Ver­fah­rens­in­for­ma­ti­on

Die Klä­ger, al­le­samt sy­ri­sche Staats­an­ge­hö­ri­ge, be­geh­ren die Er­tei­lung ei­ner Auf­ent­halts­er­laub­nis.


Die Klä­ger, de­nen in Grie­chen­land die Flücht­lings­ei­gen­schaft zu­er­kannt wur­de, reis­ten im März 2019 in das Bun­des­ge­biet ein. Nach er­folg­lo­ser Durch­füh­rung ei­nes Asyl­ver­fah­rens be­an­trag­ten sie die Er­tei­lung ei­ner Auf­ent­halts­er­laub­nis un­ter Hin­weis dar­auf, dass die Klä­ge­rin zu 1) die zwei­te Ehe­frau und die Klä­ger zu 2) bis 4) die Kin­der ei­nes im Bun­des­ge­biet als sub­si­di­är schutz­be­rech­tigt an­er­kann­ten und mit sei­ner ers­ten Ehe­frau zu­sam­men­le­ben­den sy­ri­schen Staats­an­ge­hö­ri­gen sei­en. Ei­ne auch nur vor­über­ge­hen­de Tren­nung der Kin­der von ih­rem Va­ter sei un­zu­mut­bar. Der be­klag­te Land­kreis lehn­te die Er­tei­lung ei­ner Auf­ent­halts­er­laub­nis nach § 25 Abs. 5 Auf­en­thG mit der Be­grün­dung ab, den Klä­gern sei die Aus­rei­se nicht recht­lich un­mög­lich . Ei­ne ge­mein­sa­me Le­bens­füh­rung der von dem sub­si­di­är Schutz­be­rech­tig­ten ge­trennt­le­ben­den Klä­ger in Form ei­ner Bei­stands- bzw. Er­zie­hungs­ge­mein­schaft sei nicht er­sicht­lich.


Wi­der­spruch, Kla­ge und Be­ru­fung der Klä­ger sind oh­ne Er­folg ge­blie­ben. Das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt hat die Zu­rück­wei­sung der Be­ru­fung im We­sent­li­chen dar­auf ge­stützt, dass der Ge­setz­ge­ber für den Fa­mi­li­en­nach­zug zu sub­si­di­är Schutz­be­rech­tig­ten mit § 36a Auf­en­thG ei­ne ab­schlie­ßen­de spe­zi­al­ge­setz­li­che An­spruchs­grund­la­ge ge­schaf­fen ha­be, ne­ben der für ei­ne Auf­ent­halts­er­laub­nis nach § 25 Abs. 5 Auf­en­thG grund­sätz­lich kein Raum ver­blei­be.


Hier­ge­gen wen­den sich die Klä­ger mit der Re­vi­si­on, die das Be­ru­fungs­ge­richt we­gen der grund­sätz­li­chen Be­deu­tung der Fra­ge des Ver­hält­nis­ses des § 25 Abs. 5 Auf­en­thG ge­gen­über der Re­ge­lung zum Fa­mi­li­en­nach­zug zu sub­si­di­är Schutz­be­rech­tig­ten in § 36a Auf­en­thG zu­ge­las­sen hat.


Pres­se­mit­tei­lung Nr. 46/2024 vom 26.09.2024

Kei­ne Auf­ent­halts­er­laub­nis für Fa­mi­li­en­an­ge­hö­ri­ge ei­nes sub­si­di­är Schutz­be­rech­tig­ten bei recht­li­cher Un­mög­lich­keit der Aus­rei­se aus fa­mi­liä­ren Grün­den

Fa­mi­li­en­an­ge­hö­ri­gen ei­nes sub­si­di­är Schutz­be­rech­tig­ten kann ei­ne Auf­ent­halts­er­laub­nis aus hu­ma­ni­tä­ren Grün­den we­gen recht­li­cher Un­mög­lich­keit der Aus­rei­se aus fa­mi­liä­ren Grün­den grund­sätz­lich nicht er­teilt wer­den. § 36a Auf­en­thG re­gelt den Fa­mi­li­en­nach­zug zu sub­si­di­är Schutz­be­rech­tig­ten grund­sätz­lich ab­schlie­ßend und sperrt ei­nen Rück­griff auf § 25 Abs. 5 Auf­en­thG, wenn sich die recht­li­che Un­mög­lich­keit der Aus­rei­se al­lein auf be­reits vor der Ein­rei­se be­stehen­de fa­mi­liä­re Bin­dun­gen zu dem sub­si­di­är Schutz­be­rech­tig­ten stützt. Dies hat das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt in Leip­zig heu­te ent­schie­den.


Die Klä­ger, de­nen in Grie­chen­land die Flücht­lings­ei­gen­schaft zu­er­kannt wur­de, reis­ten im März 2019 in das Bun­des­ge­biet ein. Nach be­stands­kräf­ti­ger Ab­leh­nung ih­rer Asyl­an­trä­ge als un­zu­läs­sig be­an­trag­ten sie die Er­tei­lung ei­ner Auf­ent­halts­er­laub­nis un­ter Hin­weis dar­auf, dass die Klä­ge­rin zu 1) die Zweit­frau und die Klä­ger zu 2) bis 4) die Kin­der ei­nes in Deutsch­land als sub­si­di­är schutz­be­rech­tigt an­er­kann­ten sy­ri­schen Staats­an­ge­hö­ri­gen sei­en, der im Bun­des­ge­biet mit sei­ner ers­ten Ehe­frau und wei­te­ren sechs Kin­dern zu­sam­men­lebt. Der Be­klag­te lehn­te die Er­tei­lung von Auf­ent­halts­er­laub­nis­sen ab. Kla­ge und Be­ru­fung hat­ten kei­nen Er­folg. Den Klä­gern sei es ver­wehrt, sich auf die Re­ge­lung des § 25 Abs. 5 Auf­en­thG we­gen recht­li­cher Un­mög­lich­keit der Aus­rei­se zu be­ru­fen. Denn die­se Norm sei ne­ben § 36a Auf­en­thG, der den Fa­mi­li­en­nach­zug zu sub­si­di­är schutz­be­rech­tig­ten Per­so­nen ab­schlie­ßend re­ge­le, je­den­falls grund­sätz­lich nicht an­wend­bar.


Der 1. Se­nat des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts hat die Re­vi­si­on der Klä­ger zu­rück­ge­wie­sen. § 36a Auf­en­thG steht der An­wend­bar­keit des § 25 Abs. 5 Auf­en­thG, nach dem ei­ne Auf­ent­halts­er­laub­nis aus hu­ma­ni­tä­ren Grün­den we­gen un­ver­schul­de­ter recht­li­cher Un­mög­lich­keit der Aus­rei­se er­teilt wer­den kann, grund­sätz­lich ent­ge­gen. § 36a Auf­en­thG setzt das Vor­lie­gen hu­ma­ni­tä­rer Grün­de, die u.a. in dem Schutz von Ehe und Fa­mi­lie wur­zeln, tat­be­stand­lich vor­aus. Un­be­rührt bleibt da­ne­ben nach § 36 Abs. 1 Satz 4 Auf­en­thG le­dig­lich die Er­tei­lung von hu­ma­ni­tä­ren Auf­ent­halts­ti­teln nach den §§ 22, 23 Auf­en­thG. Zu­dem sieht § 36a Abs. 2 Satz 2 Auf­en­thG ei­ne Kon­tin­gen­tie­rung auf mo­nat­lich 1 000 Vi­sa vor. Dar­aus wird das Ziel des Ge­setz­ge­bers deut­lich, ei­ner Über­for­de­rung der Auf­nah­me- und In­te­gra­ti­ons­sys­te­me von Staat und Ge­sell­schaft vor­zu­beu­gen und die Zu­sam­men­füh­rung von Fa­mi­li­en­an­ge­hö­ri­gen sub­si­di­är Schutz­be­rech­tig­ter - jen­seits des Fa­mi­li­en­asyls - auf­ent­halts­recht­lich über das in § 36a Auf­en­thG ge­re­gel­te Kon­tin­gent-Ver­fah­ren zu steu­ern. Die dar­aus re­sul­tie­ren­de Sperr­wir­kung des § 36a Auf­en­thG er­öff­net da­her Raum für die An­wen­dung von § 25 Abs. 5 Auf­en­thG nur im Fal­le nach­träg­lich im Bun­des­ge­biet ein­tre­ten­der Er­eig­nis­se, die im vor­lie­gen­den Fall nach den Fest­stel­lun­gen des Be­ru­fungs­ge­richts nicht ge­ge­ben wa­ren.


BVer­wG 1 C 11.23 - Ur­teil vom 26. Sep­tem­ber 2024

Vor­in­stan­zen:

OVG Ko­blenz, OVG 7 A 10650/22.​OVG - Ur­teil vom 16. Mai 2023 -

VG Neu­stadt/Wein­stra­ße, VG 2 K 11/21.​NW - Ur­teil vom 11. No­vem­ber 2021 -


Ur­teil vom 26.09.2024 -
BVer­wG 1 C 11.23ECLI:DE:BVer­wG:2024:260924U1C11.23.0

Ver­hält­nis des § 36a Auf­en­thG zu § 25 Abs. 5 Auf­en­thG

Leit­sät­ze:

1. Art. 23 Abs. 2 i. V. m. Art. 24 Abs. 2 RL 2011/95/EU ver­mit­teln Fa­mi­li­en­mit­glie­dern ei­nes sub­si­di­är Schutz­be­rech­tig­ten kei­nen un­mit­tel­ba­ren An­spruch auf Er­tei­lung ei­nes Auf­ent­halts­ti­tels zum Zweck der Wah­rung des Fa­mi­li­en­ver­bands im Bun­des­ge­biet (im An­schluss an BVer­wG, Ur­tei­le vom 17. No­vem­ber 2020 - 1 C 8.19 -, vom 25. No­vem­ber 2021 - 1 C 4.21 - und vom 15. No­vem­ber 2023 - 1 C 7.22 -).

2. § 36a Auf­en­thG re­gelt den Fa­mi­li­en­nach­zug zu sub­si­di­är Schutz­be­rech­tig­ten grund­sätz­lich ab­schlie­ßend und sperrt ei­nen Rück­griff auf § 25 Abs. 5 Auf­en­thG, wenn sich die recht­li­che Un­mög­lich­keit der Aus­rei­se al­lein auf be­reits vor der Ein­rei­se be­stehen­de fa­mi­liä­re Bin­dun­gen zu dem sub­si­di­är Schutz­be­rech­tig­ten stützt.

  • Rechts­quel­len
  • Zi­tier­vor­schlag

Ur­teil

BVer­wG 1 C 11.23

  • VG Neu­stadt a. d. Wein­stra­ße - 11.11.2021 - AZ: 2 K 11/21.​NW
  • OVG Ko­blenz - 16.05.2023 - AZ: 7 A 10650/22.​OVG

In der Ver­wal­tungs­streit­sa­che hat der 1. Se­nat des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts
auf die münd­li­che Ver­hand­lung vom 26. Sep­tem­ber 2024
durch den Vor­sit­zen­den Rich­ter am Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt Dr. Kel­ler,
die Rich­ter am Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt Prof. Dr. Fleuß, Dol­lin­ger und
Böh­mann und
die Rich­te­rin am Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt Fenzl
für Recht er­kannt:

  1. Die Re­vi­si­on der Klä­ger ge­gen das Ur­teil des Ober­ver­wal­tungs­ge­richts Rhein­land-Pfalz vom 16. Mai 2023 wird zu­rück­ge­wie­sen.
  2. Die Klä­ger tra­gen die Kos­ten des Re­vi­si­ons­ver­fah­rens.

Grün­de

I

1 Die Klä­ger sind sy­ri­sche Staats­an­ge­hö­ri­ge und be­geh­ren die Er­tei­lung ei­ner Auf­ent­halts­er­laub­nis.

2 Die Klä­ger, de­nen in Grie­chen­land die Flücht­lings­ei­gen­schaft zu­er­kannt wor­den war, reis­ten im März 2019 in das Bun­des­ge­biet ein. Nach be­stands­kräf­ti­ger Ab­leh­nung ih­rer Asyl­an­trä­ge als un­zu­läs­sig be­an­trag­ten sie beim Be­klag­ten die Er­tei­lung ei­ner Auf­ent­halts­er­laub­nis un­ter Hin­weis dar­auf, dass die Klä­ge­rin zu 1 die Zweit­frau und die Klä­ger zu 2 bis 4 die Kin­der ei­nes im Bun­des­ge­biet als sub­si­di­är schutz­be­rech­tigt an­er­kann­ten und mit sei­ner ers­ten Ehe­frau und wei­te­ren sechs Kin­dern zu­sam­men­le­ben­den sy­ri­schen Staats­an­ge­hö­ri­gen sei­en.

3 Mit Ver­fü­gun­gen vom 27. Fe­bru­ar 2020 lehn­te der Be­klag­te die Er­tei­lung von Auf­ent­halts­er­laub­nis­sen ge­mäß § 25 Abs. 5 Auf­en­thG ab, da ei­ne schüt­zens­wer­te Ver­bin­dung zwi­schen den Klä­gern und dem sub­si­di­är Schutz­be­rech­tig­ten nicht nach­ge­wie­sen wor­den sei. Die hier­ge­gen ein­ge­leg­ten Wi­der­sprü­che wur­den zu­rück­ge­wie­sen.

4 Das Ver­wal­tungs­ge­richt hat das Ver­fah­ren in­so­weit ein­ge­stellt, als der Be­klag­te die ge­gen­über den Klä­gern ver­füg­ten Ab­schie­bungs­an­dro­hun­gen in der münd­li­chen Ver­hand­lung auf­ge­ho­ben hat und der Rechts­streit dies­be­züg­lich über­ein­stim­mend für er­le­digt er­klärt wor­den ist. Im Üb­ri­gen hat es die Kla­ge ab­ge­wie­sen.

5 Mit Ur­teil vom 16. Mai 2023 hat das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt die Be­ru­fung zu­rück­ge­wie­sen. Den Klä­gern ste­he kein An­spruch auf Er­tei­lung ei­ner Auf­ent­halts­er­laub­nis zu. Die § 30 Abs. 1, § 32 Abs. 1 und 4 Auf­en­thG er­fass­ten nicht den Ehe­gat­ten- und Kin­der­nach­zug zu ei­nem sub­si­di­är Schutz­be­rech­tig­ten. Die Er­tei­lung ei­ner Auf­ent­halts­er­laub­nis nach § 36a Auf­en­thG schei­te­re mit Blick auf die be­stands­kräf­tig ab­ge­lehn­ten Asyl­an­trä­ge be­reits an der Ti­teler­tei­lungs­sper­re des § 10 Abs. 3 Satz 1 Auf­en­thG. Den Klä­gern sei es ver­wehrt, sich auf § 25 Abs. 5 Auf­en­thG zu be­ru­fen, da § 36a Auf­en­thG den der Sa­che nach be­gehr­ten Fa­mi­li­en­nach­zug zum sub­si­di­är Schutz­be­rech­tig­ten un­ter Be­rück­sich­ti­gung hu­ma­ni­tä­rer Grün­de spe­zi­al­ge­setz­lich ab­schlie­ßend re­ge­le. Die Sperr­wir­kung des § 36a Auf­en­thG im Ver­hält­nis zu § 25 Abs. 5 Auf­en­thG ste­he im Ein­klang mit den Schutz­wir­kun­gen der Art. 6 GG und Art. 8 EM­RK so­wie mit den eu­ro­pa­recht­li­chen Vor­ga­ben. Bei il­le­ga­ler Ein­rei­se und an­schlie­ßen­der Asyl­an­trag­stel­lung müss­ten sich die Fa­mi­li­en­an­ge­hö­ri­gen grund­sätz­lich auf das dies­be­züg­li­che Re­ge­lungs­re­gime, ins­be­son­de­re die Re­ge­lun­gen zum Fa­mi­li­en­asyl und in­ter­na­tio­na­len Schutz für Fa­mi­li­en­an­ge­hö­ri­ge ver­wei­sen las­sen und bei Nicht­vor­lie­gen ei­nes ent­spre­chen­den An­spruchs ihr Blei­be­be­geh­ren durch Be­an­tra­gung ei­ner Dul­dung wei­ter­ver­fol­gen. Vom grund­sätz­lich be­stehen­den Aus­schluss des § 25 Abs. 5 Auf­en­thG im An­wen­dungs­be­reich des § 36a Auf­en­thG sei im Ein­zel­fall dann ei­ne Aus­nah­me an­ge­zeigt, wenn die das Spe­zia­li­täts­ver­hält­nis recht­fer­ti­gen­den Um­stän­de sich nach­träg­lich der­art ver­än­dert hät­ten, dass die­ses durch die neu­er­li­chen Ver­hält­nis­se gleich­sam über­la­gert wer­de.

6 Mit ih­rer Re­vi­si­on rü­gen die Klä­ger ei­ne Ver­let­zung der Art. 23 Abs. 2 und Art. 24 Abs. 2 RL 2011/95/EU so­wie von § 25 Abs. 5 Auf­en­thG, Art. 6 GG und Art. 8 EM­RK. Als Fa­mi­li­en­an­ge­hö­ri­gen ei­nes sub­si­di­är Schutz­be­rech­tig­ten ste­he ih­nen ein An­spruch auf Er­tei­lung ei­ner Auf­ent­halts­er­laub­nis un­mit­tel­bar aus der An­er­ken­nungs­richt­li­nie zu. Ein Spe­zia­li­täts­ver­hält­nis zwi­schen § 25 Abs. 5 Auf­en­thG und § 36a Auf­en­thG sei nicht er­sicht­lich. Die Vor­schrif­ten be­fän­den sich in un­ter­schied­li­chen Ab­schnit­ten des Ka­pi­tels 2 des Auf­ent­halts­ge­set­zes und dien­ten un­ter­schied­li­chen Auf­ent­halts­zwe­cken. Es ge­he nicht um Fa­mi­li­en­nach­zug, son­dern um die Un­mög­lich­keit und Un­zu­mut­bar­keit der Tren­nung der Klä­ger vom Kinds­va­ter.

7 Der Be­klag­te ver­tei­digt das an­ge­foch­te­ne Ur­teil.

8 Die Ver­tre­te­rin des Bun­des­in­ter­es­ses be­tei­ligt sich an dem Ver­fah­ren und un­ter­stützt die Auf­fas­sung des Be­klag­ten und des Be­ru­fungs­ge­richts.

II

9 Die zu­läs­si­ge Re­vi­si­on der Klä­ger ist un­be­grün­det. Im Ein­klang mit Bun­des­recht hat das Be­ru­fungs­ge­richt ei­nen An­spruch der Klä­ger auf Er­tei­lung ei­ner Auf­ent­halts­er­laub­nis ver­neint. Ein sol­cher An­spruch folgt we­der un­mit­tel­bar aus Art. 23 Abs. 2 i. V. m. Art. 24 Abs. 2 RL 2011/95/EU (1.) noch aus den §§ 27 ff. Auf­en­thG (2.) oder aus § 25 Abs. 5 Auf­en­thG (3.).

10 1. Den Klä­gern ist es ver­wehrt, sich un­mit­tel­bar auf Art. 23 Abs. 2 i. V. m. Art. 24 Abs. 2 RL 2011/95/EU zu be­ru­fen (1.1). Un­ab­hän­gig da­von er­fül­len die Klä­ger auch nicht de­ren tat­be­stand­li­che Vor­aus­set­zun­gen (1.2).

11 1.1 Ei­ne Richt­li­nie ist nach Art. 288 Abs. 3 AEUV für je­den Mit­glied­staat, an den sie ge­rich­tet wird, hin­sicht­lich des zu er­rei­chen­den Ziels ver­bind­lich; sie über­lässt den na­tio­na­len Ge­setz­ge­bern je­doch die Wahl der Form und der Mit­tel. Richt­li­ni­en sind da­her grund­sätz­lich nicht auf un­mit­tel­ba­re An­wend­bar­keit an­ge­legt und be­dür­fen der Um­set­zung durch den na­tio­na­len Ge­setz­ge­ber. Der Ein­zel­ne kann sich aber in all den Fäl­len, in de­nen die Be­stim­mun­gen ei­ner Richt­li­nie in­halt­lich un­be­dingt und hin­rei­chend ge­nau sind, vor na­tio­na­len Ge­rich­ten ge­gen­über dem Staat auf die­se Be­stim­mun­gen be­ru­fen, wenn die­ser die Richt­li­nie nicht frist­ge­mäß oder nur un­zu­läng­lich in das na­tio­na­le Recht um­ge­setzt hat (stRspr, vgl. nur Eu­GH, Ur­teil vom 8. März 2022 - C-205/20 [ECLI:​​EU:​​C:​​2022:​​168], NE - Rn. 17 m. w. N.).

12 An die­ser letz­ten Vor­aus­set­zung fehlt es hier. Der deut­sche Ge­setz­ge­ber hat Art. 23 Abs. 2 i. V. m. Art. 24 Abs. 2 RL 2011/95/EU voll­stän­dig und über­schie­ßend in na­tio­na­les Recht um­ge­setzt. Dem dien­te die Neu­fas­sung des § 26 AsylG durch Art. 1 des Ge­set­zes zur Um­set­zung der Richt­li­nie 2011/95/EU vom 28. Au­gust 2013 (BGBl. I S. 3474, vgl. auch BT-Drs. 17/13063 S. 21). Zu­sätz­lich zu den im na­tio­na­len Recht be­währ­ten Schutz­for­men des Fa­mi­li­en­asyls und des Fa­mi­li­en­flücht­lings­schut­zes wur­de ein ge­mein­sa­mer Sta­tus bei sub­si­di­är Ge­schütz­ten und ih­ren Fa­mi­li­en­an­ge­hö­ri­gen ein­ge­führt. Dies soll­te die Rechts­an­wen­dung er­leich­tern und auch der Tat­sa­che Rech­nung tra­gen, dass bei Fa­mi­li­en­an­ge­hö­ri­gen häu­fig ei­ne ver­gleich­ba­re Be­dro­hungs­la­ge wie bei dem Stamm­be­rech­tig­ten vor­liegt (BT-Drs. 17/13063 S. 21). § 26 Abs. 5 Satz 1 und 2 i. V. m. Abs. 1 bis 3 AsylG ziel­te dar­auf ab, den Fa­mi­li­en­an­ge­hö­ri­gen ei­nes Schutz­be­rech­tig­ten zum Zwe­cke der Auf­recht­erhal­tung der Fa­mi­li­en­ein­heit und der Wah­rung des Min­der­jäh­ri­gen­schut­zes die glei­chen Rech­te wie dem Stamm­be­rech­tig­ten zu ver­mit­teln. Zur Er­rei­chung die­ses Ziels be­schritt der Ge­setz­ge­ber nicht den Weg ei­ner rein auf­ent­halts- und so­zi­al­recht­li­chen Um­set­zung; statt­des­sen ent­schied er sich nicht zu­letzt im In­ter­es­se ei­ner Ver­fah­rens­ver­ein­fa­chung für ei­ne uni­ons­recht­lich über­schie­ßen­de asyl­recht­li­che Um­set­zung der Vor­ga­ben des Art. 23 Abs. 2 RL 2011/95/EU (BT-Drs. 17/13063 S. 21; BVer­wG, Ur­tei­le vom 17. No­vem­ber 2020 - 1 C 8.19 - BVer­w­GE 170, 326 Rn. 26, vom 25. No­vem­ber 2021 - 1 C 4.21 - BVer­w­GE 174, 177 Rn. 26 f. und vom 15. No­vem­ber 2023 - 1 C 7.22 - ZAR 2024, 210 Rn. 13; zur Zu­läs­sig­keit ei­ner sol­chen über­schie­ßen­den Um­set­zung Eu­GH, Ur­tei­le vom 4. Ok­to­ber 2018 - C-652/16 [ECLI:​​EU:​​C:​​2018:​​801], Ah­med­be­ko­va u. a. - Rn. 74 und vom 9. No­vem­ber 2021 - C-91/20 [ECLI:​​EU:​​C:​​2021:​​898] - Rn. 36 ff.).

13 Da­bei ent­spricht es der In­ten­ti­on des Ge­setz­ge­bers, hin­sicht­lich des Krei­ses der Be­güns­tig­ten ei­ner Er­stre­ckung des in­ter­na­tio­na­len Flücht­lings­schut­zes, aber auch hin­sicht­lich der schutz­be­rech­tig­ten Be­zugs­per­son an die in Art. 2 Buchst. j RL 2011/95/EU nor­mier­ten Vor­ga­ben an­zu­knüp­fen (BT-Drs. 17/13063 S. 21). Dies folgt auch aus der Ab­sicht, da­durch die Ge­bo­te des Art. 23 Abs. 2 RL 2011/95/EU im na­tio­na­len Recht voll­stän­dig zu er­fül­len (BVer­wG, Ur­tei­le vom 17. No­vem­ber 2020 - 1 C 8.19 - BVer­w­GE 170, 326 Rn. 27, vom 25. No­vem­ber 2021 - 1 C 4.21 - BVer­w­GE 174, 177 Rn. 26 f. und vom 15. No­vem­ber 2023 - 1 C 7.22 - ZAR 2024, 210 Rn. 13).

14 Auch die Ge­wäh­rung in­ter­na­tio­na­len Schut­zes durch ei­nen an­de­ren Mit­glied­staat der Eu­ro­päi­schen Uni­on hin­dert nicht die Zu­er­ken­nung des von ei­nem schutz­be­rech­tig­ten Fa­mi­li­en­an­ge­hö­ri­gen ab­ge­lei­te­ten in­ter­na­tio­na­len Fa­mi­li­en­schut­zes; § 29 Abs. 1 Nr. 2 AsylG fin­det in Fäl­len des § 26 Abs. 5 Satz 1 und 2 i. V. m. Abs. 1 bis 3 AsylG kei­ne An­wen­dung (BVer­wG, Ur­teil vom 17. No­vem­ber 2020 - 1 C 8.19 - BVer­w­GE 170, 326 Rn. 17 ff.; zum Recht auf Ge­wäh­rung der in den Art. 24 bis 35 RL 2011/95/EU ge­nann­ten Leis­tun­gen an ei­nen Dritt­staats­an­ge­hö­ri­gen, des­sen An­trag auf in­ter­na­tio­na­len Schutz un­zu­läs­sig ist, weil ihm in ei­nem an­de­ren Mit­glied­staat die Flücht­lings­ei­gen­schaft zu­er­kannt wor­den ist: Eu­GH, Ur­teil vom 22. Fe­bru­ar 2022 - C-483/20 [ECLI:​​EU:​​C:​​2022:​​103] - Rn. 41).

15 Et­was An­de­res folgt auch nicht dar­aus, dass den Klä­gern in­ter­na­tio­na­ler Fa­mi­li­en­schutz nach § 26 Abs. 5 i. V. m. Abs. 1 und 2 AsylG mög­li­cher­wei­se zu Un­recht ver­sagt wor­den ist. Denn die Klä­ger ha­ben den ab­leh­nen­den Asyl­be­scheid be­stands­kräf­tig wer­den las­sen und kön­nen sich nun­mehr nicht gleich­sam er­satz­wei­se un­mit­tel­bar auf Art. 23 Abs. 2 i. V. m. Art. 24 Abs. 2 RL 2011/95/EU be­ru­fen. Vor die­sem Hin­ter­grund kann da­hin­ste­hen, ob sich die Klä­ge­rin zu 1 - die Wirk­sam­keit die­ser Ehe un­ter­stellt - als Zweit­frau, die zu­dem be­reits im Her­kunfts­land von dem sub­si­di­är Schutz­be­rech­tig­ten räum­lich ge­trennt ge­lebt hat, über­haupt auf § 26 Abs. 5 i. V. m. Abs. 1 AsylG hät­te be­ru­fen kön­nen (str., ver­nei­nend: VG Ol­den­burg, Ur­teil vom 19. Ok­to­ber 2011 - 3 A 2625/10 - ju­ris; OVG Ber­lin-Bran­den­burg, Ur­teil vom 17. Mai 2023 - OVG 3 B 24/22 - FamRZ 2023, 1461 <1463 f.>, wenn be­reits ei­ne Ehe­frau Fa­mi­li­en­flücht­lings­schutz er­hal­ten hat; be­ja­hend: VG Ber­lin, Ur­teil vom 6. Ju­li 2020 - 4 K 769.16 A - ju­ris Rn. 23 ff.; VG Ham­burg, Ur­teil vom 23. Sep­tem­ber 2021 - 16 A 7138/17 - ju­ris Rn. 32). § 26 AsylG knüpft, wie be­reits aus­ge­führt, auch hin­sicht­lich des Krei­ses der Be­güns­tig­ten an die in Art. 2 Buchst. j RL 2011/95/EU nor­mier­ten Vor­ga­ben an mit der Fol­ge, dass der Ehe­be­griff des § 26 Abs. 1 AsylG ggf. im Lich­te die­ser Norm aus­zu­le­gen und ei­ne feh­len­de Um­set­zung auch in­so­weit nicht zu be­sor­gen wä­re.

16 1.2 Un­ab­hän­gig da­von er­fül­len die Klä­ger nicht die tat­be­stand­li­chen Vor­aus­set­zun­gen des Art. 23 Abs. 2 i. V. m. Art. 24 Abs. 2 RL 2011/95/EU, da sie nicht Fa­mi­li­en­an­ge­hö­ri­ge im Sin­ne des Art. 2 Buchst. j RL 2011/95/EU sind.

17 Ge­mäß Art. 23 Abs. 1 RL 2011/95/EU tra­gen die Mit­glied­staa­ten da­für Sor­ge, dass der Fa­mi­li­en­ver­band auf­recht­erhal­ten wer­den kann. Nach Art. 23 Abs. 2 RL 2011/95/EU ist die Ge­wäh­rung der in den Art. 24 ff. RL 2011/95/EU ge­nann­ten Leis­tun­gen, dar­un­ter die hier streit­ge­gen­ständ­li­che Ge­wäh­rung ei­nes Auf­ent­halts­rechts nach Art. 24 Abs. 2 RL 2011/95/EU, an drei Vor­aus­set­zun­gen ge­bun­den, die sich ers­tens auf die Ei­gen­schaft als Fa­mi­li­en­an­ge­hö­ri­ger im Sin­ne des Art. 2 Buchst. j RL 2011/95/EU, zwei­tens auf den Um­stand, dass für die­sen An­ge­hö­ri­gen selbst die Vor­aus­set­zun­gen für die Ge­wäh­rung in­ter­na­tio­na­len Schut­zes nicht er­füllt sind und drit­tens auf die Ver­ein­bar­keit mit der per­sön­li­chen Rechts­stel­lung des be­tref­fen­den Fa­mi­li­en­an­ge­hö­ri­gen be­zie­hen (Eu­GH, Ur­teil vom 22. Fe­bru­ar 2022 - C-483/20 - Rn. 39). Fa­mi­li­en­an­ge­hö­ri­ge im Sin­ne des Art. 2 Buchst. j RL 2011/95/EU sind die dort auf­ge­führ­ten Mit­glie­der der Fa­mi­lie der Per­son, der in­ter­na­tio­na­ler Schutz zu­er­kannt wor­den ist, die sich im Zu­sam­men­hang mit dem An­trag auf in­ter­na­tio­na­len Schutz in dem­sel­ben Mit­glied­staat auf­hal­ten, so­fern die Fa­mi­lie be­reits im Her­kunfts­land be­stan­den hat.

18 Oh­ne dass es auf die üb­ri­gen Vor­aus­set­zun­gen, vor al­lem auf den Be­stand der Fa­mi­lie im Her­kunfts­land und die Fra­ge, ob die Klä­ge­rin zu 1 als Zweit­frau Art. 2 Buchst. j Spie­gel­strich 1 RL 2011/95/EU un­ter­fällt, noch an­kommt, ha­ben sich die Klä­ger je­den­falls nicht im Zu­sam­men­hang mit dem An­trag auf in­ter­na­tio­na­len Schutz des als sub­si­di­är schutz­be­rech­tigt an­er­kann­ten Kinds­va­ters im Bun­des­ge­biet auf­ge­hal­ten. Nach den für den Se­nat nach § 137 Abs. 2 Vw­GO bin­den­den Fest­stel­lun­gen des Be­ru­fungs­ge­richts sind die Klä­ger erst im März 2019 nach Deutsch­land ein­ge­reist, wäh­rend dem Kinds­va­ter be­reits im Ja­nu­ar 2019 sub­si­diä­rer Schutz zu­er­kannt wor­den ist. Zwar schlie­ßen ge­trenn­te Mi­gra­ti­ons­we­ge es nicht aus, dass die in Art. 2 Buchst. j RL 2011/95/EU ge­nann­ten Mit­glie­der der Fa­mi­lie als Fa­mi­li­en­an­ge­hö­ri­ge im Sin­ne die­ser Norm an­ge­se­hen wer­den kön­nen. Vor­aus­set­zung ist aber, dass sich das je­wei­li­ge Fa­mi­li­en­mit­glied im Ho­heits­ge­biet des Mit­glied­staats auf­ge­hal­ten hat, be­vor über den An­trag auf in­ter­na­tio­na­len Schutz des spä­te­ren Stamm­be­rech­tig­ten ent­schie­den wor­den ist (Eu­GH, Ur­teil vom 22. Fe­bru­ar 2022 - C-483/20 - Rn. 40).

19 2. Mit Bun­des­recht ver­ein­bar ist die An­nah­me des Ober­ver­wal­tungs­ge­richts, den Klä­gern ste­he kein An­spruch auf Er­tei­lung ei­nes Auf­ent­halts­ti­tels aus den §§ 27 ff. Auf­en­thG zu.

20 § 30 Abs. 1 Auf­en­thG für den Ehe­gat­ten­nach­zug und § 32 Abs. 1 und 4 Auf­en­thG für den Kin­der­nach­zug sind nicht ein­schlä­gig, da der Fa­mi­li­en­nach­zug zu ei­nem sub­si­di­är Schutz­be­rech­tig­ten mit ei­ner Auf­ent­halts­er­laub­nis nach § 25 Abs. 2 Satz 1 Alt. 2 Auf­en­thG von die­sen Vor­schrif­ten aus­drück­lich nicht er­fasst bzw. aus­ge­nom­men ist (vgl. § 30 Abs. 1 Satz 1 Nr. 3 Buchst. c, d und e und § 32 Abs. 1 Nr. 2 und 4, Abs. 4 Satz 3 Auf­en­thG). Für die Klä­ge­rin zu 1 schlie­ßt zu­dem § 30 Abs. 4 Auf­en­thG die Er­tei­lung ei­ner Auf­ent­halts­er­laub­nis aus, da der sub­si­di­är Schutz­be­rech­tig­te mit sei­ner ers­ten Ehe­frau im Bun­des­ge­biet zu­sam­men­lebt.

21 Zu Recht ist das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt da­von aus­ge­gan­gen, dass we­gen der be­stands­kräf­tig als un­zu­läs­sig ab­ge­lehn­ten Asyl­an­trä­ge die Ti­teler­tei­lungs­sper­re des § 10 Abs. 3 Satz 1 i. V. m. Satz 3 Auf­en­thG greift und sich die Klä­ger in­fol­ge­des­sen auch nicht auf § 36a Abs. 1 Satz 1 Auf­en­thG be­ru­fen kön­nen, der al­lein ei­nen An­spruch auf ei­ne er­mes­sens­feh­ler­freie Ent­schei­dung ver­mit­telt (BVer­wG, Ur­teil vom 17. De­zem­ber 2020 - 1 C 30.19 - BVer­w­GE 171, 103 Rn. 48). Nach § 10 Abs. 3 Satz 1 Auf­en­thG darf ei­nem Aus­län­der, des­sen Asyl­an­trag un­an­fecht­bar ab­ge­lehnt wor­den ist oder der sei­nen Asyl­an­trag zu­rück­ge­nom­men hat, vor der Aus­rei­se ein Auf­ent­halts­ti­tel nur nach Ma­ß­ga­be des Ab­schnitts 5 er­teilt wer­den. Dies gilt nach § 10 Abs. 3 Satz 3 Auf­en­thG le­dig­lich im Fal­le ei­nes An­spruchs auf Er­tei­lung ei­nes Auf­ent­halts­ti­tels nicht. Da­bei be­zeich­net der Be­griff des An­spruchs al­lein den ge­setz­li­chen An­spruch, mit­hin ei­nen strik­ten Rechts­an­spruch, der sich un­mit­tel­bar aus dem Ge­setz er­gibt. Das be­deu­tet, dass al­le zwin­gen­den und re­gel­haf­ten Tat­be­stands­vor­aus­set­zun­gen er­füllt sein müs­sen und die Be­hör­de kein Er­mes­sen mehr aus­zu­üben hat. Hier­für ge­nügt we­der ei­ne Soll- noch ei­ne Er­mes­sens­vor­schrift, selbst wenn im Ein­zel­fall ein aty­pi­scher Fall vor­liegt oder das Er­mes­sen "auf Null" re­du­ziert ist (stRspr, vgl. nur BVer­wG, Ur­tei­le vom 12. Ju­li 2018 - 1 C 16.17 - BVer­w­GE 162, 349 Rn. 27 m. w. N. und vom 26. Mai 2020 - 1 C 12.19 - BVer­w­GE 168, 159 Rn. 52 m. w. N.). Im Üb­ri­gen steht § 36a Abs. 1 Satz 3 Auf­en­thG der An­nah­me nicht nur ei­nes in­di­vi­du­el­len Rechts­an­spruchs auf Fa­mi­li­en­nach­zug (BT-Drs. 19/2438 S. 2, 16, 21 f. und 23) nach die­ser Norm ent­ge­gen, son­dern soll auch ein "in­ten­dier­tes Er­mes­sen" oder ei­ne Er­mes­sens­re­du­zie­rung auf Null aus­schlie­ßen (BVer­wG, Ur­teil vom 17. De­zem­ber 2020 - 1 C 30.19 - BVer­w­GE 171, 103 Rn. 48 m. w. N.).

22 3. Oh­ne Bun­des­rechts­ver­stoß geht das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt schlie­ß­lich da­von aus, dass es den Klä­gern ver­wehrt sei, sich hin­sicht­lich der be­gehr­ten Ti­teler­tei­lung auf § 25 Abs. 5 Auf­en­thG zu be­ru­fen. Die dem zu­grun­de lie­gen­de Rechts­auf­fas­sung des Be­ru­fungs­ge­richts, § 36a Auf­en­thG re­ge­le den Fa­mi­li­en­nach­zug zu sub­si­di­är Schutz­be­rech­tig­ten grund­sätz­lich ab­schlie­ßend und sper­re ei­nen Rück­griff auf den in Ab­schnitt 5 des Ka­pi­tels 2 ge­re­gel­ten § 25 Abs. 5 Auf­en­thG je­den­falls dann, wenn sich die recht­li­che Un­mög­lich­keit der Aus­rei­se al­lein auf be­reits vor der Ein­rei­se be­stehen­de fa­mi­liä­re Bin­dun­gen zum sub­si­di­är Schutz­be­rech­tig­ten stüt­ze, steht mit Bun­des­recht in Ein­klang.

23 3.1 Be­reits aus dem Wort­laut des § 36a Auf­en­thG er­ge­ben sich An­halts­punk­te für ei­ne sol­che grund­sätz­li­che Sperr­wir­kung die­ser Vor­schrift ge­gen­über § 25 Abs. 5 Auf­en­thG. So lässt § 36a Abs. 1 Satz 1 Auf­en­thG für den Fa­mi­li­en­nach­zug zum sub­si­di­är Ge­schütz­ten die Her­stel­lung der fa­mi­liä­ren Le­bens­ge­mein­schaft nicht ge­nü­gen, son­dern ver­langt als wei­te­re tat­be­stand­li­che Vor­aus­set­zung das Vor­lie­gen hu­ma­ni­tä­rer Grün­de, die als Re­gel­bei­spie­le - nicht ab­schlie­ßend (BVer­wG, Ur­teil vom 8. De­zem­ber 2022 - 1 C 31.21 - ju­ris Rn. 12) – in sei­nem Ab­satz 2 ge­re­gelt sind und die un­ter an­de­rem in dem Schutz von Ehe und Fa­mi­lie wur­zeln. Durch die in der Norm selbst vor­ge­nom­me­ne Ver­schrän­kung hu­ma­ni­tä­rer und auf die Her­stel­lung der Fa­mi­li­en­ein­heit be­zo­ge­ner As­pek­te (BVer­wG, Ur­teil vom 17. De­zem­ber 2020 - 1 C 30.19 - BVer­w­GE 171, 103 Rn. 47) kon­kur­riert § 36a Auf­en­thG mit den Vor­schrif­ten in Ab­schnitt 5 des Ka­pi­tels 2 des Auf­ent­halts­ge­set­zes, die den Auf­ent­halt aus völ­ker­recht­li­chen, hu­ma­ni­tä­ren oder po­li­ti­schen Grün­den re­geln. Dies spricht da­für, dass § 36a Auf­en­thG je­den­falls dann in ei­nem Spe­zia­li­täts­ver­hält­nis zu § 25 Abs. 5 Auf­en­thG steht, wenn die recht­li­che Un­mög­lich­keit der Aus­rei­se auf die glei­chen Grün­de wie bei § 36a Auf­en­thG, näm­lich auf be­reits vor Ein­rei­se be­stehen­de fa­mi­liä­re Be­lan­ge, ge­stützt wird.

24 Für das vor­ste­hen­de Ver­ständ­nis strei­ten auch ge­set­zes­sys­te­ma­ti­sche Er­wä­gun­gen: So blei­ben nach der aus­drück­li­chen Re­ge­lung in § 36a Abs. 1 Satz 4 Auf­en­thG ne­ben § 36a Abs. 1 Satz 1 und 2 Auf­en­thG le­dig­lich die §§ 22, 23 Auf­en­thG und da­mit nur zwei Vor­schrif­ten aus dem Ab­schnitt 5 des Ka­pi­tels 2 un­be­rührt. Auch ent­hält § 36a Abs. 2 Satz 2 Auf­en­thG ei­ne Kon­tin­gen­tie­rung, nach der mo­nat­lich 1 000 na­tio­na­le Vi­sa für ei­ne Auf­ent­halts­er­laub­nis nach § 36a Abs. 1 Satz 1 und 2 Auf­en­thG er­teilt wer­den kön­nen. Hin­sicht­lich der all­ge­mei­nen Er­tei­lungs­vor­aus­set­zun­gen sieht § 36a Auf­en­thG teil­wei­se stren­ge­re Re­ge­lun­gen im Ver­gleich nicht nur zu § 25 Abs. 5 Auf­en­thG, son­dern auch zu den §§ 27 ff. Auf­en­thG vor. Denn nach § 36a Abs. 5 Auf­en­thG gilt § 27 Abs. 3 Satz 2 Auf­en­thG, wo­nach von § 5 Abs. 1 Nr. 2 Auf­en­thG ab­ge­se­hen wer­den kann, und an­ders als bei § 25 Abs. 5 Auf­en­thG, bei dem nach § 5 Abs. 3 Satz 2 Auf­en­thG von § 5 Abs. 1 und 2 Auf­en­thG ab­ge­se­hen wer­den kann, nicht. Zu­dem ist die Frist des § 29 Abs. 2 Satz 2 Nr. 1 Auf­en­thG nicht an­wend­bar, da hu­ma­ni­tä­re Grün­de nicht an ei­ne Frist ge­bun­den wer­den kön­nen (BT-Drs. 19/2438 S. 25). Des Wei­te­ren hat der Ge­setz­ge­ber für die Um­set­zung die­ser Re­ge­lung ein auf­wen­di­ges und kos­ten­in­ten­si­ves Kon­tin­gent­ver­fah­ren un­ter Ein­be­zie­hung auch des Bun­des­ver­wal­tungs­am­tes (BT-Drs. 19/2438 S. 5) neu ge­schaf­fen. In der Ge­set­zes­be­grün­dung wird so­wohl für den Ehe­gat­ten­nach­zug als auch für den El­tern­nach­zug und den Nach­zug min­der­jäh­ri­ger le­di­ger Kin­der zum sub­si­di­är Schutz­be­rech­tig­ten be­tont, dass al­lein oder aus­schlie­ß­lich § 36a Auf­en­thG ma­ß­geb­lich ist (BT-Drs. 19/2438 S. 20 zu Nr. 3 Buchst. a, b, c so­wie S. 21 zu Nr. 4 Buchst. b und Nr. 5; vgl. auch BVer­wG, Ur­tei­le vom 17. De­zem­ber 2020 - 1 C 30.19 - BVer­w­GE 171, 103 Rn. 50 und vom 27. April 2021 - 1 C 45.20 - NVwZ-RR 2021, 777 Rn. 40). Le­dig­lich aus drin­gen­den hu­ma­ni­tä­ren Grün­den kann dar­über hin­aus im Ein­zel­fall auch An­ge­hö­ri­gen der Kern­fa­mi­lie sub­si­di­är Schutz­be­rech­tig­ter ei­ne Auf­ent­halts­er­laub­nis nach § 22 Satz 1 Auf­en­thG er­teilt wer­den, wenn die Auf­nah­me sich auf­grund des Ge­bo­tes der Mensch­lich­keit auf­drängt und die Si­tua­ti­on ein Ein­grei­fen zwin­gend er­for­der­lich macht oder bei Bun­des- oder Lan­des­pro­gram­men ge­mäß § 23 Auf­en­thG (BT-Drs. 19/2438 S. 22).

25 Dem steht nicht ent­ge­gen, dass § 36a Auf­en­thG und auch die §§ 22, 23 Auf­en­thG den Zu­zug von Fa­mi­li­en­an­ge­hö­ri­gen aus dem Aus­land re­geln, wäh­rend § 25 Abs. 5 Auf­en­thG ei­nen be­stehen­den Auf­ent­halt in Deutsch­land und ei­ne voll­zieh­ba­re Aus­rei­se­pflicht vor­aus­setzt. Denn dies än­dert nichts dar­an, dass mit § 36a Auf­en­thG ei­ne ei­ge­ne kom­ple­xe Re­ge­lung mit ei­nem neu ent­wi­ckel­ten Ver­fah­ren und ei­ner mo­nat­li­chen Kon­tin­gen­tie­rung ge­schaf­fen wor­den ist, die fa­mi­liä­re und hu­ma­ni­tä­re Be­lan­ge der Kern­fa­mi­li­en­an­ge­hö­ri­gen zum sub­si­di­är Schutz­be­rech­tig­ten un­ter den dort ge­re­gel­ten Vor­aus­set­zun­gen und in Här­te­fäl­len er­gän­zend über die §§ 22, 23 Auf­en­thG be­rück­sich­tigt (BVer­wG, Ur­teil vom 8. De­zem­ber 2022 - 1 C 8.21 - BVer­w­GE 177, 226 Rn. 21). Vom In­land aus be­steht für Fa­mi­li­en­mit­glie­der von in­ter­na­tio­nal Schutz­be­rech­tig­ten zu­dem nach § 26 AsylG die Mög­lich­keit, über die Ge­wäh­rung in­ter­na­tio­na­len Fa­mi­li­en­schut­zes ei­ne Auf­ent­halts­er­laub­nis nach § 25 Abs. 2 Auf­en­thG zu er­lan­gen. Die­ser ge­setz­ge­be­ri­schen Ge­samt­kon­zep­ti­on lie­fe es zu­wi­der, über ei­ne An­wend­bar­keit des § 25 Abs. 5 i. V. m. § 5 Abs. 3 Satz 2 Auf­en­thG ei­nen wei­te­ren Weg der Er­tei­lung ei­ner Auf­ent­halts­er­laub­nis we­gen recht­li­cher Un­mög­lich­keit der Aus­rei­se, ge­stützt al­lein auf be­reits vor Ein­rei­se be­stehen­de fa­mi­liä­re Bin­dun­gen zu ei­nem sub­si­di­är Schutz­be­rech­tig­ten, zu er­öff­nen, bei dem durch un­er­laub­te Ein­rei­se oh­ne Vi­sum und auch un­ab­hän­gig von ei­ner Asyl­an­trag­stel­lung un­ter den dort ge­re­gel­ten er­leich­ter­ten Vor­aus­set­zun­gen die in § 36a Auf­en­thG nor­mier­ten An­for­de­run­gen und das mo­nat­li­che Kon­tin­gent um­gan­gen wer­den kön­nen.

26 Eben­so we­nig wür­de es dem vor­ste­hen­den Norm­ver­ständ­nis wi­der­strei­ten, wenn § 25 Abs. 5 Auf­en­thG ei­nem Fa­mi­li­en­an­ge­hö­ri­gen ei­nes Aus­län­ders ein Auf­ent­halts­recht zu ver­mit­teln ver­möch­te, der im Hin­blick auf die zu sei­nen Guns­ten er­folg­te Fest­stel­lung ei­nes na­tio­na­len Ab­schie­bungs­ver­bots nach § 60 Abs. 5 oder 7 Auf­en­thG im Be­sitz ei­ner Auf­ent­halts­er­laub­nis nach § 25 Abs. 3 Auf­en­thG ist. Ge­mäß § 29 Abs. 3 Satz 1 Auf­en­thG darf die Auf­ent­halts­er­laub­nis dem Ehe­gat­ten und dem min­der­jäh­ri­gen Kind ei­nes Aus­län­ders, der ei­ne Auf­ent­halts­er­laub­nis nach § 25 Abs. 3 Auf­en­thG be­sitzt, nur aus völ­ker­recht­li­chen oder hu­ma­ni­tä­ren Grün­den oder zur Wah­rung po­li­ti­scher In­ter­es­sen der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land er­teilt wer­den. Ob und un­ter wel­chen Vor­aus­set­zun­gen im Ein­zel­fall Art. 6 GG oder Art. 8 EM­RK die Le­ga­li­sie­rung des Auf­ent­halts­rechts des Fa­mi­li­en­an­ge­hö­ri­gen er­mög­li­chen oder gar ge­bie­ten, be­darf vor­lie­gend kei­ner ab­schlie­ßen­den Er­ör­te­rung, da der Ge­setz­ge­ber im Zu­sam­men­hang mit der Schaf­fung von § 36a Auf­en­thG deut­lich ge­macht hat, die Wah­rung der Fa­mi­li­en­ein­heit mit sub­si­di­är Schutz­be­rech­tig­ten aus­län­der­recht­lich durch ein Kon­tin­gent­ver­fah­ren ab­schlie­ßend zu re­geln.

27 Die­ses Ver­ständ­nis wird durch Sinn und Zweck des § 36a Auf­en­thG un­ter­mau­ert. Die Vor­schrift legt den Rah­men für den Fa­mi­li­en­nach­zug zu sub­si­di­är Schutz­be­rech­tig­ten aus hu­ma­ni­tä­ren Grün­den fest, um dem völ­ker-, eu­ro­pa- und grund­recht­lich ge­bo­te­nen Schutz von Ehe und Fa­mi­lie in ei­nen In­ter­es­sen­aus­gleich mit dem öf­fent­li­chen In­ter­es­se an der Steue­rung der Zu­wan­de­rung zu brin­gen und im Zu­ge ei­ner Ge­samt­ab­wä­gung, die auch Raum für den Ein­zel­fall lässt, zu be­rück­sich­ti­gen (BT-Drs. 19/2438 S. 2 f.). Gleich­zei­tig wird durch die in § 36a Auf­en­thG ge­re­gel­ten spe­zi­fi­schen An­for­de­run­gen so­wie das mo­nat­li­che Kon­tin­gent von 1 000 Vi­sa das ge­setz­ge­be­ri­sche Ziel deut­lich, ei­ner Über­for­de­rung der Auf­nah­me- und In­te­gra­ti­ons­sys­te­me von Staat und Ge­sell­schaft vor­zu­beu­gen (BT-Drs. 19/2438 S. 3) und die Zu­sam­men­füh­rung von Fa­mi­li­en­an­ge­hö­ri­gen sub­si­di­är Schutz­be­rech­tig­ter - jen­seits des Fa­mi­li­en­asyls - auf­ent­halts­recht­lich zu kon­trol­lie­ren und zu be­gren­zen.

28 Schlie­ß­lich wird die­se Aus­le­gung auch durch die Ent­ste­hungs­ge­schich­te des § 36a Auf­en­thG ge­stützt, die ma­ß­geb­lich durch die Ge­wäh­rung sub­si­diä­ren Schut­zes in den Jah­ren 2016 und 2017 in mehr als 250 000 Fäl­len ge­prägt ist (BT-Drs. 19/2438 S. 1, 6, 22). Wäh­rend mit dem In­kraft­tre­ten des Zu­wan­de­rungs­ge­set­zes der Fa­mi­li­en­nach­zug für Fa­mi­li­en­an­ge­hö­ri­ge sub­si­di­är Schutz­be­rech­tig­ter im Ge­gen­satz zum Fa­mi­li­en­nach­zug zu Asyl­be­rech­tig­ten und Flücht­lin­gen nach der Gen­fer Flücht­lings­kon­ven­ti­on nur aus völ­ker­recht­li­chen oder hu­ma­ni­tä­ren Grün­den oder zur Wah­rung po­li­ti­scher In­ter­es­sen der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land er­laubt war (§ 29 Abs. 3 Satz 1 Auf­en­thG a. F.), galt nur für kur­ze Zeit, näm­lich durch das Ge­setz zur Neu­be­stim­mung des Blei­be­rechts und der Auf­ent­halts­be­en­di­gung vom 27. Ju­li 2015 (BGBl. I S. 1386) ei­ne Gleich­stel­lung von sub­si­di­är Schutz­be­rech­tig­ten mit Flücht­lin­gen beim Fa­mi­li­en­nach­zug. Denn mit dem Ge­setz zur Ein­füh­rung be­schleu­nig­ter Asyl­ver­fah­ren vom 11. März 2016 wur­de der Fa­mi­li­en­nach­zug zu sub­si­di­är Schutz­be­rech­tig­ten (zu­nächst) für die Dau­er von zwei Jah­ren bis zum 16. März 2018 im In­ter­es­se der Auf­nah­me- und In­te­gra­ti­ons­sys­te­me in Staat und Ge­sell­schaft (BT-Drs. 18/7538 S. 1) nicht ge­währt. Durch das Ge­setz zur Ver­län­ge­rung der Aus­set­zung des Fa­mi­li­en­nach­zugs zu sub­si­di­är Schutz­be­rech­tig­ten vom 8. März 2018 (BGBl. I S. 342) ist die Aus­set­zung des Fa­mi­li­en­nach­zugs bis 31. Ju­li 2018 ver­län­gert, zu­gleich aber der ge­setz­ge­be­ri­sche Wil­le deut­lich ge­macht wor­den, ab 1. Au­gust 2018 ei­nen ge­ord­ne­ten und ge­staf­fel­ten Fa­mi­li­en­nach­zug zu sub­si­di­är Schutz­be­rech­tig­ten nur aus hu­ma­ni­tä­ren Grün­den zu er­öff­nen (BT-Drs. 19/439 S. 4). Mit dem Fa­mi­li­en­nach­zugs­neu­re­ge­lungs­ge­s­e­tz vom 12. Ju­li 2018 (BGBl. I S. 1147) ist der Ge­setz­ge­ber die­sem Auf­trag un­ter aus­drück­li­chem Hin­weis dar­auf, dass die Be­las­tung der staat­li­chen und ge­sell­schaft­li­chen Auf­nah­me- und In­te­gra­ti­ons­sys­te­me fort­be­stehe, nach­ge­kom­men. Mo­nat­lich sol­le 1 000 Fa­mi­li­en­an­ge­hö­ri­gen von sub­si­di­är Schutz­be­rech­tig­ten aus hu­ma­ni­tä­ren Grün­den die le­ga­le Ein­rei­se in das Bun­des­ge­biet er­mög­licht wer­den, um so auch das le­gi­ti­me staat­li­che In­ter­es­se an ei­nem ge­steu­er­ten und ge­ord­ne­ten Zu­zug von Aus­län­dern zu be­rück­sich­ti­gen (BT-Drs. 19/2438 S. 2, 22).

29 3.2 Ver­fas­sungs- und Völ­ker­recht so­wie Eu­ro­pa­recht füh­ren zu kei­nem an­de­ren Er­geb­nis.

30 3.2.1 Der Ehe­be­griff des Art. 6 Abs. 1 GG wird vom Grund­satz der Ein­ehe ge­prägt (BVerfG, Ur­teil vom 29. Ju­li 1959 - 1 BvR 205/58 u. a. - BVerf­GE 10, 59 <66 f.>; Be­schlüs­se vom 7. Ok­to­ber 1970 - 1 BvR 409/67 - BVerf­GE 29, 166 <176> und vom 4. Mai 1971 - 1 BvR 636/68 - BVerf­GE 31, 58 <69>; zum Gan­zen BVer­wG, Ur­teil vom 29. Mai 2018 - 1 C 15.17 - BVer­w­GE 162, 153 Rn. 22 ff., 60 ff.). Da­mit er­gibt sich aus ihm - je­den­falls im Re­gel­fall - kein Ge­bot, ei­ne durch "Zu­hei­rat" ent­stan­de­ne aus­län­di­sche Mehr­e­he im We­ge der Er­tei­lung ei­ner Auf­ent­halts­er­laub­nis zu Ein­wan­de­rungs­zwe­cken zu för­dern, al­so die auf­ent­halts­recht­li­chen Vor­aus­set­zun­gen da­für zu schaf­fen, dass die vom Leit­bild des Art. 6 Abs. 1 GG ge­ra­de ab­wei­chen­de Le­bens­form im Bun­des­ge­biet ver­wirk­licht wer­den kann. Kin­der aus ei­ner sol­chen Ehe wer­den in­des­sen als ehe­li­che Kin­der be­trach­tet und ge­nie­ßen je­den­falls Fa­mi­li­en­schutz aus Art. 6 Abs. 1 GG (BVer­wG, Ur­teil vom 29. Mai 2018 - 1 C 15.17 - BVer­w­GE 162, 153 Rn. 60 ff.).

31 We­der Art. 6 GG noch Art. 8 EM­RK ver­mit­teln ei­nen un­mit­tel­ba­ren An­spruch auf Fa­mi­li­en­zu­sam­men­füh­rung (BVerfG, Be­schluss vom 18. Ju­li 1979 - 1 BvR 650/77 - BVerf­GE 51, 386 <396 ff.>; Kam­mer­be­schlüs­se vom 8. De­zem­ber 2005 - 2 BvR 1001/04 - FamRZ 2006, 187 <188> m. w. N., vom 9. De­zem­ber 2021 - 2 BvR 1333/21 - NVwZ 2022, 406 Rn. 45 ff. m. w. N., vom 2. No­vem­ber 2023 - 2 BvR 441/23 - FamRZ 2024, 239 Rn. 19 ff. und vom 17. April 2024 - 2 BvR 244/24 - In­fAuslR 2024, 364 Rn. 20 ff.; EGMR, Ur­tei­le vom 19. Fe­bru­ar 1996 - Nr. 23218/94, Gül/​Schweiz - Rn. 38 und vom 31. Ja­nu­ar 2006 - Nr. 50435/99, Rod­ri­gues da Sil­va und Hoog­ka­mer/​Nie­der­lan­de - Rn. 39; EGMR <GK>, Ur­tei­le vom 3. Ok­to­ber 2014 - Nr. 12738/10, Jeu­nesse/​Nie­der­lan­de - Rn. 107 und vom 9. Ju­li 2021 - Nr. 6697/18, M.A./Dä­ne­mark - Rn. 131 ff., 142 ff., 161 ff.; BVer­wG, Ur­tei­le vom 17. De­zem­ber 2020 - 1 C 30.19 - BVer­w­GE 171, 103 Rn. 22 ff. und vom 8. De­zem­ber 2022 - 1 C 8.21 - BVer­w­GE 177, 226 Rn. 20).

32 Das Grund­ge­setz über­ant­wor­tet die Ent­schei­dung, in wel­cher Zahl und un­ter wel­chen Vor­aus­set­zun­gen der Zu­gang zum Bun­des­ge­biet er­mög­licht wer­den soll, weit­ge­hend der ge­setz­ge­ben­den und der voll­zie­hen­den Ge­walt. Al­ler­dings sind bei Ent­schei­dun­gen über Auf­ent­halts­rech­te die fa­mi­liä­ren Bin­dun­gen an­ge­mes­sen zu be­rück­sich­ti­gen. Ent­schei­dend ist da­bei die tat­säch­li­che Ver­bun­den­heit zwi­schen den Fa­mi­li­en­mit­glie­dern, die zu­nächst und zu­vör­derst in ei­ner Bei­stands- und Er­zie­hungs­ge­mein­schaft zum Aus­druck kommt (BVerfG, Kam­mer­be­schluss vom 8. De­zem­ber 2005 - 2 BvR 1001/04 - FamRZ 2006, 187 <188>). Er­for­der­lich ist ei­ne Ein­zel­fall­be­trach­tung, bei der die fa­mi­liä­ren Bin­dun­gen, aber auch sons­ti­ge Um­stän­de wie die Tren­nungs­dau­er und die Mög­lich­keit der Her­stel­lung der Fa­mi­li­en­ein­heit nur im Bun­des­ge­biet, ab­zu­wä­gen sind (BVerfG, Kam­mer­be­schlüs­se vom 10. Mai 2008 - 2 BvR 588/08 - In­fAuslR 2008, 347 <348>, vom 5. Ju­ni 2013 - 2 BvR 586/13 - NVwZ 2013, 1207 <1208>, vom 9. De­zem­ber 2021 - 2 BvR 1333/21 - NVwZ 2022, 406 Rn. 45 und vom 2. No­vem­ber 2023 - 2 BvR 441/23 - FamRZ 2024, 239 Rn. 19 ff.; EGMR <GK>, Ur­teil vom 3. Ok­to­ber 2014 - Nr. 12738/10, Jeu­nesse/​Nie­der­lan­de - Rn. 106).

33 Die Be­lan­ge der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land über­wie­gen das durch Art. 6 Abs. 1 und 2 GG ge­schütz­te pri­va­te In­ter­es­se ei­nes Aus­län­ders und sei­nes Kin­des an der Auf­recht­erhal­tung der zwi­schen ih­nen be­stehen­den Le­bens­ge­mein­schaft nicht oh­ne Wei­te­res schon des­halb, weil der Aus­län­der vor Ent­ste­hung der zu schüt­zen­den Le­bens­ge­mein­schaft ge­gen auf­ent­halts­recht­li­che Be­stim­mun­gen ver­sto­ßen hat, wenn durch das nach­träg­li­che Ent­ste­hen der von Art. 6 Abs. 1 und 2 GG grund­sätz­lich ge­schütz­ten Le­bens­ge­mein­schaft ei­ne neue Si­tua­ti­on ein­ge­tre­ten ist (BVerfG, Kam­mer­be­schlüs­se vom 9. De­zem­ber 2021 - 2 BvR 1333/21 - NVwZ 2022, 406 Rn. 45 m. w. N. und vom 2. No­vem­ber 2023 - 2 BvR 441/23 - FamRZ 2024, 239 Rn. 20 m. w. N.). Be­rüh­ren auf­ent­halts­recht­li­che Ent­schei­dun­gen den Um­gang mit ei­nem Kind, ist im Rah­men der Ab­wä­gung ma­ß­geb­lich auf die Sicht des Kin­des ab­zu­stel­len und im Ein­zel­fall zu un­ter­su­chen, ob tat­säch­lich ei­ne per­sön­li­che Ver­bun­den­heit be­steht, auf de­ren Auf­recht­erhal­tung das Kind zu sei­nem Wohl an­ge­wie­sen ist (BVerfG, Kam­mer­be­schluss vom 9. De­zem­ber 2021 - 2 BvR 1333/21 - NVwZ 2022, 406 Rn. 48 m. w. N.). Da­bei sind die Be­lan­ge des El­tern­teils und des Kin­des um­fas­send zu be­rück­sich­ti­gen (BVerfG, Kam­mer­be­schluss vom 2. No­vem­ber 2023 - 2 BvR 441/23 - FamRZ 2024, 239 Rn. 23 m. w. N.). Sind Min­der­jäh­ri­ge be­trof­fen, sind im Rah­men des dann ein­schlä­gi­gen Art. 3 der UN-Kin­der­rechts­kon­ven­ti­on (KRK) u. a. das Al­ter der be­trof­fe­nen Kin­der und die Ab­hän­gig­keit von ih­ren El­tern bei der Ent­schei­dung in die Ab­wä­gung ein­zu­stel­len. Auch aus ei­ner Zu­sam­men­schau des Art. 3 KRK mit Art. 9 Abs. 1 und Art. 10 Abs. 1 KRK folgt al­ler­dings kein An­spruch auf ei­nen vor­aus­set­zungs­lo­sen Kin­der- und El­tern­nach­zug und auch das Kin­des­wohl hat kei­nen un­be­ding­ten Vor­rang (BVer­wG, Ur­teil vom 8. De­zem­ber 2022 - 1 C 8.21 - BVer­w­GE 177, 226 Rn. 20 m. w. N.).

34 Der Ge­setz­ge­ber hat für Fa­mi­li­en­an­ge­hö­ri­ge von sub­si­di­är Schutz­be­rech­tig­ten zur Be­rück­sich­ti­gung ih­rer fa­mi­liä­ren Bin­dun­gen aus­rei­chen­de Mög­lich­kei­ten zur Er­tei­lung von Auf­ent­halts­ti­teln ge­schaf­fen, die ver­fas­sungs- und völ­ker­recht­li­chen An­for­de­run­gen ge­nü­gen. Die in § 36a Auf­en­thG vor­ge­se­he­ne Be­schrän­kung des Fa­mi­li­en­nach­zugs auf ei­nen Er­mes­sens­an­spruch im Rah­men ei­ner Kon­tin­gen­tie­rung steht im Ein­klang mit Ver­fas­sungs- und Völ­ker­recht. Die ho­he An­zahl der in den zu­rück­lie­gen­den Jah­ren im Bun­des­ge­biet Schutz­su­chen­den und die eben­falls ho­he Zu­er­ken­nungs­quo­te durf­ten dem Ge­setz­ge­ber Ver­an­las­sung ge­ben, den Nach­zug von An­ge­hö­ri­gen der Kern­fa­mi­lie zu sub­si­di­är Schutz­be­rech­tig­ten so zu be­mes­sen, dass de­ren In­te­gra­ti­on ge­lin­gen kann und die Auf­nah­me­sys­te­me der staat­li­chen In­sti­tu­tio­nen de­ren Auf­nah­me und In­te­gra­ti­on be­wäl­ti­gen kön­nen, und in der Kon­se­quenz auch be­stimm­ten Fa­mi­li­en­an­ge­hö­ri­gen den Nach­zug zu ver­weh­ren (BVer­wG, Ur­tei­le vom 17. De­zem­ber 2020 - 1 C 30.19 - BVer­w­GE 171, 103 Rn. 23, 27 und vom 27. April 2021 - 1 C 45.20 - NVwZ-RR 2021, 777 Rn. 20 ff., 24). Den in die Ein­zel­fall­be­trach­tung ein­zu­stel­len­den fa­mi­liä­ren Be­lan­gen kann im Rah­men der Er­tei­lung von Auf­ent­halts­er­laub­nis­sen nach § 22 Satz 1 Auf­en­thG aus­rei­chend Rech­nung ge­tra­gen wer­den. Da­mit las­sen sich mit dem be­son­de­ren Schutz von Ehe und Fa­mi­lie nach Art. 6 GG und Art. 8 EM­RK so­wie Art. 7 und 24 GRC nicht zu ver­ein­ba­ren­de Fa­mi­li­en­tren­nun­gen in be­son­de­ren Ein­zel­fäl­len über die Er­tei­lung ei­ner Auf­ent­halts­er­laub­nis aus drin­gen­den hu­ma­ni­tä­ren Grün­den ge­mäß § 22 Auf­en­thG ver­mei­den (vgl. im Ein­zel­nen BVer­wG, Ur­teil vom 8. De­zem­ber 2022 - 1 C 8.21 - BVer­w­GE 177, 226 Rn. 21 m. w. N.). Vom In­land aus ha­ben Fa­mi­li­en­an­ge­hö­ri­ge ei­nes sub­si­di­är Schutz­be­rech­tig­ten über die Ge­wäh­rung in­ter­na­tio­na­len Fa­mi­li­en­schut­zes nach § 26 Abs. 5 i. V. m. Abs. 1 bis 3 AsylG zur Wah­rung des Fa­mi­li­en­ver­ban­des zu­dem ei­nen An­spruch auf Er­tei­lung ei­ner Auf­ent­halts­er­laub­nis nach § 25 Abs. 2 Satz 1 Alt. 2 Auf­en­thG. Da­mit hat der Ge­setz­ge­ber die we­sent­li­chen Fall­ge­stal­tun­gen er­fasst und ih­nen über die Ge­wäh­rung von Auf­ent­halts­rech­ten Rech­nung ge­tra­gen. Ei­nes er­gän­zen­den Rück­griffs auf § 25 Abs. 5 Auf­en­thG be­darf es grund­sätz­lich nicht.

35 Das Be­ru­fungs­ge­richt geht oh­ne Bun­des­rechts­ver­stoß da­von aus, dass, wenn ei­ne neue Si­tua­ti­on durch nach­träg­lich im Bun­des­ge­biet ver­än­der­te Um­stän­de ein­ge­tre­ten ist, die von den in Re­de ste­hen­den Vor­schrif­ten nicht er­fasst sein konn­te, über § 25 Abs. 5 Auf­en­thG die Mög­lich­keit er­öff­net ist, un­ter den dort ge­nann­ten Vor­aus­set­zun­gen ei­ne Auf­ent­halts­er­laub­nis we­gen recht­li­cher Un­mög­lich­keit oder Un­zu­mut­bar­keit der Aus­rei­se (vgl. hier­zu BVer­wG, Ur­teil vom 27. Ju­ni 2006 - 1 C 14.05 - BVer­w­GE 126, 192 Rn. 17) zu er­lan­gen. Ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Be­ru­fungs­ge­richts ist der blo­ße Zeit­ab­lauf al­ler­dings kein sol­cher ei­ne neue Si­tua­ti­on be­grün­den­der Um­stand, auf den ei­ne An­wend­bar­keit des § 25 Abs. 5 Auf­en­thG ge­stützt wer­den kann. Denn an­ders als beim Fa­mi­li­en­nach­zug vom Aus­land aus sind bei ei­nem (ge­dul­de­ten) Auf­ent­halt der Fa­mi­lie im Bun­des­ge­biet kei­ne Tren­nungs­zei­ten zu be­sor­gen, die nach Ab­lauf ei­ner be­stimm­ten War­te­frist über­wun­den wer­den müs­sen. Sons­ti­ge hier ent­schei­dungs­er­heb­li­che nach­träg­li­che Ver­än­de­run­gen las­sen sich den bin­den­den Fest­stel­lun­gen des Be­ru­fungs­ge­richts nicht ent­neh­men.

36 Für die­je­ni­gen Fall­kon­stel­la­tio­nen, die von den vor­ge­nann­ten Re­ge­lun­gen nicht er­fasst wer­den, sieht das Ge­setz - ei­ne nach Art. 6 GG und Art. 8 EM­RK schüt­zens­wer­te fa­mi­liä­re Bin­dung, die ei­ner auch nur vor­über­ge­hen­den Tren­nung der sich im In­land auf­hal­ten­den Fa­mi­li­en­mit­glie­der ent­ge­gen­steht, un­ter­stellt - die Er­tei­lung ei­ner Dul­dung nach § 60a Abs. 2 Satz 1 Auf­en­thG we­gen recht­li­cher Un­mög­lich­keit der Ab­schie­bung vor.

37 Ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Re­vi­si­on lässt sich ei­ne An­wend­bar­keit des § 25 Abs. 5 Auf­en­thG und hier­auf ge­stütz­te Ti­teler­tei­lung nicht aus der Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts vom 9. De­zem­ber 2021 - 2 BvR 1333/21 - (NVwZ 2022, 406) ent­neh­men. Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt zeigt dar­in viel­mehr die­je­ni­gen ver­fas­sungs­recht­li­chen Maß­stä­be und An­for­de­run­gen auf, die bei ei­ner aus Art. 6 GG re­sul­tie­ren­den recht­li­chen Un­mög­lich­keit der Aus­rei­se oder Ab­schie­bung, ins­be­son­de­re mit Blick auf ei­ne Zu­mut­bar­keit ei­ner auch nur vor­über­ge­hen­den Tren­nung von Fa­mi­li­en­mit­glie­dern, so­wohl im Rah­men ei­ner Dul­dungs­er­tei­lung als auch bei ei­ner Ti­teler­tei­lung nach § 25 Abs. 5 Auf­en­thG zu prü­fen sind (BVerfG, Kam­mer­be­schluss vom 9. De­zem­ber 2021 - 2 BvR 1333/21 - NVwZ 2022, 406 Rn. 62). Es stellt im Üb­ri­gen ma­ß­geb­lich auf nach­träg­lich im Bun­des­ge­biet ver­än­der­te Um­stän­de ab, die nach den bin­den­den Fest­stel­lun­gen des Ober­ver­wal­tungs­ge­richts hier nicht vor­ge­le­gen ha­ben. So­weit die Zu­er­ken­nung sub­si­diä­ren Schut­zes im Be­scheid des Bun­des­am­tes vom 10. April 2024 an die im Bun­des­ge­biet ge­bo­re­ne Toch­ter der Klä­ge­rin zu 1 ei­nen sol­chen nach­träg­li­chen Um­stand dar­stel­len kann, ist dies im Re­vi­si­ons­ver­fah­ren nicht zu be­rück­sich­ti­gen. Bei Ver­pflich­tungs­kla­gen auf Er­tei­lung ei­nes Auf­ent­halts­ti­tels ist für die Be­ur­tei­lung der Sach- und Rechts­la­ge grund­sätz­lich der Zeit­punkt der letz­ten münd­li­chen Ver­hand­lung oder Ent­schei­dung in der Tat­sa­chen­in­stanz ma­ß­geb­lich. Le­dig­lich Rechts­än­de­run­gen, die da­nach ein­tre­ten, sind vom Re­vi­si­ons­ge­richt zu be­rück­sich­ti­gen, wenn sie das Tat­sa­chen­ge­richt, wenn es jetzt ent­schie­de, zu be­ach­ten hät­te (stRspr, vgl. BVer­wG, Ur­tei­le vom 17. De­zem­ber 2015 - 1 C 31.14 - BVer­w­GE 153, 353 Rn. 9 und vom 21. Au­gust 2018 - 1 C 22.17 - BVer­w­GE 163, 1 Rn. 11 m. w. N.).

38 Dem Ver­weis auf die Mög­lich­keit ei­ner Dul­dungs­er­tei­lung steht schlie­ß­lich nicht ent­ge­gen, dass die Dul­dung je­den­falls ty­pi­scher­wei­se nur vor­über­ge­hen­der Na­tur und kein er­satz­wei­se ge­währ­tes Auf­ent­halts­recht ist (BVer­wG, Ur­teil vom 4. Ju­ni 1997 - 1 C 9.95 - BVer­w­GE 105, 35 <43>). Denn beim sub­si­diä­ren Schutz ist der Auf­ent­halt im Auf­nah­me­staat eher tem­po­rä­rer Na­tur, weil er auf ei­nen vor­über­ge­hen­den, auf die Dau­er des Er­for­der­nis­ses der Ge­wäh­rung sub­si­diä­ren Schut­zes be­grenz­ten Zeit­raum an­ge­legt ist, und un­ter­liegt ei­ne dau­er­haf­te In­te­gra­ti­on in die Ge­sell­schaft mit­hin stren­ge­ren Vor­aus­set­zun­gen (BVer­wG, Ur­tei­le vom 17. De­zem­ber 2020 - 1 C 30.19 - BVer­w­GE 171, 103 Rn. 23, 27 und vom 27. April 2021 - 1 C 45.20 - NVwZ-RR 2021, 777 Rn. 20 ff., 24 m. w. N.). Dar­über hin­aus hat der Ge­setz­ge­ber mit §§ 25a, 25b, 16g, 19d und § 104c Auf­en­thG Re­ge­lun­gen ge­schaf­fen, um von ei­ner Dul­dung in ei­nen Auf­ent­halts­ti­tel zu wech­seln.

39 3.2.2 Auch das Uni­ons­recht ge­bie­tet nicht die Er­tei­lung ei­nes Auf­ent­halts­ti­tels. Wie be­reits zu­vor aus­ge­führt, folgt ein An­spruch auf Er­tei­lung ei­nes Auf­ent­halts­ti­tels nicht un­mit­tel­bar aus Art. 23 Abs. 2 i. V. m. Art. 24 Abs. 2 RL 2011/95/EU. Auf die Richt­li­nie 2003/86/EG des Ra­tes vom 22. Sep­tem­ber 2003 be­tref­fend das Recht auf Fa­mi­li­en­zu­sam­men­füh­rung (ABl. L 251 S. 12) kön­nen sich die Klä­ger nicht be­ru­fen, da die­se auf den Fa­mi­li­en­nach­zug zu sub­si­di­är Schutz­be­rech­tig­ten nicht an­wend­bar ist (Eu­GH, Ur­tei­le vom 7. No­vem­ber 2018 - C-380/17 [ECLI:​​EU:​​C:​​2018:​​877] - Rn. 33 und vom 13. März 2019 - C-635/17 [ECLI:​​EU:​​C:​​2019:​​192], E. - Rn. 33 f.; BVer­wG, Ur­tei­le vom 17. De­zem­ber 2020 - 1 C 30.19 - BVer­w­GE 171, 103 Rn. 27 und vom 8. De­zem­ber 2022 - 1 C 8.21 - BVer­w­GE 177, 226 Rn. 13).

40 4. Die Kos­ten­ent­schei­dung be­ruht auf § 154 Abs. 2 Vw­GO.