Ver­fah­rens­in­for­ma­ti­on

Die Klä­ger wen­den sich da­ge­gen, dass die be­klag­te jü­di­sche Ge­mein­de Frank­furt am Main sie als ih­re Mit­glie­der be­han­delt hat. Nach der Sat­zung der Be­klag­ten sind Mit­glie­der der jü­di­schen Ge­mein­de al­le Per­so­nen jü­di­schen Glau­bens, die in Frank­furt ih­ren Wohn­sitz oder ge­wöhn­li­chen Auf­ent­halt ha­ben und nicht bin­nen ei­ner Frist von drei Mo­na­ten nach ih­rem Zu­zug nach Frank­furt ge­gen­über dem Ge­mein­de­vor­stand schrift­lich er­klä­ren, dass sie nicht Mit­glie­der der Ge­mein­de sein wol­len.


Die Klä­ger, fran­zö­si­sche Staats­an­ge­hö­ri­ge jü­di­scher Re­li­gi­ons­zu­ge­hö­rig­keit, ver­leg­ten ih­ren Wohn­sitz von Pa­ris nach Frank­furt. Im For­mu­lar der Mel­de­be­hör­de ga­ben sie ih­re Re­li­gi­ons­zu­ge­hö­rig­keit mit "mo­sa­isch" an. Erst mehr als drei Mo­na­te nach ih­rem Zu­zug wur­den sie von der jü­di­schen Ge­mein­de als neue Mit­glie­der be­grü­ßt. Den Wi­der­spruch der Klä­ger ge­gen ih­re Mit­glied­schaft wer­te­te die Be­klag­te als ver­spä­tet. Mit ih­rer Kla­ge wol­len die Klä­ger fest­ge­stellt wis­sen, dass sie nicht Mit­glie­der der jü­di­schen Ge­mein­de ge­wor­den sind; die eher or­tho­dox aus­ge­rich­te­te Frank­fur­ter Ge­mein­de ent­spre­che nicht ih­rem li­be­ra­len Ver­ständ­nis des Ju­den­tums.


In den Vor­in­stan­zen blieb die Kla­ge oh­ne Er­folg. Der Ver­wal­tungs­ge­richts­hof hat an­ge­nom­men, von den staat­li­chen Ge­rich­ten kön­ne nur ge­prüft und fest­ge­stellt wer­den, ob die Klä­ger Mit­glie­der der Be­klag­ten mit Rechts­fol­gen für den staat­li­chen Be­reich, bei­spiels­wei­se für die Er­he­bung von Kir­chen­steu­er, ge­wor­den sei­en. Knüp­fe der Er­werb der Mit­glied­schaft nach in­ner­kirch­li­chem Recht - wie hier - al­lein an die Ab­stam­mung und die Wohn­sitz­nah­me im Ge­mein­de­ge­biet an, kön­ne dies nur dann als Grund­la­ge für staat­li­che Maß­nah­men an­er­kannt wer­den, wenn sich der Wil­le, der Re­li­gi­ons­ge­mein­schaft an­zu­ge­hö­ren, in ei­nem po­si­ti­ven Be­kennt­nis ma­ni­fes­tie­re. Ein po­si­ti­ves Be­kennt­nis der Klä­ger zum jü­di­schen Glau­ben er­ge­be sich zum ei­nen aus ih­rer Er­klä­rung ge­gen­über dem Ein­woh­ner­mel­de­amt. Zum an­de­ren hät­ten die Klä­ger sich nach ei­ge­nem Be­kun­den vor ih­rem Zu­zug nach Frank­furt zum jü­di­schen Glau­ben be­kannt, wie sich un­ter an­de­rem aus ih­rer Zu­ge­hö­rig­keit zur jü­di­schen Ge­mein­de in Pa­ris, aus ih­rer Ehe­schlie­ßung dort nach jü­di­schem Ri­tus und ih­rer An­ga­be ge­gen­über der Be­klag­ten er­ge­be, sie hiel­ten wei­ter­hin ih­re Mit­glied­schaft in ih­rer bis­he­ri­gen jü­di­schen Hei­mat­ge­mein­de in Frank­reich auf­recht.


Im Re­vi­si­ons­ver­fah­ren ma­chen die Klä­ger wei­ter­hin gel­tend, dass ei­ne nach dem Grund­recht der Re­li­gi­ons­frei­heit un­zu­läs­si­ge Zwangs­mit­glied­schaft vor­lie­ge.


Pres­se­mit­tei­lung Nr. 81/2010 vom 23.09.2010

Kei­ne Mit­glied­schaft in der jü­di­schen Ge­mein­de oh­ne ein­deu­ti­ge Wil­lens­be­kun­dung

Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt in Leip­zig hat heu­te ent­schie­den, dass die jü­di­sche Ge­mein­de in Frank­furt ein aus Frank­reich zu­ge­zo­ge­nes Ehe­paar jü­di­schen Glau­bens nicht mit Wir­kung für das staat­li­che Recht als Mit­glied be­han­deln darf. Da­mit ent­fällt ins­be­son­de­re die Mög­lich­keit, das kla­gen­de Ehe­paar zur Kul­tus­steu­er (Kir­chen­steu­er) her­an­zu­zie­hen.


Nach der Sat­zung der be­klag­ten Ge­mein­de be­stimmt sich die Mit­glied­schaft in ihr nach der jü­di­schen Re­li­gi­ons­zu­ge­hö­rig­keit, die ins­be­son­de­re durch die Ab­stam­mung von ei­ner jü­di­schen Mut­ter ver­mit­telt wird, und der Wohn­sitz­nah­me. Ei­ne so be­grün­de­te Mit­glied­schaft in der recht­lich ver­fass­ten Re­li­gi­ons­ge­mein­schaft kann im staat­li­chen Recht we­gen des Grund­rechts der Be­kennt­nis­frei­heit nur dann an­er­kannt wer­den, wenn sie von ei­ner Wil­lens­ent­schei­dung des Be­trof­fe­nen ge­tra­gen ist. Das Be­ru­fungs­ge­richt hat u.a. der Er­klä­rung der Klä­ger ge­gen­über dem Ein­woh­ner­mel­de­amt über ih­re Re­li­gi­ons­zu­ge­hö­rig­keit ei­ne der­ar­ti­ge Wil­lens­be­kun­dung ent­nom­men.


Dem ist das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt nicht ge­folgt. Zwar ha­ben die Klä­ger nach ih­rem Zu­zug ge­gen­über der Mel­de­be­hör­de im An­mel­de­for­mu­lar bei der Fra­ge nach der Re­li­gi­on "mo­sa­isch" an­ge­ge­ben. Vor dem Hin­ter­grund viel­fäl­ti­ger Strö­mun­gen im Ju­den­tum geht aus die­ser all­ge­mei­nen Aus­kunft über die Glau­bens­zu­ge­hö­rig­keit aber nicht mit der ge­bo­te­nen Ein­deu­tig­keit her­vor, dass die Klä­ger, die sich nach ih­ren An­ga­ben dem li­be­ra­len Ju­den­tum ver­bun­den füh­len, der in Frank­furt be­stehen­den jü­di­schen Ge­mein­de in ih­rer kon­kre­ten Aus­rich­tung zu­ge­hö­ren wol­len.


Schlie­ß­lich kann auch nicht da­von aus­ge­gan­gen wer­den, dass al­lein die bis­he­ri­ge Mit­glied­schaft in ei­ner jü­di­schen Ge­mein­de in Frank­reich im Fal­le des Wohn­sitz­wech­sels au­to­ma­tisch die Mit­glied­schaft in der jü­di­schen Ge­mein­de des neu­en Wohn­orts zur Fol­ge hat.


BVer­wG 7 C 22.09 - Ur­teil vom 23.09.2010

Vor­in­stan­zen:

VGH Kas­sel, VGH 10 A 2097/07 - Ur­teil vom 19.05.2009 -

VG Frank­furt am Main, VG 11 E 1452/04(1) - Ur­teil vom 20.09.2005 -


Be­schluss vom 15.12.2009 -
BVer­wG 7 B 29.09ECLI:DE:BVer­wG:2009:151209B7B29.09.0

Be­schluss

BVer­wG 7 B 29.09

  • Hes­si­scher VGH - 19.05.2009 - AZ: VGH 10 A 2079/07

In der Ver­wal­tungs­streit­sa­che hat der 7. Se­nat des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts
am 15. De­zem­ber 2009
durch den Vor­sit­zen­den Rich­ter am Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt Sai­ler
und die Rich­ter am Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt Krauß und Neu­mann
be­schlos­sen:

  1. Die Ent­schei­dung des Hes­si­schen Ver­wal­tungs­ge­richts­hofs über die Nicht­zu­las­sung der Re­vi­si­on ge­gen sein Ur­teil vom 19. Mai 2009 wird auf­ge­ho­ben.
  2. Die Re­vi­si­on wird zu­ge­las­sen.
  3. Die Ent­schei­dung über die Kos­ten des Be­schwer­de­ver­fah­rens bleibt der Schluss­ent­schei­dung vor­be­hal­ten.
  4. Der Wert des Streit­ge­gen­stan­des wird für das Be­schwer­de­ver­fah­ren und - in­so­weit vor­läu­fig - für das Re­vi­si­ons­ver­fah­ren auf je­weils 10 000 € fest­ge­setzt.

Grün­de

I

1 Die Be­schwer­de der Klä­ger ge­gen die Nicht­zu­las­sung der Re­vi­si­on ist be­grün­det. Die Rechts­sa­che hat die gel­tend ge­mach­te grund­sätz­li­che Be­deu­tung im Sin­ne des § 132 Abs. 2 Nr. 1 Vw­GO. Sie wirft die klä­rungs­be­dürf­ti­ge Fra­ge auf, ob an die Mit­glied­schaft in ei­ner Re­li­gi­ons­ge­mein­schaft Rechts­fol­gen im staat­li­chen Be­reich ge­knüpft wer­den dür­fen, wenn die Mit­glied­schaft nach in­ner­ge­mein­schaft­li­chem Recht zwar al­lein durch Ab­stam­mung und Wohn­sitz be­grün­det wird, da­ne­ben aber ei­ne nach au­ßen er­kenn­ba­re und zu­re­chen­ba­re Wil­lens­äu­ße­rung im Sin­ne ei­ner Zu­ge­hö­rig­keit zu der Re­li­gi­ons­ge­mein­schaft vor­liegt. Im An­schluss hier­an ist klä­rungs­be­dürf­tig, ob und un­ter wel­chen Vor­aus­set­zun­gen ei­ne Er­klä­rung ge­gen­über der Mel­de­be­hör­de über die Re­li­gi­ons­zu­ge­hö­rig­keit ei­ne sol­che Wil­lens­äu­ße­rung dar­stel­len kann.

2 Die Fest­set­zung des Streit­werts be­ruht für das Be­schwer­de­ver­fah­ren auf § 47 Abs. 1 und 3, § 52 Abs. 2 GKG, für das Re­vi­si­ons­ver­fah­ren auf § 47 Abs. 1, § 52 Abs. 2, § 63 Abs. 1 Satz 1 GKG. Ge­gen­stand des Ver­fah­rens ist die Fest­stel­lung des Nicht­be­stehens zwei­er selbst­stän­di­ger Rechts­ver­hält­nis­se, näm­lich ei­nes Mit­glied­schafts­rechts des Klä­gers und ei­nes Mit­glied­schafts­rechts der Klä­ge­rin bei der Be­klag­ten, und de­ren Fol­gen für das staat­li­che Recht. Für die Fest­stel­lung des Nicht­be­stehens je­des die­ser bei­den Rechts­ver­hält­nis­se ist je­weils der Auf­fang­wert des § 52 Abs. 2 GKG an­zu­set­zen.

Rechts­be­helfs­be­leh­rung


Das Be­schwer­de­ver­fah­ren wird als Re­vi­si­ons­ver­fah­ren un­ter dem Ak­ten­zei­chen BVer­wG 7 C 22.09 fort­ge­setzt. Der Ein­le­gung ei­ner Re­vi­si­on durch den Be­schwer­de­füh­rer be­darf es nicht.
Die Re­vi­si­on ist in­ner­halb ei­nes Mo­nats nach Zu­stel­lung die­ses Be­schlus­ses zu be­grün­den. Die Be­grün­dung ist bei dem Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Sim­son­platz 1, 04107 Leip­zig, schrift­lich oder in elek­tro­ni­scher Form (Ver­ord­nung vom 26. No­vem­ber 2004, BGBl I S. 3091) ein­zu­rei­chen.
Für die Be­tei­lig­ten be­steht Ver­tre­tungs­zwang; dies gilt auch für die Be­grün­dung der Re­vi­si­on. Die Be­tei­lig­ten müs­sen sich durch Be­voll­mäch­tig­te im Sin­ne von § 67 Abs. 4 Satz 3 bis 6 Vw­GO ver­tre­ten las­sen.

Ur­teil vom 23.09.2010 -
BVer­wG 7 C 22.09ECLI:DE:BVer­wG:2010:230910U7C22.09.0

Leit­satz:

Die An­ga­be zur Re­li­gi­ons­zu­ge­hö­rig­keit im An­mel­de­schein kann nur dann als Be­leg für die Frei­wil­lig­keit der Mit­glied­schaft in ei­ner Re­li­gi­ons­ge­mein­schaft her­an­ge­zo­gen wer­den, wenn die­se Re­li­gi­ons­ge­mein­schaft ein­deu­tig be­zeich­net ist.

Ur­teil

BVer­wG 7 C 22.09

  • VGH Kas­sel - 19.05.2009 - AZ: VGH 10 A 2079/07 -
  • Hes­si­scher VGH - 19.05.2009 - AZ: VGH 10 A 2079/07

In der Ver­wal­tungs­streit­sa­che hat der 7. Se­nat des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts
auf die münd­li­che Ver­hand­lung vom 23. Sep­tem­ber 2010
durch den Vor­sit­zen­den Rich­ter am Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt Sai­ler,
die Rich­ter am Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt Krauß und Gut­ten­ber­ger,
die Rich­te­rin am Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt Schip­per und
den Rich­ter am Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt Brandt
für Recht er­kannt:

  1. Das Ur­teil des Hes­si­schen Ver­wal­tungs­ge­richts­hofs vom 19. Mai 2009 und das Ur­teil des Ver­wal­tungs­ge­richts Frank­furt am Main vom 20. Sep­tem­ber 2005 wer­den auf­ge­ho­ben.
  2. Es wird fest­ge­stellt, dass für das staat­li­che Recht von ei­ner Mit­glied­schaft der Klä­ger bei der Be­klag­ten im Zeit­raum vom 8. No­vem­ber 2002 bis zum 31. Ok­to­ber 2003 nicht aus­ge­gan­gen wer­den kann.
  3. Die Be­klag­te trägt die Kos­ten des Ver­fah­rens.

Grün­de

I

1 Die Be­tei­lig­ten strei­ten um die Mit­glied­schaft der Klä­ger in der be­klag­ten jü­di­schen Ge­mein­de.

2 Die Be­klag­te ist ei­ne Kör­per­schaft des öf­fent­li­chen Rechts. Nach § 2 Satz 1 ih­rer Sat­zung sind Mit­glie­der der jü­di­schen Ge­mein­de al­le Per­so­nen jü­di­schen Glau­bens, die in F. ih­ren Wohn­sitz oder ge­wöhn­li­chen Auf­ent­halt ha­ben und nicht bin­nen ei­ner Frist von drei Mo­na­ten nach ih­rem Zu­zug nach F. ge­gen­über dem Ge­mein­de­vor­stand schrift­lich er­klä­ren, dass sie nicht Mit­glie­der der Ge­mein­de sein wol­len. Nach § 3 der Sat­zung en­det die Mit­glied­schaft un­ter an­de­rem durch Weg­zug oder Aus­tritt aus der jü­di­schen Ge­mein­de nach den Be­stim­mun­gen des staat­li­chen Rechts.

3 Die Klä­ger sind fran­zö­si­sche Staats­an­ge­hö­ri­ge jü­di­schen Glau­bens. Am 8. No­vem­ber 2002 ver­leg­ten sie ih­ren Haupt­wohn­sitz von N., wo sie Mit­glied ei­ner jü­di­schen Ge­mein­de wa­ren, nach F. Im An­mel­de­schein der Stadt F. ga­ben sie am 11. No­vem­ber 2002 un­ter der Ru­brik Re­li­gi­on „mo­sa­isch“ an.

4 Mit Schrei­ben vom 12. Mai 2003 be­grü­ß­te die Be­klag­te die Klä­ger als neue Ge­mein­de­mit­glie­der, über­sand­te ih­nen die Sat­zung und for­der­te sie auf, die dem Schrei­ben bei­ge­füg­ten An­mel­de­for­mu­la­re zu­sam­men mit ent­spre­chen­den Nach­wei­sen der Zu­ge­hö­rig­keit zum Ju­den­tum aus­ge­füllt zu­rück­zu­sen­den. Die Klä­ger wi­der­spra­chen mit Schrei­ben vom 11. Ju­ni 2003 ih­rer Mit­glied­schaft und be­an­trag­ten hilfs­wei­se die Wie­der­ein­set­zung in die ver­säum­te Er­klä­rungs­frist. Durch Er­klä­rung ge­gen­über dem Amts­ge­richt F. vom 29. Ok­to­ber 2003 tra­ten sie mit Wir­kung zum 31. Ok­to­ber 2003 vor­sorg­lich aus der Be­klag­ten aus.

5 Die Kla­ge der Klä­ger auf Fest­stel­lung, dass sie vom 11. No­vem­ber 2002 bis zum 31. Ok­to­ber 2003 nicht Mit­glie­der der Be­klag­ten ge­we­sen sei­en, hat das Ver­wal­tungs­ge­richt ab­ge­wie­sen.

6 Mit Ur­teil vom 19. Mai 2009 hat der Ver­wal­tungs­ge­richts­hof die Be­ru­fung der Klä­ger zu­rück­ge­wie­sen. Bei sach­dien­li­chem Ver­ständ­nis wer­de mit der Kla­ge die Fest­stel­lung be­gehrt, ei­ne Mit­glied­schaft der Klä­ger in der Be­klag­ten, de­ren die­se sich für die Zeit vom 8. No­vem­ber 2002 bis zum 31. Ok­to­ber 2003 be­rüh­me, kön­ne staat­li­cher­seits nicht an­er­kannt wer­den und zie­he des­halb kei­ne Rechts­fol­gen im staat­li­chen Be­reich nach sich. In die­ser Aus­le­gung sei die Fest­stel­lungs­kla­ge zu­läs­sig, aber nicht be­grün­det. Nach der Sat­zung der Be­klag­ten sei­en die Klä­ger mit ih­rem Zu­zug nach F. de­ren Mit­glie­der ge­wor­den. Die­se in­ner­kirch­li­che Rechts­fol­ge müs­se auch staat­li­cher­seits an­er­kannt wer­den. Ei­ne nach in­ner­kirch­li­chem Recht - wie hier - al­lein durch Ab­stam­mung und Wohn­sitz­nah­me im Ge­mein­de­ge­biet be­grün­de­te Mit­glied­schaft kön­ne zwar we­gen der Ga­ran­tie der ne­ga­ti­ven Be­kennt­nis­frei­heit nach Art. 4 Abs. 1 GG nicht als Grund­la­ge für staats­kir­chen­recht­li­che An­knüp­fun­gen die­nen. Sie sei aber staat­li­cher An­er­ken­nung fä­hig, wenn sich der Wil­le, der Re­li­gi­ons­ge­mein­schaft an­zu­ge­hö­ren, in ei­nem po­si­ti­ven Be­kennt­nis zu dem ge­nann­ten - hier jü­di­schen - Glau­ben ma­ni­fes­tie­re. Ei­nes for­ma­li­sier­ten Ein­tritts­akts oder ei­ner förm­li­chen Bei­tritts­er­klä­rung nach Ma­ß­ga­be der Vor­schrif­ten des bür­ger­li­chen Rechts be­dür­fe es nicht. Das er­for­der­li­che Be­kennt­nis er­ge­be sich im Fall der Klä­ger zu­nächst aus der Er­klä­rung ge­gen­über dem Ein­woh­ner­mel­de­amt. Ob die­se all­ge­mein ge­nü­ge, be­dür­fe kei­ner ab­schlie­ßen­den Ent­schei­dung. Denn hin­zu kom­me, dass die Klä­ger sich be­reits vor ih­rem Zu­zug nach F. zum jü­di­schen Glau­ben be­kannt hät­ten. Dies er­ge­be sich un­ter an­de­rem aus ih­rer Zu­ge­hö­rig­keit zur jü­di­schen Ge­mein­de an ih­rem Wohn­ort in Frank­reich, aus ih­rer Ehe­schlie­ßung dort nach jü­di­schem Ri­tus und der An­ga­be ge­gen­über der Be­klag­ten, sie hiel­ten ih­re Mit­glied­schaft in der jü­di­schen Ge­mein­de des bis­he­ri­gen Wohn­orts auf­recht. Die Klä­ge­rin sei zu­dem wäh­rend ei­nes frü­he­ren Auf­ent­halts in F. Mit­glied der Be­klag­ten ge­we­sen, oh­ne vor ih­rem Weg­zug nach Frank­reich von der Mög­lich­keit des Aus­tritts Ge­brauch ge­macht zu ha­ben. Den Klä­gern ha­be die Exis­tenz der Be­klag­ten und auch die Be­deu­tung der Er­klä­rung der mo­sai­schen Re­li­gi­ons­zu­ge­hö­rig­keit be­wusst sein müs­sen. In der Ge­samt­schau er­ge­be sich da­mit ein hin­rei­chen­des Be­kennt­nis zum jü­di­schen Glau­ben. Da­ge­gen kön­ne nicht mit Er­folg ein­ge­wandt wer­den, die An­ga­be „mo­sa­isch“ im Mel­de­bo­gen sei ein Be­kennt­nis zum pro­gres­si­ven oder li­be­ra­len Ju­den­tum, nicht aber zu der or­tho­dox ge­präg­ten Be­klag­ten. Ein sol­cher Vor­be­halt sei un­be­acht­lich. Nach dem ob­jek­ti­ven Emp­fän­ger­ho­ri­zont kön­ne das dar­in lie­gen­de Be­kennt­nis zum Ju­den­tum nur als Be­kennt­nis zu der Be­klag­ten als ein­zi­ger jü­di­scher Ge­mein­de in F. ver­stan­den wer­den. Im Üb­ri­gen sei der Sat­zung der Be­klag­ten kein Be­kennt­nis zur Or­tho­do­xie als ein­zig ak­zep­tier­ter oder ver­tre­te­ner Form des jü­di­schen Glau­bens zu ent­neh­men. Schlie­ß­lich könn­ten die Klä­ger nicht mit Er­folg ein­wen­den, die Be­klag­te ver­sto­ße in ih­rem Fall ge­gen ih­re ei­ge­ne Ver­wal­tungs­pra­xis, weil sie in an­de­ren Fäl­len die drei­mo­na­ti­ge Frist für die Er­klä­rung, ihr nicht an­ge­hö­ren zu wol­len, nicht mit dem Zu­zug nach F., son­dern mit dem Zu­gang ei­nes Be­grü­ßungs­schrei­bens ha­be be­gin­nen las­sen. Zum ei­nen ha­be die Be­klag­te schlüs­sig dar­ge­legt, dass die ab­wei­chen­de Ver­wal­tungs­pra­xis be­reits En­de 2001 auf­ge­ge­ben wor­den sei. Zum an­de­ren wi­der­spre­che die Ver­wal­tungs­pra­xis je­den­falls der Sat­zung, und ei­ne un­zu­läs­si­ge Gleich­be­hand­lung könn­ten die Klä­ger nicht ver­lan­gen.

7 Mit der vom Se­nat zu­ge­las­se­nen Re­vi­si­on ver­fol­gen die Klä­ger ihr Be­geh­ren in der Aus­le­gung des Ver­wal­tungs­ge­richts­hofs wei­ter. Zur Be­grün­dung tra­gen sie vor: Die Sat­zung der Be­klag­ten, die den Er­werb der Mit­glied­schaft an die Ab­stam­mung an­knüp­fe, kön­ne bei An­wen­dung der staat­li­chen Ge­set­ze nicht an­er­kannt wer­den. Die Sat­zung kön­ne auch nicht im We­ge ei­ner ver­fas­sungs­kon­for­men Aus­le­gung um das Er­for­der­nis ei­nes po­si­ti­ven Be­kennt­nis­ses zu der bei der Be­klag­ten prak­ti­zier­ten jü­di­schen Glau­bens­rich­tung er­gänzt wer­den, denn dar­auf ha­be die Be­klag­te be­wusst ver­zich­tet. Je­den­falls feh­le es bei ei­ner ver­fas­sungs­kon­for­men Aus­le­gung des Be­griffs des „Kir­chen­an­ge­hö­ri­gen“ an ei­ner nach au­ßen hin er­kenn­ba­ren und zu­re­chen­ba­ren Wil­lens­äu­ße­rung, der Re­li­gi­ons­ge­mein­schaft zu­zu­ge­hö­ren. Der Ver­wal­tungs­ge­richts­hof ha­be die Fra­ge, ob die An­ga­be ge­gen­über der Mel­de­be­hör­de als Be­kennt­nis ge­nü­ge, zu­nächst of­fen ge­las­sen, sich in der Sa­che aber gleich­wohl dar­auf ge­stützt. Mit der An­ga­be, die Re­li­gi­ons­zu­ge­hö­rig­keit sei „mo­sa­isch“, hät­ten sie sich all­ge­mein zum „is­rae­li­ti­schen“ Glau­ben, nicht aber ge­ra­de zur Be­klag­ten be­kannt, denn nach der Kon­fes­si­on als ei­ner be­stimm­ten Rich­tung des jü­di­schen Glau­bens oder nach der Re­li­gi­ons­ge­mein­schaft als ei­ner be­stimm­ten Ver­ei­ni­gung sei nicht ge­fragt wor­den. Es ver­sto­ße ge­gen das Rechts­staats­prin­zip, dass die in der Sat­zung be­stimm­te Frist, in der neu Hin­zu­ge­zo­ge­ne er­klä­ren könn­ten, der Be­klag­ten nicht an­zu­ge­hö­ren, un­ab­hän­gig von der Kennt­nis und ei­ner Be­leh­rung der Be­trof­fe­nen zu lau­fen be­gin­ne, ob­wohl die Sat­zung nie­mals ver­öf­fent­licht wor­den sei. Zu­dem ha­be der Ver­wal­tungs­ge­richts­hof zu Un­recht an­ge­nom­men, die Be­klag­te bie­te auch An­ge­hö­ri­gen des li­be­ra­len Ju­den­tums Raum.

8 Die Be­klag­te ver­tei­digt das an­ge­foch­te­ne Ur­teil.

9 Der Ver­tre­ter des Bun­des­in­ter­es­ses beim Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt hält das Be­ru­fungs­ur­teil eben­falls für zu­tref­fend. Er trägt vor: Der Er­werb der Mit­glied­schaft in ei­ner Re­li­gi­ons­ge­mein­schaft set­ze ei­ne aus­drück­li­che Bei­tritts­er­klä­rung nicht vor­aus. Viel­mehr rei­che schlüs­si­ges Ver­hal­ten im staat­li­chen Rechts­be­reich aus. Die frei­wil­li­ge Kon­fes­si­ons­an­ga­be bei der mel­de­be­hörd­li­chen Er­fas­sung las­se auf die Zu­ge­hö­rig­keit zu ei­ner be­stimm­ten Re­li­gi­ons­ge­mein­schaft schlie­ßen. Die­se Er­klä­rung er­lau­be der Re­li­gi­ons­ge­mein­schaft, ei­ne Or­ga­ni­sa­ti­on nach dem Pa­ro­chi­al­prin­zip zu ver­wirk­li­chen. Als Wis­sens­er­klä­rung sei ei­ne sol­che An­ga­be nicht an­fecht­bar. Ei­ne hier­nach au­to­ma­ti­sche Mit­glied­schaft zu­zie­hen­der aus­län­di­scher Be­kennt­nis­ver­wand­ter sei nach der Be­zie­hung der Re­li­gi­ons­ge­mein­schaf­ten zu­ein­an­der zu be­ur­tei­len. Hier ver­blie­ben die Klä­ger im Ver­bund be­kennt­nis­glei­cher Re­li­gi­ons­ge­mein­schaf­ten, denn zwi­schen li­be­ra­lem und or­tho­do­xem Ju­den­tum als Strö­mun­gen in­ner­halb der jü­di­schen Re­li­gi­ons­ge­mein­schaft herr­sche Be­kennt­nis­ge­mein­schaft.

II

10 Die Re­vi­si­on der Klä­ger ist zu­läs­sig. Ins­be­son­de­re ge­nügt sie hin­sicht­lich der er­ho­be­nen Sach­rü­gen mit der Be­zug­nah­me auf das Be­schwer­de­vor­brin­gen dem Be­grün­dungs­er­for­der­nis des § 139 Abs. 3 Satz 4 Vw­GO (vgl. Ur­teil vom 25. Ok­to­ber 1988 - BVer­wG 9 C 37.88 - BVer­w­GE 80, 321 <322 f.>).

11 Die Re­vi­si­on ist auch be­grün­det. Das an­ge­foch­te­ne Ur­teil be­ruht auf ei­ner Ver­let­zung von Bun­des­recht (§ 137 Abs. 1 Nr. 1 Vw­GO). Der Ver­wal­tungs­ge­richts­hof ist zwar zu Recht da­von aus­ge­gan­gen, dass die Mit­glied­schaft in ei­ner Re­li­gi­ons­ge­mein­schaft nur dann im staat­li­chen Recht an­er­kannt wer­den kann, wenn sie vom Wil­len des Be­trof­fe­nen ge­tra­gen ist (1.). Die dar­aus fol­gen­den An­for­de­run­gen an ei­ne Wil­lens­be­kun­dung des Be­trof­fe­nen hat er je­doch un­ter Ver­stoß ge­gen Art. 4 Abs. 1 und 2 GG ver­kannt (2.). Die Ent­schei­dung des Ver­wal­tungs­ge­richts­hofs er­weist sich auch nicht aus an­de­ren Grün­den auf der Grund­la­ge der vom Ver­wal­tungs­ge­richts­hof ge­trof­fe­nen tat­säch­li­chen Fest­stel­lun­gen im Er­geb­nis als rich­tig (§ 144 Abs. 4 Vw­GO) (3.). Ge­mäß § 144 Abs. 3 Satz 1 Nr. 1 Vw­GO kann der Se­nat ab­schlie­ßend ei­ne Ent­schei­dung zu Guns­ten der Klä­ger tref­fen (4.)

12 1. a) Knüpft die staat­li­che Rechts­ord­nung - wie hier et­wa § 16 Abs. 1 des Ge­set­zes über die Er­he­bung von Steu­ern durch die Kir­chen, Re­li­gi­ons- und Welt­an­schau­ungs­ge­mein­schaf­ten im Lan­de Hes­sen - Kir­chen­steu­er­ge­setz - an die Zu­ge­hö­rig­keit zu ei­ner Re­li­gi­ons­ge­mein­schaft Rechts­fol­gen, so rich­tet sich die Fra­ge der Mit­glied­schaft nach dem in­ner­kirch­li­chen (re­li­gi­ons­ge­mein­schaft­li­chen) Recht. Das ge­bie­tet das Selbst­be­stim­mungs­recht der Re­li­gi­ons­ge­mein­schaf­ten nach Art. 140 GG i.V.m. Art. 137 Abs. 3 Satz 1 WRV; de­ren ei­ge­ne An­ge­le­gen­hei­ten er­stre­cken sich auch auf das Mit­glied­schafts­recht (vgl. et­wa Käst­ner, in: Bon­ner Kom­men­tar zum GG, Art. 140 Rn. 299, 310 f., m.w.N.). Im In­ter­es­se der Re­li­gi­ons­ge­mein­schaft soll da­mit zum ei­nen ver­hin­dert wer­den, dass ihr je­mand auf­ge­drängt wird, den sie selbst nicht als ihr zu­ge­hö­rig er­ach­tet; zum an­de­ren soll sich kein Mit­glied den aus der Mit­glied­schaft fol­gen­den Pflich­ten ent­zie­hen kön­nen. Das Selbst­be­stim­mungs­recht fin­det al­ler­dings sei­ne Gren­zen in den all­ge­mei­nen Ge­set­zen, so dass in­so­weit die re­li­gi­ons­ge­mein­schaft­li­chen Re­ge­lun­gen nicht vor­be­halt­los an­ge­wen­det wer­den kön­nen. Viel­mehr for­dern die grund­recht­li­chen Ge­währ­leis­tun­gen der ne­ga­ti­ven Be­kennt­nis­frei­heit und der ne­ga­ti­ven Ver­ei­ni­gungs­frei­heit im re­li­giö­sen Be­reich so­wie das ob­jek­ti­ve Prin­zip der staat­li­chen Neu­tra­li­tät die Frei­wil­lig­keit der Mit­glied­schaft; ei­ne Ver­ein­nah­mung oh­ne oder ge­gen den Wil­len des Be­trof­fe­nen kann durch das staat­li­che Recht nicht an­er­kannt wer­den (vgl. BVerfG, Be­schluss vom 31. März 1971 - 1 BvR 744/67 - BVerf­GE 30, 415 <423>; Ur­teil vom 14. De­zem­ber 1965 - 1 BvR 413, 416/60 - BVerf­GE 19, 206 <216>; BFH, Ur­teil vom 3. Au­gust 2005 - I R 85/03 - BFHE 210, 573 <574>).

13 b) Nach den Fest­stel­lun­gen des Ver­wal­tungs­ge­richts­hofs ist die Frei­wil­lig­keit der Mit­glied­schaft durch die sat­zungs­recht­li­chen Be­stim­mun­gen der Be­klag­ten nicht ge­wahrt. Mit der „Zu­ge­hö­rig­keit zur jü­di­schen Re­li­gi­on“ nimmt die Sat­zung nach den in Über­ein­stim­mung mit den Ein­las­sun­gen der Be­klag­ten ge­trof­fe­nen Fest­stel­lun­gen - ent­spre­chend der jü­di­schen Tra­di­ti­on - auf die Ab­stam­mung von ei­ner jü­di­schen Mut­ter Be­zug (vgl. hier­zu auch BFH, Ur­teil vom 6. Ok­to­ber 1993 - I R 28/93 - BFHE 172, 570 <572>); ei­ne - wil­lens­ge­tra­ge­ne - Kon­ver­si­on steht hier nicht in Re­de.

14 Die­ses Ver­ständ­nis der Sat­zung ist mit Bun­des­recht ver­ein­bar. Es steht mit den ge­nann­ten ver­fas­sungs­recht­li­chen Maß­stä­ben in Ein­klang. Das Selbst­be­stim­mungs­recht der Be­klag­ten wird nur im er­for­der­li­chen Maß be­schränkt; denn die An­for­de­run­gen an die Frei­wil­lig­keit der Mit­glied­schaft wer­den nicht ver­kannt.

15 Die Be­grün­dung der Mit­glied­schaft durch Ab­stam­mung fin­det in der Zu­rech­nung des El­tern­wil­lens bei der Kinds­tau­fe (BVerfG, Be­schluss vom 31. März 1971 - 1 BvR 744/67 - BVerf­GE 30, 415 <424>) kei­ne Par­al­le­le (so aber et­wa Ka­pisch­ke, Zev­KR 50, 112 <113 f.>). Der Hin­weis, dass die Zu­ord­nung zum Ju­den­tum vor­aus­set­ze, dass die Mut­ter sich - wil­lent­lich - ge­ra­de nicht vom Ju­den­tum ge­löst ha­be, führt nicht wei­ter. Denn das blo­ße Un­ter­las­sen ei­ner auf die ei­ge­ne Per­son be­zo­ge­nen Ab­kehr vom Glau­ben ist mit der aus­drück­lich für den Täuf­ling als ei­nem Drit­ten ab­ge­ge­be­nen Tauf­bit­te nicht gleich­zu­set­zen.

16 Die Sat­zungs­re­ge­lung, wo­nach die Mit­glied­schaft durch ei­ne Er­klä­rung bin­nen drei Mo­na­ten aus­ge­schla­gen wer­den kann, macht die­se eben­so we­nig zu ei­ner vom Wil­len des Be­trof­fe­nen ge­tra­ge­nen. Zwar ist das „vo­tum ne­ga­ti­vum“ nicht als ei­ne be­son­de­re Art des Aus­tritts ein­zu­ord­nen, der an ei­ner ge­ge­be­nen­falls zu­vor be­grün­de­ten (Zwangs-)Mit­glied­schaft für die Ver­gan­gen­heit nichts zu än­dern ver­mag und des­halb den An­for­de­run­gen an die Frei­wil­lig­keit der Mit­glied­schaft nicht ge­nügt (a.A. noch BVer­wG, Ur­teil vom 9. Ju­li 1965 - BVer­wG 7 C 16.62 - BVer­w­GE 21, 330 <333 f.>). Viel­mehr ist die Mit­glied­schaft auf­lö­send be­dingt. Aber auch un­ge­ach­tet des Um­stands, dass ei­nem Schwei­gen nur ein Er­klä­rungs­wert zu­ge­mes­sen wer­den könn­te, wenn der Be­tref­fen­de sich des mög­li­chen Er­klä­rungs­ge­halts be­wusst ist, fehlt es je­den­falls im vor­lie­gen­den Fall an der un­ab­ding­ba­ren po­si­ti­ven Er­klä­rung. Denn die Sat­zungs­be­stim­mung knüpft die Drei-Mo­nats-Frist nicht an die Be­kannt­ga­be ge­gen­über dem Zu­zie­hen­den an.

17 c) Ent­spricht die re­li­gi­ons­ge­mein­schaft­li­che Re­ge­lung über die Be­grün­dung der Mit­glied­schaft den An­for­de­run­gen an die Frei­wil­lig­keit der Mit­glied­schaft nicht, so kann sie als sol­che die In­an­spruch­nah­me des Be­trof­fe­nen als ei­nes An­ge­hö­ri­gen der Re­li­gi­ons­ge­mein­schaft mit Wir­kung für das staat­li­che Recht nicht recht­fer­ti­gen. Dar­aus folgt aber nicht, dass das an die in­so­weit un­zu­läng­li­che Norm an­knüp­fen­de staat­li­che Recht von vorn­her­ein nicht an­ge­wen­det wer­den kann.

18 Der ins­be­son­de­re grund­recht­lich be­grün­de­te Vor­be­halt für die Be­acht­lich­keit des re­li­gi­ons­ge­mein­schaft­li­chen Rechts ist - je­den­falls auch - ei­ne Aus­prä­gung des grund­recht­li­chen Schutz­pflicht­ge­dan­kens. Es geht hier zwar nicht um die un­mit­tel­ba­re Ein­wir­kung der Re­li­gi­ons­ge­mein­schaft als ei­nes au­ßer­halb der staat­li­chen Or­ga­ni­sa­ti­on ste­hen­den Drit­ten auf grund­recht­li­che Schutz­gü­ter, der die staat­li­chen Or­ga­ne ent­ge­gen­tre­ten (vgl. da­zu BVerfG, Be­schluss vom 16. Mai 1995 - 1 BvR 1087/91 - BVerf­GE 93, 1 <16>). Aber auch dann, wenn der Staat die Be­lan­ge der Re­li­gi­ons­ge­mein­schaft mit­tels ho­heit­li­cher Be­fug­nis­se stärkt, ist er in glei­cher Wei­se ge­hal­ten, ent­ge­gen­ste­hen­den Rechts­po­si­tio­nen Rech­nung zu tra­gen. Sei­nen Schutz­pflich­ten kann der Staat da­bei durch den Er­lass ge­ne­rel­ler Re­ge­lun­gen nach­kom­men. Zur Wah­rung der ne­ga­ti­ven Re­li­gi­ons­frei­heit hat er das et­wa durch den Er­lass von Ge­set­zen über den Kir­chen­aus­tritt ge­tan (vgl. Mückl, in: Bon­ner Kom­men­tar zum GG, Art. 4 Rn. 134; Ma­gen, Kör­per­schafts­sta­tus und Re­li­gi­ons­frei­heit, 2004, S. 113).

19 Die Hand­lungs­mög­lich­kei­ten be­schrän­ken sich aber nicht auf die abs­trakt-ge­ne­rel­le Ebe­ne durch die Aus­ge­stal­tung der ge­setz­li­chen Be­stim­mun­gen bzw. de­ren Nicht­an­wen­dung, falls sie in ih­rer all­ge­mei­nen Fas­sung den ver­fas­sungs­recht­li­chen An­for­de­run­gen nicht ge­nü­gen. Viel­mehr kann der Schutz je nach der spe­zi­fi­schen Art der ab­zu­weh­ren­den Grund­rechts­ver­let­zung auch im Rah­men ei­ner ein­zel­fall­be­zo­ge­nen Be­trach­tungs­wei­se ge­währt wer­den. Denn al­le staat­li­chen Or­ga­ne sind - in den ih­nen von der Rechts­ord­nung und ins­be­son­de­re vom Ge­set­zes­vor­be­halt ge­setz­ten Gren­zen - ge­hal­ten, den grund­ge­setz­lich ge­for­der­ten Schutz zu ge­währ­leis­ten. Ein sol­ches ein­zel­fall­be­zo­ge­nes Vor­ge­hen ist hier ge­bo­ten. Denn das Vor­lie­gen ei­nes Ein­griffs in die ne­ga­ti­ve Be­kennt­nis­frei­heit rich­tet sich da­nach, ob der Be­trof­fe­ne in dem für die Recht­mä­ßig­keit der nach staat­li­chem Recht zu be­ur­tei­len­den Maß­nah­me ent­schei­dungs­er­heb­li­chen Zeit­punkt auf frei­wil­li­ger Ba­sis Mit­glied der Re­li­gi­ons­ge­mein­schaft war.

20 Das ver­mag die Mit­glied­schafts­re­ge­lung der Be­klag­ten aber be­reits des­we­gen nicht ab­schlie­ßend zu be­ant­wor­ten, weil sie ne­ben der Wohn­sitz­be­grün­dung nur die Ab­stam­mung in den Blick nimmt, nach­fol­gen­de Er­eig­nis­se dem­ge­gen­über aber aus­blen­det. Al­lein die Ori­en­tie­rung an der nor­ma­ti­ven Aus­ge­stal­tung der re­li­gi­ons­ge­mein­schaft­li­chen Mit­glied­schafts­re­ge­lung geht je­doch über den Schutz­zweck hin­aus und ver­fehlt dem­nach die Ziel­rich­tung der staat­li­chen Schutz­pflicht, wenn un­ge­ach­tet der Norm im kon­kre­ten Ein­zel­fall ei­ne frei­wil­li­ge Mit­glied­schaft be­jaht wer­den kann (vgl. auch Ma­gen, a.a.O. S. 114). Vor die­sem Hin­ter­grund ist die Prü­fung ge­bo­ten, ob ei­ne Wil­lens­be­kun­dung fest­ge­stellt wer­den kann, die den Schluss auf ei­ne sol­che vom Wil­len des Be­trof­fe­nen ge­tra­ge­nen Zu­ord­nung er­laubt (so im Er­geb­nis auch BFH, Ur­teil vom 24. März 1999 - I R 124/97 - BFHE 188, 245 <249>).

21 2. a) Die­se Wil­lens­be­kun­dung muss sich auf die Mit­glied­schaft in der kon­kre­ten recht­lich ver­fass­ten Re­li­gi­ons­ge­mein­schaft be­zie­hen. Al­lein die Zu­ord­nung zu ei­nem be­stimm­ten re­li­giö­sen Be­kennt­nis im Sin­ne von Glau­bens­leh­ren und Glau­bens­in­hal­ten als sol­ches kann es dem­ge­gen­über nicht an­kom­men. Das Be­kennt­nis be­stimmt zwar die Zu­ge­hö­rig­keit zur Re­li­gi­ons­ge­mein­schaft (vgl. BVerfG, Be­schluss vom 31. März 1971 - 1 BvR 744/67 - BVerf­GE 30, 415 <423>); der Über­gang vom vor- bzw. au­ßer­recht­li­chen Be­kennt­nis zur recht­lich re­le­van­ten Ein­glie­de­rung in die Re­li­gi­ons­ge­mein­schaft muss aber we­gen des Rechts auf ne­ga­ti­ve Ver­ei­ni­gungs­frei­heit im re­li­giö­sen Be­reich vom Wil­len ge­tra­gen sein. Die­se grund­sätz­li­che Un­ter­schei­dung schlie­ßt aber nicht aus, dass nach den je­wei­li­gen Um­stän­den des Ein­zel­falls ein be­stimm­tes Ver­hal­ten zu­gleich mit dem Be­kennt­nis auf die Mit­glied­schaft in der durch die­ses ge­präg­ten Re­li­gi­ons­ge­mein­schaft ge­rich­tet ist.

22 b) Den Cha­rak­ter ei­ner Bei­tritts­er­klä­rung muss die Wil­lens­be­kun­dung nicht ha­ben (so auch BFH, Ur­tei­le vom 6. Ok­to­ber 1993 - I R 28/93 - BFHE 172, 570 <573> und vom 28. Ja­nu­ar 2004 - I R 63/02 - Kir­chE 45, 76 <78>). Zum ei­nen dräng­te dies den Re­li­gi­ons­ge­mein­schaf­ten, die sich ge­ra­de nicht ver­eins­recht­lich or­ga­ni­siert ha­ben, ei­ne ih­rem Selbst­ver­ständ­nis un­an­ge­mes­se­ne Rechts­form auf. Zum an­de­ren lä­ge ei­nem sol­chen Er­for­der­nis die ver­fehl­te Vor­stel­lung zu­grun­de, dass die Wil­lens­be­kun­dung die Zu­ge­hö­rig­keit zur Re­li­gi­ons­ge­mein­schaft erst be­grün­det. Um zwei ge­trenn­te Mit­glied­schaf­ten - ei­ne im kir­chen­recht­li­chen und ei­ne im staats­kir­chen­recht­li­chen Sinn - geht es aber nicht, son­dern nur dar­um, ob die ein­heit­li­che, nach Ma­ß­ga­be des re­li­gi­ons­ge­mein­schaft­li­chen Rechts be­grün­de­te Mit­glied­schaft an­er­kannt wer­den kann (vgl. et­wa Muckel, JZ 2009, 174 <177 f.>). Die er­for­der­li­che Wil­lens­be­kun­dung kann sich dem­nach aus den ver­schie­dens­ten Äu­ße­run­gen und Hand­lun­gen er­ge­ben, so­fern die­se nur dem Er­for­der­nis nach ein­deu­ti­gen und nach­prüf­ba­ren Tat­be­stän­den als Grund­la­ge der Rechts- und Pflich­ten­stel­lung des Be­trof­fe­nen ge­nügt (sie­he BVerfG, Be­schluss vom 31. März 1971 - 1 BvR 744/67 - BVerf­GE 30, 415 <426>).

23 c) Die­sen An­for­de­run­gen ge­nügt das an­ge­foch­te­ne Ur­teil nicht. Es ver­fehlt den recht­li­chen Be­zugs­punkt der er­for­der­li­chen Wil­lens­be­kun­dung. Der Ver­wal­tungs­ge­richts­hof führt zwar auch aus, dass das in der An­ga­be ge­gen­über der Mel­de­be­hör­de lie­gen­de Be­kennt­nis zum Ju­den­tum nur als Be­kennt­nis zur Be­klag­ten ver­stan­den wer­den kön­ne. Auf ei­ne so be­grün­de­te Zu­ge­hö­rig­keit zur Be­klag­ten als recht­lich ver­fass­ter Re­li­gi­ons­ge­mein­schaft stellt der Ver­wal­tungs­ge­richts­hof letzt­lich aber nicht ab. Bei sei­ner die Ent­schei­dung tra­gen­den „Ge­samt­schau“ al­ler Um­stän­de zieht er näm­lich Wil­lens­be­kun­dun­gen der Klä­ger her­an, aus de­nen sich nur ih­re - un­strei­ti­ge - Zu­wen­dung und Zu­ge­hö­rig­keit zum jü­di­schen Glau­ben er­ge­ben sol­len. Da­mit stellt der Ver­wal­tungs­ge­richts­hof mit Blick auf Art. 4 GG zu ge­rin­ge An­for­de­run­gen an den ge­bo­te­nen „Be­kennt­nis­akt“.

24 3. Das an­ge­foch­te­ne Ur­teil er­weist sich nicht we­gen der An­ga­be der Klä­ger ge­gen­über der Mel­de­be­hör­de im Er­geb­nis als rich­tig. Auch bei der Klä­ge­rin bil­det dies - ab­ge­se­hen von der nach­fol­gend un­ter 4. er­ör­ter­ten Fra­ge­stel­lung - den ein­zi­gen mög­li­chen An­satz­punkt für ei­ne wil­lens­ge­tra­ge­ne Mit­glied­schaft in der Be­klag­ten. Denn ei­ne frü­he­re Mit­glied­schaft ist je­den­falls mit ih­rem ehe­be­ding­ten Um­zug nach Frank­reich be­en­det wor­den (§ 3 Buchst. a der Sat­zung der Be­klag­ten). Ei­ne Wil­lens­be­kun­dung, der Be­klag­ten an­zu­ge­hö­ren, kann aus der An­ga­be im An­mel­de­schein nicht ent­nom­men wer­den.

25 a) Auf der Grund­la­ge von § 2 Abs. 1 Nr. 11 MRRG, § 3 Abs. 1 Nr. 11 des Hes­si­schen Mel­de­ge­set­zes - HMG - wird bei der An­mel­dung ei­ner neu­en Woh­nung nach der recht­li­chen Zu­ge­hö­rig­keit zu ei­ner Re­li­gi­ons­ge­sell­schaft ge­fragt. Die ge­for­der­te An­ga­be hat dem­nach vor die­sem recht­li­chen Hin­ter­grund den für die Wil­lens­be­kun­dung ge­bo­te­nen Be­zugs­punkt. Ob sie ent­spre­chend ih­rer ge­setz­li­chen Ziel­rich­tung ver­wert­bar ist, hängt in­des­sen we­sent­lich da­von ab, ob die vom Ge­setz be­ab­sich­tig­te Fra­ge­stel­lung dem Be­trof­fe­nen ge­gen­über hin­rei­chend ver­deut­licht wird und wie an­ge­sichts des­sen die Ant­wort aus­fällt.

26 So ist für den Ver­ständ­nis­ho­ri­zont des Zu­zie­hen­den und nach­fol­gend den Er­klä­rungs­wert sei­ner An­ga­be von Be­deu­tung, ob im An­mel­de­for­mu­lar - so­wie ge­ge­be­nen­falls in wei­te­ren Er­läu­te­run­gen und Aus­füll­hin­wei­sen - nach der „Re­li­gi­on“, nach der „Zu­ge­hö­rig­keit zu ei­ner Re­li­gi­ons­ge­sell­schaft“ oder nach der „öf­fent­lich-recht­li­chen Re­li­gi­ons­ge­sell­schaft“ ge­fragt wird und ob al­le oder je­den­falls die zah­len­mä­ßig be­deut­sa­men kor­po­rier­ten - und ins­be­son­de­re kir­chen­steu­er­be­rech­tig­ten - Re­li­gi­ons­ge­mein­schaf­ten auf­ge­führt wer­den und der Zu­zie­hen­de bei sei­nen An­ga­ben ei­ne die­sen je­weils ein­deu­tig zu­zu­ord­nen­de Be­zeich­nung ver­wen­det.

27 b) Hier­nach lässt sich al­lein dem Ein­trag der Klä­ger im An­mel­de­schein der Wil­le, der Be­klag­ten zu­zu­ge­hö­ren, nicht ent­neh­men.

28 Der Se­nat ist da­bei nicht an die Aus­le­gung und Be­wer­tung der An­ga­be der Klä­ger durch den Ver­wal­tungs­ge­richts­hof ge­bun­den. Die Bin­dung nach § 137 Abs. 2 Vw­GO be­zieht sich le­dig­lich auf die der Aus­le­gung zu Grun­de lie­gen­den tat­säch­li­chen Fest­stel­lun­gen; die dar­auf auf­bau­en­de Fra­ge nach dem zu­tref­fen­den Ver­ständ­nis ist hin­ge­gen ma­ß­geb­lich von recht­li­chen Vor­ga­ben ge­prägt, so dass de­ren Be­ant­wor­tung dem Se­nat ob­liegt (vgl. Neu­mann, in: So­dan/
Zie­kow, Vw­GO, 3. Aufl. 2010, § 137 Rn. 165 f., 169 m.w.N.).

29 Die Klä­ger ha­ben im An­mel­de­schein in der Ru­brik „Re­li­gi­on“ „mo­sa­isch" an­ge­ge­ben. Dar­aus lässt sich nicht mit der recht­lich ge­bo­te­nen Ein­deu­tig­keit und Klar­heit ent­neh­men, dass die Klä­ger ge­ra­de der Be­klag­ten an­ge­hö­ren wol­len. Da­bei kann da­hin­ste­hen, ob die Klä­ger in zu­sätz­li­chen Er­läu­te­run­gen dar­auf hin­ge­wie­sen wor­den sind, dass un­ge­ach­tet der Ver­wen­dung des wei­ten Be­griffs „Re­li­gi­on“ nicht ei­ne all­ge­mei­ne Aus­kunft zu Glau­bens­über­zeu­gun­gen ver­langt war, son­dern die am neu­en Wohn­ort ge­ge­be­ne Zu­ge­hö­rig­keit zu ei­ner öf­fent­lich-recht­li­chen - und folg­lich kir­chen­steu­er­be­rech­tig­ten - Re­li­gi­ons­ge­mein­schaft er­klärt wer­den soll­te (sie­he et­wa die der­zeit gel­ten­den Aus­füll­hin­wei­se, Er­lass des Hes­si­schen Mi­nis­te­ri­ums des In­ne­ren und für Sport vom 21. Fe­bru­ar 2006, ab­ge­druckt bei Lütt­mann, Mel­de­recht des Bun­des und der Län­der, Kom­men­tar, Teil II: Hes­sen, E 1). Denn je­den­falls fehlt der An­ga­be „mo­sa­isch“ der ein­deu­ti­ge Be­zug auf die Be­klag­te. Die Klä­ger ha­ben sich da­mit nicht der in der hes­si­schen Ver­wal­tungs­pra­xis üb­li­chen Kür­zel be­dient, mit de­nen die in Hes­sen als Kör­per­schaft des öf­fent­li­chen Rechts an­er­kann­ten jü­di­schen Ge­mein­den be­zeich­net wer­den und zwei­fels­frei zu iden­ti­fi­zie­ren sind (IS: Jü­di­sche Ge­mein­de Frank­furt a.M.; IL: Kul­tus­steu­er­be­rech­tig­te jü­di­sche Ge­mein­den im Lan­des­ver­band Hes­sen; vgl. Lütt­mann, a.a.O., F 4). Nach ih­rer Auf­fas­sung wird die Be­klag­te von der von ihr ver­wen­de­ten Be­zeich­nung schon des­halb nicht er­fasst, weil der Be­griff „mo­sa­isch“ je­den­falls im Fran­zö­si­schen ei­ne be­stimm­te, näm­lich die li­be­ra­le, Rich­tung des Ju­den­tums um­schrei­be, der die Be­klag­te nicht zu­zu­rech­nen sei. Ob die­se be­griff­li­che Un­ter­schei­dung zu­trifft, be­darf kei­ner Klä­rung. Denn auch wenn „mo­sa­isch“ als Syn­onym für „jü­disch“ zu ver­ste­hen sein soll­te, lässt der Hin­weis auf ei­ne „mo­sai­sche“ Re­li­gi­ons­zu­ge­hö­rig­keit an­ge­sichts der all­ge­mein­kun­di­gen und dem Se­nat aus an­de­ren Ver­fah­ren be­kann­ten (vgl. Ur­teil vom 28. Fe­bru­ar 2002 - BVer­wG 7 C 7.01 - BVer­w­GE 116, 86 <90>) Ten­denz zur Plu­ra­li­sie­rung und Re­kon­fes­sio­na­li­sie­rung des Ju­den­tums (vgl. We­ber, LKV 2006, 9 <10>) die Zu­ord­nung zur kon­kre­ten jü­di­schen Ge­mein­de nicht zu. Der jü­di­sche Glau­be kann in ver­schie­de­nen Strö­mun­gen und in un­ter­schied­li­chen Or­ga­ni­sa­tio­nen ge­lebt wer­den; bei de­ren Aus­wahl ist der Gläu­bi­ge frei. Dar­an än­dert sich auch da­durch nichts, dass die Be­klag­te sich nach ih­rem Selbst­ver­ständ­nis als so­ge­nann­te Ein­heits­ge­mein­de be­greift und al­le Strö­mun­gen des Ju­den­tums un­ter ei­nem Dach ver­ei­ni­gen will. Denn der Gläu­bi­ge muss sich die­sem Al­lein­ver­tre­tungs­an­spruch an­ge­sichts der ihm zu­kom­men­den ne­ga­ti­ven Be­kennt­nis­frei­heit nicht un­ter­ord­nen.

30 4. Ei­ne vom Wil­len ge­tra­ge­ne Mit­glied­schaft kann sich im Fal­le des Um­zugs aus der Mit­glied­schaft in ei­ner Re­li­gi­ons­ge­mein­schaft am bis­he­ri­gen Wohn­ort er­ge­ben. Die Vor­aus­set­zun­gen für ei­ne sol­che Fort­set­zung der Mit­glied­schaft lie­gen hier aber nicht vor. Das kann der Se­nat selbst fest­stel­len und des­we­gen nach § 144 Abs. 3 Nr. 1 Vw­GO ei­ne ab­schlie­ßen­de Ent­schei­dung zu Guns­ten der Klä­ger tref­fen.

31 a) Hat sich der Be­trof­fe­ne be­reits vor sei­nem Zu­zug an sei­nem bis­he­ri­gen Wohn­ort ei­ner Re­li­gi­ons­ge­mein­schaft an­ge­schlos­sen, so kann sich nach ei­nem Um­zug die Mit­glied­schaft nur dann in der nun­mehr ört­lich zu­stän­di­gen Ge­mein­schaft fort­set­zen, wenn auch die­se Mit­glied­schaft auf ei­ner frei­wil­li­gen Grund­la­ge be­ruh­te.

32 b) Die­ser Grund­satz der Frei­wil­lig­keit der Mit­glied­schaft in ei­ner recht­lich ver­fass­ten Re­li­gi­ons­ge­mein­schaft wird bei kor­po­rier­ten Re­li­gi­ons­ge­mein­schaf­ten durch das Pa­ro­chi­al­recht nicht über­la­gert.

33 Nach dem Pa­ro­chi­al­recht, das als un­ge­schrie­be­ne Be­fug­nis nach dem Her­kom­men mit dem Kör­per­schafts­sta­tus ver­bun­den ist (vgl. BVer­wG, Ur­teil vom 26. Ju­ni 1997 - BVer­wG 7 C 11.96 - BVer­w­GE 105, 117 <119>), kann ei­ne Re­li­gi­ons­ge­mein­schaft be­stim­men, dass al­le An­ge­hö­ri­gen des je­wei­li­gen Be­kennt­nis­ses ip­so iu­re als Mit­glie­der der ört­lich zu­stän­di­gen Ge­mein­de in An­spruch ge­nom­men wer­den. Das Pa­ro­chi­al­recht als Aus­druck des über­kom­me­nen re­li­gi­ons­recht­li­chen Ter­ri­to­ri­al­prin­zips ist zwar als öf­fent­lich-recht­li­che Be­fug­nis aus­ge­stal­tet. Da­mit ist je­doch noch kei­ne Aus­sa­ge dar­über ge­trof­fen, in wel­chem Um­fang und ins­be­son­de­re ge­gen­über wel­chen Per­so­nen ho­heit­li­che Be­fug­nis­se ver­lie­hen wer­den (vgl. auch BVerfG, Ur­teil vom 19. De­zem­ber 2000 - 2 BvR 1500/97 - BVerf­GE 102, 370 <388>). Beim Pa­ro­chi­al­recht be­trifft dies an­ge­sichts der ne­ga­ti­ven Be­kennt­nis­frei­heit al­lein die Mit­glie­der der kor­po­rier­ten Re­li­gi­ons­ge­mein­schaft (vgl. Ma­gen, a.a.O., S. 94; BVerfG, Ur­teil vom 19. De­zem­ber 2000 - 2 BvR 1500/97 - BVerf­GE 102, 370 <371>), die sich so in Aus­übung ih­rer Or­ga­ni­sa­ti­ons­ge­walt in be­stimm­ter Wei­se ört­lich struk­tu­riert und recht­lich selbst­stän­di­ge Un­ter­glie­de­run­gen bil­det (vgl. hier­zu Be­schluss vom 8. Ja­nu­ar 2009 - BVer­wG 7 B 42.08 - Buch­holz 11 Art. 140 GG Nr. 77). Un­mit­tel­bar hat das Pa­ro­chi­al­recht dem­nach (nur dann) sei­ne Be­deu­tung, wenn die als öf­fent­lich-recht­li­che Kör­per­schaft kon­sti­tu­ier­te Re­li­gi­ons­ge­mein­schaft, der der Be­trof­fe­ne kraft ei­ner Wil­lens­ent­schei­dung an­ge­hört, in recht­lich selbst­stän­di­ge Ein­hei­ten un­ter­glie­dert ist. Dies ist et­wa der Fall bei den Diö­ze­sen der rö­misch-ka­tho­li­schen Kir­che und den ein­zel­nen Pfarr­ge­mein­den oder den evan­ge­li­schen Lan­des­kir­chen und den ein­zel­nen Kir­chen­ge­mein­den.

34 So­weit es da­ge­gen um die (Neu-)Be­grün­dung der Mit­glied­schaft in ei­ner Re­li­gi­ons­ge­mein­schaft geht, zu der der Be­trof­fe­ne bis­lang nach Ma­ß­ga­be des staat­li­chen Rechts in kei­ner mit­glied­schaft­li­chen Be­zie­hung stand, ist ein auf dem Pa­ro­chi­al­recht ba­sie­ren­des Or­ga­ni­sa­ti­ons­prin­zip zwar nicht völ­lig un­be­acht­lich. Es ist aber nicht als Ho­heits­recht der Re­li­gi­ons­ge­mein­schaft des Zu­zugs­or­tes von Be­deu­tung, son­dern kann nur mit­tel­bar - näm­lich als Teil der am frü­he­ren Wohn­ort auf frei­wil­li­ger Ba­sis ein­ge­gan­ge­nen Rechts­pflich­ten - her­an­ge­zo­gen wer­den. Hat der Be­trof­fe­ne wil­lent­lich die Mit­glied­schaft in ei­ner Re­li­gi­ons­ge­mein­schaft be­grün­det, die nach ih­rem Selbst­ver­ständ­nis und re­li­gi­ons­ge­mein­schaft­li­chen Recht Teil ei­nes um­fas­sen­de­ren Ver­bands ist, der nach den Grund­sät­zen des Pa­ro­chi­al­rechts ge­glie­dert ist, so nimmt er auch den au­to­ma­ti­schen Wech­sel der Mit­glied­schaft be­reits vor­weg in sei­nen Wil­len auf. Dies gilt et­wa für die rö­misch-ka­tho­li­sche Kir­che, die sich als ein­heit­li­che Welt­kir­che un­ter päpst­li­cher Ober­ho­heit be­greift (sie­he et­wa v. Cam­pen­hau­sen, HdbSt­Kir­chR, Bd. 1, 2. Aufl. 1994, § 26, S. 773 f.), so­wie für die un­ter dem Dach der EKD zu­sam­men­ge­schlos­se­nen evan­ge­li­schen Lan­des­kir­chen (§ 8 des Kir­chen­ge­set­zes über die Kir­chen­mit­glied­schaft). Auch oh­ne ei­ne sol­che Ein­ord­nung in ei­nen hö­her­stu­fi­gen Ver­band kann sich ei­ne Rechts­pflicht zur Ein­glie­de­rung in ei­ne an­de­re Re­li­gi­ons­ge­mein­schaft aus Ver­ein­ba­run­gen der Re­li­gi­ons­ge­mein­schaf­ten er­ge­ben, die auf der Ebe­ne der Gleich­ord­nung ab­ge­schlos­sen wer­den; denn auch die­se be­stim­men den Rechts­sta­tus des be­trof­fe­nen Mit­glieds. Feh­len sol­che ver­trag­li­chen Ver­ein­ba­run­gen, ist ent­spre­chen­des Ge­wohn­heits­recht nicht aus­ge­schlos­sen.

35 c) Hier­nach sind die Vor­aus­set­zun­gen für ei­ne al­lein an die Mit­glied­schaft in der jü­di­schen Ge­mein­de in Frank­reich an­knüp­fen­de Mit­glied­schaft der Klä­ger in der Be­klag­ten nicht ge­ge­ben. Das kann der Se­nat selbst fest­stel­len.

36 Die Be­klag­te hat in der münd­li­chen Ver­hand­lung er­klärt, dass ent­spre­chen­de „Über­nah­me­ver­ein­ba­run­gen“ zwi­schen ihr und an­de­ren jü­di­schen Ge­mein­den nicht ge­schlos­sen wor­den sei­en. Sie hat be­tont, dass es ei­nen Au­to­ma­tis­mus im Über­gang der Mit­glied­schaft nach dem Selbst­ver­ständ­nis der jü­di­schen Ge­mein­den nicht ge­be und nicht ge­ben kön­ne; denn die Ge­mein­den sei­en je­weils ei­gen­stän­dig.

37 Der Se­nat ist - nicht zu­letzt im In­ter­es­se der Pro­zes­s­öko­no­mie - nicht ge­hin­dert, die­se von den Klä­gern nicht in Zwei­fel ge­zo­ge­nen Ein­las­sun­gen der Be­klag­ten zu ih­rer ei­ge­nen Rechts­pra­xis und ih­rem Rechts­ver­ständ­nis im Be­reich ih­rer ei­ge­nen An­ge­le­gen­hei­ten sei­ner Ent­schei­dung zu Grun­de zu le­gen (vgl. Neu­mann, a.a.O., § 137 Rn. 148).

38 Die Kos­ten­ent­schei­dung be­ruht auf § 154 Abs. 1 Vw­GO.