Ver­fah­rens­in­for­ma­ti­on

Die Klä­ger be­geh­ren von der be­klag­ten Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land je­weils die Er­laub­nis zum Er­werb von 15 g des Be­täu­bungs­mit­tels Na­tri­um-Pen­to­bar­bi­tal zum Zweck der Selbst­tö­tung.


Ih­re im Ju­ni bzw. No­vem­ber 2017 ge­stell­ten An­trä­ge auf Er­tei­lung ei­ner Er­werbs­er­laub­nis nach dem Be­täu­bungs­mit­tel­ge­setz (BtMG) lehn­te das Bun­des­in­sti­tut für Arz­nei­mit­tel und Me­di­zin­pro­duk­te im Au­gust 2018 ab. Die da­ge­gen ge­rich­te­ten Wi­der­sprü­che der Klä­ger wies das Bun­des­in­sti­tut im No­vem­ber 2018 zu­rück. Ih­re Kla­gen sind vor dem Ver­wal­tungs­ge­richt Köln (Ur­tei­le vom 24. No­vem­ber 2020) und vor dem Ober­ver­wal­tungs­ge­richt für das Land Nord­rhein-West­fa­len (Ur­tei­le vom 2. Fe­bru­ar 2022) oh­ne Er­folg ge­blie­ben. Der Er­tei­lung der be­an­trag­ten Er­laub­nis ste­he der zwin­gen­de Ver­sa­gungs­grund des § 5 Abs. 1 Nr. 6 BtMG ent­ge­gen. Ei­ne Er­werbs­er­laub­nis, die auf die Nut­zung von Na­tri­um-Pen­to­bar­bi­tal zur Selbst­tö­tung ge­rich­tet sei, sei un­ver­ein­bar mit dem Zweck des Be­täu­bungs­mit­tel­ge­set­zes, dem Schutz der mensch­li­chen Ge­sund­heit zu die­nen. Die feh­len­de Er­laub­nis­mög­lich­keit ver­let­ze die Klä­ger nicht in ih­rem durch das Grund­ge­setz ge­währ­leis­te­ten Recht auf selbst­be­stimm­tes Ster­ben. Mit der mög­li­chen In­an­spruch­nah­me ei­nes zur Sui­zid­hil­fe be­rei­ten Arz­tes oder ei­ner Ster­be­hil­fe­or­ga­ni­sa­ti­on und der Ver­wen­dung ei­ner Kom­bi­na­ti­on von ver­schrei­bungs­pflich­ti­gen Arz­nei­mit­teln stün­den ih­nen zu­mut­ba­re Al­ter­na­ti­ven zur Ver­fü­gung, den Wunsch nach selbst­be­stimm­tem Ster­ben zu ver­wirk­li­chen.


Mit den vom Ober­ver­wal­tungs­ge­richt we­gen grund­sätz­li­cher Be­deu­tung zu­ge­las­se­nen Re­vi­sio­nen ver­fol­gen die Klä­ger ihr Be­geh­ren vor dem Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt wei­ter.


Ver­fah­rens­in­for­ma­ti­on

Die Klä­ger be­geh­ren von der be­klag­ten Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land je­weils die Er­laub­nis zum Er­werb von 15 g des Be­täu­bungs­mit­tels Na­tri­um-Pen­to­bar­bi­tal zum Zweck der Selbst­tö­tung.


Ih­re im Ju­ni bzw. No­vem­ber 2017 ge­stell­ten An­trä­ge auf Er­tei­lung ei­ner Er­werbs­er­laub­nis nach dem Be­täu­bungs­mit­tel­ge­setz (BtMG) lehn­te das Bun­des­in­sti­tut für Arz­nei­mit­tel und Me­di­zin­pro­duk­te im Au­gust 2018 ab. Die da­ge­gen ge­rich­te­ten Wi­der­sprü­che der Klä­ger wies das Bun­des­in­sti­tut im No­vem­ber 2018 zu­rück. Ih­re Kla­gen sind vor dem Ver­wal­tungs­ge­richt Köln (Ur­tei­le vom 24. No­vem­ber 2020) und vor dem Ober­ver­wal­tungs­ge­richt für das Land Nord­rhein-West­fa­len (Ur­tei­le vom 2. Fe­bru­ar 2022) oh­ne Er­folg ge­blie­ben. Der Er­tei­lung der be­an­trag­ten Er­laub­nis ste­he der zwin­gen­de Ver­sa­gungs­grund des § 5 Abs. 1 Nr. 6 BtMG ent­ge­gen. Ei­ne Er­werbs­er­laub­nis, die auf die Nut­zung von Na­tri­um-Pen­to­bar­bi­tal zur Selbst­tö­tung ge­rich­tet sei, sei un­ver­ein­bar mit dem Zweck des Be­täu­bungs­mit­tel­ge­set­zes, dem Schutz der mensch­li­chen Ge­sund­heit zu die­nen. Die feh­len­de Er­laub­nis­mög­lich­keit ver­let­ze die Klä­ger nicht in ih­rem durch das Grund­ge­setz ge­währ­leis­te­ten Recht auf selbst­be­stimm­tes Ster­ben. Mit der mög­li­chen In­an­spruch­nah­me ei­nes zur Sui­zid­hil­fe be­rei­ten Arz­tes oder ei­ner Ster­be­hil­fe­or­ga­ni­sa­ti­on und der Ver­wen­dung ei­ner Kom­bi­na­ti­on von ver­schrei­bungs­pflich­ti­gen Arz­nei­mit­teln stün­den ih­nen zu­mut­ba­re Al­ter­na­ti­ven zur Ver­fü­gung, den Wunsch nach selbst­be­stimm­tem Ster­ben zu ver­wirk­li­chen.


Mit den vom Ober­ver­wal­tungs­ge­richt we­gen grund­sätz­li­cher Be­deu­tung zu­ge­las­se­nen Re­vi­sio­nen ver­fol­gen die Klä­ger ihr Be­geh­ren vor dem Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt wei­ter.


Pres­se­mit­tei­lung Nr. 81/2023 vom 07.11.2023

Kei­ne Er­laub­nis für den Er­werb des Be­täu­bungs­mit­tels Na­tri­um-Pen­to­bar­bi­tal zum Zweck der Selbst­tö­tung

Die im Be­täu­bungs­mit­tel­ge­setz (BtMG) vor­ge­se­he­ne Ver­sa­gung ei­ner Er­laub­nis für den Er­werb von Na­tri­um-Pen­to­bar­bi­tal zur Selbst­tö­tung ist an­ge­sichts der Mög­lich­kei­ten, das ei­ge­ne Le­ben me­di­zi­nisch be­glei­tet mit an­de­ren Mit­teln zu be­en­den, mit dem durch das Grund­ge­setz ge­schütz­ten Recht auf selbst­be­stimm­tes Ster­ben ver­ein­bar. Das hat das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt in Leip­zig heu­te ent­schie­den.


Die Klä­ger lei­den an schwe­ren Er­kran­kun­gen. Ih­re An­trä­ge auf Er­tei­lung ei­ner Er­laub­nis für den Er­werb von Na­tri­um-Pen­to­bar­bi­tal zum Zweck der Selbst­tö­tung lehn­te das Bun­des­in­sti­tut für Arz­nei­mit­tel und Me­di­zin­pro­duk­te ab. Die da­ge­gen ge­rich­te­ten Kla­gen hat­ten in den Vor­in­stan­zen kei­nen Er­folg.


Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt hat die Re­vi­sio­nen der Klä­ger zu­rück­ge­wie­sen. Das Be­ru­fungs­ge­richt hat im Ein­klang mit Bun­des­recht ent­schie­den, dass die be­an­trag­te Er­laub­nis ge­mäß § 5 Abs. 1 Nr. 6 BtMG zu ver­sa­gen ist. Der Er­werb von Na­tri­um-Pen­to­bar­bi­tal zur Selbst­tö­tung ist grund­sätz­lich nicht mit dem Zweck des Ge­set­zes ver­ein­bar, die not­wen­di­ge me­di­zi­ni­sche Ver­sor­gung der Be­völ­ke­rung si­cher­zu­stel­len. Me­di­zi­ni­sche Ver­sor­gung im Sin­ne der Vor­schrift meint die An­wen­dung ei­nes Be­täu­bungs­mit­tels zur Hei­lung oder Lin­de­rung von Krank­hei­ten oder krank­haf­ten Be­schwer­den. Ei­ne sol­che the­ra­peu­ti­sche Ziel­rich­tung hat die Be­en­di­gung des ei­ge­nen Le­bens grund­sätz­lich nicht.


Die Ver­sa­gung der Er­laub­nis ver­letzt die Klä­ger nicht in ih­ren Grund­rech­ten. Zwar greift der Er­laub­nis­vor­be­halt für den Er­werb von Be­täu­bungs­mit­teln (§ 3 Abs. 1 Nr. 1 BtMG) in Ver­bin­dung mit der zwin­gen­den Ver­sa­gung ei­ner sol­chen Er­laub­nis für den Er­werb zum Zweck der Selbst­tö­tung (§ 5 Abs. 1 Nr. 6 BtMG) in das durch Art. 2 Abs. 1 in Ver­bin­dung mit Art. 1 Abs. 1 GG ge­währ­leis­te­te Recht des Ein­zel­nen ein, selbst­be­stimmt die Ent­schei­dung zu tref­fen, sein Le­ben ei­gen­hän­dig be­wusst und ge­wollt zu be­en­den. Die­ses Recht ist, wie das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt durch Ur­teil vom 26. Fe­bru­ar 2020 (2 BvR 2347/15 u. a.) ent­schie­den hat, nicht auf schwe­re oder un­heil­ba­re Krank­heits­zu­stän­de oder be­stimm­te Le­bens- und Krank­heits­pha­sen be­schränkt und be­darf kei­ner Be­grün­dung oder Recht­fer­ti­gung. Im Aus­gangs­punkt ge­schützt ist da­mit nicht nur die Frei­heit des Ein­zel­nen, selbst­be­stimmt zu ent­schei­den, ob er sein Le­ben be­en­den möch­te, son­dern auch, wann und wie das ge­sche­hen soll. § 3 Abs. 1 Nr. 1 i. V. m. § 5 Abs. 1 Nr. 6 BtMG schränkt die­se Frei­heit ein. Men­schen, die frei­ver­ant­wort­lich ent­schie­den ha­ben, sich mit­hil­fe von Na­tri­um-Pen­to­bar­bi­tal tö­ten zu wol­len, kön­nen ih­ren Ent­schluss oh­ne Zu­gang zu die­sem Be­täu­bungs­mit­tel nicht in der ge­wünsch­ten Wei­se um­set­zen.


Der Grund­rechts­ein­griff ist aber ge­recht­fer­tigt. Das Be­täu­bungs­mit­tel­ge­setz ver­folgt mit dem ge­ne­rel­len Ver­bot, Be­täu­bungs­mit­tel zum Zweck der Selbst­tö­tung zu er­wer­ben, u. a. das le­gi­ti­me Ziel, Miss- und Fehl­ge­brauch von töd­lich wir­ken­den Be­täu­bungs­mit­teln zu ver­hin­dern. Die Ver­bots­re­ge­lung ist zur Er­rei­chung die­ses Ziels ge­eig­net und er­for­der­lich. Sie ist auch an­ge­mes­sen, weil der mit ihr ver­folg­te Zweck und die zu er­war­ten­de Zwecker­rei­chung nicht au­ßer Ver­hält­nis zu der Schwe­re des Grund­rechts­ein­griffs ste­hen; für Men­schen, die selbst­be­stimmt ent­schie­den ha­ben, ihr Le­ben be­en­den zu wol­len, gibt es an­de­re zu­mut­ba­re Mög­lich­kei­ten zur Ver­wirk­li­chung ih­res Ster­be­wun­sches.


Nach den für das Re­vi­si­ons­ver­fah­ren ver­bind­li­chen Fest­stel­lun­gen des Ober­ver­wal­tungs­ge­richts be­steht für Ster­be­wil­li­ge die rea­lis­ti­sche Mög­lich­keit, über ei­ne Ärz­tin oder ei­nen Arzt Zu­gang zu (ver­schrei­bungs­pflich­ti­gen) Arz­nei­mit­teln zu er­hal­ten, mit de­nen ei­ne Selbst­tö­tung durch­ge­führt wer­den kann. Die­se Al­ter­na­ti­ven sind für die Ster­be­wil­li­gen mit Be­las­tun­gen ver­bun­den. Sie müs­sen ei­ne ärzt­li­che Per­son fin­den, die be­reit ist, die not­wen­di­ge phar­ma­ko­lo­gi­sche und me­di­zi­ni­sche Un­ter­stüt­zung zu leis­ten. Sie kön­nen sich bei der Su­che al­ler­dings hel­fen las­sen. Nach­dem das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt mit Ur­teil vom 26. Fe­bru­ar 2020 das in § 217 StGB nor­mier­te Ver­bot der ge­schäfts­mä­ßi­gen För­de­rung der Selbst­tö­tung für nich­tig er­klärt hat, ha­ben - wie das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt fest­ge­stellt hat - meh­re­re Or­ga­ni­sa­tio­nen die Ver­mitt­lung von zur Sui­zid­hil­fe be­rei­ten Ärz­ten wie­der­auf­ge­nom­men. Er­schwer­nis­se für die Ster­be­wil­li­gen er­ge­ben sich au­ßer­dem bei der ora­len An­wen­dung der Arz­nei­mit­tel, weil ei­ne grö­ße­re Men­ge ein­ge­nom­men wer­den muss als bei der Le­bens­be­en­di­gung mit Na­tri­um-Pen­to­bar­bi­tal. Das kann für Ster­be­wil­li­ge mit Schluck­be­schwer­den schwie­rig sein und er­höht das Ri­si­ko von Kom­pli­ka­tio­nen. Es be­steht auch die Mög­lich­keit, ein Arz­nei­mit­tel in­tra­ve­nös ein­zu­set­zen, das hin­sicht­lich Wirk­wei­se und Ri­si­ken kei­ne we­sent­li­chen Un­ter­schie­de zu Na­tri­um-Pen­to­bar­bi­tal auf­weist. Das er­for­dert aber ei­ne fach­kun­di­ge me­di­zi­ni­sche Be­glei­tung und be­las­tet da­mit Ster­be­wil­li­ge, die - wie die Klä­ger - ei­ne sol­che Be­glei­tung nicht wün­schen. Die­sen Be­las­tun­gen der Ster­be­wil­li­gen ste­hen wich­ti­ge Ge­mein­wohl­be­lan­ge ge­gen­über, die durch die Nicht­er­öff­nung des Zu­gangs zu Na­tri­um-Pen­to­bar­bi­tal ge­schützt wer­den. Die Ge­fah­ren für Le­ben und Ge­sund­heit der Be­völ­ke­rung durch Miss- oder Fehl­ge­brauch des Mit­tels sind an­ge­sichts sei­ner töd­li­chen Wir­kung und der ein­fa­chen An­wend­bar­keit be­son­ders groß und wie­gen schwer. Die­se be­son­de­ren Ge­fah­ren sind die Kehr­sei­te der dar­ge­leg­ten Vor­zü­ge des Mit­tels für die Ster­be­wil­li­gen.


In der Ab­wä­gung ste­hen die mit dem feh­len­den Zu­gang zu Na­tri­um-Pen­to­bar­bi­tal ver­bun­de­nen Be­las­tun­gen für Ster­be­wil­li­ge, die selbst­be­stimmt ent­schie­den ha­ben, ihr Le­ben be­en­den zu wol­len, nicht au­ßer Ver­hält­nis zu dem da­durch er­reich­ba­ren Rechts­gü­ter­schutz. Dem Ge­setz­ge­ber kommt bei der Ge­wich­tung der Ge­fah­ren des Be­täu­bungs­mit­tel­ver­kehrs und der Aus­ge­stal­tung des Schutz­kon­zepts zur Ver­hin­de­rung von Miss- und Fehl­ge­brauch ein Spiel­raum zu. Des­sen Gren­zen sind mit dem Ver­bot des Er­werbs von Na­tri­um-Pen­to­bar­bi­tal zur Selbst­tö­tung nicht über­schrit­ten. Die Ein­schrän­kung der Selbst­be­stim­mung bei der Wahl des Mit­tels hat zwar Ge­wicht; es geht um die Ge­stal­tung des ei­ge­nen Le­bens­en­des. Die Ge­fah­ren, die durch den Er­werb von Na­tri­um-Pen­to­bar­bi­tal und die Auf­be­wah­rung des Mit­tels durch die Ster­be­wil­li­gen ent­ste­hen kön­nen, sind je­doch groß. An­ge­sichts die­ser Ge­fah­ren und der be­stehen­den Al­ter­na­ti­ven zum Ein­satz des ge­wünsch­ten Mit­tels ist es nicht zu be­an­stan­den, dass das Ge­setz sei­nen Er­werb zum Zwe­cke der Selbst­tö­tung nicht zu­lässt.


Schlie­ß­lich er­gibt sich ein An­spruch auf die be­an­trag­te Er­werbs­er­laub­nis auch nicht aus­nahms­wei­se un­ter dem Ge­sichts­punkt ei­ner ex­tre­men Not­la­ge im Sin­ne des Ur­teils des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts vom 2. März 2017 (BVer­wG 3 C 19.15). Die Vor­aus­set­zun­gen ei­ner sol­chen Not­la­ge lie­gen bei den Klä­gern schon des­halb nicht vor, weil ei­ne zu­mut­ba­re Al­ter­na­ti­ve zur Selbst­tö­tung mit Na­tri­um-Pen­to­bar­bi­tal nach den ver­bind­li­chen Fest­stel­lun­gen des Ober­ver­wal­tungs­ge­richts auch für sie be­steht. Soll­te für ei­nen der Klä­ger auf­grund sei­ner krank­heits­be­ding­ten Schluck­be­schwer­den nur ein in­tra­ve­nös an­wend­ba­res Arz­nei­mit­tel in Be­tracht kom­men, er­gibt sich nichts An­de­res. Das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt hat dar­ge­legt, dass die­ser vom Schul­ter­gür­tel ab­wärts ge­lähm­te Klä­ger das Mit­tel mit­hil­fe ei­nes In­fu­si­ons­au­to­ma­ten an­wen­den könn­te, den er selbst steu­ert.


Fuß­no­te:

Aus­zug aus dem Be­täu­bungs­mit­tel­ge­setz (BtMG):


§ 3 Er­laub­nis zum Ver­kehr mit Be­täu­bungs­mit­teln


(1) Ei­ner Er­laub­nis des Bun­des­in­sti­tu­tes für Arz­nei­mit­tel und Me­di­zin­pro­duk­te be­darf, wer


1. Be­täu­bungs­mit­tel an­bau­en, her­stel­len, mit ih­nen Han­del trei­ben, sie, oh­ne mit ih­nen Han­del zu trei­ben, ein­füh­ren, aus­füh­ren, ab­ge­ben, ver­äu­ßern, sonst in den Ver­kehr brin­gen, er­wer­ben oder


2. […]


will.


§ 5 Ver­sa­gung der Er­laub­nis


(1) Die Er­laub­nis nach § 3 ist zu ver­sa­gen, wenn


[…]


6. die Art und der Zweck des be­an­trag­ten Ver­kehrs nicht mit dem Zweck die­ses Ge­set­zes, die not­wen­di­ge me­di­zi­ni­sche Ver­sor­gung der Be­völ­ke­rung si­cher­zu­stel­len, da­ne­ben aber den Miss­brauch von Be­täu­bungs­mit­teln oder die miss­bräuch­li­che Her­stel­lung aus­ge­nom­me­ner Zu­be­rei­tun­gen so­wie das Ent­ste­hen oder Er­hal­ten ei­ner Be­täu­bungs­mit­tel­ab­hän­gig­keit so­weit wie mög­lich aus­zu­schlie­ßen, ver­ein­bar ist oder


7. […]


BVer­wG 3 C 8.22 - Ur­teil vom 07. No­vem­ber 2023

Vor­in­stan­zen:

OVG Müns­ter, OVG 9 A 148/21 - Ur­teil vom 02. Fe­bru­ar 2022 -

VG Köln, VG 7 K 8560/18 - Ur­teil vom 24. No­vem­ber 2020 -

BVer­wG 3 C 9.22

Vor­in­stan­zen:

OVG Müns­ter, OVG 9 A 146/21 - Ur­teil vom 02. Fe­bru­ar 2022 -

VG Köln, VG 7 K 13803/17 - Ur­teil vom 24. No­vem­ber 2020 -


Ur­teil vom 07.11.2023 -
BVer­wG 3 C 8.22ECLI:DE:BVer­wG:2023:071123U3C8.22.0

Ver­sa­gung ei­ner Er­laub­nis zum Er­werb von Na­tri­um-Pen­to­bar­bi­tal zum Zweck der Selbst­tö­tung

Leit­sät­ze:

1. Art. 2 Abs. 1 i. V. m. Art. 1 Abs. 1 GG schützt im Aus­gangs­punkt nicht nur die Frei­heit des Ein­zel­nen, selbst­be­stimmt zu ent­schei­den, ob er sein Le­ben be­en­den möch­te, son­dern auch, wann und wie das ge­sche­hen soll.

2. Der Er­laub­nis­vor­be­halt für den Er­werb von Be­täu­bungs­mit­teln ge­mäß § 3 Abs. 1 Nr. 1 BtMG in Ver­bin­dung mit der zwin­gen­den Ver­sa­gung ei­ner sol­chen Er­laub­nis für den Er­werb zum Zweck der Selbst­tö­tung ge­mäß § 5 Abs. 1 Nr. 6 BtMG schränkt die­se Frei­heit ein. Men­schen, die frei­ver­ant­wort­lich ent­schie­den ha­ben, sich mit­hil­fe von Na­tri­um-Pen­to­bar­bi­tal tö­ten zu wol­len, kön­nen ih­ren Ent­schluss oh­ne Zu­gang zu die­sem Be­täu­bungs­mit­tel nicht in der ge­wünsch­ten Wei­se um­set­zen.

3. Das Be­täu­bungs­mit­tel­ge­setz ver­folgt mit dem Ver­bot, Be­täu­bungs­mit­tel zum Zweck der Selbst­tö­tung zu er­wer­ben, u. a. das le­gi­ti­me Ziel, Miss- und Fehl­ge­brauch von töd­lich wir­ken­den Mit­teln zu ver­hin­dern. Das Ver­bot ist zur Er­rei­chung die­ses Ziels ge­eig­net, er­for­der­lich und an­ge­sichts der Mög­lich­keit, das ei­ge­ne Le­ben ärzt­lich be­glei­tet durch An­wen­dung ver­schrei­bungs­pflich­ti­ger Arz­nei­mit­tel zu be­en­den, auch an­ge­mes­sen.

  • Rechts­quel­len
  • Zi­tier­vor­schlag

Ur­teil

BVer­wG 3 C 8.22

  • VG Köln - 24.11.2020 - AZ: 7 K 8560/18
  • OVG Müns­ter - 02.02.2022 - AZ: 9 A 148/21

In der Ver­wal­tungs­streit­sa­che hat der 3. Se­nat des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts
auf die münd­li­che Ver­hand­lung vom 26. Ok­to­ber 2023
durch die Vor­sit­zen­de Rich­te­rin am Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt Dr. Phil­ipp, den Rich­ter am Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt Lieb­ler,
die Rich­te­rin am Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt Dr. Kuhl­mann,
den Rich­ter am Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt Dr. Sin­ner und
die Rich­te­rin am Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt Hell­mann
am 7. No­vem­ber 2023 für Recht er­kannt:

  1. Die Re­vi­si­on des Klä­gers ge­gen das Ur­teil des Ober­ver­wal­tungs­ge­richts für das Land Nord­rhein-West­fa­len vom 2. Fe­bru­ar 2022 wird zu­rück­ge­wie­sen.
  2. Der Klä­ger trägt die Kos­ten des Re­vi­si­ons­ver­fah­rens.

Grün­de

I

1 Der Klä­ger be­gehrt von der Be­klag­ten die Er­laub­nis zum Er­werb des Be­täu­bungs­mit­tels Na­tri­um-Pen­to­bar­bi­tal zum Zweck der Selbst­tö­tung.

2 Der 1944 ge­bo­re­ne Klä­ger lei­det seit Jah­ren u. a. un­ter ar­te­ri­el­ler Hy­per­to­nie und ko­ro­na­rer Herz­krank­heit (3-Ge­fäß-KHK). 2009 un­ter­zog er sich ei­ner By­pass-Ope­ra­ti­on. Im No­vem­ber 2015 wur­de bei ihm ei­ne bös­ar­ti­ge Tu­mor­er­kran­kung - ein Bur­kitt-Lym­phom im Sta­di­um IV - dia­gnos­ti­ziert. Die Be­hand­lung mit ei­ner Che­mo­the­ra­pie, die mit zahl­rei­chen Ne­ben­wir­kun­gen ein­her­ging, führ­te zur voll­stän­di­gen Remis­si­on des Tu­mors.

3 Im No­vem­ber 2017 be­an­trag­te der Klä­ger beim Bun­des­in­sti­tut für Arz­nei­mit­tel und Me­di­zin­pro­duk­te (BfArM) die Er­tei­lung ei­ner Er­laub­nis nach dem Be­täu­bungs­mit­tel­ge­setz (BtMG) zum Er­werb von 15 g Na­tri­um-Pen­to­bar­bi­tal zur Selbst­tö­tung. Zur Be­grün­dung führ­te er aus, nach dem Ur­teil des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts vom 2. März 2017 - 3 C 19.15 - (BVer­w­GE 158, 142) sei­en die Vor­schrif­ten des Be­täu­bungs­mit­tel­ge­set­zes ver­fas­sungs­kon­form da­hin aus­zu­le­gen, dass sie der Er­laub­ni­s­er­tei­lung nicht ent­ge­gen­stün­den, wenn sich der An­trag­stel­ler we­gen ei­ner schwe­ren und un­heil­ba­ren Er­kran­kung in ei­ner ex­tre­men Not­la­ge be­fin­de. Das sei bei ihm der Fall, vor al­lem, wenn das Lym­phom zu­rück­keh­re. Es han­de­le sich um ei­ne schwe­re, dann un­heil­ba­re Er­kran­kung, die er­heb­li­che, kaum the­ra­pier­ba­re Schmer­zen und ei­nen un­er­träg­li­chen Lei­dens­druck ver­ur­sa­che. Er ha­be sich frei­ver­ant­wort­lich und wohl­über­legt zur Selbst­tö­tung ent­schlos­sen. Ei­ne an­de­re zu­mut­ba­re Mög­lich­keit zur Ver­wirk­li­chung sei­nes Ster­be­wun­sches ste­he ihm nicht zur Ver­fü­gung. Er be­nö­ti­ge die Er­laub­nis zum jet­zi­gen Zeit­punkt, weil das Er­laub­nis­ver­fah­ren bei ei­nem ab­seh­ba­ren Le­bens­en­de zu lan­ge daue­re, wie der vom Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt ent­schie­de­ne Fall zei­ge.

4 Durch Be­scheid vom 27. Au­gust 2018 lehn­te das BfArM den Er­laub­nis­an­trag mit der Be­grün­dung ab, beim Klä­ger an­ge­for­der­te Un­ter­la­gen sei­en nicht vor­ge­legt wor­den. Den Wi­der­spruch des Klä­gers wies das BfArM mit Be­scheid vom 26. No­vem­ber 2018 zu­rück. Nach § 5 Abs. 1 Nr. 6 BtMG sei ei­ne Er­laub­nis für den Er­werb ei­nes Be­täu­bungs­mit­tels zum Zweck der Selbst­tö­tung aus­ge­schlos­sen. Der Klä­ger ha­be auch nicht dar­ge­legt, dass er sich we­gen ei­ner schwe­ren und un­heil­ba­ren Er­kran­kung in ei­ner ex­tre­men Not­la­ge be­fin­de.

5 Sei­ne Kla­ge mit dem An­trag, die Be­klag­te un­ter Auf­he­bung der Be­schei­de zu ver­pflich­ten, ihm den Er­werb von 15 g Na­tri­um-Pen­to­bar­bi­tal zum Zweck der Durch­füh­rung ei­ner Selbst­tö­tung zu ge­stat­ten, hat das Ver­wal­tungs­ge­richt Köln durch Ur­teil vom 24. No­vem­ber 2020 ab­ge­wie­sen.

6 Die Be­ru­fung des Klä­gers hat das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt für das Land Nord­rhein-West­fa­len durch Ur­teil vom 2. Fe­bru­ar 2022 zu­rück­ge­wie­sen. Zur Be­grün­dung hat es im We­sent­li­chen aus­ge­führt: Der Klä­ger ha­be kei­nen An­spruch auf die be­an­trag­te Er­werbs­er­laub­nis. Sie sei ge­mäß § 5 Abs. 1 Nr. 6 BtMG zu ver­sa­gen, weil sie nicht mit dem Zweck des Be­täu­bungs­mit­tel­ge­set­zes ver­ein­bar sei. Un­ter ei­ner not­wen­di­gen me­di­zi­ni­schen Ver­sor­gung im Sin­ne der Vor­schrift sei­en nur sol­che An­wen­dun­gen ei­nes Be­täu­bungs­mit­tels zu ver­ste­hen, die ei­ne the­ra­peu­ti­sche Ziel­rich­tung hät­ten. Das sei beim Er­werb ei­nes Be­täu­bungs­mit­tels zum Zweck der Selbst­tö­tung nicht der Fall. Das durch Art. 2 Abs. 1 i. V. m. Art. 1 Abs. 1 GG ge­währ­leis­te­te Recht auf selbst­be­stimm­tes Ster­ben, das auch das Recht auf Selbst­tö­tung ein­schlie­ße, ge­bie­te kei­ne an­de­re Aus­le­gung des Be­täu­bungs­mit­tel­ge­set­zes. Zwar er­schwe­re die in § 5 Abs. 1 Nr. 6 BtMG ge­trof­fe­ne Re­ge­lung die Grund­rechts­aus­übung. Der Ein­griff sei aber ge­recht­fer­tigt. Die feh­len­de Er­laub­nis­fä­hig­keit des Er­werbs von Be­täu­bungs­mit­teln zur Selbst­tö­tung die­ne der Ver­hin­de­rung von Miss- und Fehl­ge­brauch so­wie dem Schutz von Men­schen in vul­ne­ra­bler Po­si­ti­on und Ver­fas­sung vor Ent­schei­dun­gen, die sie mög­li­cher­wei­se vor­ei­lig oder nur au­gen­blick­lich, in ei­nem Zu­stand man­geln­der Ein­sichts­fä­hig­keit oder nicht frei­ver­ant­wort­lich trä­fen. Die ge­setz­li­che Re­ge­lung sei zur Er­rei­chung die­ser Zie­le ge­eig­net, er­for­der­lich und an­ge­mes­sen. Für Sui­zid­wil­li­ge be­stün­den zu­mut­ba­re Al­ter­na­ti­ven, ih­ren Ster­be­wunsch um­zu­set­zen. Sie könn­ten in Deutsch­land mit ärzt­li­cher Hil­fe Zu­gang zu ver­schrei­bungs­pflich­ti­gen Arz­nei­mit­teln er­hal­ten, mit de­nen ei­ne Selbst­tö­tung in ei­ner hu­ma­nen Wei­se durch­ge­führt wer­den kön­ne. Es ge­be ei­nen Kreis von Ärz­ten, die zur Sui­zid­hil­fe be­reit sei­en und töd­lich wir­ken­de Arz­nei­mit­tel ver­schrie­ben. Nach der Nich­tig­erklä­rung des in § 217 StGB nor­mier­ten Ver­bots der ge­schäfts­mä­ßi­gen För­de­rung der Selbst­tö­tung durch die Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts vom 26. Fe­bru­ar 2020 - 2 BvR 2347/15 u. a. - (BVerf­GE 153, 182) hät­ten zu­dem meh­re­re Or­ga­ni­sa­tio­nen ih­re Tä­tig­keit wie­der­auf­ge­nom­men und ver­mit­tel­ten ih­ren Mit­glie­dern Kon­takt zu Ärz­ten, die be­reit sei­en, Hil­fe zur Selbst­tö­tung zu leis­ten. Die­se Al­ter­na­ti­ven be­stün­den auch für den Klä­ger. Aus dem Ur­teil des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts vom 2. März 2017 - 3 C 19.15 -‌ er­ge­be sich kei­ne an­de­re recht­li­che Be­ur­tei­lung. Die Vor­aus­set­zun­gen ei­ner ex­tre­men Not­la­ge sei­en beim Klä­ger nicht er­füllt, da ihm ei­ne an­de­re zu­mut­ba­re Mög­lich­keit zur Rea­li­sie­rung sei­nes Ster­be­wun­sches zur Ver­fü­gung ste­he.

7 Zur Be­grün­dung sei­ner vom Ober­ver­wal­tungs­ge­richt we­gen grund­sätz­li­cher Be­deu­tung der Rechts­sa­che zu­ge­las­se­nen Re­vi­si­on macht der Klä­ger im We­sent­li­chen gel­tend: Das an­ge­foch­te­ne Ur­teil ver­sto­ße ge­gen § 5 Abs. 1 Nr. 6 BtMG, Art. 2 Abs. 1 i. V. m. Art. 1 Abs. 1 GG und Art. 8 EM­RK. Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt ha­be ent­schie­den, dass der Er­werb von Na­tri­um-Pen­to­bar­bi­tal zur Selbst­tö­tung un­ter be­stimm­ten Vor­aus­set­zun­gen er­laub­nis­fä­hig sei. Er er­fül­le die­se Vor­aus­set­zun­gen. Durch das Ur­teil des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts vom 26. Fe­bru­ar 2020 sei au­ßer­dem ge­klärt, dass das Recht auf Selbst­tö­tung in je­dem Le­bens­ab­schnitt be­stehe und nicht auf schwe­re oder un­heil­ba­re Krank­heits­zu­stän­de be­schränkt sei. Er wi­der­spre­che der Fest­stel­lung des Be­ru­fungs­ge­richts, in­fol­ge der Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts be­stehe für ihn nun­mehr die rea­le und zu­mut­ba­re Mög­lich­keit, ei­nen Arzt zu fin­den, der be­reit sei, ihm ein töd­lich wir­ken­des Arz­nei­mit­tel zu ver­schrei­ben und ge­ge­be­nen­falls wei­te­re Un­ter­stüt­zungs­hand­lun­gen vor­zu­neh­men. Die Fest­stel­lung ge­he an den tat­säch­li­chen Le­bens­ver­hält­nis­sen vor­bei. Sei­ne Ärz­te hät­ten dies je­den­falls ab­ge­lehnt. Es sei sein Wunsch, oh­ne frem­de Ärz­te im Kreis der Fa­mi­lie und Freun­de sein Le­ben zu be­en­den. Da er we­der ei­ne Sui­zid­hil­fe­or­ga­ni­sa­ti­on noch ei­nen ihm frem­den Arzt in An­spruch neh­men wol­le und er auch kei­nen Arzt fin­de, der ihm ein sui­zid­ge­eig­ne­tes Me­di­ka­ment ver­schrei­be, blei­be nur die Mög­lich­keit der be­an­trag­ten Er­werbs­er­laub­nis. Das Grund­recht auf selbst­be­stimm­tes Ster­ben schlie­ße das Recht des Ein­zel­nen ein, sein Le­ben oh­ne ärzt­li­che Sui­zid­hil­fe zu be­en­den. Na­tri­um-Pen­to­bar­bi­tal sei das am bes­ten ge­eig­ne­te Mit­tel zur Um­set­zung sei­nes Ster­be­wun­sches. Es er­mög­li­che ei­ne si­che­re Selbst­tö­tung und sei ein­fach und kom­pli­ka­ti­ons­los ein­zu­neh­men. Art. 2 Abs. 1 i. V. m. Art. 1 Abs. 1 GG ge­bie­te, dass Sui­zid­wil­li­gen die Um­set­zung ei­ner frei­ver­ant­wort­li­chen Ent­schei­dung, das Le­ben ei­gen­hän­dig be­en­den zu wol­len, nicht un­ver­hält­nis­mä­ßig er­schwert wer­de. Da­nach dür­fe ihm die Er­werbs­er­laub­nis nicht ver­sagt wer­den.

8 Die Be­klag­te tritt der Re­vi­si­on ent­ge­gen und ver­tei­digt das Be­ru­fungs­ur­teil.

II

9 Die zu­läs­si­ge Re­vi­si­on des Klä­gers ist un­be­grün­det und des­halb zu­rück­zu­wei­sen (§ 144 Abs. 2 Vw­GO). Das an­ge­foch­te­ne Ur­teil be­ruht nicht auf ei­ner Ver­let­zung re­vi­si­blen Rechts. Das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt hat oh­ne Ver­stoß ge­gen Bun­des­recht (§ 137 Abs. 1 Nr. 1 Vw­GO) an­ge­nom­men, dass die Ver­sa­gung der be­an­trag­ten Er­laub­nis durch den Be­scheid des BfArM vom 27. Au­gust 2018 in der Ge­stalt des Wi­der­spruchs­be­schei­des vom 26. No­vem­ber 2018 recht­mä­ßig ist. Der Klä­ger hat aus­ge­hend von den für das Re­vi­si­ons­ver­fah­ren ver­bind­li­chen tat­säch­li­chen Fest­stel­lun­gen des Be­ru­fungs­ge­richts (§ 137 Abs. 2 Vw­GO) kei­nen An­spruch auf Er­tei­lung ei­ner Er­laub­nis zum Er­werb des Be­täu­bungs­mit­tels Na­tri­um-Pen­to­bar­bi­tal zur Selbst­tö­tung. Sei­ne Kla­ge ist da­her un­be­grün­det (§ 113 Abs. 5 Satz 1 Vw­GO).

10 1. Rechts­grund­la­ge für die be­gehr­te Er­laub­nis ist das Ge­setz über den Ver­kehr mit Be­täu­bungs­mit­teln (Be­täu­bungs­mit­tel­ge­setz - BtMG) i. d. F. der Be­kannt­ma­chung vom 1. März 1994 (BGBl. I S. 358), das zu­letzt durch Art. 2 des Ge­set­zes vom 26. Ju­li 2023 (BGBl. I Nr. 204) ge­än­dert wor­den ist. Der vom Klä­ger be­ab­sich­tig­te Er­werb von Na­tri­um-Pen­to­bar­bi­tal be­darf ei­ner Er­laub­nis nach § 3 BtMG (a)). § 5 Abs. 1 Nr. 6 BtMG schlie­ßt die Er­tei­lung ei­ner Er­werbs­er­laub­nis zum Zweck der Selbst­tö­tung grund­sätz­lich aus (b)).

11 a) Ge­mäß § 3 Abs. 1 Nr. 1 letz­te Alt. BtMG be­darf ei­ner Er­laub­nis des Bun­des­in­sti­tu­tes für Arz­nei­mit­tel und Me­di­zin­pro­duk­te, wer Be­täu­bungs­mit­tel er­wer­ben will. Be­täu­bungs­mit­tel im Sin­ne die­ses Ge­set­zes sind die in den An­la­gen I bis III auf­ge­führ­ten Stof­fe und Zu­be­rei­tun­gen (§ 1 Abs. 1 BtMG). Der Stoff Pen­to­bar­bi­tal ist in der An­la­ge III auf­ge­führt, die die ver­kehrs­fä­hi­gen und ver­schrei­bungs­fä­hi­gen Be­täu­bungs­mit­tel be­zeich­net. Des­sen Salz Na­tri­um-Pen­to­bar­bi­tal ist eben­falls ein Be­täu­bungs­mit­tel im Sin­ne des Ge­set­zes (vgl. am En­de der An­la­ge III, vor­letz­ter Spie­gel­strich). Ei­ne Aus­nah­me von der Er­laub­nis­pflicht nach § 4 BtMG liegt nicht vor (vgl. BVer­wG, Ur­teil vom 28. Mai 2019 - 3 C 6.17 -‌ Buch­holz 418.35 § 5 BtMG Nr. 1 Rn. 10 f.).

12 b) Ge­mäß § 5 Abs. 1 Nr. 6 BtMG ist die Er­laub­nis nach § 3 BtMG zu ver­sa­gen, wenn die Art und der Zweck des be­an­trag­ten Ver­kehrs nicht mit dem Zweck die­ses Ge­set­zes, die not­wen­di­ge me­di­zi­ni­sche Ver­sor­gung der Be­völ­ke­rung si­cher­zu­stel­len, da­ne­ben aber den Miss­brauch von Be­täu­bungs­mit­teln oder die miss­bräuch­li­che Her­stel­lung aus­ge­nom­me­ner Zu­be­rei­tun­gen so­wie das Ent­ste­hen oder Er­hal­ten ei­ner Be­täu­bungs­mit­tel­ab­hän­gig­keit so­weit wie mög­lich aus­zu­schlie­ßen, ver­ein­bar ist. Der Er­werb ei­nes Be­täu­bungs­mit­tels zur Selbst­tö­tung ist grund­sätz­lich nicht mit dem Zweck des Ge­set­zes ver­ein­bar, die not­wen­di­ge me­di­zi­ni­sche Ver­sor­gung der Be­völ­ke­rung si­cher­zu­stel­len. Me­di­zi­ni­sche Ver­sor­gung im Sin­ne der Vor­schrift meint die An­wen­dung ei­nes Be­täu­bungs­mit­tels zur Hei­lung oder Lin­de­rung von Krank­hei­ten oder krank­haf­ten Be­schwer­den. Ei­ne sol­che the­ra­peu­ti­sche Ziel­rich­tung hat die Be­en­di­gung des ei­ge­nen Le­bens grund­sätz­lich nicht (BVer­wG, Ur­tei­le vom 2. März 2017 - 3 C 19.15 - BVer­w­GE 158, 142 Rn. 20 f. und vom 28. Mai 2019 - 3 C 6.17 - Buch­holz 418.35 § 5 BtMG Nr. 1 Rn. 13 ff.). Ge­gen die­ses Aus­le­gungs­er­geb­nis spricht nicht, dass das Be­täu­bungs­mit­tel­ge­setz die Er­laub­nis­fä­hig­keit des Er­werbs von Be­täu­bungs­mit­teln zum Zweck der Selbst­tö­tung nicht aus­drück­lich re­gelt und § 5 Abs. 1 Nr. 6 BtMG nach sei­nem Wort­laut kein Er­for­der­nis ei­ner the­ra­peu­ti­schen Ziel­rich­tung der Be­täu­bungs­mit­tel­an­wen­dung ent­hält. Es gibt kei­ne An­halts­punk­te, dass der Norm­ge­ber mit dem Be­griff der me­di­zi­ni­schen Ver­sor­gung nicht auf das tra­dier­te Ver­ständ­nis der ärzt­li­chen Be­hand­lung ab­stel­len will (BVer­wG, Ur­tei­le vom 2. März 2017 - 3 C 19.15 - a. a. O. und vom 28. Mai 2019 - 3 C 6.17 - a. a. O. Rn. 15 f. m. w. N.; VG Köln, Be­schluss vom 19. No­vem­ber 2019 - 7 K 8560/18 -‌ ju­ris Rn. 45).

13 Aus dem Ur­teil des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts vom 26. Fe­bru­ar 2020 - 2 BvR 2347/15 u. a. -, mit dem es Ver­fas­sungs­be­schwer­den ge­gen das in § 217 StGB (i. d. F. des Ge­set­zes vom 3. De­zem­ber 2015 <BGBl. I S. 2177>) nor­mier­te Ver­bot der ge­schäfts­mä­ßi­gen För­de­rung der Selbst­tö­tung statt­ge­ge­ben hat, er­gibt sich in­so­weit nichts Ab­wei­chen­des. Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat dort fest­ge­stellt, dass § 217 StGB das all­ge­mei­ne Per­sön­lich­keits­recht (Art. 2 Abs. 1 i. V. m. Art. 1 Abs. 1 GG) von zur Selbst­tö­tung ent­schlos­se­nen Men­schen in sei­ner Aus­prä­gung als Recht auf selbst­be­stimm­tes Ster­ben ver­letzt (BVerf­GE 153, 182 Rn. 202 ff.). Zu § 3 Abs. 1 Nr. 1 i. V. m. § 5 Abs. 1 Nr. 6 BtMG und zur Aus­le­gung des be­täu­bungs­mit­tel­recht­li­chen Be­griffs der me­di­zi­ni­schen Ver­sor­gung hat sich das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt nicht ver­hal­ten (vgl. a. a. O. Rn. 338 ff.). Das gilt auch für die Ent­schei­dung vom 20. Mai 2020 - 1 BvL 2/20 u. a. -, durch die die Zwei­te Kam­mer des Ers­ten Se­nats die Un­zu­läs­sig­keit meh­re­rer Vor­la­ge­be­schlüs­se des Ver­wal­tungs­ge­richts Köln fest­ge­stellt hat, die den Zu­gang zu Be­täu­bungs­mit­teln oh­ne ärzt­li­che Ver­schrei­bung zum Zweck der Selbst­tö­tung be­tra­fen (BVerfG, Kam­mer­be­schluss vom 20. Mai 2020 - 1 BvL 2/20 u. a. -‌ NJW 2020, 2394 Rn. 14), und den Be­schluss vom 10. De­zem­ber 2020, mit dem die Ver­fas­sungs­be­schwer­de ge­gen das Ur­teil des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts vom 28. Mai 2019 - 3 C 6.17 - nicht zur Ent­schei­dung an­ge­nom­men wur­de, weil sie in­fol­ge des Ur­teils vom 26. Fe­bru­ar 2020 - 2 BvR 2347/15 u. a. - un­zu­läs­sig ge­wor­den sei (BVerfG, Kam­mer­be­schluss vom 10. De­zem­ber 2020 - 1 BvR 1837/19 - NJW 2021, 1086).

14 2. Die Ver­sa­gung der Er­laub­nis ver­letzt den Klä­ger nicht in sei­nen Grund­rech­ten.

15 § 3 Abs. 1 Nr. 1 i. V. m. § 5 Abs. 1 Nr. 6 BtMG ist in der dar­ge­leg­ten Aus­le­gung mit hö­her­ran­gi­gem Recht ver­ein­bar. Zwar greift das Ver­bot, Be­täu­bungs­mit­tel ein­schlie­ß­lich Na­tri­um-Pen­to­bar­bi­tal zum Zweck der Selbst­tö­tung zu er­wer­ben, in das durch Art. 2 Abs. 1 i. V. m. Art. 1 Abs. 1 GG ge­schütz­te Recht auf selbst­be­stimm­tes Ster­ben ein (a) und b)). Der Grund­rechts­ein­griff ist aber ge­recht­fer­tigt (c)). In Be­zug auf den Klä­ger er­gibt sich nichts Ab­wei­chen­des (d)). Da­nach ist der gel­tend ge­mach­te An­spruch auch nicht aus­nahms­wei­se un­ter dem Ge­sichts­punkt ei­ner ex­tre­men Not­la­ge be­grün­det (e)). Die­se Be­wer­tung steht im Ein­klang mit der Eu­ro­päi­schen Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on (f)).

16 a) Das all­ge­mei­ne Per­sön­lich­keits­recht (Art. 2 Abs. 1 i. V. m. Art. 1 Abs. 1 GG) in sei­ner Aus­prä­gung als Recht auf selbst­be­stimm­tes Ster­ben er­streckt sich auch auf die Ent­schei­dung, sein Le­ben ei­gen­hän­dig be­wusst und ge­wollt zu be­en­den (BVerfG, Ur­teil vom 26. Fe­bru­ar 2020 - 2 BvR 2347/15 u. a. - BVerf­GE 153, 182 Rn. 204 ff.). Das Recht, sich selbst zu tö­ten, stellt si­cher, dass der Ein­zel­ne über sich ent­spre­chend dem ei­ge­nen Selbst­bild au­to­nom be­stim­men und da­mit sei­ne Per­sön­lich­keit wah­ren kann. Die­ses Recht ist nicht auf fremd­de­fi­nier­te Si­tua­tio­nen be­schränkt, ins­be­son­de­re nicht auf schwe­re oder un­heil­ba­re Krank­heits­zu­stän­de oder be­stimm­te Le­bens- und Krank­heits­pha­sen. Die frei­ver­ant­wort­li­che Ent­schei­dung des Ein­zel­nen, dem ei­ge­nen Le­ben ent­spre­chend sei­nem Ver­ständ­nis von Le­bens­qua­li­tät und Sinn­haf­tig­keit der ei­ge­nen Exis­tenz ei­gen­hän­dig ein En­de zu set­zen, be­darf kei­ner wei­te­ren Be­grün­dung oder Recht­fer­ti­gung. Sie ist im Aus­gangs­punkt als Akt au­to­no­mer Selbst­be­stim­mung von Staat und Ge­sell­schaft zu re­spek­tie­ren (BVerfG, Ur­teil vom 26. Fe­bru­ar 2020 - 2 BvR 2347/15 u a. - a. a. O. Rn. 209 f.).

17 Art. 2 Abs. 1 i. V. m. Art. 1 Abs. 1 GG schützt da­mit im Aus­gangs­punkt nicht nur die Frei­heit des Ein­zel­nen, selbst­be­stimmt zu ent­schei­den, ob er sein Le­ben be­en­den möch­te, son­dern auch, wann und wie das ge­sche­hen soll. Das schlie­ßt die Wahl ei­nes Mit­tels ein, mit dem er sei­nen Selbst­tö­tungs­ent­schluss um­set­zen möch­te. Ge­schützt ist da­her auch die Frei­heit, hier­zu ein tat­säch­lich ver­füg­ba­res Be­täu­bungs­mit­tel wie Na­tri­um-Pen­to­bar­bi­tal zu er­wer­ben.

18 b) Der Er­laub­nis­vor­be­halt für den Er­werb von Be­täu­bungs­mit­teln ge­mäß § 3 Abs. 1 Nr. 1 BtMG in Ver­bin­dung mit der zwin­gen­den Ver­sa­gung ei­ner sol­chen Er­laub­nis für den Er­werb zum Zweck der Selbst­tö­tung ge­mäß § 5 Abs. 1 Nr. 6 BtMG schränkt die­se Frei­heit ein. Men­schen, die frei­ver­ant­wort­lich ent­schie­den ha­ben, sich mit­hil­fe von Na­tri­um-Pen­to­bar­bi­tal tö­ten zu wol­len, kön­nen ih­ren Ent­schluss oh­ne Zu­gang zu die­sem Be­täu­bungs­mit­tel nicht in der ge­wünsch­ten Wei­se um­set­zen (so be­reits BVer­wG, Ur­teil vom 2. März 2017 - 3 C 19.15 -‌ BVer­w­GE 158, 142 Rn. 26). Ei­ne al­ter­na­ti­ve Zu­gangs­mög­lich­keit be­steht bei rea­lis­ti­scher Be­trach­tungs­wei­se nicht (vgl. hier­zu noch un­ter c) cc) (2) (a) (aa)).

19 c) Der von § 3 Abs. 1 Nr. 1 i. V. m. § 5 Abs. 1 Nr. 6 BtMG aus­ge­hen­de Ein­griff in das all­ge­mei­ne Per­sön­lich­keits­recht ist ge­recht­fer­tigt. Die ge­setz­li­che Re­ge­lung ge­nügt den ver­fas­sungs­recht­li­chen An­for­de­run­gen an die Ver­hält­nis­mä­ßig­keit (vgl. zum Maß­stab BVerfG, Ur­teil vom 26. Fe­bru­ar 2020 - 2 BvR 2347/15 u. a. -‌ BVerf­GE 153, 182 Rn. 223); im Üb­ri­gen ist ih­re Ver­ein­bar­keit mit dem Grund­ge­setz nicht zwei­fel­haft. Sie dient le­gi­ti­men Zwe­cken (aa)), zu de­ren Er­rei­chung sie ge­eig­net und er­for­der­lich ist (bb)). Sie ist an­ge­sichts der Mög­lich­keit, das ei­ge­ne Le­ben ärzt­lich be­glei­tet durch An­wen­dung ver­schrei­bungs­pflich­ti­ger Arz­nei­mit­tel zu be­en­den, auch an­ge­mes­sen und da­mit ver­hält­nis­mä­ßig im en­ge­ren Sin­ne (cc)).

20 aa) Das Be­täu­bungs­mit­tel­ge­setz ver­folgt mit dem Ver­bot, Be­täu­bungs­mit­tel zur Selbst­tö­tung zu er­wer­ben, le­gi­ti­me Zwe­cke.

21 (1) Das Ver­bot dient dem Ziel, Miss- und Fehl­ge­brauch von töd­lich wir­ken­den Be­täu­bungs­mit­teln zu ver­hin­dern.

22 Der Ge­setz­ge­ber misst ver­schrei­bungs­fä­hi­gen Be­täu­bungs­mit­teln ei­ne grö­ße­re Ge­fähr­lich­keit bei als Arz­nei­mit­teln (vgl. Ent­wurf ei­nes Ge­set­zes zur Neu­ord­nung des Be­täu­bungs­mit­tel­rechts, BT-Drs. 8/3551 S. 29) und hat den Ver­kehr mit ih­nen da­her jen­seits des Arz­nei­mit­tel­rechts (§ 81 des Arz­nei­mit­tel­ge­set­zes <AMG>) ei­ner ge­son­der­ten Re­gu­lie­rung un­ter­wor­fen. Die Ge­fah­ren für Le­ben und Ge­sund­heit von Men­schen durch Miss- und Fehl­ge­brauch von Be­täu­bungs­mit­teln mit den Ei­gen­schaf­ten von Na­tri­um-Pen­to­bar­bi­tal sind we­gen ih­rer töd­li­chen Wir­kung und ein­fa­chen An­wend­bar­keit be­son­ders groß. Zur Selbst­tö­tung er­wor­be­ne Be­täu­bungs­mit­tel kön­nen, wenn sie nicht si­cher ver­wahrt wer­den, in die Hän­de Drit­ter, z. B. an­de­rer Haus­halts­an­ge­hö­ri­ger, ge­lan­gen und in der Fol­ge von Per­so­nen und für Zwe­cke an­ge­wen­det wer­den, für die sie nicht be­stimmt sind. Ge­fah­rer­hö­hend wirkt es, wenn Ster­be­wil­li­ge das Be­täu­bungs­mit­tel nicht so­fort ver­wen­den möch­ten und es län­ge­re Zeit zu­hau­se ver­wah­ren. Die Ge­fahr ei­nes Fehl­ge­brauchs be­steht auch für die Ster­be­wil­li­gen selbst, et­wa auf­grund von Ver­wechs­lung des Mit­tels oder - bei län­ge­rer Be­vor­ra­tung - weil sich tat­säch­li­che Än­de­run­gen er­ge­ben ha­ben kön­nen, die die Frei­ver­ant­wort­lich­keit des Selbst­tö­tungs­ent­schlus­ses in Fra­ge stel­len. Zu­dem kön­nen als Sui­zid­mit­tel in den Ver­kehr ge­brach­te Be­täu­bungs­mit­tel auf al­len Stu­fen des Ver­triebs­wegs in den Be­sitz un­be­fug­ter Per­so­nen ge­lan­gen. Bei Er­mög­li­chung des Er­werbs von Na­tri­um-Pen­to­bar­bi­tal zur Selbst­tö­tung ent­steht ne­ben dem be­stehen­den Ver­trieb als Mit­tel zur Ein­schlä­fe­rung von Tie­ren in der Ve­te­ri­när­me­di­zin ei­ne zwei­te Lie­fer­ket­te, die zu­sätz­li­che Ge­fah­ren schafft.

23 Die an­ge­nom­me­ne Ge­fah­ren­la­ge hat ei­ne hin­rei­chend trag­fä­hi­ge Grund­la­ge. Es ist kei­ne un­rea­lis­ti­sche Ein­schät­zung, dass Maß­nah­men zur si­che­ren Ver­wah­rung und ge­gen un­be­fug­te Ent­nah­me nicht stets und zu­ver­läs­sig er­grif­fen und ein­ge­hal­ten wer­den. Eben­so ist es plau­si­bel, dass bei län­ge­ren Be­vor­ra­tun­gen von zur Selbst­tö­tung er­wor­be­nen Be­täu­bungs­mit­teln Ri­si­ken für ei­ne frei­ver­ant­wort­li­che Selbst­tö­tungs­ent­schei­dung auf­tre­ten kön­nen (vgl. zum Ri­si­ko ei­ner De­pres­si­on: BVerfG, Ur­teil vom 26. Fe­bru­ar 2020 - 2 BvR 2347/15 u. a. -‌ BVerf­GE 153, 182 Rn. 245).

24 Mit der Ab­wehr die­ser Ge­fah­ren be­zweckt das Be­täu­bungs­mit­tel­ge­setz, Le­ben und Ge­sund­heit der Be­völ­ke­rung zu schüt­zen. Der Le­bens- und Ge­sund­heits­schutz ist ein wich­ti­ger Ge­mein­wohl­be­lang und da­mit ein le­gi­ti­mer Ge­set­zes­zweck (vgl. BVer­wG, Ur­teil vom 2. März 2017 - 3 C 19.15 - BVer­w­GE 158, 142 Rn. 30; BVerfG, Be­schluss vom 19. No­vem­ber 2021 - 1 BvR 781/21 u a. -‌ BVerf­GE 159, 223 Rn. 176 m. w. N.).

25 (2) Das Ver­bot dient zu­dem dem Ziel, Men­schen in vul­ne­ra­bler Po­si­ti­on und Ver­fas­sung vor Ent­schei­dun­gen zu schüt­zen, die sie nicht frei­ver­ant­wort­lich tref­fen (BVer­wG, Ur­teil vom 2. März 2017 - 3 C 19.15 - BVer­w­GE 158, 142 Rn. 30).

26 Zwar ist es kein zu­läs­si­ges ge­setz­ge­be­ri­sches An­lie­gen, den Er­werb von tat­säch­lich ver­füg­ba­ren Be­täu­bungs­mit­teln zur Selbst­tö­tung zu ver­bie­ten, um da­durch die An­zahl frei­ver­ant­wort­li­cher Sui­zi­de ge­ring zu hal­ten (vgl. BVerfG, Ur­teil vom 26. Fe­bru­ar 2020 - 2 BvR 2347/15 u. a. - BVerf­GE 153, 182 Rn. 234 und 277). Le­gi­tim ist aber die Ziel­set­zung, Ge­fah­ren für die freie Wil­lens­bil­dung und die Wil­lens­frei­heit als Vor­aus­set­zun­gen au­to­no­mer Selbst­be­stim­mung über das ei­ge­ne Le­ben ent­ge­gen­zu­wir­ken und hier­durch Le­ben zu schüt­zen (vgl. BVerfG, Ur­teil vom 26. Fe­bru­ar 2020 - 2 BvR 2347/15 u. a. - a. a. O. Rn. 232).

27 Es ist ei­ne ver­tret­ba­re An­nah­me des Ge­setz­ge­bers, die Er­mög­li­chung des Er­werbs von Be­täu­bungs­mit­teln zur Selbst­tö­tung ber­ge Ri­si­ken für die au­to­no­me Selbst­be­stim­mung von Men­schen in vul­ne­ra­bler Po­si­ti­on und Ver­fas­sung. Es ist nicht un­plau­si­bel, dass vul­ne­r­a­ble Per­so­nen, ins­be­son­de­re be­tag­te oder schwer er­krank­te Men­schen, wenn sie ein Mit­tel wie Na­tri­um-Pen­to­bar­bi­tal, mit dem ei­ne Selbst­tö­tung nach den vor­in­stanz­li­chen Fest­stel­lun­gen auf ei­ne schmerz­freie, re­gel­mä­ßig schnel­le und ver­gleichs­wei­se si­che­re Wei­se er­fol­gen kann (vgl. UA S. 22), auf­grund ei­ner be­hörd­li­chen Er­laub­nis er­wer­ben kön­nen, mög­li­cher­wei­se vor­ei­lig die Ent­schei­dung tref­fen, sich selbst zu tö­ten, oder sich zur Selbst­tö­tung ge­drängt füh­len kön­nen (vgl. BVerfG, Ur­teil vom 26. Fe­bru­ar 2020 ‌- 2 BvR 2347/15 u. a. - BVerf­GE 153, 182 Rn. 240 ff., 258 f. <zu Vor­aus­set­zun­gen und Ri­si­ken für ei­ne frei­ver­ant­wort­li­che Sui­zi­dent­schei­dung>).

28 bb) Die Ver­bots­re­ge­lung ist zur Er­rei­chung die­ser Zie­le ge­eig­net (1) und er­for­der­lich (2).

29 (1) Für die Eig­nung ge­nügt be­reits die Mög­lich­keit, durch die ge­setz­li­che Re­ge­lung den Ge­set­zes­zweck zu er­rei­chen. Ei­ne Re­ge­lung ist erst dann nicht mehr ge­eig­net, wenn sie die Er­rei­chung des Ge­set­zes­zwecks in kei­ner Wei­se för­dern kann. Bei der Be­ur­tei­lung der Eig­nung ei­ner Re­ge­lung steht dem Ge­setz­ge­ber ein Spiel­raum zu, der sich auf die Ein­schät­zung und Be­wer­tung der tat­säch­li­chen Ver­hält­nis­se, auf die et­wa er­for­der­li­che Pro­gno­se und auf die Wahl der Mit­tel be­zieht, um die Zie­le des Ge­set­zes zu er­rei­chen (stRspr, vgl. BVerfG, Be­schlüs­se vom 19. No­vem­ber 2021 - 1 BvR 971/21 u. a. - BVerf­GE 159, 355 Rn. 114 und vom 23. März 2022 - 1 BvR 1187/17 - BVerf­GE 161, 63 Rn. 110, je­weils m. w. N.).

30 Das Ver­bot, Be­täu­bungs­mit­tel ein­schlie­ß­lich Na­tri­um-Pen­to­bar­bi­tal zum Zweck der Selbst­tö­tung zu er­wer­ben, ist ein ge­eig­ne­tes In­stru­ment, um den an­ge­streb­ten Rechts­gü­ter­schutz zu­min­dest zu för­dern. Die Ge­fah­ren von Miss- und Fehl­ge­brauch wer­den re­du­ziert, wenn ein sol­cher Er­werb nicht er­laub­nis­fä­hig ist und die Mit­tel nicht in den Ver­kehr ge­lan­gen. Auch kann das Ver­bot den ge­nann­ten Ri­si­ken für ei­ne freie Wil­lens­bil­dung ent­ge­gen­wir­ken und so da­zu bei­tra­gen, die Zahl nicht frei­ver­ant­wort­li­cher Selbst­tö­tun­gen zu ver­rin­gern.

31 (2) Ei­ne Re­ge­lung ist er­for­der­lich, wenn kein an­de­res, gleich wirk­sa­mes, aber das Grund­recht nicht oder we­ni­ger stark ein­schrän­ken­des Mit­tel zur Ver­fü­gung steht. Die sach­li­che Gleich­wer­tig­keit der al­ter­na­ti­ven Maß­nah­men zur Zwecker­rei­chung muss da­für in je­der Hin­sicht ein­deu­tig fest­ste­hen. Bei der Be­ur­tei­lung der Er­for­der­lich­keit ver­fügt der Ge­setz­ge­ber über ei­nen Ein­schät­zungs­spiel­raum (stRspr, vgl. BVerfG, Be­schlüs­se vom 19. No­vem­ber 2021 - 1 BvR 781/21 u. a. - BVerf­GE 159, 223 Rn. 203 f. und vom 29. Sep­tem­ber 2022 - 1 BvR 2380/21 u. a. - BVerf­GE 163, 107 Rn. 115, je­weils m. w. N.).

32 Nach die­sem Maß­stab ist die Ver­bots­re­ge­lung er­for­der­lich. Ein gleich wirk­sa­mes, aber mit ge­rin­ge­ren Grund­rechts­ein­schrän­kun­gen ver­bun­de­nes Mit­tel zur Er­rei­chung der ver­folg­ten Zwe­cke steht nicht zur Ver­fü­gung. Zwar könn­te - als frei­heits­scho­nen­de­re Maß­nah­me - die Er­tei­lung der Er­werbs­er­laub­nis von ei­nem Nach­weis vor­han­de­ner Ein­rich­tun­gen und Vor­keh­run­gen zur si­che­ren Auf­be­wah­rung des Be­täu­bungs­mit­tels ab­hän­gig ge­macht wer­den. Dies wä­re aber kei­ne gleich wirk­sa­me Schutz­maß­nah­me zur Ver­hin­de­rung von Miss- und Fehl­ge­brauch. Es blie­be das Ri­si­ko, dass Si­che­rungs­maß­nah­men nicht stets und zu­ver­läs­sig ein­ge­hal­ten wer­den. Die Er­mög­li­chung des Er­werbs von Na­tri­um-Pen­to­bar­bi­tal zur Selbst­tö­tung auf­grund ärzt­li­cher Ver­schrei­bung wä­re ein we­ni­ger be­las­ten­des, aber kein gleich­wer­ti­ges Mit­tel zur Zwecker­rei­chung. Art und Zweck des Be­täu­bungs­mit­tel­ver­kehrs blie­ben un­ver­än­dert und da­mit auch die dar­ge­leg­ten Ge­fah­ren von Miss- und Fehl­ge­brauch, de­nen mit ei­ner ärzt­li­chen Ver­schrei­bung nicht gleich wirk­sam wie mit ei­nem Er­werbs­ver­bot ent­ge­gen­ge­wirkt wer­den könn­te. Das Über­las­sen von Na­tri­um-Pen­to­bar­bi­tal durch ei­ne ärzt­li­che Per­son zum un­mit­tel­ba­ren Ver­brauch könn­te Ster­be­wil­li­gen den Zu­gang zu dem ge­wünsch­ten Mit­tel er­öff­nen und wä­re - auch wenn ei­ne Be­en­di­gung des ei­ge­nen Le­bens oh­ne ärzt­li­che Be­glei­tung hier­durch nicht er­mög­licht wür­de - in­so­fern ein mil­de­res Mit­tel. Es könn­te die Ge­fah­ren von Miss- und Fehl­ge­brauch re­du­zie­ren, weil die Be­täu­bungs­mit­tel nicht in den Be­sitz der Ster­be­wil­li­gen ge­lan­gen wür­den. Das Mit­tel ist aber nicht in je­der Hin­sicht sach­lich gleich­wer­tig. Zu­dem ver­blie­be die Ge­fah­ren­la­ge, die durch die Er­öff­nung ei­nes zwei­ten Ver­triebs­wegs ge­schaf­fen wird.

33 Der Zweck, nicht frei­ver­ant­wort­li­che Selbst­tö­tun­gen zu ver­hin­dern, könn­te mit­hil­fe ge­setz­lich fest­ge­schrie­be­ner Auf­klä­rungs-, War­te- und Nach­weis­pflich­ten für das be­hörd­li­che Er­laub­nis­ver­fah­ren (vgl. BVerfG, Ur­teil vom 26. Fe­bru­ar 2020 - 2 BvR 2347/15 u. a. - BVerf­GE 153, 182 Rn. 339 f.) ge­för­dert wer­den. Die Maß­nah­me wä­re eben­falls mit Be­las­tun­gen für Sui­zid­wil­li­ge ver­bun­den. Sie wür­de zwar den Zu­gang zu dem ge­wünsch­ten Be­täu­bungs­mit­tel bei Ein­hal­tung der Auf­klä­rungs- und War­te­pflich­ten und bei nach­ge­wie­se­ner Frei­ver­ant­wort­lich­keit des Ster­be­wun­sches er­öff­nen. Doch ist die glei­che Wirk­sam­keit die­ser Maß­nah­me nicht ge­währ­leis­tet. Bei der Fest­stel­lung, ob ein Selbst­tö­tungs­ent­schluss auf ei­nen au­to­nom ge­bil­de­ten, frei­en Wil­len zu­rück­geht, sind Fehl­ein­schät­zun­gen mög­lich.

34 cc) Die durch § 3 Abs. 1 Nr. 1 i. V. m. § 5 Abs. 1 Nr. 6 BtMG be­wirk­ten Ein­schrän­kun­gen für die Selbst­be­stim­mung über das ei­ge­ne Le­bens­en­de sind an­ge­sichts der Mög­lich­keit, das ei­ge­ne Le­ben ärzt­lich be­glei­tet durch An­wen­dung ver­schrei­bungs­pflich­ti­ger Arz­nei­mit­tel zu be­en­den, an­ge­mes­sen und da­mit ver­hält­nis­mä­ßig im en­ge­ren Sin­ne.

35 (1) Die An­ge­mes­sen­heit und da­mit die Ver­hält­nis­mä­ßig­keit im en­ge­ren Sin­ne er­for­dern, dass der mit der Maß­nah­me ver­folg­te Zweck und die zu er­war­ten­de Zwecker­rei­chung nicht au­ßer Ver­hält­nis zu der Schwe­re des Ein­griffs ste­hen (stRspr, vgl. BVerfG, Be­schluss vom 19. No­vem­ber 2021 - 1 BvR 781/21 u. a. -‌ BVerf­GE 159, 223 Rn. 216 m. w. N.). In ei­ner Ab­wä­gung sind Reich­wei­te und Ge­wicht des Ein­griffs in Grund­rech­te ei­ner­seits und die Be­deu­tung der Re­ge­lung für die Er­rei­chung le­gi­ti­mer Zie­le an­de­rer­seits ge­gen­über­zu­stel­len. An­ge­mes­sen ist ei­ne ge­setz­li­che Re­ge­lung dann, wenn bei der Ge­samt­ab­wä­gung zwi­schen der Schwe­re des Ein­griffs und dem Ge­wicht so­wie der Dring­lich­keit der sie recht­fer­ti­gen­den Grün­de die Gren­ze der Zu­mut­bar­keit noch ge­wahrt wird. Da­bei ist ein an­ge­mes­se­ner Aus­gleich zwi­schen dem Ein­griffs­ge­wicht der Re­ge­lung und dem ver­folg­ten Ziel so­wie der zu er­war­ten­den Ziel­er­rei­chung her­zu­stel­len (stRspr, vgl. BVerfG, Be­schluss vom 29. Sep­tem­ber 2022 - 1 BvR 2380/21 u. a. - BVerf­GE 163, 107 Rn. 119 m. w. N; BVer­wG, Ur­tei­le vom 22. No­vem­ber 2022 - 3 CN 1.21 - BVer­w­GE 177, 60 Rn. 75 und vom 21. Ju­ni 2023 ‌- 3 CN 1.22 - NVwZ 2023, 1840 Rn. 44).

36 (2) Der mit der Ver­bots­re­ge­lung ver­folg­te Zweck und die zu er­war­ten­de Zwecker­rei­chung (b) ste­hen nicht au­ßer Ver­hält­nis (c) zu der Schwe­re des Ein­griffs in das Recht auf Selbst­tö­tung (a).

37 (a) Die Ein­schrän­kun­gen der Selbst­be­stim­mung über das ei­ge­ne Le­bens­en­de durch das Ver­bot, Na­tri­um-Pen­to­bar­bi­tal zum Zweck der Selbst­tö­tung zu er­wer­ben, ha­ben Ge­wicht (aa), das al­ler­dings da­durch ge­min­dert wird, dass es für Ster­be­wil­li­ge an­de­re Mög­lich­kei­ten gibt, ih­ren Ent­schluss zur Selbst­tö­tung um­zu­set­zen (bb). Die­se Al­ter­na­ti­ven sind für die Ster­be­wil­li­gen mit Be­las­tun­gen ver­bun­den (cc).

38 (aa) Für Men­schen, die frei­ver­ant­wort­lich ent­schie­den ha­ben, sich tö­ten zu wol­len, stellt das Ver­bot, Na­tri­um-Pen­to­bar­bi­tal zu er­wer­ben, ei­ne er­heb­li­che Be­las­tung dar.

39 Nach den für das Re­vi­si­ons­ver­fah­ren ver­bind­li­chen tat­säch­li­chen Fest­stel­lun­gen des Ober­ver­wal­tungs­ge­richts er­mög­licht Na­tri­um-Pen­to­bar­bi­tal ei­ne schmerz­freie, re­gel­mä­ßig schnel­le und weit­ge­hend ri­si­ko­freie Selbst­tö­tung (UA S. 22 und 33). Die An­wen­dung des Mit­tels ist ver­gleichs­wei­se ein­fach. Mit der Ein­nah­me ei­ner re­la­tiv ge­rin­gen Men­ge (15 g), die sich gut in ei­nem Glas Was­ser auf­lö­sen lässt, kön­nen ein Tief­schlaf und nach kur­zer Zeit (30 bis 60 Mi­nu­ten) der Tod durch Atem­still­stand her­bei­ge­führt wer­den (vgl. UA S. 28, 33 mit der Be­zug­nah­me auf Fest­stel­lun­gen und Er­kennt­nis­mit­tel des Ver­wal­tungs­ge­richts <s. VG-UA S. 25 mit Ver­weis auf die Stel­lung­nah­men von Dr. med. de Rid­der vom 29. Ok­to­ber 2020 und des Ver­eins Ster­be­hil­fe vom 12. Ok­to­ber 2020>).

40 Ei­ne an­de­re Mög­lich­keit, in Deutsch­land Zu­gang zu Na­tri­um-Pen­to­bar­bi­tal zum Zweck der Selbst­tö­tung zu er­hal­ten, als ei­nen vom Bun­des­in­sti­tut für Arz­nei­mit­tel und Me­di­zin­pro­duk­te er­laub­ten Er­werb, ha­ben Ster­be­wil­li­ge bei rea­lis­ti­scher Be­trach­tung nicht. Ob ge­mäß § 13 Abs. 1 Satz 1 BtMG ei­ne ärzt­li­che Ver­schrei­bung von Na­tri­um-Pen­to­bar­bi­tal oder ein Über­las­sen zum un­mit­tel­ba­ren Ver­brauch an Ster­be­wil­li­ge zu­läs­sig sein kann, hat der Se­nat bis­lang of­fen­ge­las­sen. Frag­lich ist in­so­weit, ob bzw. un­ter wel­chen Vor­aus­set­zun­gen die An­wen­dung ei­nes in An­la­ge III be­zeich­ne­ten Be­täu­bungs­mit­tels zur Selbst­tö­tung "be­grün­det" im Sin­ne der Vor­schrift sein kann (vgl. BVer­wG, Ur­teil vom 2. März 2017 - 3 C 19.15 - BVer­w­GE 158, 142 Rn. 16 und 35; s. zum Streit­stand z. B. Oğlakcıoğlu, in: Mün­che­ner Kom­men­tar zum StGB, 4. Aufl. 2022, § 3 BtMG Rn. 35, § 13 BtMG Rn. 31 ff.; Patzak, in: ders./Volk­mer/​Fa­bri­ci­us, BtMG, 10. Aufl. 2022, § 13 Rn. 17 und § 29 Rn. 1137; Schnorr, NStZ 2021, 76 <77>; We­ber, in: ders./Korn­probst/​Mai­er, BtMG, 6. Aufl. 2021, § 13 Rn. 24). Un­ge­ach­tet sei­ner recht­li­chen Zu­läs­sig­keit dürf­te der Zu­gang für die Ster­be­wil­li­gen tat­säch­lich nicht zu er­rei­chen sein. Ei­ne ärzt­li­che Per­son, die ent­ge­gen § 13 Abs. 1 BtMG Be­täu­bungs­mit­tel ver­schreibt oder zum un­mit­tel­ba­ren Ver­brauch über­lässt, macht sich straf­bar (§ 29 Abs. 1 Nr. 6 BtMG) und ge­fähr­det ih­re Ap­pro­ba­ti­on. An­ge­sichts die­ser Ri­si­ken kann von ei­ner in­di­vi­du­el­len ärzt­li­chen Be­reit­schaft, an ei­ner Selbst­tö­tung durch Ver­schrei­ben oder Über­las­sen von Na­tri­um-Pen­to­bar­bi­tal mit­zu­wir­ken, bei rea­lis­ti­scher Be­trach­tungs­wei­se nicht aus­ge­gan­gen wer­den. Die Fra­gen müs­sen hier nicht ab­schlie­ßend ge­klärt wer­den. Auch bei An­nah­me ei­ner Ein­griffs­in­ten­si­vie­rung, weil Na­tri­um-Pen­to­bar­bi­tal für die Ster­be­wil­li­gen nicht auf an­de­rem We­ge er­hält­lich ist, liegt - wie nach­ste­hend dar­ge­legt - kei­ne Grund­rechts­ver­let­zung vor.

41 (bb) Nach den im Be­ru­fungs­ur­teil ge­trof­fe­nen tat­säch­li­chen Fest­stel­lun­gen be­steht für die Ster­be­wil­li­gen die Mög­lich­keit, über ei­ne ärzt­li­che Per­son (β) Zu­gang zu ver­schrei­bungs­pflich­ti­gen Arz­nei­mit­teln (α) zu er­hal­ten, mit de­nen ei­ne Selbst­tö­tung durch­ge­führt wer­den kann.

42 (α) Da­nach kön­nen die Ster­be­wil­li­gen zur Selbst­tö­tung ei­ne Kom­bi­na­ti­on von ver­schrei­bungs­pflich­ti­gen Arz­nei­mit­teln ver­wen­den. Hier­bei wer­den - wie sich den vom Ober­ver­wal­tungs­ge­richt in Be­zug ge­nom­me­nen ver­wal­tungs­ge­richt­li­chen Fest­stel­lun­gen und Er­kennt­nis­mit­teln ent­neh­men lässt - ein Arz­nei­mit­tel ge­gen Übel­keit und Er­bre­chen, ein töd­lich wir­ken­des Mit­tel und ein Tief­schlaf­mit­tel ein­ge­nom­men. Da­mit kön­nen Ster­be­wil­li­ge ih­ren Tod durch Atem- oder Herz­still­stand in­ner­halb we­ni­ger Stun­den (ein­ein­halb bis vier) und im Tief­schlaf her­bei­füh­ren. Die Ta­blet­ten kön­nen zer­mör­sert z. B. in Frucht­jo­ghurt oder Ap­fel­mus ein­ge­rührt oder in ei­ner Flüs­sig­keit auf­ge­löst wer­den (Trink­men­ge: drei Glä­ser). Die Mit­tel er­mög­li­chen ei­ne schmerz­freie Selbst­tö­tung. Ein er­heb­lich er­höh­tes Ri­si­ko von Kom­pli­ka­tio­nen be­steht nicht (vgl. UA S. 33 f.; zu der in Be­zug ge­nom­me­nen Aus­wer­tung der ein­ge­hol­ten Aus­künf­te <UA S. 28>: VG-UA S. 20 f.; Stel­lung­nah­men von Dr. med. de Rid­der vom 29. Ok­to­ber 2020 und des Ver­eins Ster­be­hil­fe vom 12. Ok­to­ber 2020).

43 Da­ne­ben gibt es - wie das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt wei­ter fest­ge­stellt hat - mit dem ver­schrei­bungs­pflich­ti­gen Arz­nei­mit­tel Thio­pen­tal ein an­de­res Bar­bi­turat, das zur Selbst­tö­tung ein­ge­setzt wer­den kann und - teil­wei­se er­gänzt um ein mus­kel­re­la­xie­ren­des Mit­tel - in­tra­ve­nös an­ge­wen­det wird (UA S. 33 f.). Thio­pen­tal weist hin­sicht­lich Wirk­wei­se und Ri­si­ken kei­ne we­sent­li­chen Un­ter­schie­de zu Na­tri­um-Pen­to­bar­bi­tal auf. Bei den von der Deut­schen Ge­sell­schaft für Hu­ma­nes Ster­ben e. V. ver­mit­tel­ten Ster­be­be­glei­tun­gen war es im Zeit­punkt der Ent­schei­dung des Ober­ver­wal­tungs­ge­richts seit dem Früh­jahr 2020 in mehr als 120 Fäl­len ver­wen­det wor­den (UA S. 34).

44 (β) Ver­schrei­bungs­pflich­ti­ge Arz­nei­mit­tel dür­fen nur auf­grund ei­ner ärzt­li­chen Ver­schrei­bung von Apo­the­ken an End­ver­brau­cher ab­ge­ge­ben wer­den (vgl. § 43 Abs. 3, § 48 AMG, § 1 der Arz­nei­mit­tel­ver­schrei­bungs­ver­or­d­n­u­ng) oder ih­nen nur von ei­ner ärzt­li­chen Per­son zur un­mit­tel­ba­ren An­wen­dung über­las­sen wer­den. Nach den be­ru­fungs­ge­richt­li­chen Fest­stel­lun­gen ha­ben Ster­be­wil­li­ge die Mög­lich­keit, über ei­ne Ärz­tin oder ei­nen Arzt Zu­gang zu den un­ter (α) be­zeich­ne­ten Arz­nei­mit­teln zu er­hal­ten. Es ge­be in Deutsch­land ei­nen Kreis von ärzt­li­chen Per­so­nen, die be­reit sei­en, an ei­ner Selbst­tö­tung durch Ver­schrei­ben oder Über­las­sen der be­nö­tig­ten Arz­nei­mit­tel as­sis­tie­rend mit­zu­wir­ken (UA S. 29, 31). Wie das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt wei­ter fest­ge­stellt hat, ha­ben meh­re­re Or­ga­ni­sa­tio­nen die Ver­mitt­lung von zur Sui­zid­hil­fe be­rei­ten Ärz­tin­nen und Ärz­ten wie­der­auf­ge­nom­men, nach­dem das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt mit Ur­teil vom 26. Fe­bru­ar 2020 das in § 217 StGB nor­mier­te Ver­bot der ge­schäfts­mä­ßi­gen För­de­rung der Selbst­tö­tung für nich­tig er­klärt hat­te (UA S. 30 f.). An die­se Fest­stel­lun­gen ist der Se­nat ge­mäß § 137 Abs. 2 Vw­GO ge­bun­den; zu­läs­si­ge und be­grün­de­te Re­vi­si­ons­grün­de hat der Klä­ger in­so­weit nicht vor­ge­bracht. Sein Vor­trag, die be­ru­fungs­ge­richt­li­chen Fest­stel­lun­gen zur Mög­lich­keit, ei­ne zur Sui­zid­hil­fe be­rei­te ärzt­li­che Per­son zu fin­den, gin­gen an den tat­säch­li­chen Le­bens­ver­hält­nis­sen vor­bei, ge­nügt nicht den An­for­de­run­gen an die Dar­le­gung ei­nes Ver­fah­rens­man­gels (vgl. § 139 Abs. 3 Satz 4 Vw­GO).

45 Das ärzt­li­che Be­rufs­recht sieht kein aus­drück­li­ches Ver­bot ärzt­li­cher Sui­zid­hil­fe mehr vor. In der von der Bun­des­ärz­te­kam­mer er­las­se­nen - nicht rechts­ver­bind­li­chen - Mus­ter­be­rufs­ord­nung für die in Deutsch­land tä­ti­gen Ärz­tin­nen und Ärz­te (MBO-Ä) ist zu­rück­ge­hend auf ei­nen Be­schluss des 124. Deut­schen Ärz­te­tags 2021 der Re­ge­lungs­vor­schlag des § 16 Satz 3 MBO-Ä auf­ge­ho­ben wor­den, der ein aus­drück­li­ches Ver­bot ärzt­li­cher Sui­zid­hil­fe vor­ge­se­hen hat­te (UA S. 29). Die­je­ni­gen Lan­des­ärz­te­kam­mern, die ein sol­ches Ver­bot oder zu­min­dest ei­ne "Soll-Vor­schrift" in ih­re als Sat­zung er­las­se­nen Be­rufs­ord­nun­gen auf­ge­nom­men hat­ten (vgl. BVerfG, Ur­teil vom 26. Fe­bru­ar 2020 - 2 BvR 2347/15 u. a. -‌ BVerf­GE 153, 182 Rn. 293), sind der Mus­ter­be­rufs­ord­nung ge­folgt und ha­ben die Re­ge­lung auf­ge­ho­ben (vgl. UA S. 30 <Ber­lin, Bre­men, Sach­sen, Thü­rin­gen>; nach Er­ge­hen des Be­ru­fungs­ur­teils: Bran­den­burg, Ham­burg, Hes­sen, Meck­len­burg-Vor­pom­mern, Nie­der­sach­sen, Saar­land, West­fa­len-Lip­pe) oder für nicht an­wend­bar er­klärt (Nord­rhein).

46 Ei­ne ärzt­li­che Ver­schrei­bung oder Über­las­sung von Arz­nei­mit­teln zum Zweck der Selbst­tö­tung ist arz­nei­mit­tel­recht­lich zu­läs­sig. Ei­ne An­wen­dung von Arz­nei­mit­teln au­ßer­halb der zu­ge­las­se­nen In­di­ka­ti­on und emp­foh­le­nen Do­sie­rung ("off-la­bel-use") wird durch das Arz­nei­mit­tel­ge­setz nicht ver­bo­ten (vgl. VG-UA S. 21; OVG Lü­ne­burg, Ur­teil vom 11. Mai 2015 - 8 LC 123/14 - ju­ris Rn. 37; Schnorr, NStZ 2021, 76 <78>).

47 (cc) Die­se Al­ter­na­ti­ven sind für die Ster­be­wil­li­gen mit Be­las­tun­gen ver­bun­den.

48 (α) Sie müs­sen ei­ne ärzt­li­che Per­son fin­den, die be­reit ist, die not­wen­di­ge phar­ma­ko­lo­gi­sche und - ge­ge­be­nen­falls - me­di­zi­ni­sche Un­ter­stüt­zung zu leis­ten. Das kann schwie­rig sein, weil Ärz­tin­nen und Ärz­te nicht ver­pflich­tet sind, Hil­fe zur Selbst­tö­tung zu leis­ten (vgl. BVerfG, Ur­teil vom 26. Fe­bru­ar 2020 - 2 BvR 2347/15 u. a. - BVerf­GE 153, 182 Rn. 289), und weil - wie das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt fest­ge­stellt hat - wei­ter­hin die Mehr­heit un­ter ih­nen auf­grund ih­res Selbst­ver­ständ­nis­ses nicht zur Sui­zid­hil­fe be­reit sein dürf­te (UA S. 28 f.). Die Ster­be­wil­li­gen kön­nen sich bei der Su­che al­ler­dings durch Or­ga­ni­sa­tio­nen hel­fen las­sen, die - wie ge­zeigt - die Ver­mitt­lung von zur Sui­zid­hil­fe be­rei­ten Ärz­tin­nen und Ärz­ten wie­der­auf­ge­nom­men ha­ben. Da­nach be­steht die rea­lis­ti­sche Aus­sicht, dass sie bei ei­ner ak­ti­ven, auch an­de­re Bun­des­län­der in den Blick neh­men­den Su­che (vgl. BVerfG, Kam­mer­be­schluss vom 10. De­zem­ber 2020 - 1 BvR 1837/19 - NJW 2021, 1086 Rn. 7) ei­ne zur Sui­zid­hil­fe be­rei­te ärzt­li­che Per­son fin­den.

49 (β) Es ist da­von aus­zu­ge­hen, dass sich ei­ne ärzt­li­che Per­son im Vor­feld ei­ner Un­ter­stüt­zung zur Selbst­tö­tung ver­ge­wis­sern wird, dass der Ent­schluss des Ster­be­wil­li­gen, sein Le­ben be­en­den zu wol­len, auf ei­ne frei­ver­ant­wort­lich ge­trof­fe­ne Ent­schei­dung zu­rück­geht. Das kann ins­be­son­de­re für Ster­be­wil­li­ge be­las­tend sein, die - wie der Klä­ger - ih­ren Selbst­tö­tungs­ent­schluss oh­ne Hil­fe ei­ner frem­den ärzt­li­chen Per­son um­set­zen möch­ten. Sie müs­sen sich ge­gen­über ei­ner ih­nen nicht oder nicht sehr ver­trau­ten Per­son über ei­ne höchst­per­sön­li­che An­ge­le­gen­heit er­klä­ren und Aus­kunft ge­ben. Be­steht die an­ge­bo­te­ne Un­ter­stüt­zung in ei­ner Arz­nei­mit­tel­über­las­sung zum un­mit­tel­ba­ren Ver­brauch und nicht in ei­ner Ver­schrei­bung, er­hal­ten die Ster­be­wil­li­gen die Mit­tel an­ders als beim an­ge­streb­ten Er­werb von Na­tri­um-Pen­to­bar­bi­tal nicht zur frei­en Ver­fü­gung; sie müs­sen mit der ärzt­li­chen Per­son ei­nen Ter­min für die Um­set­zung der Selbst­tö­tung ver­ein­ba­ren. Ei­ne zu­sätz­li­che Er­schwer­nis kann für die Ster­be­wil­li­gen ent­ste­hen, wenn sich die ärzt­li­che Per­son am fest­ge­leg­ten Ter­min ver­ge­wis­sern möch­te, dass die Ernst­haf­tig­keit und Dau­er­haf­tig­keit des Selbst­tö­tungs­wil­lens fort­be­stehen. Wei­te­re Er­schwer­nis­se kön­nen sich bei der In­an­spruch­nah­me ei­ner Or­ga­ni­sa­ti­on zur Ver­mitt­lung von zur Sui­zid­hil­fe be­rei­ten Ärz­tin­nen und Ärz­ten ("Ster­be­hil­fe­or­ga­ni­sa­tio­nen") er­ge­ben. Vor­aus­set­zung für die Ver­mitt­lung ist in der Re­gel ei­ne kos­ten­pflich­ti­ge Mit­glied­schaft in der Or­ga­ni­sa­ti­on.

50 (γ) Er­schwer­nis­se für die Ster­be­wil­li­gen er­ge­ben sich au­ßer­dem bei der ora­len An­wen­dung der Arz­nei­mit­tel­kom­bi­na­ti­on. Es muss ei­ne grö­ße­re Men­ge ein­ge­nom­men wer­den als bei der Le­bens­be­en­di­gung mit Na­tri­um-Pen­to­bar­bi­tal. Das kann für Ster­be­wil­li­ge mit Schluck­be­schwer­den schwie­rig sein und er­höht das Ri­si­ko von Kom­pli­ka­tio­nen (vgl. Stel­lung­nah­me von Dr. med. de Rid­der vom 29. Ok­to­ber 2020 <UA S. 33>, Ant­wort zu Fra­ge 6). Zu­dem tritt der Tod in der Re­gel lang­sa­mer ein als bei der Ein­nah­me von Na­tri­um-Pen­to­bar­bi­tal.

51 Bei der in­tra­ve­nö­sen Al­ter­na­ti­ve mit dem Arz­nei­mit­tel Thio­pen­tal ent­ste­hen die­se Be­las­tun­gen nicht. Weil bei der An­wen­dung ei­ne In­fu­si­on ge­legt oder der Ein­satz ei­nes In­fu­si­ons­au­to­ma­ten (Per­fu­sors) vor­be­rei­tet wer­den muss, er­for­dert sie aber ei­ne fach­kun­di­ge me­di­zi­ni­sche Be­glei­tung und be­las­tet da­mit Ster­be­wil­li­ge, die - wie der Klä­ger - ei­ne sol­che Be­glei­tung nicht wün­schen.

52 (b) Die­sen Grund­rechts­ein­schrän­kun­gen für die Ster­be­wil­li­gen ste­hen wich­ti­ge Ge­mein­wohl­be­lan­ge ge­gen­über, die durch die Nicht­er­öff­nung des Zu­gangs zu Na­tri­um-Pen­to­bar­bi­tal ge­schützt wer­den.

53 Die Ge­fah­ren für Le­ben und Ge­sund­heit der Be­völ­ke­rung durch Miss- oder Fehl­ge­brauch des Mit­tels sind an­ge­sichts sei­ner schnel­len und töd­li­chen Wir­kung so­wie der ein­fa­chen An­wend­bar­keit be­son­ders groß. Sie sind die Kehr­sei­te der dar­ge­leg­ten Vor­zü­ge, die Ster­be­wil­li­ge Na­tri­um-Pen­to­bar­bi­tal bei­mes­sen. Die­se be­son­de­ren Ge­fah­ren wie­gen schwer. Die Rechts­gü­ter Le­ben und Ge­sund­heit ha­ben ho­hes Ge­wicht (stRspr, vgl. BVerfG, Be­schlüs­se vom 8. Ju­ni 2010 ‌- 1 BvR 2011/07 u. a. - BVerf­GE 126, 112 <140 f.> und vom 19. No­vem­ber 2021 ‌- 1 BvR 781/21 u. a. - BVerf­GE 159, 223 Rn. 231). Die Nicht­er­öff­nung des Zu­gangs zu Na­tri­um-Pen­to­bar­bi­tal leis­tet ei­nen re­le­van­ten Bei­trag zu ih­rem Schutz. Der Ge­setz­ge­ber darf auch an­neh­men, dass die Maß­nah­me deut­lich wirk­sa­mer ist als ei­ne - frei­heits­scho­nen­de­re - Re­ge­lung, die ei­nen Zu­gang zu Na­tri­um-Pen­to­bar­bi­tal un­ter Auf­la­gen (s. un­ter bb) (2)) er­mög­licht.

54 Die Maß­nah­me för­dert zu­dem den Zweck, Men­schen in vul­ne­ra­bler Po­si­ti­on und Ver­fas­sung vor Ent­schei­dun­gen über das ei­ge­ne Le­bens­en­de zu schüt­zen, die sie nicht frei­ver­ant­wort­lich tref­fen. Der Schutz der Au­to­no­mie des Ein­zel­nen bei der Ent­schei­dung über die Be­en­di­gung des ei­ge­nen Le­bens hat ho­hes Ge­wicht. Al­ler­dings kön­nen Ge­fah­ren, die von der frei­en Ver­füg­bar­keit von Na­tri­um-Pen­to­bar­bi­tal zur Selbst­tö­tung für die freie Wil­lens­bil­dung und die Wil­lens­frei­heit aus­ge­hen kön­nen, durch Nor­mie­rung pro­ze­du­ra­ler Si­che­rungs­me­cha­nis­men wie Auf­klä­rungs-, War­te- und Nach­weis­pflich­ten (vgl. BVerfG, Ur­teil vom 26. Fe­bru­ar 2020 - 2 BvR 2347/15 u. a. - BVerf­GE 153, 182 Rn. 339 f.) re­du­ziert wer­den. Ver­blei­ben­de Ri­si­ken - wie et­wa Fehl­ein­schät­zun­gen bei der be­hörd­li­chen Prü­fung, ob der Ent­schluss von Ster­be­wil­li­gen zur Selbst­tö­tung frei­ver­ant­wort­lich ist - las­sen sich durch die Aus­ge­stal­tung des Prüf­ver­fah­rens min­dern.

55 (c) In der Ab­wä­gung ste­hen die mit dem feh­len­den Zu­gang zu Na­tri­um-Pen­to­bar­bi­tal ver­bun­de­nen Be­las­tun­gen für Ster­be­wil­li­ge, die selbst­be­stimmt ent­schie­den ha­ben, ihr Le­ben be­en­den zu wol­len, nicht au­ßer Ver­hält­nis zu dem da­durch er­reich­ba­ren Rechts­gü­ter­schutz.

56 (aa) Ob der mit der Maß­nah­me ver­folg­te Zweck, Men­schen in vul­ne­ra­bler Po­si­ti­on und Ver­fas­sung vor nicht frei­ver­ant­wort­li­chen Selbst­tö­tun­gen zu schüt­zen, und die zu er­war­ten­de Zwecker­rei­chung den Ein­griff in das Recht auf selbst­be­stimm­tes Ster­ben recht­fer­ti­gen kön­nen, kann of­fen blei­ben. Auf der Stu­fe der An­ge­mes­sen­heit sind un­ter­schied­li­che Lö­sungs­mög­lich­kei­ten auch dar­auf zu über­prü­fen, wel­che aus bei­den Sicht­win­keln zur grö­ßt­mög­li­chen Si­che­rung des Schut­zes der kol­li­die­ren­den Rechts­gü­ter führt. Es kann da­her an der An­ge­mes­sen­heit feh­len, wenn bei ei­nem mil­de­ren Mit­tel die Wirk­sam­keit nur we­nig ge­rin­ger ist (BVerfG, Be­schluss vom 29. Sep­tem­ber 2022 - 1 BvR 2380/21 u. a. -‌ BVerf­GE 163, 107 Rn. 135). Der er­reich­ba­re Rechts­gü­ter­schutz durch ei­ne - frei­heits­scho­nen­de­re - Re­ge­lung ei­nes pro­ze­du­ra­len Si­che­rungs­kon­zepts wä­re - wie dar­ge­legt - mög­li­cher­wei­se nur we­nig ge­rin­ger. Ei­nem un­wi­der­leg­li­chen Ge­ne­ral­ver­dacht man­geln­der Frei­heit und Re­fle­xi­on darf das Ge­setz den Ent­schluss zur Selbst­tö­tung nicht un­ter­stel­len; da­durch wür­de die ver­fas­sungs­prä­gen­de Grund­vor­stel­lung des Men­schen als ei­nes in Frei­heit zur Selbst­be­stim­mung und Selbst­ent­fal­tung fä­hi­gen We­sens in ihr Ge­gen­teil ver­kehrt (vgl. BVerfG, Ur­teil vom 26. Fe­bru­ar 2020 - 2 BvR 2347/15 u. a. - BVerf­GE 153, 182 Rn. 279).

57 (bb) Die Ver­hält­nis­mä­ßig­keit im en­ge­ren Sin­ne ist je­den­falls mit Blick auf das mit der Re­ge­lung ver­folg­te Ziel, Miss- und Fehl­ge­brauch zu ver­hin­dern, und den in die­ser Hin­sicht er­reich­ba­ren Rechts­gü­ter­schutz ge­wahrt.

58 Dem Ge­setz­ge­ber kommt bei der Ge­wich­tung der Ge­fah­ren des Be­täu­bungs­mit­tel­ver­kehrs und der Aus­ge­stal­tung des Schutz­kon­zepts zur Ver­hin­de­rung von Miss- und Fehl­ge­brauch ein Spiel­raum zu (vgl. BVerfG, Ur­tei­le vom 30. Ju­li 2008 - 1 BvR 3262/07 u. a. - BVerf­GE 121, 317 <356 f.> und vom 26. Fe­bru­ar 2020 - 2 BvR 2347/15 u. a. - BVerf­GE 153, 182 Rn. 224; Be­schluss vom 19. No­vem­ber 2021 - 1 BvR 781/21 u. a. - BVerf­GE 159, 223 Rn. 217). Des­sen Gren­zen sind mit dem Ver­bot des Er­werbs von Na­tri­um-Pen­to­bar­bi­tal zur Selbst­tö­tung nicht über­schrit­ten. Die Ein­schrän­kung der Selbst­be­stim­mung bei der Wahl des Mit­tels zur Selbst­tö­tung hat zwar Ge­wicht; es geht um die Ge­stal­tung des ei­ge­nen Le­bens­en­des. Die Ge­fah­ren, die durch den Er­werb von Na­tri­um-Pen­to­bar­bi­tal und die Auf­be­wah­rung des Mit­tels durch die Ster­be­wil­li­gen ent­ste­hen kön­nen, sind je­doch - wie ge­zeigt - be­son­ders groß und wie­gen schwer. An­ge­sichts die­ser Ge­fah­ren und der be­stehen­den Al­ter­na­ti­ven zum Ein­satz des ge­wünsch­ten Mit­tels ist es nicht zu be­an­stan­den, dass das Ge­setz sei­nen Er­werb zum Zweck der Selbst­tö­tung nicht zu­lässt.

59 Die be­stehen­den Al­ter­na­ti­ven zum Ein­satz von Na­tri­um-Pen­to­bar­bi­tal sind für die Ster­be­wil­li­gen zu­mut­bar und stel­len ei­nen an­ge­mes­se­nen Aus­gleich zwi­schen den kol­li­die­ren­den In­di­vi­du­al- und Ge­mein­wohl­be­lan­gen her. Die Ster­be­wil­li­gen wer­den durch die In­an­spruch­nah­me der Hil­fe ei­ner ärzt­li­chen Per­son und ge­ge­be­nen­falls ei­ner Or­ga­ni­sa­ti­on bei der Um­set­zung der Selbst­tö­tung nicht un­an­ge­mes­sen be­las­tet (vgl. BVerfG, Kam­mer­be­schluss vom 10. De­zem­ber 2020 - 1 BvR 1837/19 - NJW 2021, 1086 Rn. 4 und 7). Dass der Zu­gang zu ei­nem Mit­tel zur Selbst­tö­tung die Fest­stel­lung der Frei­ver­ant­wort­lich­keit des Ster­be­wun­sches durch ei­ne ärzt­li­che Per­son oder an­de­re fach­kun­di­ge Stel­le vor­aus­setzt, ist nicht zu be­an­stan­den (vgl. BVerfG, Ur­teil vom 26. Fe­bru­ar 2020 ‌- 2 BvR 2347/15 u. a. - BVerf­GE 153, 182 Rn. 339 f.; BVer­wG, Ur­teil vom 2. März 2017 - 3 C 19.15 - BVer­w­GE 158, 142 Rn. 31 und 40); das dient dem Schutz der Au­to­no­mie der Ster­be­wil­li­gen. An­halts­punk­te, dass die In­an­spruch­nah­me von Hil­fe der im an­ge­grif­fe­nen Ur­teil ge­nann­ten Or­ga­ni­sa­tio­nen un­zu­mut­bar sein könn­te, et­wa im Hin­blick auf die ent­ste­hen­den Kos­ten, hat das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt nicht fest­ge­stellt. Da­ge­gen hat der Klä­ger kei­nen zu­läs­si­gen und be­grün­de­ten Re­vi­si­ons­grund vor­ge­bracht (§ 137 Abs. 2 Vw­GO). Auch die Er­schwer­nis­se, die sich für die Ster­be­wil­li­gen bei Ver­wen­dung ver­schrei­bungs­pflich­ti­ger Arz­nei­mit­tel er­ge­ben, stel­len kei­ne un­zu­mut­ba­ren Be­las­tun­gen dar. Ster­be­wil­li­ge, die ei­ne ora­le An­wen­dung nicht wün­schen oder für die sie - et­wa we­gen Schluck­be­schwer­den - nicht mög­lich ist, kön­nen ein Arz­nei­mit­tel in­tra­ve­nös ein­set­zen, das sich hin­sicht­lich Wirk­wei­se und Ri­si­ken nicht we­sent­lich von Na­tri­um-Pen­to­bar­bi­tal un­ter­schei­det. Ei­ne er­for­der­li­che me­di­zi­ni­sche Be­glei­tung kann so ge­stal­tet wer­den, dass dem Wunsch der Ster­be­wil­li­gen nach Pri­vat­heit so weit wie mög­lich ent­spro­chen und die Be­ein­träch­ti­gung da­durch ge­min­dert wird.

60 d) Für den Klä­ger er­gibt sich nichts Ab­wei­chen­des. Nach den für das Re­vi­si­ons­ver­fah­ren ver­bind­li­chen Fest­stel­lun­gen des Ober­ver­wal­tungs­ge­richts (§ 137 Abs. 2 Vw­GO) be­steht auch für ihn die Mög­lich­keit, über ei­ne ärzt­li­che Per­son Zu­gang zu Arz­nei­mit­teln zu er­hal­ten, mit de­nen ei­ne Selbst­tö­tung durch­ge­führt wer­den kann. Es sei nicht er­sicht­lich, dass er die Arz­nei­mit­tel­kom­bi­na­ti­on nicht oral an­wen­den kön­ne. Dar­über hin­aus ste­he ihm ein in­tra­ve­nös ein­setz­ba­res Mit­tel zur Ver­fü­gung (UA S. 34). An­halts­punk­te, dass die Su­che nach ei­ner zur Sui­zid­hil­fe be­rei­ten ärzt­li­chen Per­son oder die Mit­glied­schaft in ei­ner Or­ga­ni­sa­ti­on für ihn un­zu­mut­bar wä­ren, be­stehen aus­ge­hend von den be­ru­fungs­ge­richt­li­chen Fest­stel­lun­gen eben­falls nicht (vgl. UA S. 32).

61 e) Ein An­spruch auf die be­an­trag­te Er­werbs­er­laub­nis er­gibt sich auch nicht aus­nahms­wei­se un­ter dem Ge­sichts­punkt ei­ner ex­tre­men Not­la­ge im Sin­ne des Se­nats­ur­teils vom 2. März 2017 - 3 C 19.15 - (BVer­w­GE 158, 142). Das Vor­lie­gen ei­ner sol­chen Not­la­ge setzt un­ter an­de­rem vor­aus, dass dem Ster­be­wil­li­gen kei­ne an­de­re zu­mut­ba­re Mög­lich­keit zur Ver­wirk­li­chung des Selbst­tö­tungs­wun­sches zur Ver­fü­gung steht (BVer­wG, Ur­teil vom 2. März 2017 - 3 C 19.15 - a. a. O. Rn. 31). Das ist beim Klä­ger - wie dar­ge­legt - nicht der Fall.

62 f) Die recht­li­che Be­wer­tung steht im Ein­klang mit der Eu­ro­päi­schen Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on. Zur wei­te­ren Be­grün­dung nimmt der Se­nat Be­zug auf die zu­tref­fen­den Aus­füh­run­gen im an­ge­grif­fe­nen Ur­teil (UA S. 39).

63 Die Kos­ten­ent­schei­dung folgt aus § 154 Abs. 2 Vw­GO.

Ur­teil vom 07.11.2023 -
BVer­wG 3 C 9.22ECLI:DE:BVer­wG:2023:071123U3C9.22.0

Ver­sa­gung ei­ner Er­laub­nis zum Er­werb von Na­tri­um-Pen­to­bar­bi­tal zum Zweck der Selbst­tö­tung

Leit­sät­ze:

1. Art. 2 Abs. 1 i. V. m. Art. 1 Abs. 1 GG schützt im Aus­gangs­punkt nicht nur die Frei­heit des Ein­zel­nen, selbst­be­stimmt zu ent­schei­den, ob er sein Le­ben be­en­den möch­te, son­dern auch, wann und wie das ge­sche­hen soll.

2. Der Er­laub­nis­vor­be­halt für den Er­werb von Be­täu­bungs­mit­teln ge­mäß § 3 Abs. 1 Nr. 1 BtMG in Ver­bin­dung mit der zwin­gen­den Ver­sa­gung ei­ner sol­chen Er­laub­nis für den Er­werb zum Zweck der Selbst­tö­tung ge­mäß § 5 Abs. 1 Nr. 6 BtMG schränkt die­se Frei­heit ein. Men­schen, die frei­ver­ant­wort­lich ent­schie­den ha­ben, sich mit­hil­fe von Na­tri­um-Pen­to­bar­bi­tal tö­ten zu wol­len, kön­nen ih­ren Ent­schluss oh­ne Zu­gang zu die­sem Be­täu­bungs­mit­tel nicht in der ge­wünsch­ten Wei­se um­set­zen.

3. Das Be­täu­bungs­mit­tel­ge­setz ver­folgt mit dem Ver­bot, Be­täu­bungs­mit­tel zum Zweck der Selbst­tö­tung zu er­wer­ben, u. a. das le­gi­ti­me Ziel, Miss- und Fehl­ge­brauch von töd­lich wir­ken­den Mit­teln zu ver­hin­dern. Das Ver­bot ist zur Er­rei­chung die­ses Ziels ge­eig­net, er­for­der­lich und an­ge­sichts der Mög­lich­keit, das ei­ge­ne Le­ben ärzt­lich be­glei­tet durch An­wen­dung ver­schrei­bungs­pflich­ti­ger Arz­nei­mit­tel zu be­en­den, auch an­ge­mes­sen.

  • Rechts­quel­len
  • Zi­tier­vor­schlag

Ur­teil

BVer­wG 3 C 9.22

  • VG Köln - 24.11.2020 - AZ: 7 K 13803/17
  • OVG Müns­ter - 02.02.2022 - AZ: 9 A 146/21

In der Ver­wal­tungs­streit­sa­che hat der 3. Se­nat des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts
auf die münd­li­che Ver­hand­lung vom 26. Ok­to­ber 2023
durch die Vor­sit­zen­de Rich­te­rin am Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt Dr. Phil­ipp, den Rich­ter am Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt Lieb­ler,
die Rich­te­rin am Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt Dr. Kuhl­mann,
den Rich­ter am Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt Dr. Sin­ner und
die Rich­te­rin am Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt Hell­mann
am 7. No­vem­ber 2023 für Recht er­kannt:

  1. Die Re­vi­si­on des Klä­gers ge­gen das Ur­teil des Ober­ver­wal­tungs­ge­richts für das Land Nord­rhein-West­fa­len vom 2. Fe­bru­ar 2022 wird zu­rück­ge­wie­sen.
  2. Der Klä­ger trägt die Kos­ten des Re­vi­si­ons­ver­fah­rens.

Grün­de

I

1 Der Klä­ger be­gehrt von der Be­klag­ten die Er­laub­nis zum Er­werb des Be­täu­bungs­mit­tels Na­tri­um-Pen­to­bar­bi­tal zum Zweck der Selbst­tö­tung.

2 Der 1970 ge­bo­re­ne Klä­ger ist seit 1997 an Mul­ti­pler Skle­ro­se er­krankt. Er lei­det mitt­ler­wei­le an ei­ner beid­sei­ti­gen Läh­mung un­ter­halb des Schul­ter­gür­tels (Te­tra­ple­gie). Sei­ne Ar­me und Bei­ne sind voll­stän­dig ge­lähmt, die Mus­ku­la­tur im Be­reich des Rump­fes und der in­ne­ren Or­ga­ne ist ge­schwächt. Da­zu kom­men, wie in den vor­in­stanz­li­chen Ent­schei­dun­gen nä­her aus­ge­führt ist, wei­te­re kör­per­li­che Be­ein­träch­ti­gun­gen. Er be­nö­tigt ei­ne um­fas­sen­de Hil­fe­stel­lung rund um die Uhr (Pfle­ge­grad 5).

3 Im Ju­ni 2017 be­an­trag­te der Klä­ger beim Bun­des­in­sti­tut für Arz­nei­mit­tel und Me­di­zin­pro­duk­te (BfArM) die Er­tei­lung ei­ner Er­laub­nis nach dem Be­täu­bungs­mit­tel­ge­setz (BtMG) zum Er­werb von 15 g Na­tri­um-Pen­to­bar­bi­tal zur Selbst­tö­tung. Zur Be­grün­dung führ­te er aus, nach dem Ur­teil des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts vom 2. März 2017 - 3 C 19.15 - (BVer­w­GE 158, 142) sei­en die Vor­schrif­ten des Be­täu­bungs­mit­tel­ge­set­zes ver­fas­sungs­kon­form da­hin aus­zu­le­gen, dass sie der Er­laub­ni­s­er­tei­lung nicht ent­ge­gen­stün­den, wenn sich der An­trag­stel­ler we­gen ei­ner schwe­ren und un­heil­ba­ren Er­kran­kung in ei­ner ex­tre­men Not­la­ge be­fin­de. Das sei bei ihm der Fall. Er ha­be nach reif­li­cher Über­le­gung den frei­en Ent­schluss ge­fasst, sich mit As­sis­tenz selbst zu tö­ten, um sein 20-jäh­ri­ges und zu­neh­mend un­er­träg­li­ches Lei­den auf hu­ma­ne Wei­se zu be­en­den.

4 Durch Be­scheid vom 23. Au­gust 2018 lehn­te das BfArM den Er­laub­nis­an­trag mit der Be­grün­dung ab, beim Klä­ger an­ge­for­der­te Un­ter­la­gen sei­en nicht vor­ge­legt wor­den. Den Wi­der­spruch des Klä­gers wies das BfArM mit Be­scheid vom 7. No­vem­ber 2018 zu­rück. Nach § 5 Abs. 1 Nr. 6 BtMG sei ei­ne Er­laub­nis für den Er­werb ei­nes Be­täu­bungs­mit­tels zum Zweck der Selbst­tö­tung aus­ge­schlos­sen. Der Klä­ger ha­be auch nicht dar­ge­legt, dass er sich we­gen ei­ner schwe­ren und un­heil­ba­ren Er­kran­kung in ei­ner ex­tre­men Not­la­ge be­fin­de.

5 Sei­ne Kla­ge mit dem An­trag, die Be­klag­te un­ter Auf­he­bung der Be­schei­de zu ver­pflich­ten, ihm ei­ne Er­laub­nis zum Er­werb von 15 g Na­tri­um-Pen­to­bar­bi­tal zu er­tei­len, hat das Ver­wal­tungs­ge­richt Köln durch Ur­teil vom 24. No­vem­ber 2020 ab­ge­wie­sen.

6 Die Be­ru­fung des Klä­gers hat das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt für das Land Nord­rhein-West­fa­len durch Ur­teil vom 2. Fe­bru­ar 2022 zu­rück­ge­wie­sen. Zur Be­grün­dung hat es im We­sent­li­chen aus­ge­führt: Der Klä­ger ha­be kei­nen An­spruch auf die be­an­trag­te Er­werbs­er­laub­nis. Sie sei ge­mäß § 5 Abs. 1 Nr. 6 BtMG zu ver­sa­gen, weil sie nicht mit dem Zweck des Be­täu­bungs­mit­tel­ge­set­zes ver­ein­bar sei. Un­ter ei­ner not­wen­di­gen me­di­zi­ni­schen Ver­sor­gung im Sin­ne der Vor­schrift sei­en nur sol­che An­wen­dun­gen ei­nes Be­täu­bungs­mit­tels zu ver­ste­hen, die ei­ne the­ra­peu­ti­sche Ziel­rich­tung hät­ten. Das sei beim Er­werb ei­nes Be­täu­bungs­mit­tels zum Zweck der Selbst­tö­tung nicht der Fall. Das durch Art. 2 Abs. 1 i. V. m. Art. 1 Abs. 1 GG ge­währ­leis­te­te Recht auf selbst­be­stimm­tes Ster­ben, das auch das Recht auf Selbst­tö­tung ein­schlie­ße, ge­bie­te kei­ne an­de­re Aus­le­gung des Be­täu­bungs­mit­tel­ge­set­zes. Zwar er­schwe­re die in § 5 Abs. 1 Nr. 6 BtMG ge­trof­fe­ne Re­ge­lung die Grund­rechts­aus­übung. Der Ein­griff sei aber ge­recht­fer­tigt. Die feh­len­de Er­laub­nis­fä­hig­keit des Er­werbs von Be­täu­bungs­mit­teln zur Selbst­tö­tung die­ne der Ver­hin­de­rung von Miss- und Fehl­ge­brauch so­wie dem Schutz von Men­schen in vul­ne­ra­bler Po­si­ti­on und Ver­fas­sung vor Ent­schei­dun­gen, die sie mög­li­cher­wei­se vor­ei­lig oder nur au­gen­blick­lich, in ei­nem Zu­stand man­geln­der Ein­sichts­fä­hig­keit oder nicht frei­ver­ant­wort­lich trä­fen. Die ge­setz­li­che Re­ge­lung sei zur Er­rei­chung die­ser Zie­le ge­eig­net, er­for­der­lich und an­ge­mes­sen. Für Sui­zid­wil­li­ge be­stün­den zu­mut­ba­re Al­ter­na­ti­ven, ih­ren Ster­be­wunsch um­zu­set­zen. Sie könn­ten in Deutsch­land mit ärzt­li­cher Hil­fe Zu­gang zu ver­schrei­bungs­pflich­ti­gen Arz­nei­mit­teln er­hal­ten, mit de­nen ei­ne Selbst­tö­tung in ei­ner hu­ma­nen Wei­se durch­ge­führt wer­den kön­ne. Es ge­be ei­nen Kreis von Ärz­ten, die zur Sui­zid­hil­fe be­reit sei­en und töd­lich wir­ken­de Arz­nei­mit­tel ver­schrie­ben. Nach der Nich­tig­erklä­rung des in § 217 StGB nor­mier­ten Ver­bots der ge­schäfts­mä­ßi­gen För­de­rung der Selbst­tö­tung durch die Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts vom 26. Fe­bru­ar 2020 - 2 BvR 2347/15 u. a. - (BVerf­GE 153, 182) hät­ten zu­dem meh­re­re Or­ga­ni­sa­tio­nen ih­re Tä­tig­keit wie­der­auf­ge­nom­men und ver­mit­tel­ten ih­ren Mit­glie­dern Kon­takt zu Ärz­ten, die be­reit sei­en, Hil­fe zur Selbst­tö­tung zu leis­ten. Die­se Al­ter­na­ti­ven be­stün­den auch für den Klä­ger. Es sei nicht er­sicht­lich, dass er we­gen sei­ner Schluck­be­schwer­den die Arz­nei­mit­tel­kom­bi­na­ti­on nicht ein­neh­men kön­ne. Dar­über hin­aus ste­he ein in­tra­ve­nös ein­setz­ba­res Mit­tel zur Ver­fü­gung, das der Klä­ger mit­hil­fe ei­nes In­fu­si­ons­au­to­ma­ten an­wen­den kön­ne, den er selbst steue­re. Aus dem Ur­teil des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts vom 2. März 2017 - 3 C 19.15 - er­ge­be sich kei­ne an­de­re recht­li­che Be­ur­tei­lung. Die Vor­aus­set­zun­gen ei­ner ex­tre­men Not­la­ge sei­en beim Klä­ger nicht er­füllt, da ihm ei­ne an­de­re zu­mut­ba­re Mög­lich­keit zur Rea­li­sie­rung sei­nes Ster­be­wun­sches zur Ver­fü­gung ste­he.

7 Zur Be­grün­dung sei­ner vom Ober­ver­wal­tungs­ge­richt we­gen grund­sätz­li­cher Be­deu­tung der Rechts­sa­che zu­ge­las­se­nen Re­vi­si­on macht der Klä­ger im We­sent­li­chen gel­tend: Das an­ge­foch­te­ne Ur­teil ver­sto­ße ge­gen § 5 Abs. 1 Nr. 6 BtMG, Art. 2 Abs. 1 i. V. m. Art. 1 Abs. 1 GG und Art. 8 EM­RK. Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt ha­be ent­schie­den, dass der Er­werb von Na­tri­um-Pen­to­bar­bi­tal zur Selbst­tö­tung un­ter be­stimm­ten Vor­aus­set­zun­gen er­laub­nis­fä­hig sei. Er er­fül­le die­se Vor­aus­set­zun­gen. Durch das Ur­teil des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts vom 26. Fe­bru­ar 2020 sei au­ßer­dem ge­klärt, dass das Recht auf Selbst­tö­tung in je­dem Le­bens­ab­schnitt be­stehe und nicht auf schwe­re oder un­heil­ba­re Krank­heits­zu­stän­de be­schränkt sei. Er wi­der­spre­che der Fest­stel­lung des Be­ru­fungs­ge­richts, in­fol­ge der Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts be­stehe für ihn nun­mehr die rea­le und zu­mut­ba­re Mög­lich­keit, ei­nen Arzt zu fin­den, der be­reit sei, ihm ein töd­lich wir­ken­des Arz­nei­mit­tel zu ver­schrei­ben und ge­ge­be­nen­falls wei­te­re Un­ter­stüt­zungs­hand­lun­gen vor­zu­neh­men. Die Fest­stel­lung ge­he an den tat­säch­li­chen Le­bens­ver­hält­nis­sen vor­bei. Sei­ne Ärz­te hät­ten dies je­den­falls ab­ge­lehnt. Es sei sein Wunsch, oh­ne frem­de Ärz­te im Kreis der Fa­mi­lie und Freun­de sein Le­ben zu be­en­den. Da er we­der ei­ne Sui­zid­hil­fe­or­ga­ni­sa­ti­on noch ei­nen ihm frem­den Arzt in An­spruch neh­men wol­le und er auch kei­nen Arzt fin­de, der ihm ein sui­zid­ge­eig­ne­tes Me­di­ka­ment ver­schrei­be, blei­be nur die Mög­lich­keit der be­an­trag­ten Er­werbs­er­laub­nis. Das Grund­recht auf selbst­be­stimm­tes Ster­ben schlie­ße das Recht des Ein­zel­nen ein, sein Le­ben oh­ne ärzt­li­che Sui­zid­hil­fe zu be­en­den. Na­tri­um-Pen­to­bar­bi­tal sei das am bes­ten ge­eig­ne­te Mit­tel zur Um­set­zung sei­nes Ster­be­wun­sches. Es er­mög­li­che ei­ne si­che­re Selbst­tö­tung und sei ein­fach und kom­pli­ka­ti­ons­los ein­zu­neh­men. Art. 2 Abs. 1 i. V. m. Art. 1 Abs. 1 GG ge­bie­te, dass Sui­zid­wil­li­gen die Um­set­zung ei­ner frei­ver­ant­wort­li­chen Ent­schei­dung, das Le­ben ei­gen­hän­dig be­en­den zu wol­len, nicht un­ver­hält­nis­mä­ßig er­schwert wer­de. Die vom Be­ru­fungs­ge­richt an­ge­führ­ten al­ter­na­ti­ven Mit­tel kä­men für ihn nicht in Be­tracht. Bei der Me­di­ka­men­ten­kom­bi­na­ti­on müs­se ei­ne grö­ße­re Men­ge ein­ge­nom­men wer­den, wo­zu er auf­grund sei­ner Schluck­stö­run­gen nicht mehr in der La­ge sei. Die Kos­ten für die Be­schaf­fung ei­nes In­fu­si­ons­au­to­ma­ten, der für die An­wen­dung des in­tra­ve­nö­sen Mit­tels er­for­der­lich sei, kön­ne er nicht auf­brin­gen. Die Al­ter­na­ti­ven mach­ten zu­dem ei­ne ärzt­li­che Be­glei­tung nö­tig, die er nicht wün­sche. Da­nach dür­fe ihm die Er­werbs­er­laub­nis nicht ver­sagt wer­den.

8 Die Be­klag­te tritt der Re­vi­si­on ent­ge­gen und ver­tei­digt das Be­ru­fungs­ur­teil.

II

9 Die zu­läs­si­ge Re­vi­si­on des Klä­gers ist un­be­grün­det und des­halb zu­rück­zu­wei­sen (§ 144 Abs. 2 Vw­GO). Das an­ge­foch­te­ne Ur­teil be­ruht nicht auf ei­ner Ver­let­zung re­vi­si­blen Rechts. Das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt hat oh­ne Ver­stoß ge­gen Bun­des­recht (§ 137 Abs. 1 Nr. 1 Vw­GO) an­ge­nom­men, dass die Ver­sa­gung der be­an­trag­ten Er­laub­nis durch den Be­scheid des BfArM vom 23. Au­gust 2018 in der Ge­stalt des Wi­der­spruchs­be­schei­des vom 7. No­vem­ber 2018 recht­mä­ßig ist. Der Klä­ger hat aus­ge­hend von den für das Re­vi­si­ons­ver­fah­ren ver­bind­li­chen tat­säch­li­chen Fest­stel­lun­gen des Be­ru­fungs­ge­richts (§ 137 Abs. 2 Vw­GO) kei­nen An­spruch auf Er­tei­lung ei­ner Er­laub­nis zum Er­werb des Be­täu­bungs­mit­tels Na­tri­um-Pen­to­bar­bi­tal zur Selbst­tö­tung. Sei­ne Kla­ge ist da­her un­be­grün­det (§ 113 Abs. 5 Satz 1 Vw­GO).

10 1. Rechts­grund­la­ge für die be­gehr­te Er­laub­nis ist das Ge­setz über den Ver­kehr mit Be­täu­bungs­mit­teln (Be­täu­bungs­mit­tel­ge­setz - BtMG) i. d. F. der Be­kannt­ma­chung vom 1. März 1994 (BGBl. I S. 358), das zu­letzt durch Art. 2 des Ge­set­zes vom 26. Ju­li 2023 (BGBl. I Nr. 204) ge­än­dert wor­den ist. Der vom Klä­ger be­ab­sich­tig­te Er­werb von Na­tri­um-Pen­to­bar­bi­tal be­darf ei­ner Er­laub­nis nach § 3 BtMG (a)). § 5 Abs. 1 Nr. 6 BtMG schlie­ßt die Er­tei­lung ei­ner Er­werbs­er­laub­nis zum Zweck der Selbst­tö­tung grund­sätz­lich aus (b)).

11 a) Ge­mäß § 3 Abs. 1 Nr. 1 letz­te Alt. BtMG be­darf ei­ner Er­laub­nis des Bun­des­in­sti­tu­tes für Arz­nei­mit­tel und Me­di­zin­pro­duk­te, wer Be­täu­bungs­mit­tel er­wer­ben will. Be­täu­bungs­mit­tel im Sin­ne die­ses Ge­set­zes sind die in den An­la­gen I bis III auf­ge­führ­ten Stof­fe und Zu­be­rei­tun­gen (§ 1 Abs. 1 BtMG). Der Stoff Pen­to­bar­bi­tal ist in der An­la­ge III auf­ge­führt, die die ver­kehrs­fä­hi­gen und ver­schrei­bungs­fä­hi­gen Be­täu­bungs­mit­tel be­zeich­net. Des­sen Salz Na­tri­um-Pen­to­bar­bi­tal ist eben­falls ein Be­täu­bungs­mit­tel im Sin­ne des Ge­set­zes (vgl. am En­de der An­la­ge III, vor­letz­ter Spie­gel­strich). Ei­ne Aus­nah­me von der Er­laub­nis­pflicht nach § 4 BtMG liegt nicht vor (vgl. BVer­wG, Ur­teil vom 28. Mai 2019 - 3 C 6.17 -‌ Buch­holz 418.35 § 5 BtMG Nr. 1 Rn. 10 f.).

12 b) Ge­mäß § 5 Abs. 1 Nr. 6 BtMG ist die Er­laub­nis nach § 3 BtMG zu ver­sa­gen, wenn die Art und der Zweck des be­an­trag­ten Ver­kehrs nicht mit dem Zweck die­ses Ge­set­zes, die not­wen­di­ge me­di­zi­ni­sche Ver­sor­gung der Be­völ­ke­rung si­cher­zu­stel­len, da­ne­ben aber den Miss­brauch von Be­täu­bungs­mit­teln oder die miss­bräuch­li­che Her­stel­lung aus­ge­nom­me­ner Zu­be­rei­tun­gen so­wie das Ent­ste­hen oder Er­hal­ten ei­ner Be­täu­bungs­mit­tel­ab­hän­gig­keit so­weit wie mög­lich aus­zu­schlie­ßen, ver­ein­bar ist. Der Er­werb ei­nes Be­täu­bungs­mit­tels zur Selbst­tö­tung ist grund­sätz­lich nicht mit dem Zweck des Ge­set­zes ver­ein­bar, die not­wen­di­ge me­di­zi­ni­sche Ver­sor­gung der Be­völ­ke­rung si­cher­zu­stel­len. Me­di­zi­ni­sche Ver­sor­gung im Sin­ne der Vor­schrift meint die An­wen­dung ei­nes Be­täu­bungs­mit­tels zur Hei­lung oder Lin­de­rung von Krank­hei­ten oder krank­haf­ten Be­schwer­den. Ei­ne sol­che the­ra­peu­ti­sche Ziel­rich­tung hat die Be­en­di­gung des ei­ge­nen Le­bens grund­sätz­lich nicht (BVer­wG, Ur­tei­le vom 2. März 2017 - 3 C 19.15 - BVer­w­GE 158, 142 Rn. 20 f. und vom 28. Mai 2019 - 3 C 6.17 - Buch­holz 418.35 § 5 BtMG Nr. 1 Rn. 13 ff.). Ge­gen die­ses Aus­le­gungs­er­geb­nis spricht nicht, dass das Be­täu­bungs­mit­tel­ge­setz die Er­laub­nis­fä­hig­keit des Er­werbs von Be­täu­bungs­mit­teln zum Zweck der Selbst­tö­tung nicht aus­drück­lich re­gelt und § 5 Abs. 1 Nr. 6 BtMG nach sei­nem Wort­laut kein Er­for­der­nis ei­ner the­ra­peu­ti­schen Ziel­rich­tung der Be­täu­bungs­mit­tel­an­wen­dung ent­hält. Es gibt kei­ne An­halts­punk­te, dass der Norm­ge­ber mit dem Be­griff der me­di­zi­ni­schen Ver­sor­gung nicht auf das tra­dier­te Ver­ständ­nis der ärzt­li­chen Be­hand­lung ab­stel­len will (BVer­wG, Ur­tei­le vom 2. März 2017 - 3 C 19.15 - a. a. O. und vom 28. Mai 2019 - 3 C 6.17 - a. a. O. Rn. 15 f. m. w. N.; VG Köln, Be­schluss vom 19. No­vem­ber 2019 - 7 K 8560/18 -‌ ju­ris Rn. 45).

13 Aus dem Ur­teil des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts vom 26. Fe­bru­ar 2020 - 2 BvR 2347/15 u. a. -, mit dem es Ver­fas­sungs­be­schwer­den ge­gen das in § 217 StGB (i. d. F. des Ge­set­zes vom 3. De­zem­ber 2015 <BGBl. I S. 2177>) nor­mier­te Ver­bot der ge­schäfts­mä­ßi­gen För­de­rung der Selbst­tö­tung statt­ge­ge­ben hat, er­gibt sich in­so­weit nichts Ab­wei­chen­des. Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat dort fest­ge­stellt, dass § 217 StGB das all­ge­mei­ne Per­sön­lich­keits­recht (Art. 2 Abs. 1 i. V. m. Art. 1 Abs. 1 GG) von zur Selbst­tö­tung ent­schlos­se­nen Men­schen in sei­ner Aus­prä­gung als Recht auf selbst­be­stimm­tes Ster­ben ver­letzt (BVerf­GE 153, 182 Rn. 202 ff.). Zu § 3 Abs. 1 Nr. 1 i. V. m. § 5 Abs. 1 Nr. 6 BtMG und zur Aus­le­gung des be­täu­bungs­mit­tel­recht­li­chen Be­griffs der me­di­zi­ni­schen Ver­sor­gung hat sich das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt nicht ver­hal­ten (vgl. a. a. O. Rn. 338 ff.). Das gilt auch für die Ent­schei­dung vom 20. Mai 2020 - 1 BvL 2/20 u. a. -, durch die die Zwei­te Kam­mer des Ers­ten Se­nats die Un­zu­läs­sig­keit meh­re­rer Vor­la­ge­be­schlüs­se des Ver­wal­tungs­ge­richts Köln fest­ge­stellt hat, die den Zu­gang zu Be­täu­bungs­mit­teln oh­ne ärzt­li­che Ver­schrei­bung zum Zweck der Selbst­tö­tung be­tra­fen (BVerfG, Kam­mer­be­schluss vom 20. Mai 2020 - 1 BvL 2/20 u. a. -‌ NJW 2020, 2394 Rn. 14), und den Be­schluss vom 10. De­zem­ber 2020, mit dem die Ver­fas­sungs­be­schwer­de ge­gen das Ur­teil des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts vom 28. Mai 2019 - 3 C 6.17 - nicht zur Ent­schei­dung an­ge­nom­men wur­de, weil sie in­fol­ge des Ur­teils vom 26. Fe­bru­ar 2020 - 2 BvR 2347/15 u. a. - un­zu­läs­sig ge­wor­den sei (BVerfG, Kam­mer­be­schluss vom 10. De­zem­ber 2020 - 1 BvR 1837/19 - NJW 2021, 1086).

14 2. Die Ver­sa­gung der Er­laub­nis ver­letzt den Klä­ger nicht in sei­nen Grund­rech­ten.

15 § 3 Abs. 1 Nr. 1 i. V. m. § 5 Abs. 1 Nr. 6 BtMG ist in der dar­ge­leg­ten Aus­le­gung mit hö­her­ran­gi­gem Recht ver­ein­bar. Zwar greift das Ver­bot, Be­täu­bungs­mit­tel ein­schlie­ß­lich Na­tri­um-Pen­to­bar­bi­tal zum Zweck der Selbst­tö­tung zu er­wer­ben, in das durch Art. 2 Abs. 1 i. V. m. Art. 1 Abs. 1 GG ge­schütz­te Recht auf selbst­be­stimm­tes Ster­ben ein (a) und b)). Der Grund­rechts­ein­griff ist aber ge­recht­fer­tigt (c)). In Be­zug auf den Klä­ger er­gibt sich nichts Ab­wei­chen­des (d)). Da­nach ist der gel­tend ge­mach­te An­spruch auch nicht aus­nahms­wei­se un­ter dem Ge­sichts­punkt ei­ner ex­tre­men Not­la­ge be­grün­det (e)). Die­se Be­wer­tung steht im Ein­klang mit der Eu­ro­päi­schen Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on (f)).

16 a) Das all­ge­mei­ne Per­sön­lich­keits­recht (Art. 2 Abs. 1 i. V. m. Art. 1 Abs. 1 GG) in sei­ner Aus­prä­gung als Recht auf selbst­be­stimm­tes Ster­ben er­streckt sich auch auf die Ent­schei­dung, sein Le­ben ei­gen­hän­dig be­wusst und ge­wollt zu be­en­den (BVerfG, Ur­teil vom 26. Fe­bru­ar 2020 - 2 BvR 2347/15 u. a. - BVerf­GE 153, 182 Rn. 204 ff.). Das Recht, sich selbst zu tö­ten, stellt si­cher, dass der Ein­zel­ne über sich ent­spre­chend dem ei­ge­nen Selbst­bild au­to­nom be­stim­men und da­mit sei­ne Per­sön­lich­keit wah­ren kann. Die­ses Recht ist nicht auf fremd­de­fi­nier­te Si­tua­tio­nen be­schränkt, ins­be­son­de­re nicht auf schwe­re oder un­heil­ba­re Krank­heits­zu­stän­de oder be­stimm­te Le­bens- und Krank­heits­pha­sen. Die frei­ver­ant­wort­li­che Ent­schei­dung des Ein­zel­nen, dem ei­ge­nen Le­ben ent­spre­chend sei­nem Ver­ständ­nis von Le­bens­qua­li­tät und Sinn­haf­tig­keit der ei­ge­nen Exis­tenz ei­gen­hän­dig ein En­de zu set­zen, be­darf kei­ner wei­te­ren Be­grün­dung oder Recht­fer­ti­gung. Sie ist im Aus­gangs­punkt als Akt au­to­no­mer Selbst­be­stim­mung von Staat und Ge­sell­schaft zu re­spek­tie­ren (BVerfG, Ur­teil vom 26. Fe­bru­ar 2020 - 2 BvR 2347/15 u a. - a. a. O. Rn. 209 f.).

17 Art. 2 Abs. 1 i. V. m. Art. 1 Abs. 1 GG schützt da­mit im Aus­gangs­punkt nicht nur die Frei­heit des Ein­zel­nen, selbst­be­stimmt zu ent­schei­den, ob er sein Le­ben be­en­den möch­te, son­dern auch, wann und wie das ge­sche­hen soll. Das schlie­ßt die Wahl ei­nes Mit­tels ein, mit dem er sei­nen Selbst­tö­tungs­ent­schluss um­set­zen möch­te. Ge­schützt ist da­her auch die Frei­heit, hier­zu ein tat­säch­lich ver­füg­ba­res Be­täu­bungs­mit­tel wie Na­tri­um-Pen­to­bar­bi­tal zu er­wer­ben.

18 b) Der Er­laub­nis­vor­be­halt für den Er­werb von Be­täu­bungs­mit­teln ge­mäß § 3 Abs. 1 Nr. 1 BtMG in Ver­bin­dung mit der zwin­gen­den Ver­sa­gung ei­ner sol­chen Er­laub­nis für den Er­werb zum Zweck der Selbst­tö­tung ge­mäß § 5 Abs. 1 Nr. 6 BtMG schränkt die­se Frei­heit ein. Men­schen, die frei­ver­ant­wort­lich ent­schie­den ha­ben, sich mit­hil­fe von Na­tri­um-Pen­to­bar­bi­tal tö­ten zu wol­len, kön­nen ih­ren Ent­schluss oh­ne Zu­gang zu die­sem Be­täu­bungs­mit­tel nicht in der ge­wünsch­ten Wei­se um­set­zen (so be­reits BVer­wG, Ur­teil vom 2. März 2017 - 3 C 19.15 -‌ BVer­w­GE 158, 142 Rn. 26). Ei­ne al­ter­na­ti­ve Zu­gangs­mög­lich­keit be­steht bei rea­lis­ti­scher Be­trach­tungs­wei­se nicht (vgl. hier­zu noch un­ter c) cc) (2) (a) (aa)).

19 c) Der von § 3 Abs. 1 Nr. 1 i. V. m. § 5 Abs. 1 Nr. 6 BtMG aus­ge­hen­de Ein­griff in das all­ge­mei­ne Per­sön­lich­keits­recht ist ge­recht­fer­tigt. Die ge­setz­li­che Re­ge­lung ge­nügt den ver­fas­sungs­recht­li­chen An­for­de­run­gen an die Ver­hält­nis­mä­ßig­keit (vgl. zum Maß­stab BVerfG, Ur­teil vom 26. Fe­bru­ar 2020 - 2 BvR 2347/15 u. a. -‌ BVerf­GE 153, 182 Rn. 223); im Üb­ri­gen ist ih­re Ver­ein­bar­keit mit dem Grund­ge­setz nicht zwei­fel­haft. Sie dient le­gi­ti­men Zwe­cken (aa)), zu de­ren Er­rei­chung sie ge­eig­net und er­for­der­lich ist (bb)). Sie ist an­ge­sichts der Mög­lich­keit, das ei­ge­ne Le­ben ärzt­lich be­glei­tet durch An­wen­dung ver­schrei­bungs­pflich­ti­ger Arz­nei­mit­tel zu be­en­den, auch an­ge­mes­sen und da­mit ver­hält­nis­mä­ßig im en­ge­ren Sin­ne (cc)).

20 aa) Das Be­täu­bungs­mit­tel­ge­setz ver­folgt mit dem Ver­bot, Be­täu­bungs­mit­tel zur Selbst­tö­tung zu er­wer­ben, le­gi­ti­me Zwe­cke.

21 (1) Das Ver­bot dient dem Ziel, Miss- und Fehl­ge­brauch von töd­lich wir­ken­den Be­täu­bungs­mit­teln zu ver­hin­dern.

22 Der Ge­setz­ge­ber misst ver­schrei­bungs­fä­hi­gen Be­täu­bungs­mit­teln ei­ne grö­ße­re Ge­fähr­lich­keit bei als Arz­nei­mit­teln (vgl. Ent­wurf ei­nes Ge­set­zes zur Neu­ord­nung des Be­täu­bungs­mit­tel­rechts, BT-Drs. 8/3551 S. 29) und hat den Ver­kehr mit ih­nen da­her jen­seits des Arz­nei­mit­tel­rechts (§ 81 des Arz­nei­mit­tel­ge­set­zes <AMG>) ei­ner ge­son­der­ten Re­gu­lie­rung un­ter­wor­fen. Die Ge­fah­ren für Le­ben und Ge­sund­heit von Men­schen durch Miss- und Fehl­ge­brauch von Be­täu­bungs­mit­teln mit den Ei­gen­schaf­ten von Na­tri­um-Pen­to­bar­bi­tal sind we­gen ih­rer töd­li­chen Wir­kung und ein­fa­chen An­wend­bar­keit be­son­ders groß. Zur Selbst­tö­tung er­wor­be­ne Be­täu­bungs­mit­tel kön­nen, wenn sie nicht si­cher ver­wahrt wer­den, in die Hän­de Drit­ter, z. B. an­de­rer Haus­halts­an­ge­hö­ri­ger, ge­lan­gen und in der Fol­ge von Per­so­nen und für Zwe­cke an­ge­wen­det wer­den, für die sie nicht be­stimmt sind. Ge­fah­rer­hö­hend wirkt es, wenn Ster­be­wil­li­ge das Be­täu­bungs­mit­tel nicht so­fort ver­wen­den möch­ten und es län­ge­re Zeit zu­hau­se ver­wah­ren. Die Ge­fahr ei­nes Fehl­ge­brauchs be­steht auch für die Ster­be­wil­li­gen selbst, et­wa auf­grund von Ver­wechs­lung des Mit­tels oder - bei län­ge­rer Be­vor­ra­tung - weil sich tat­säch­li­che Än­de­run­gen er­ge­ben ha­ben kön­nen, die die Frei­ver­ant­wort­lich­keit des Selbst­tö­tungs­ent­schlus­ses in Fra­ge stel­len. Zu­dem kön­nen als Sui­zid­mit­tel in den Ver­kehr ge­brach­te Be­täu­bungs­mit­tel auf al­len Stu­fen des Ver­triebs­wegs in den Be­sitz un­be­fug­ter Per­so­nen ge­lan­gen. Bei Er­mög­li­chung des Er­werbs von Na­tri­um-Pen­to­bar­bi­tal zur Selbst­tö­tung ent­steht ne­ben dem be­stehen­den Ver­trieb als Mit­tel zur Ein­schlä­fe­rung von Tie­ren in der Ve­te­ri­när­me­di­zin ei­ne zwei­te Lie­fer­ket­te, die zu­sätz­li­che Ge­fah­ren schafft.

23 Die an­ge­nom­me­ne Ge­fah­ren­la­ge hat ei­ne hin­rei­chend trag­fä­hi­ge Grund­la­ge. Es ist kei­ne un­rea­lis­ti­sche Ein­schät­zung, dass Maß­nah­men zur si­che­ren Ver­wah­rung und ge­gen un­be­fug­te Ent­nah­me nicht stets und zu­ver­läs­sig er­grif­fen und ein­ge­hal­ten wer­den. Eben­so ist es plau­si­bel, dass bei län­ge­ren Be­vor­ra­tun­gen von zur Selbst­tö­tung er­wor­be­nen Be­täu­bungs­mit­teln Ri­si­ken für ei­ne frei­ver­ant­wort­li­che Selbst­tö­tungs­ent­schei­dung auf­tre­ten kön­nen (vgl. zum Ri­si­ko ei­ner De­pres­si­on: BVerfG, Ur­teil vom 26. Fe­bru­ar 2020 - 2 BvR 2347/15 u. a. -‌ BVerf­GE 153, 182 Rn. 245).

24 Mit der Ab­wehr die­ser Ge­fah­ren be­zweckt das Be­täu­bungs­mit­tel­ge­setz, Le­ben und Ge­sund­heit der Be­völ­ke­rung zu schüt­zen. Der Le­bens- und Ge­sund­heits­schutz ist ein wich­ti­ger Ge­mein­wohl­be­lang und da­mit ein le­gi­ti­mer Ge­set­zes­zweck (vgl. BVer­wG, Ur­teil vom 2. März 2017 - 3 C 19.15 - BVer­w­GE 158, 142 Rn. 30; BVerfG, Be­schluss vom 19. No­vem­ber 2021 - 1 BvR 781/21 u a. -‌ BVerf­GE 159, 223 Rn. 176 m. w. N.).

25 (2) Das Ver­bot dient zu­dem dem Ziel, Men­schen in vul­ne­ra­bler Po­si­ti­on und Ver­fas­sung vor Ent­schei­dun­gen zu schüt­zen, die sie nicht frei­ver­ant­wort­lich tref­fen (BVer­wG, Ur­teil vom 2. März 2017 - 3 C 19.15 - BVer­w­GE 158, 142 Rn. 30).

26 Zwar ist es kein zu­läs­si­ges ge­setz­ge­be­ri­sches An­lie­gen, den Er­werb von tat­säch­lich ver­füg­ba­ren Be­täu­bungs­mit­teln zur Selbst­tö­tung zu ver­bie­ten, um da­durch die An­zahl frei­ver­ant­wort­li­cher Sui­zi­de ge­ring zu hal­ten (vgl. BVerfG, Ur­teil vom 26. Fe­bru­ar 2020 - 2 BvR 2347/15 u. a. - BVerf­GE 153, 182 Rn. 234 und 277). Le­gi­tim ist aber die Ziel­set­zung, Ge­fah­ren für die freie Wil­lens­bil­dung und die Wil­lens­frei­heit als Vor­aus­set­zun­gen au­to­no­mer Selbst­be­stim­mung über das ei­ge­ne Le­ben ent­ge­gen­zu­wir­ken und hier­durch Le­ben zu schüt­zen (vgl. BVerfG, Ur­teil vom 26. Fe­bru­ar 2020 - 2 BvR 2347/15 u. a. - a. a. O. Rn. 232).

27 Es ist ei­ne ver­tret­ba­re An­nah­me des Ge­setz­ge­bers, die Er­mög­li­chung des Er­werbs von Be­täu­bungs­mit­teln zur Selbst­tö­tung ber­ge Ri­si­ken für die au­to­no­me Selbst­be­stim­mung von Men­schen in vul­ne­ra­bler Po­si­ti­on und Ver­fas­sung. Es ist nicht un­plau­si­bel, dass vul­ne­r­a­ble Per­so­nen, ins­be­son­de­re be­tag­te oder schwer er­krank­te Men­schen, wenn sie ein Mit­tel wie Na­tri­um-Pen­to­bar­bi­tal, mit dem ei­ne Selbst­tö­tung nach den vor­in­stanz­li­chen Fest­stel­lun­gen auf ei­ne schmerz­freie, re­gel­mä­ßig schnel­le und ver­gleichs­wei­se si­che­re Wei­se er­fol­gen kann (vgl. UA S. 19), auf­grund ei­ner be­hörd­li­chen Er­laub­nis er­wer­ben kön­nen, mög­li­cher­wei­se vor­ei­lig die Ent­schei­dung tref­fen, sich selbst zu tö­ten, oder sich zur Selbst­tö­tung ge­drängt füh­len kön­nen (vgl. BVerfG, Ur­teil vom 26. Fe­bru­ar 2020 ‌- 2 BvR 2347/15 u. a. - BVerf­GE 153, 182 Rn. 240 ff., 258 f. <zu Vor­aus­set­zun­gen und Ri­si­ken für ei­ne frei­ver­ant­wort­li­che Sui­zi­dent­schei­dung>).

28 bb) Die Ver­bots­re­ge­lung ist zur Er­rei­chung die­ser Zie­le ge­eig­net (1) und er­for­der­lich (2).

29 (1) Für die Eig­nung ge­nügt be­reits die Mög­lich­keit, durch die ge­setz­li­che Re­ge­lung den Ge­set­zes­zweck zu er­rei­chen. Ei­ne Re­ge­lung ist erst dann nicht mehr ge­eig­net, wenn sie die Er­rei­chung des Ge­set­zes­zwecks in kei­ner Wei­se för­dern kann. Bei der Be­ur­tei­lung der Eig­nung ei­ner Re­ge­lung steht dem Ge­setz­ge­ber ein Spiel­raum zu, der sich auf die Ein­schät­zung und Be­wer­tung der tat­säch­li­chen Ver­hält­nis­se, auf die et­wa er­for­der­li­che Pro­gno­se und auf die Wahl der Mit­tel be­zieht, um die Zie­le des Ge­set­zes zu er­rei­chen (stRspr, vgl. BVerfG, Be­schlüs­se vom 19. No­vem­ber 2021 - 1 BvR 971/21 u. a. - BVerf­GE 159, 355 Rn. 114 und vom 23. März 2022 - 1 BvR 1187/17 - BVerf­GE 161, 63 Rn. 110, je­weils m. w. N.).

30 Das Ver­bot, Be­täu­bungs­mit­tel ein­schlie­ß­lich Na­tri­um-Pen­to­bar­bi­tal zum Zweck der Selbst­tö­tung zu er­wer­ben, ist ein ge­eig­ne­tes In­stru­ment, um den an­ge­streb­ten Rechts­gü­ter­schutz zu­min­dest zu för­dern. Die Ge­fah­ren von Miss- und Fehl­ge­brauch wer­den re­du­ziert, wenn ein sol­cher Er­werb nicht er­laub­nis­fä­hig ist und die Mit­tel nicht in den Ver­kehr ge­lan­gen. Auch kann das Ver­bot den ge­nann­ten Ri­si­ken für ei­ne freie Wil­lens­bil­dung ent­ge­gen­wir­ken und so da­zu bei­tra­gen, die Zahl nicht frei­ver­ant­wort­li­cher Selbst­tö­tun­gen zu ver­rin­gern.

31 (2) Ei­ne Re­ge­lung ist er­for­der­lich, wenn kein an­de­res, gleich wirk­sa­mes, aber das Grund­recht nicht oder we­ni­ger stark ein­schrän­ken­des Mit­tel zur Ver­fü­gung steht. Die sach­li­che Gleich­wer­tig­keit der al­ter­na­ti­ven Maß­nah­men zur Zwecker­rei­chung muss da­für in je­der Hin­sicht ein­deu­tig fest­ste­hen. Bei der Be­ur­tei­lung der Er­for­der­lich­keit ver­fügt der Ge­setz­ge­ber über ei­nen Ein­schät­zungs­spiel­raum (stRspr, vgl. BVerfG, Be­schlüs­se vom 19. No­vem­ber 2021 - 1 BvR 781/21 u. a. - BVerf­GE 159, 223 Rn. 203 f. und vom 29. Sep­tem­ber 2022 - 1 BvR 2380/21 u. a. - BVerf­GE 163, 107 Rn. 115, je­weils m. w. N.).

32 Nach die­sem Maß­stab ist die Ver­bots­re­ge­lung er­for­der­lich. Ein gleich wirk­sa­mes, aber mit ge­rin­ge­ren Grund­rechts­ein­schrän­kun­gen ver­bun­de­nes Mit­tel zur Er­rei­chung der ver­folg­ten Zwe­cke steht nicht zur Ver­fü­gung. Zwar könn­te - als frei­heits­scho­nen­de­re Maß­nah­me - die Er­tei­lung der Er­werbs­er­laub­nis von ei­nem Nach­weis vor­han­de­ner Ein­rich­tun­gen und Vor­keh­run­gen zur si­che­ren Auf­be­wah­rung des Be­täu­bungs­mit­tels ab­hän­gig ge­macht wer­den. Dies wä­re aber kei­ne gleich wirk­sa­me Schutz­maß­nah­me zur Ver­hin­de­rung von Miss- und Fehl­ge­brauch. Es blie­be das Ri­si­ko, dass Si­che­rungs­maß­nah­men nicht stets und zu­ver­läs­sig ein­ge­hal­ten wer­den. Die Er­mög­li­chung des Er­werbs von Na­tri­um-Pen­to­bar­bi­tal zur Selbst­tö­tung auf­grund ärzt­li­cher Ver­schrei­bung wä­re ein we­ni­ger be­las­ten­des, aber kein gleich­wer­ti­ges Mit­tel zur Zwecker­rei­chung. Art und Zweck des Be­täu­bungs­mit­tel­ver­kehrs blie­ben un­ver­än­dert und da­mit auch die dar­ge­leg­ten Ge­fah­ren von Miss- und Fehl­ge­brauch, de­nen mit ei­ner ärzt­li­chen Ver­schrei­bung nicht gleich wirk­sam wie mit ei­nem Er­werbs­ver­bot ent­ge­gen­ge­wirkt wer­den könn­te. Das Über­las­sen von Na­tri­um-Pen­to­bar­bi­tal durch ei­ne ärzt­li­che Per­son zum un­mit­tel­ba­ren Ver­brauch könn­te Ster­be­wil­li­gen den Zu­gang zu dem ge­wünsch­ten Mit­tel er­öff­nen und wä­re - auch wenn ei­ne Be­en­di­gung des ei­ge­nen Le­bens oh­ne ärzt­li­che Be­glei­tung hier­durch nicht er­mög­licht wür­de - in­so­fern ein mil­de­res Mit­tel. Es könn­te die Ge­fah­ren von Miss- und Fehl­ge­brauch re­du­zie­ren, weil die Be­täu­bungs­mit­tel nicht in den Be­sitz der Ster­be­wil­li­gen ge­lan­gen wür­den. Das Mit­tel ist aber nicht in je­der Hin­sicht sach­lich gleich­wer­tig. Zu­dem ver­blie­be die Ge­fah­ren­la­ge, die durch die Er­öff­nung ei­nes zwei­ten Ver­triebs­wegs ge­schaf­fen wird.

33 Der Zweck, nicht frei­ver­ant­wort­li­che Selbst­tö­tun­gen zu ver­hin­dern, könn­te mit­hil­fe ge­setz­lich fest­ge­schrie­be­ner Auf­klä­rungs-, War­te- und Nach­weis­pflich­ten für das be­hörd­li­che Er­laub­nis­ver­fah­ren (vgl. BVerfG, Ur­teil vom 26. Fe­bru­ar 2020 - 2 BvR 2347/15 u. a. - BVerf­GE 153, 182 Rn. 339 f.) ge­för­dert wer­den. Die Maß­nah­me wä­re eben­falls mit Be­las­tun­gen für Sui­zid­wil­li­ge ver­bun­den. Sie wür­de zwar den Zu­gang zu dem ge­wünsch­ten Be­täu­bungs­mit­tel bei Ein­hal­tung der Auf­klä­rungs- und War­te­pflich­ten und bei nach­ge­wie­se­ner Frei­ver­ant­wort­lich­keit des Ster­be­wun­sches er­öff­nen. Doch ist die glei­che Wirk­sam­keit die­ser Maß­nah­me nicht ge­währ­leis­tet. Bei der Fest­stel­lung, ob ein Selbst­tö­tungs­ent­schluss auf ei­nen au­to­nom ge­bil­de­ten, frei­en Wil­len zu­rück­geht, sind Fehl­ein­schät­zun­gen mög­lich.

34 cc) Die durch § 3 Abs. 1 Nr. 1 i. V. m. § 5 Abs. 1 Nr. 6 BtMG be­wirk­ten Ein­schrän­kun­gen für die Selbst­be­stim­mung über das ei­ge­ne Le­bens­en­de sind an­ge­sichts der Mög­lich­keit, das ei­ge­ne Le­ben ärzt­lich be­glei­tet durch An­wen­dung ver­schrei­bungs­pflich­ti­ger Arz­nei­mit­tel zu be­en­den, an­ge­mes­sen und da­mit ver­hält­nis­mä­ßig im en­ge­ren Sin­ne.

35 (1) Die An­ge­mes­sen­heit und da­mit die Ver­hält­nis­mä­ßig­keit im en­ge­ren Sin­ne er­for­dern, dass der mit der Maß­nah­me ver­folg­te Zweck und die zu er­war­ten­de Zwecker­rei­chung nicht au­ßer Ver­hält­nis zu der Schwe­re des Ein­griffs ste­hen (stRspr, vgl. BVerfG, Be­schluss vom 19. No­vem­ber 2021 - 1 BvR 781/21 u. a. -‌ BVerf­GE 159, 223 Rn. 216 m. w. N.). In ei­ner Ab­wä­gung sind Reich­wei­te und Ge­wicht des Ein­griffs in Grund­rech­te ei­ner­seits und die Be­deu­tung der Re­ge­lung für die Er­rei­chung le­gi­ti­mer Zie­le an­de­rer­seits ge­gen­über­zu­stel­len. An­ge­mes­sen ist ei­ne ge­setz­li­che Re­ge­lung dann, wenn bei der Ge­samt­ab­wä­gung zwi­schen der Schwe­re des Ein­griffs und dem Ge­wicht so­wie der Dring­lich­keit der sie recht­fer­ti­gen­den Grün­de die Gren­ze der Zu­mut­bar­keit noch ge­wahrt wird. Da­bei ist ein an­ge­mes­se­ner Aus­gleich zwi­schen dem Ein­griffs­ge­wicht der Re­ge­lung und dem ver­folg­ten Ziel so­wie der zu er­war­ten­den Ziel­er­rei­chung her­zu­stel­len (stRspr, vgl. BVerfG, Be­schluss vom 29. Sep­tem­ber 2022 - 1 BvR 2380/21 u. a. - BVerf­GE 163, 107 Rn. 119 m. w. N; BVer­wG, Ur­tei­le vom 22. No­vem­ber 2022 - 3 CN 1.21 - BVer­w­GE 177, 60 Rn. 75 und vom 21. Ju­ni 2023 ‌- 3 CN 1.22 - NVwZ 2023, 1840 Rn. 44).

36 (2) Der mit der Ver­bots­re­ge­lung ver­folg­te Zweck und die zu er­war­ten­de Zwecker­rei­chung (b) ste­hen nicht au­ßer Ver­hält­nis (c) zu der Schwe­re des Ein­griffs in das Recht auf Selbst­tö­tung (a).

37 (a) Die Ein­schrän­kun­gen der Selbst­be­stim­mung über das ei­ge­ne Le­bens­en­de durch das Ver­bot, Na­tri­um-Pen­to­bar­bi­tal zum Zweck der Selbst­tö­tung zu er­wer­ben, ha­ben Ge­wicht (aa), das al­ler­dings da­durch ge­min­dert wird, dass es für Ster­be­wil­li­ge an­de­re Mög­lich­kei­ten gibt, ih­ren Ent­schluss zur Selbst­tö­tung um­zu­set­zen (bb). Die­se Al­ter­na­ti­ven sind für die Ster­be­wil­li­gen mit Be­las­tun­gen ver­bun­den (cc).

38 (aa) Für Men­schen, die frei­ver­ant­wort­lich ent­schie­den ha­ben, sich tö­ten zu wol­len, stellt das Ver­bot, Na­tri­um-Pen­to­bar­bi­tal zu er­wer­ben, ei­ne er­heb­li­che Be­las­tung dar.

39 Nach den für das Re­vi­si­ons­ver­fah­ren ver­bind­li­chen tat­säch­li­chen Fest­stel­lun­gen des Ober­ver­wal­tungs­ge­richts er­mög­licht Na­tri­um-Pen­to­bar­bi­tal ei­ne schmerz­freie, re­gel­mä­ßig schnel­le und weit­ge­hend ri­si­ko­freie Selbst­tö­tung (UA S. 19 und 28). Die An­wen­dung des Mit­tels ist ver­gleichs­wei­se ein­fach. Mit der Ein­nah­me ei­ner re­la­tiv ge­rin­gen Men­ge (15 g), die sich gut in ei­nem Glas Was­ser auf­lö­sen lässt, kön­nen ein Tief­schlaf und nach kur­zer Zeit (30 bis 60 Mi­nu­ten) der Tod durch Atem­still­stand her­bei­ge­führt wer­den (vgl. UA S. 25, 28 mit der Be­zug­nah­me auf Fest­stel­lun­gen und Er­kennt­nis­mit­tel des Ver­wal­tungs­ge­richts <s. VG-UA S. 23 mit Ver­weis auf die Stel­lung­nah­men von Dr. med. de Rid­der vom 29. Ok­to­ber 2020 und des Ver­eins Ster­be­hil­fe vom 12. Ok­to­ber 2020>).

40 Ei­ne an­de­re Mög­lich­keit, in Deutsch­land Zu­gang zu Na­tri­um-Pen­to­bar­bi­tal zum Zweck der Selbst­tö­tung zu er­hal­ten, als ei­nen vom Bun­des­in­sti­tut für Arz­nei­mit­tel und Me­di­zin­pro­duk­te er­laub­ten Er­werb, ha­ben Ster­be­wil­li­ge bei rea­lis­ti­scher Be­trach­tung nicht. Ob ge­mäß § 13 Abs. 1 Satz 1 BtMG ei­ne ärzt­li­che Ver­schrei­bung von Na­tri­um-Pen­to­bar­bi­tal oder ein Über­las­sen zum un­mit­tel­ba­ren Ver­brauch an Ster­be­wil­li­ge zu­läs­sig sein kann, hat der Se­nat bis­lang of­fen­ge­las­sen. Frag­lich ist in­so­weit, ob bzw. un­ter wel­chen Vor­aus­set­zun­gen die An­wen­dung ei­nes in An­la­ge III be­zeich­ne­ten Be­täu­bungs­mit­tels zur Selbst­tö­tung "be­grün­det" im Sin­ne der Vor­schrift sein kann (vgl. BVer­wG, Ur­teil vom 2. März 2017 - 3 C 19.15 - BVer­w­GE 158, 142 Rn. 16 und 35; s. zum Streit­stand z. B. Oğlakcıoğlu, in: Mün­che­ner Kom­men­tar zum StGB, 4. Aufl. 2022, § 3 BtMG Rn. 35, § 13 BtMG Rn. 31 ff.; Patzak, in: ders./Volk­mer/​Fa­bri­ci­us, BtMG, 10. Aufl. 2022, § 13 Rn. 17 und § 29 Rn. 1137; Schnorr, NStZ 2021, 76 <77>; We­ber, in: ders./Korn­probst/​Mai­er, BtMG, 6. Aufl. 2021, § 13 Rn. 24). Un­ge­ach­tet sei­ner recht­li­chen Zu­läs­sig­keit dürf­te der Zu­gang für die Ster­be­wil­li­gen tat­säch­lich nicht zu er­rei­chen sein. Ei­ne ärzt­li­che Per­son, die ent­ge­gen § 13 Abs. 1 BtMG Be­täu­bungs­mit­tel ver­schreibt oder zum un­mit­tel­ba­ren Ver­brauch über­lässt, macht sich straf­bar (§ 29 Abs. 1 Nr. 6 BtMG) und ge­fähr­det ih­re Ap­pro­ba­ti­on. An­ge­sichts die­ser Ri­si­ken kann von ei­ner in­di­vi­du­el­len ärzt­li­chen Be­reit­schaft, an ei­ner Selbst­tö­tung durch Ver­schrei­ben oder Über­las­sen von Na­tri­um-Pen­to­bar­bi­tal mit­zu­wir­ken, bei rea­lis­ti­scher Be­trach­tungs­wei­se nicht aus­ge­gan­gen wer­den. Die Fra­gen müs­sen hier nicht ab­schlie­ßend ge­klärt wer­den. Auch bei An­nah­me ei­ner Ein­griffs­in­ten­si­vie­rung, weil Na­tri­um-Pen­to­bar­bi­tal für die Ster­be­wil­li­gen nicht auf an­de­rem We­ge er­hält­lich ist, liegt - wie nach­ste­hend dar­ge­legt - kei­ne Grund­rechts­ver­let­zung vor.

41 (bb) Nach den im Be­ru­fungs­ur­teil ge­trof­fe­nen tat­säch­li­chen Fest­stel­lun­gen be­steht für die Ster­be­wil­li­gen die Mög­lich­keit, über ei­ne ärzt­li­che Per­son (β) Zu­gang zu ver­schrei­bungs­pflich­ti­gen Arz­nei­mit­teln (α) zu er­hal­ten, mit de­nen ei­ne Selbst­tö­tung durch­ge­führt wer­den kann.

42 (α) Da­nach kön­nen die Ster­be­wil­li­gen zur Selbst­tö­tung ei­ne Kom­bi­na­ti­on von ver­schrei­bungs­pflich­ti­gen Arz­nei­mit­teln ver­wen­den. Hier­bei wer­den - wie sich den vom Ober­ver­wal­tungs­ge­richt in Be­zug ge­nom­me­nen ver­wal­tungs­ge­richt­li­chen Fest­stel­lun­gen und Er­kennt­nis­mit­teln ent­neh­men lässt - ein Arz­nei­mit­tel ge­gen Übel­keit und Er­bre­chen, ein töd­lich wir­ken­des Mit­tel und ein Tief­schlaf­mit­tel ein­ge­nom­men. Da­mit kön­nen Ster­be­wil­li­ge ih­ren Tod durch Atem- oder Herz­still­stand in­ner­halb we­ni­ger Stun­den (ein­ein­halb bis vier) und im Tief­schlaf her­bei­füh­ren. Die Ta­blet­ten kön­nen zer­mör­sert z. B. in Frucht­jo­ghurt oder Ap­fel­mus ein­ge­rührt oder in ei­ner Flüs­sig­keit auf­ge­löst wer­den (Trink­men­ge: drei Glä­ser). Die Mit­tel er­mög­li­chen ei­ne schmerz­freie Selbst­tö­tung. Ein er­heb­lich er­höh­tes Ri­si­ko von Kom­pli­ka­tio­nen be­steht nicht (vgl. UA S. 28 f., 30; zu der in Be­zug ge­nom­me­nen Aus­wer­tung der ein­ge­hol­ten Aus­künf­te <UA S. 25>: VG-UA S. 18 f.; Stel­lung­nah­men von Dr. med. de Rid­der vom 29. Ok­to­ber 2020 und des Ver­eins Ster­be­hil­fe vom 12. Ok­to­ber 2020).

43 Da­ne­ben gibt es - wie das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt wei­ter fest­ge­stellt hat - mit dem ver­schrei­bungs­pflich­ti­gen Arz­nei­mit­tel Thio­pen­tal ein an­de­res Bar­bi­turat, das zur Selbst­tö­tung ein­ge­setzt wer­den kann und - teil­wei­se er­gänzt um ein mus­kel­re­la­xie­ren­des Mit­tel - in­tra­ve­nös an­ge­wen­det wird (UA S. 29). Thio­pen­tal weist hin­sicht­lich Wirk­wei­se und Ri­si­ken kei­ne we­sent­li­chen Un­ter­schie­de zu Na­tri­um-Pen­to­bar­bi­tal auf. Bei den von der Deut­schen Ge­sell­schaft für Hu­ma­nes Ster­ben e. V. ver­mit­tel­ten Ster­be­be­glei­tun­gen war es im Zeit­punkt der Ent­schei­dung des Ober­ver­wal­tungs­ge­richts seit dem Früh­jahr 2020 in mehr als 120 Fäl­len ver­wen­det wor­den (UA S. 29).

44 (β) Ver­schrei­bungs­pflich­ti­ge Arz­nei­mit­tel dür­fen nur auf­grund ei­ner ärzt­li­chen Ver­schrei­bung von Apo­the­ken an End­ver­brau­cher ab­ge­ge­ben wer­den (vgl. § 43 Abs. 3, § 48 AMG, § 1 der Arz­nei­mit­tel­ver­schrei­bungs­ver­or­d­n­u­ng) oder ih­nen nur von ei­ner ärzt­li­chen Per­son zur un­mit­tel­ba­ren An­wen­dung über­las­sen wer­den. Nach den be­ru­fungs­ge­richt­li­chen Fest­stel­lun­gen ha­ben Ster­be­wil­li­ge die Mög­lich­keit, über ei­ne Ärz­tin oder ei­nen Arzt Zu­gang zu den un­ter (α) be­zeich­ne­ten Arz­nei­mit­teln zu er­hal­ten. Es ge­be in Deutsch­land ei­nen Kreis von ärzt­li­chen Per­so­nen, die be­reit sei­en, an ei­ner Selbst­tö­tung durch Ver­schrei­ben oder Über­las­sen der be­nö­tig­ten Arz­nei­mit­tel as­sis­tie­rend mit­zu­wir­ken (UA S. 25, 27). Wie das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt wei­ter fest­ge­stellt hat, ha­ben meh­re­re Or­ga­ni­sa­tio­nen die Ver­mitt­lung von zur Sui­zid­hil­fe be­rei­ten Ärz­tin­nen und Ärz­ten wie­der­auf­ge­nom­men, nach­dem das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt mit Ur­teil vom 26. Fe­bru­ar 2020 das in § 217 StGB nor­mier­te Ver­bot der ge­schäfts­mä­ßi­gen För­de­rung der Selbst­tö­tung für nich­tig er­klärt hat­te (UA S. 26 f.). An die­se Fest­stel­lun­gen ist der Se­nat ge­mäß § 137 Abs. 2 Vw­GO ge­bun­den; zu­läs­si­ge und be­grün­de­te Re­vi­si­ons­grün­de hat der Klä­ger in­so­weit nicht vor­ge­bracht. Sein Vor­trag, die be­ru­fungs­ge­richt­li­chen Fest­stel­lun­gen zur Mög­lich­keit, ei­ne zur Sui­zid­hil­fe be­rei­te ärzt­li­che Per­son zu fin­den, gin­gen an den tat­säch­li­chen Le­bens­ver­hält­nis­sen vor­bei, ge­nügt nicht den An­for­de­run­gen an die Dar­le­gung ei­nes Ver­fah­rens­man­gels (vgl. § 139 Abs. 3 Satz 4 Vw­GO).

45 Das ärzt­li­che Be­rufs­recht sieht kein aus­drück­li­ches Ver­bot ärzt­li­cher Sui­zid­hil­fe mehr vor. In der von der Bun­des­ärz­te­kam­mer er­las­se­nen - nicht rechts­ver­bind­li­chen - Mus­ter­be­rufs­ord­nung für die in Deutsch­land tä­ti­gen Ärz­tin­nen und Ärz­te (MBO-Ä) ist zu­rück­ge­hend auf ei­nen Be­schluss des 124. Deut­schen Ärz­te­tags 2021 der Re­ge­lungs­vor­schlag des § 16 Satz 3 MBO-Ä auf­ge­ho­ben wor­den, der ein aus­drück­li­ches Ver­bot ärzt­li­cher Sui­zid­hil­fe vor­ge­se­hen hat­te (UA S. 26). Die­je­ni­gen Lan­des­ärz­te­kam­mern, die ein sol­ches Ver­bot oder zu­min­dest ei­ne "Soll-Vor­schrift" in ih­re als Sat­zung er­las­se­nen Be­rufs­ord­nun­gen auf­ge­nom­men hat­ten (vgl. BVerfG, Ur­teil vom 26. Fe­bru­ar 2020 - 2 BvR 2347/15 u. a. -‌ BVerf­GE 153, 182 Rn. 293), sind der Mus­ter­be­rufs­ord­nung ge­folgt und ha­ben die Re­ge­lung auf­ge­ho­ben (vgl. UA S. 26 <Ber­lin, Bre­men, Sach­sen, Thü­rin­gen>; nach Er­ge­hen des Be­ru­fungs­ur­teils: Bran­den­burg, Ham­burg, Hes­sen, Meck­len­burg-Vor­pom­mern, Nie­der­sach­sen, Saar­land, West­fa­len-Lip­pe) oder für nicht an­wend­bar er­klärt (Nord­rhein).

46 Ei­ne ärzt­li­che Ver­schrei­bung oder Über­las­sung von Arz­nei­mit­teln zum Zweck der Selbst­tö­tung ist arz­nei­mit­tel­recht­lich zu­läs­sig. Ei­ne An­wen­dung von Arz­nei­mit­teln au­ßer­halb der zu­ge­las­se­nen In­di­ka­ti­on und emp­foh­le­nen Do­sie­rung ("off-la­bel-use") wird durch das Arz­nei­mit­tel­ge­setz nicht ver­bo­ten (vgl. VG-UA S. 19; OVG Lü­ne­burg, Ur­teil vom 11. Mai 2015 - 8 LC 123/14 - ju­ris Rn. 37; Schnorr, NStZ 2021, 76 <78>).

47 (cc) Die­se Al­ter­na­ti­ven sind für die Ster­be­wil­li­gen mit Be­las­tun­gen ver­bun­den.

48 (α) Sie müs­sen ei­ne ärzt­li­che Per­son fin­den, die be­reit ist, die not­wen­di­ge phar­ma­ko­lo­gi­sche und - ge­ge­be­nen­falls - me­di­zi­ni­sche Un­ter­stüt­zung zu leis­ten. Das kann schwie­rig sein, weil Ärz­tin­nen und Ärz­te nicht ver­pflich­tet sind, Hil­fe zur Selbst­tö­tung zu leis­ten (vgl. BVerfG, Ur­teil vom 26. Fe­bru­ar 2020 - 2 BvR 2347/15 u. a. - BVerf­GE 153, 182 Rn. 289), und weil - wie das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt fest­ge­stellt hat - wei­ter­hin die Mehr­heit un­ter ih­nen auf­grund ih­res Selbst­ver­ständ­nis­ses nicht zur Sui­zid­hil­fe be­reit sein dürf­te (UA S. 25). Die Ster­be­wil­li­gen kön­nen sich bei der Su­che al­ler­dings durch Or­ga­ni­sa­tio­nen hel­fen las­sen, die - wie ge­zeigt - die Ver­mitt­lung von zur Sui­zid­hil­fe be­rei­ten Ärz­tin­nen und Ärz­ten wie­der­auf­ge­nom­men ha­ben. Da­nach be­steht die rea­lis­ti­sche Aus­sicht, dass sie bei ei­ner ak­ti­ven, auch an­de­re Bun­des­län­der in den Blick neh­men­den Su­che (vgl. BVerfG, Kam­mer­be­schluss vom 10. De­zem­ber 2020 - 1 BvR 1837/19 - NJW 2021, 1086 Rn. 7) ei­ne zur Sui­zid­hil­fe be­rei­te ärzt­li­che Per­son fin­den.

49 (β) Es ist da­von aus­zu­ge­hen, dass sich ei­ne ärzt­li­che Per­son im Vor­feld ei­ner Un­ter­stüt­zung zur Selbst­tö­tung ver­ge­wis­sern wird, dass der Ent­schluss des Ster­be­wil­li­gen, sein Le­ben be­en­den zu wol­len, auf ei­ne frei­ver­ant­wort­lich ge­trof­fe­ne Ent­schei­dung zu­rück­geht. Das kann ins­be­son­de­re für Ster­be­wil­li­ge be­las­tend sein, die - wie der Klä­ger - ih­ren Selbst­tö­tungs­ent­schluss oh­ne Hil­fe ei­ner frem­den ärzt­li­chen Per­son um­set­zen möch­ten. Sie müs­sen sich ge­gen­über ei­ner ih­nen nicht oder nicht sehr ver­trau­ten Per­son über ei­ne höchst­per­sön­li­che An­ge­le­gen­heit er­klä­ren und Aus­kunft ge­ben. Be­steht die an­ge­bo­te­ne Un­ter­stüt­zung in ei­ner Arz­nei­mit­tel­über­las­sung zum un­mit­tel­ba­ren Ver­brauch und nicht in ei­ner Ver­schrei­bung, er­hal­ten die Ster­be­wil­li­gen die Mit­tel an­ders als beim an­ge­streb­ten Er­werb von Na­tri­um-Pen­to­bar­bi­tal nicht zur frei­en Ver­fü­gung; sie müs­sen mit der ärzt­li­chen Per­son ei­nen Ter­min für die Um­set­zung der Selbst­tö­tung ver­ein­ba­ren. Ei­ne zu­sätz­li­che Er­schwer­nis kann für die Ster­be­wil­li­gen ent­ste­hen, wenn sich die ärzt­li­che Per­son am fest­ge­leg­ten Ter­min ver­ge­wis­sern möch­te, dass die Ernst­haf­tig­keit und Dau­er­haf­tig­keit des Selbst­tö­tungs­wil­lens fort­be­stehen. Wei­te­re Er­schwer­nis­se kön­nen sich bei der In­an­spruch­nah­me ei­ner Or­ga­ni­sa­ti­on zur Ver­mitt­lung von zur Sui­zid­hil­fe be­rei­ten Ärz­tin­nen und Ärz­ten ("Ster­be­hil­fe­or­ga­ni­sa­tio­nen") er­ge­ben. Vor­aus­set­zung für die Ver­mitt­lung ist in der Re­gel ei­ne kos­ten­pflich­ti­ge Mit­glied­schaft in der Or­ga­ni­sa­ti­on.

50 (γ) Er­schwer­nis­se für die Ster­be­wil­li­gen er­ge­ben sich au­ßer­dem bei der ora­len An­wen­dung der Arz­nei­mit­tel­kom­bi­na­ti­on. Es muss ei­ne grö­ße­re Men­ge ein­ge­nom­men wer­den als bei der Le­bens­be­en­di­gung mit Na­tri­um-Pen­to­bar­bi­tal. Das kann für Ster­be­wil­li­ge mit Schluck­be­schwer­den schwie­rig sein und er­höht das Ri­si­ko von Kom­pli­ka­tio­nen (vgl. Stel­lung­nah­me von Dr. med. de Rid­der vom 29. Ok­to­ber 2020 <UA S. 28>, Ant­wort zu Fra­ge 6). Zu­dem tritt der Tod in der Re­gel lang­sa­mer ein als bei der Ein­nah­me von Na­tri­um-Pen­to­bar­bi­tal.

51 Bei der in­tra­ve­nö­sen Al­ter­na­ti­ve mit dem Arz­nei­mit­tel Thio­pen­tal ent­ste­hen die­se Be­las­tun­gen nicht. Weil bei der An­wen­dung ei­ne In­fu­si­on ge­legt oder der Ein­satz ei­nes In­fu­si­ons­au­to­ma­ten (Per­fu­sors) vor­be­rei­tet wer­den muss, er­for­dert sie aber ei­ne fach­kun­di­ge me­di­zi­ni­sche Be­glei­tung und be­las­tet da­mit Ster­be­wil­li­ge, die - wie der Klä­ger - ei­ne sol­che Be­glei­tung nicht wün­schen.

52 (b) Die­sen Grund­rechts­ein­schrän­kun­gen für die Ster­be­wil­li­gen ste­hen wich­ti­ge Ge­mein­wohl­be­lan­ge ge­gen­über, die durch die Nicht­er­öff­nung des Zu­gangs zu Na­tri­um-Pen­to­bar­bi­tal ge­schützt wer­den.

53 Die Ge­fah­ren für Le­ben und Ge­sund­heit der Be­völ­ke­rung durch Miss- oder Fehl­ge­brauch des Mit­tels sind an­ge­sichts sei­ner schnel­len und töd­li­chen Wir­kung so­wie der ein­fa­chen An­wend­bar­keit be­son­ders groß. Sie sind die Kehr­sei­te der dar­ge­leg­ten Vor­zü­ge, die Ster­be­wil­li­ge Na­tri­um-Pen­to­bar­bi­tal bei­mes­sen. Die­se be­son­de­ren Ge­fah­ren wie­gen schwer. Die Rechts­gü­ter Le­ben und Ge­sund­heit ha­ben ho­hes Ge­wicht (stRspr, vgl. BVerfG, Be­schlüs­se vom 8. Ju­ni 2010 ‌- 1 BvR 2011/07 u. a. - BVerf­GE 126, 112 <140 f.> und vom 19. No­vem­ber 2021 ‌- 1 BvR 781/21 u. a. - BVerf­GE 159, 223 Rn. 231). Die Nicht­er­öff­nung des Zu­gangs zu Na­tri­um-Pen­to­bar­bi­tal leis­tet ei­nen re­le­van­ten Bei­trag zu ih­rem Schutz. Der Ge­setz­ge­ber darf auch an­neh­men, dass die Maß­nah­me deut­lich wirk­sa­mer ist als ei­ne - frei­heits­scho­nen­de­re - Re­ge­lung, die ei­nen Zu­gang zu Na­tri­um-Pen­to­bar­bi­tal un­ter Auf­la­gen (s. un­ter bb) (2)) er­mög­licht.

54 Die Maß­nah­me för­dert zu­dem den Zweck, Men­schen in vul­ne­ra­bler Po­si­ti­on und Ver­fas­sung vor Ent­schei­dun­gen über das ei­ge­ne Le­bens­en­de zu schüt­zen, die sie nicht frei­ver­ant­wort­lich tref­fen. Der Schutz der Au­to­no­mie des Ein­zel­nen bei der Ent­schei­dung über die Be­en­di­gung des ei­ge­nen Le­bens hat ho­hes Ge­wicht. Al­ler­dings kön­nen Ge­fah­ren, die von der frei­en Ver­füg­bar­keit von Na­tri­um-Pen­to­bar­bi­tal zur Selbst­tö­tung für die freie Wil­lens­bil­dung und die Wil­lens­frei­heit aus­ge­hen kön­nen, durch Nor­mie­rung pro­ze­du­ra­ler Si­che­rungs­me­cha­nis­men wie Auf­klä­rungs-, War­te- und Nach­weis­pflich­ten (vgl. BVerfG, Ur­teil vom 26. Fe­bru­ar 2020 - 2 BvR 2347/15 u. a. - BVerf­GE 153, 182 Rn. 339 f.) re­du­ziert wer­den. Ver­blei­ben­de Ri­si­ken - wie et­wa Fehl­ein­schät­zun­gen bei der be­hörd­li­chen Prü­fung, ob der Ent­schluss von Ster­be­wil­li­gen zur Selbst­tö­tung frei­ver­ant­wort­lich ist - las­sen sich durch die Aus­ge­stal­tung des Prüf­ver­fah­rens min­dern.

55 (c) In der Ab­wä­gung ste­hen die mit dem feh­len­den Zu­gang zu Na­tri­um-Pen­to­bar­bi­tal ver­bun­de­nen Be­las­tun­gen für Ster­be­wil­li­ge, die selbst­be­stimmt ent­schie­den ha­ben, ihr Le­ben be­en­den zu wol­len, nicht au­ßer Ver­hält­nis zu dem da­durch er­reich­ba­ren Rechts­gü­ter­schutz.

56 (aa) Ob der mit der Maß­nah­me ver­folg­te Zweck, Men­schen in vul­ne­ra­bler Po­si­ti­on und Ver­fas­sung vor nicht frei­ver­ant­wort­li­chen Selbst­tö­tun­gen zu schüt­zen, und die zu er­war­ten­de Zwecker­rei­chung den Ein­griff in das Recht auf selbst­be­stimm­tes Ster­ben recht­fer­ti­gen kön­nen, kann of­fen blei­ben. Auf der Stu­fe der An­ge­mes­sen­heit sind un­ter­schied­li­che Lö­sungs­mög­lich­kei­ten auch dar­auf zu über­prü­fen, wel­che aus bei­den Sicht­win­keln zur grö­ßt­mög­li­chen Si­che­rung des Schut­zes der kol­li­die­ren­den Rechts­gü­ter führt. Es kann da­her an der An­ge­mes­sen­heit feh­len, wenn bei ei­nem mil­de­ren Mit­tel die Wirk­sam­keit nur we­nig ge­rin­ger ist (BVerfG, Be­schluss vom 29. Sep­tem­ber 2022 - 1 BvR 2380/21 u. a. -‌ BVerf­GE 163, 107 Rn. 135). Der er­reich­ba­re Rechts­gü­ter­schutz durch ei­ne - frei­heits­scho­nen­de­re - Re­ge­lung ei­nes pro­ze­du­ra­len Si­che­rungs­kon­zepts wä­re - wie dar­ge­legt - mög­li­cher­wei­se nur we­nig ge­rin­ger. Ei­nem un­wi­der­leg­li­chen Ge­ne­ral­ver­dacht man­geln­der Frei­heit und Re­fle­xi­on darf das Ge­setz den Ent­schluss zur Selbst­tö­tung nicht un­ter­stel­len; da­durch wür­de die ver­fas­sungs­prä­gen­de Grund­vor­stel­lung des Men­schen als ei­nes in Frei­heit zur Selbst­be­stim­mung und Selbst­ent­fal­tung fä­hi­gen We­sens in ihr Ge­gen­teil ver­kehrt (vgl. BVerfG, Ur­teil vom 26. Fe­bru­ar 2020 - 2 BvR 2347/15 u. a. - BVerf­GE 153, 182 Rn. 279).

57 (bb) Die Ver­hält­nis­mä­ßig­keit im en­ge­ren Sin­ne ist je­den­falls mit Blick auf das mit der Re­ge­lung ver­folg­te Ziel, Miss- und Fehl­ge­brauch zu ver­hin­dern, und den in die­ser Hin­sicht er­reich­ba­ren Rechts­gü­ter­schutz ge­wahrt.

58 Dem Ge­setz­ge­ber kommt bei der Ge­wich­tung der Ge­fah­ren des Be­täu­bungs­mit­tel­ver­kehrs und der Aus­ge­stal­tung des Schutz­kon­zepts zur Ver­hin­de­rung von Miss- und Fehl­ge­brauch ein Spiel­raum zu (vgl. BVerfG, Ur­tei­le vom 30. Ju­li 2008 - 1 BvR 3262/07 u. a. - BVerf­GE 121, 317 <356 f.> und vom 26. Fe­bru­ar 2020 - 2 BvR 2347/15 u. a. - BVerf­GE 153, 182 Rn. 224; Be­schluss vom 19. No­vem­ber 2021 - 1 BvR 781/21 u. a. - BVerf­GE 159, 223 Rn. 217). Des­sen Gren­zen sind mit dem Ver­bot des Er­werbs von Na­tri­um-Pen­to­bar­bi­tal zur Selbst­tö­tung nicht über­schrit­ten. Die Ein­schrän­kung der Selbst­be­stim­mung bei der Wahl des Mit­tels zur Selbst­tö­tung hat zwar Ge­wicht; es geht um die Ge­stal­tung des ei­ge­nen Le­bens­en­des. Die Ge­fah­ren, die durch den Er­werb von Na­tri­um-Pen­to­bar­bi­tal und die Auf­be­wah­rung des Mit­tels durch die Ster­be­wil­li­gen ent­ste­hen kön­nen, sind je­doch - wie ge­zeigt - be­son­ders groß und wie­gen schwer. An­ge­sichts die­ser Ge­fah­ren und der be­stehen­den Al­ter­na­ti­ven zum Ein­satz des ge­wünsch­ten Mit­tels ist es nicht zu be­an­stan­den, dass das Ge­setz sei­nen Er­werb zum Zweck der Selbst­tö­tung nicht zu­lässt.

59 Die be­stehen­den Al­ter­na­ti­ven zum Ein­satz von Na­tri­um-Pen­to­bar­bi­tal sind für die Ster­be­wil­li­gen zu­mut­bar und stel­len ei­nen an­ge­mes­se­nen Aus­gleich zwi­schen den kol­li­die­ren­den In­di­vi­du­al- und Ge­mein­wohl­be­lan­gen her. Die Ster­be­wil­li­gen wer­den durch die In­an­spruch­nah­me der Hil­fe ei­ner ärzt­li­chen Per­son und ge­ge­be­nen­falls ei­ner Or­ga­ni­sa­ti­on bei der Um­set­zung der Selbst­tö­tung nicht un­an­ge­mes­sen be­las­tet (vgl. BVerfG, Kam­mer­be­schluss vom 10. De­zem­ber 2020 - 1 BvR 1837/19 - NJW 2021, 1086 Rn. 4 und 7). Dass der Zu­gang zu ei­nem Mit­tel zur Selbst­tö­tung die Fest­stel­lung der Frei­ver­ant­wort­lich­keit des Ster­be­wun­sches durch ei­ne ärzt­li­che Per­son oder an­de­re fach­kun­di­ge Stel­le vor­aus­setzt, ist nicht zu be­an­stan­den (vgl. BVerfG, Ur­teil vom 26. Fe­bru­ar 2020 ‌- 2 BvR 2347/15 u. a. - BVerf­GE 153, 182 Rn. 339 f.; BVer­wG, Ur­teil vom 2. März 2017 - 3 C 19.15 - BVer­w­GE 158, 142 Rn. 31 und 40); das dient dem Schutz der Au­to­no­mie der Ster­be­wil­li­gen. An­halts­punk­te, dass die In­an­spruch­nah­me von Hil­fe der im an­ge­grif­fe­nen Ur­teil ge­nann­ten Or­ga­ni­sa­tio­nen un­zu­mut­bar sein könn­te, et­wa im Hin­blick auf die ent­ste­hen­den Kos­ten, hat das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt nicht fest­ge­stellt. Da­ge­gen hat der Klä­ger kei­nen zu­läs­si­gen und be­grün­de­ten Re­vi­si­ons­grund vor­ge­bracht (§ 137 Abs. 2 Vw­GO). Auch die Er­schwer­nis­se, die sich für die Ster­be­wil­li­gen bei Ver­wen­dung ver­schrei­bungs­pflich­ti­ger Arz­nei­mit­tel er­ge­ben, stel­len kei­ne un­zu­mut­ba­ren Be­las­tun­gen dar. Ster­be­wil­li­ge, die ei­ne ora­le An­wen­dung nicht wün­schen oder für die sie - et­wa we­gen Schluck­be­schwer­den - nicht mög­lich ist, kön­nen ein Arz­nei­mit­tel in­tra­ve­nös ein­set­zen, das sich hin­sicht­lich Wirk­wei­se und Ri­si­ken nicht we­sent­lich von Na­tri­um-Pen­to­bar­bi­tal un­ter­schei­det. Ei­ne er­for­der­li­che me­di­zi­ni­sche Be­glei­tung kann so ge­stal­tet wer­den, dass dem Wunsch der Ster­be­wil­li­gen nach Pri­vat­heit so weit wie mög­lich ent­spro­chen und die Be­ein­träch­ti­gung da­durch ge­min­dert wird.

60 d) Für den Klä­ger er­gibt sich nichts Ab­wei­chen­des. Nach den für das Re­vi­si­ons­ver­fah­ren ver­bind­li­chen Fest­stel­lun­gen des Ober­ver­wal­tungs­ge­richts (§ 137 Abs. 2 Vw­GO) be­steht auch für ihn die Mög­lich­keit, über ei­ne ärzt­li­che Per­son Zu­gang zu Arz­nei­mit­teln zu er­hal­ten, mit de­nen ei­ne Selbst­tö­tung durch­ge­führt wer­den kann. Es sei nicht er­sicht­lich, dass er die Arz­nei­mit­tel­kom­bi­na­ti­on krank­heits­be­dingt nicht schlu­cken kön­ne (UA S. 29 f.). Aber auch, wenn für ihn auf­grund sei­ner gel­tend ge­mach­ten Schluck­be­schwer­den nur ein in­tra­ve­nös ein­setz­ba­res Arz­nei­mit­tel in Be­tracht kom­men soll­te, folgt dar­aus nichts An­de­res. Er kann das Mit­tel mit­hil­fe ei­nes In­fu­si­ons­au­to­ma­ten (Per­fu­sors) an­wen­den, den er selbst steu­ert (UA S. 30). Nach den be­ru­fungs­ge­richt­li­chen Dar­le­gun­gen ist es ihm auch mög­lich, ein sol­ches Ge­rät zu be­schaf­fen und nö­ti­gen­falls die an­fal­len­den Kos­ten von et­wa 1 500 € auf­zu­brin­gen (UA S. 31). Im Üb­ri­gen wä­re ein ge­setz­li­cher Hilfs­mit­tel­an­spruch ge­ge­be­nen­falls vor den So­zi­al­ge­rich­ten zu ver­fol­gen. Schlie­ß­lich be­stehen kei­ne An­halts­punk­te, dass die Su­che nach ei­ner zur Sui­zid­hil­fe be­rei­ten ärzt­li­chen Per­son oder die Mit­glied­schaft in ei­ner Or­ga­ni­sa­ti­on für ihn un­zu­mut­bar wä­ren (vgl. UA S. 26, 28).

61 e) Ein An­spruch auf die be­an­trag­te Er­werbs­er­laub­nis er­gibt sich auch nicht aus­nahms­wei­se un­ter dem Ge­sichts­punkt ei­ner ex­tre­men Not­la­ge im Sin­ne des Se­nats­ur­teils vom 2. März 2017 - 3 C 19.15 - (BVer­w­GE 158, 142). Das Vor­lie­gen ei­ner sol­chen Not­la­ge setzt un­ter an­de­rem vor­aus, dass dem Ster­be­wil­li­gen kei­ne an­de­re zu­mut­ba­re Mög­lich­keit zur Ver­wirk­li­chung des Selbst­tö­tungs­wun­sches zur Ver­fü­gung steht (BVer­wG, Ur­teil vom 2. März 2017 - 3 C 19.15 - a. a. O. Rn. 31). Das ist beim Klä­ger - wie dar­ge­legt - nicht der Fall.

62 f) Die recht­li­che Be­wer­tung steht im Ein­klang mit der Eu­ro­päi­schen Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on. Zur wei­te­ren Be­grün­dung nimmt der Se­nat Be­zug auf die zu­tref­fen­den Aus­füh­run­gen im an­ge­grif­fe­nen Ur­teil (UA S. 35 f.).

63 Die Kos­ten­ent­schei­dung folgt aus § 154 Abs. 2 Vw­GO.