­de aus ei­nem fa­mi­li­en­ge­richt­li­chen Amts­ver­fah­ren ein kon­tra­dik­to­ri­scher Par­tei­en­streit vor dem Ver­wal­tungs­ge­richt. Die An­trag­stel­ler, die am Amts­ge­richt kei­ne Pro­zess­hand­lung in Form ei­nes ver­fah­rensein­lei­ten­den Sach­an­trags vor­ge­nom­men, son­dern als Nicht­be­tei­lig­te le­dig­lich be­stimm­te Maß­nah­men an­ge­regt ha­ben, fän­den sich nun­mehr in der Rol­le von Be­tei­lig­ten ei­nes ge­richt­li­chen Ver­fah­rens wie­der. Das ent­sprä­che we­der ih­rem Wil­len noch ih­rer vor­ma­li­gen Stel­lung vor dem Amts­ge­richt und wür­de zu­dem Ge­richts­kos­ten für sie aus­lö­sen, die im fa­mi­li­en­ge­richt­li­chen Ver­fah­ren nicht an­fal­len. Die An­nah­me, ei­ne ge­richt­li­che Ver­wei­sung kön­ne ein zu­vor nicht be­stehen­des Pro­zess­rechts­ver­hält­nis be­grün­den, er­weist sich da­her mit den Prin­zi­pi­en der Ver­wal­tungs­ge­richts­ord­nung als schlech­ter­dings un­ver­ein­bar. Des­halb lö­sen die vom Amts­ge­richt Teck­len­burg aus­ge­spro­che­nen Ver­wei­sun­gen für das Ver­wal­tungs­ge­richt kei­ne Bin­dungs­wir­kung ge­mäß § 17a Abs. 2 Satz 3 GVG aus.