Ver­fah­rens­in­for­ma­ti­on

Der Klä­ger ist seit 1985 an Mul­ti­pler Skle­ro­se er­krankt. Die Sym­pto­me sei­ner Er­kran­kung (u. a. ei­ne Stö­rung der Mo­to­rik, des Gangs, der Spra­che so­wie ei­ne de­pres­si­ve Stö­rung) be­han­delt er seit vie­len Jah­ren selbst­stän­dig durch den re­gel­mä­ßi­gen Kon­sum von Can­na­bis. Vom Vor­wurf des straf­ba­ren Be­sit­zes und An­baus von Be­täu­bungs­mit­teln ist er im Ja­nu­ar 2005 frei­ge­spro­chen wor­den, da sein Han­deln man­gels The­ra­pie­al­ter­na­ti­ve als ge­recht­fer­tigt (§ 34 StGB) an­ge­se­hen wur­de. Den im Mai 2000 ge­stell­ten An­trag des Klä­gers auf Er­tei­lung ei­ner Aus­nah­me­ge­neh­mi­gung zum Ei­gen­an­bau von Can­na­bis zu the­ra­peu­ti­schen Zwe­cken lehn­te die Be­klag­te zu­letzt im De­zem­ber 2007 ab. Ein Ei­gen­an­bau sei nicht not­wen­dig, da dem Klä­ger ei­ne The­ra­pie­al­ter­na­ti­ve zur Ver­fü­gung ste­he. Zu­dem sei die er­for­der­li­che Si­cher­heit und Kon­trol­le des Be­täu­bungs­mit­tel­ver­kehrs nicht ge­währ­leis­tet. Der Klä­ger ha­be nicht nach­ge­wie­sen, dass ge­eig­ne­te Räu­me und Si­che­run­gen für An­bau, Trock­nung und La­ge­rung der Pflan­zen und Pflan­zen­tei­le vor­han­den sei­en. Auch könn­ten bei ei­nem An­bau durch Pri­vat­per­so­nen die Vor­aus­set­zun­gen für ei­ne gleich blei­ben­de Qua­li­tät und ei­nen an­nä­hernd glei­chen Wirk­stoff­ge­halt des Can­na­bis nicht si­cher­ge­stellt wer­den. Dar­über hin­aus las­se sich der Kon­sum nicht ef­fek­tiv me­di­zi­nisch kon­trol­lie­ren. Im Wi­der­spruchs­be­scheid be­grün­de­te die Be­klag­te ih­re Ent­schei­dung zu­sätz­lich da­mit, dass der Er­laub­ni­s­er­tei­lung das In­ter­na­tio­na­le Über­ein­kom­men über Sucht­stof­fe ent­ge­gen­ste­he.


Das Ver­wal­tungs­ge­richt hat die Be­schei­de auf­ge­ho­ben und die Be­klag­te ver­pflich­tet, den Er­laub­nis­an­trag des Klä­gers un­ter Be­ach­tung der Rechts­auf­fas­sung des Ge­richts neu zu be­schei­den. Die wei­ter­ge­hen­de Kla­ge hat es ab­ge­wie­sen. Die da­ge­gen ge­führ­te Be­ru­fung der Be­klag­ten und die An­schluss­be­ru­fung des Klä­gers sind oh­ne Er­folg ge­blie­ben. Zur Be­grün­dung hat das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt aus­ge­führt, dass die Er­tei­lung der Er­laub­nis für den Ei­gen­an­bau von Can­na­bis hier aus­nahms­wei­se im öf­fent­li­chen In­ter­es­se lie­ge, weil der Klä­ger schwer er­krankt sei, die Be­hand­lung mit Can­na­bis zu ei­ner Lin­de­rung sei­ner Be­schwer­den füh­re und der­zeit kein gleich wirk­sa­mes und für ihn er­schwing­li­ches Arz­nei­mit­tel zur Ver­fü­gung ste­he. Der Er­werb von Me­di­zi­nal­hanf aus der Apo­the­ke sei für ihn aus Kos­ten­grün­den nicht mög­lich, nach­dem die Kran­ken­kas­se ei­ne Kos­ten­über­nah­me ab­ge­lehnt ha­be. Der Er­laub­nis stün­den auch kei­ne zwin­gen­den Ver­sa­gungs­grün­de ent­ge­gen. Das recht­fer­ti­ge in­des nicht, die Be­klag­te über die Neu­be­schei­dung hin­aus zur Er­laub­ni­s­er­tei­lung zu ver­pflich­ten, da die Er­laub­nis im be­hörd­li­chen Er­mes­sen ste­he, das die Be­klag­te un­ter Be­ach­tung der Rechts­auf­fas­sung des Ge­richts noch aus­zu­üben ha­be.


Hier­ge­gen rich­ten sich die vom Ober­ver­wal­tungs­ge­richt we­gen grund­sätz­li­cher Be­deu­tung zu­ge­las­se­nen Re­vi­sio­nen des Klä­gers und der Be­klag­ten.


Pres­se­mit­tei­lung Nr. 26/2016 vom 06.04.2016

Ei­gen­an­bau von Can­na­bis zu the­ra­peu­ti­schen Zwe­cken aus­nahms­wei­se er­laub­nis­fä­hig

Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt in Leip­zig hat heu­te das Bun­des­in­sti­tut für Arz­nei­mit­tel und Me­di­zin­pro­duk­te (BfArM) ver­pflich­tet, dem schwer kran­ken Klä­ger ei­ne Aus­nah­me­er­laub­nis zum Ei­gen­an­bau von Can­na­bis zu er­tei­len, weil das Be­täu­bungs­mit­tel für sei­ne me­di­zi­ni­sche Ver­sor­gung not­wen­dig ist und ihm kei­ne gleich wirk­sa­me und er­schwing­li­che The­ra­pie­al­ter­na­ti­ve zur Ver­fü­gung steht.


Der 52-jäh­ri­ge Klä­ger ist seit 1985 an Mul­ti­pler Skle­ro­se er­krankt. Die Sym­pto­me sei­ner Er­kran­kung be­han­delt er seit et­wa 1987 durch die re­gel­mä­ßi­ge Ein­nah­me von Can­na­bis. Vom Vor­wurf des un­er­laub­ten Be­sit­zes und An­baus von Be­täu­bungs­mit­teln ist er zu­letzt im Ja­nu­ar 2005 frei­ge­spro­chen wor­den. Das Straf­ge­richt sah sein Han­deln als ge­recht­fer­tigt an, weil ihm kei­ne The­ra­pie­al­ter­na­ti­ve zur Ver­fü­gung ste­he. Den seit Mai 2000 ge­stell­ten An­trag des Klä­gers auf Er­tei­lung ei­ner Aus­nah­me­ge­neh­mi­gung zum An­bau von Can­na­bis zur me­di­zi­ni­schen Selbst­ver­sor­gung lehn­te das BfArM mit Be­scheid vom 6. De­zem­ber 2007 und Wi­der­spruchs­be­scheid vom 10. Au­gust 2010 ab. Das Ver­wal­tungs­ge­richt hob die Be­schei­de auf und ver­pflich­te­te die Be­klag­te, den An­trag des Klä­gers un­ter Be­ach­tung der Rechts­auf­fas­sung des Ge­richts er­neut zu be­schei­den. Die wei­ter­ge­hen­de Kla­ge wies es zu­rück. Die Be­ru­fun­gen des Klä­gers und der Be­klag­ten vor dem Ober­ver­wal­tungs­ge­richt blie­ben oh­ne Er­folg.


Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt hat die Re­vi­si­on der Be­klag­ten zu­rück­ge­wie­sen. Auf die Re­vi­si­on des Klä­gers hat es die Ur­tei­le der Vor­in­stan­zen ge­än­dert und die Be­klag­te ver­pflich­tet, dem Klä­ger die be­an­trag­te Er­laub­nis zu er­tei­len. Nach § 3 Abs. 2 des Be­täu­bungs­mit­tel­ge­set­zes (BtMG) kann das BfArM ei­ne Er­laub­nis zum An­bau von Can­na­bis nur aus­nahms­wei­se zu wis­sen­schaft­li­chen oder an­de­ren im öf­fent­li­chen In­ter­es­se lie­gen­den Zwe­cken er­tei­len. Die Be­hand­lung des schwer kran­ken Klä­gers mit selbst an­ge­bau­tem Can­na­bis liegt hier aus­nahms­wei­se im öf­fent­li­chen In­ter­es­se, weil nach den bin­den­den Fest­stel­lun­gen des Be­ru­fungs­ge­richts die Ein­nah­me von Can­na­bis zu ei­ner er­heb­li­chen Lin­de­rung sei­ner Be­schwer­den führt und ihm ge­gen­wär­tig kein gleich wirk­sa­mes und für ihn er­schwing­li­ches Me­di­ka­ment zur Ver­fü­gung steht. Der (eben­falls er­laub­nis­pflich­ti­ge) Er­werb von so ge­nann­tem Me­di­zi­nal­hanf aus der Apo­the­ke schei­det aus Kos­ten­grün­den als The­ra­pie­al­ter­na­ti­ve aus. Sei­ne Kran­ken­kas­se hat ei­ne Kos­ten­über­nah­me wie­der­holt ab­ge­lehnt. Ei­ne Ei­gen­fi­nan­zie­rung ist ihm mit sei­ner Er­werbs­un­fä­hig­keits­ren­te nicht mög­lich. Der Klä­ger kann auch nicht dar­auf ver­wie­sen wer­den, we­gen der Kos­ten­über­nah­me durch die Kran­ken­kas­se er­neut den so­zi­al­ge­richt­li­chen Kla­ge­weg zu be­schrei­ten. Ei­ne sol­che Kla­ge ist ihm un­ter den ge­ge­be­nen Um­stän­den nicht zu­mut­bar. Der Er­laub­ni­s­er­tei­lung ste­hen auch kei­ne Ver­sa­gungs­grün­de nach § 5 BtMG ent­ge­gen. Nach den bin­den­den Fest­stel­lun­gen des Be­ru­fungs­ge­richts ist die Si­cher­heit und Kon­trol­le des Be­täu­bungs­mit­tel­ver­kehrs hin­rei­chend ge­währ­leis­tet. Mit den vom Klä­ger vor­ge­se­he­nen Si­che­rungs­maß­nah­men in sei­ner Woh­nung sind die Be­täu­bungs­mit­tel aus­rei­chend ge­gen ei­ne un­be­fug­te Ent­nah­me ge­schützt. Es be­stehen auch kei­ne An­halts­punk­te für ei­ne miss­bräuch­li­che Ver­wen­dung durch ihn selbst. Des Wei­te­ren ver­fügt der Klä­ger auf­grund der jah­re­lan­gen Ei­gen­the­ra­pie in­zwi­schen über um­fas­sen­de Er­fah­run­gen hin­sicht­lich Wirk­sam­keit und Do­sie­rung der von ihm an­ge­bau­ten Can­na­bis­sor­te. Au­ßer­dem ste­hen der An­bau und die The­ra­pie un­ter ärzt­li­cher Kon­trol­le. Die Er­laub­nis ist auch nicht mit Rück­sicht auf das in­ter­na­tio­na­le Sucht­stoff­über­ein­kom­men von 1961 zu ver­sa­gen. Un­ter die­sen Vor­aus­set­zun­gen ist die Er­tei­lung der Aus­nah­me­er­laub­nis we­gen der von Art. 2 Abs. 2 Satz 1 GG ge­for­der­ten Ach­tung vor der kör­per­li­chen Un­ver­sehrt­heit recht­lich zwin­gend vor­ge­zeich­net, so dass das der Be­hör­de er­öff­ne­te Er­mes­sen „auf Null“ re­du­ziert ist. Da­von un­be­rührt bleibt die Be­fug­nis des BfArM, die Er­laub­nis mit Ne­ben­be­stim­mun­gen zu ver­se­hen.


BVer­wG 3 C 10.14 - Ur­teil vom 06. April 2016

Vor­in­stan­zen:

OVG Müns­ter, 13 A 414/11 - Ur­teil vom 11. Ju­ni 2014 -

VG Köln, 7 K 3889/09 - Ur­teil vom 11. Ja­nu­ar 2011 -


Ur­teil vom 06.04.2016 -
BVer­wG 3 C 10.14ECLI:DE:BVer­wG:2016:060416U3C10.14.0

Er­laub­nis zum Ei­gen­an­bau von Can­na­bis zu the­ra­peu­ti­schen Zwe­cken

Leit­sät­ze:

1. Der Ei­gen­an­bau von Can­na­bis zu the­ra­peu­ti­schen Zwe­cken liegt im öf­fent­li­chen In­ter­es­se im Sin­ne des § 3 Abs. 2 BtMG, wenn der An­trag­stel­ler an ei­ner schwe­ren Er­kran­kung lei­det und ihm zur Be­hand­lung der Krank­heit kei­ne gleich wirk­sa­me und für ihn er­schwing­li­che The­ra­pie­al­ter­na­ti­ve zur Ver­fü­gung steht.

2. Feh­len in ei­nem sol­chen Fall zwin­gen­de Ver­sa­gungs­grün­de nach § 5 BtMG, ist die Aus­übung des nach § 3 Abs. 2 BtMG er­öff­ne­ten Er­mes­sens we­gen des von Art. 2 Abs. 2 Satz 1 GG ge­for­der­ten Schut­zes der kör­per­li­chen Un­ver­sehrt­heit recht­lich zwin­gend zu­guns­ten der Er­laub­ni­s­er­tei­lung vor­ge­zeich­net.

  • Rechts­quel­len
  • Zi­tier­vor­schlag

Ur­teil

BVer­wG 3 C 10.14

  • VG Köln - 11.01.2011 - AZ: VG 7 K 3889/09
  • OVG Müns­ter - 11.06.2014 - AZ: OVG 13 A 414/11

In der Ver­wal­tungs­streit­sa­che hat der 3. Se­nat des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts
auf die münd­li­che Ver­hand­lung vom 6. April 2016
durch die Vor­sit­zen­de Rich­te­rin am Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt Dr. Phil­ipp und die Rich­ter am Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt Lieb­ler, Dr. Wysk,
die Rich­te­rin am Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt Dr. Kuhl­mann und
den Rich­ter am Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt Roth­fuß
für Recht er­kannt:

  1. Auf die Re­vi­si­on des Klä­gers wer­den das Ur­teil des Ver­wal­tungs­ge­richts Köln vom 11. Ja­nu­ar 2011 und das Ur­teil des Ober­ver­wal­tungs­ge­richts für das Land Nord­rhein-West­fa­len vom 11. Ju­ni 2014 ge­än­dert. Die Be­klag­te wird un­ter Auf­he­bung des Be­scheids vom 6. De­zem­ber 2007 und des Wi­der­spruchs­be­scheids vom 10. Au­gust 2010 ver­pflich­tet, dem Klä­ger zu er­lau­ben, Can­na­bis (In­di­ca-Sa­tiva-Hy­bri­den) in sei­ner Woh­nung ... an­zu­bau­en, zu ern­ten und zum me­di­zi­ni­schen Zweck sei­ner Be­hand­lung zu ver­wen­den.
  2. Die Re­vi­si­on der Be­klag­ten wird zu­rück­ge­wie­sen.
  3. Die Be­klag­te trägt die Kos­ten des Ver­fah­rens in al­len In­stan­zen.

Grün­de

I

1 Die Be­tei­lig­ten strei­ten über die Er­laub­nis zum Ei­gen­an­bau von Can­na­bis zu the­ra­peu­ti­schen Zwe­cken.

2 Der 52-jäh­ri­ge Klä­ger ist seit 1985 an ei­ner an­fäng­lich schub­för­mig und in­zwi­schen chro­nisch ver­lau­fen­den Mul­ti­plen Skle­ro­se er­krankt. Er lei­det un­ter an­de­rem an ei­ner aus­ge­präg­ten Gang­s­tö­rung, ei­ner spas­ti­schen Te­tra­pa­re­se, ei­ner Rumpf- und Ex­tre­mi­tä­te­na­ta­xie, ei­ner Dys­ar­thrie so­wie ei­ner re­zi­di­vie­ren­den de­pres­si­ven Stö­rung. Seit et­wa 1987 be­han­delt der Klä­ger die Sym­pto­me sei­ner Er­kran­kung durch den re­gel­mä­ßi­gen Kon­sum von Can­na­bis. Vom Vor­wurf des un­er­laub­ten Be­sit­zes und An­baus von Be­täu­bungs­mit­teln hat ihn das Amts­ge­richt Mann­heim mit rechts­kräf­ti­gem Ur­teil vom 19. Ja­nu­ar 2005 ... frei­ge­spro­chen. Es sah sein Han­deln nach § 34 StGB als ge­recht­fer­tigt an, weil ihm für die Be­hand­lung der Ata­xie kei­ne The­ra­pie­al­ter­na­ti­ve zur Ver­fü­gung ste­he und die Ein­nah­me von Can­na­bis zu ei­ner Lin­de­rung sei­ner schwe­ren Ge­sund­heits­be­ein­träch­ti­gun­gen füh­re. Der Klä­ger ist auf­grund sei­ner Er­kran­kung seit 1999 Früh­rent­ner und be­zieht ei­ne mo­nat­li­che Er­werbs­un­fä­hig­keits­ren­te in Hö­he von ca. 890 €.

3 Sei­ne Kla­ge ge­gen die AOK Ba­den-Würt­tem­berg auf Be­wil­li­gung des Te­tra­hy­dro­can­na­bi­nol (THC)-hal­ti­gen Arz­nei­mit­tels "Dro­na­bi­nol-Trop­fen" als Sach­leis­tung, hilfs­wei­se auf Kos­ten­er­stat­tung ist vor den So­zi­al­ge­rich­ten oh­ne Er­folg ge­blie­ben (So­zi­al­ge­richt Mann­heim, Ur­teil vom 9. Au­gust 2001 - S 8 KR 286/00 -; Lan­des­so­zi­al­ge­richt Stutt­gart, Ur­teil vom 25. April 2003 - L 4 KR 3828/01 -; BSG, Be­schluss vom 6. Ja­nu­ar 2005 - B 1 KR 51/03 B -).

4 Im Mai 2000 be­an­trag­te der Klä­ger beim Bun­des­in­sti­tut für Arz­nei­mit­tel und Me­di­zin­pro­duk­te (BfArM), ihm nach § 3 Abs. 2 des Be­täu­bungs­mit­tel­ge­set­zes (BtMG) ei­ne Aus­nah­me­er­laub­nis zum An­bau von Can­na­bis zur Be­hand­lung sei­ner Er­kran­kung zu er­tei­len. Mit Be­scheid vom 6. De­zem­ber 2007 lehn­te das BfArM den An­trag mit der Be­grün­dung ab, der Er­laub­ni­s­er­tei­lung stün­den zwin­gen­de Ver­sa­gungs­grün­de nach § 5 Abs. 1 BtMG ent­ge­gen. Der Ei­gen­an­bau von Can­na­bis sei für die me­di­zi­ni­sche Ver­sor­gung des Klä­gers nicht not­wen­dig, da es ei­ne The­ra­pie­al­ter­na­ti­ve auf der Ba­sis stan­dar­di­sier­ter Can­na­bis-Ex­trak­te ge­be. Zu­dem wür­de die Er­laub­nis dem Ziel des Be­täu­bungs­mit­tel­ge­set­zes zu­wi­der­lau­fen, das Ent­ste­hen oder Er­hal­ten ei­ner Be­täu­bungs­mit­tel­ab­hän­gig­keit so­weit wie mög­lich aus­zu­schlie­ßen. Auch sei die Si­cher­heit des Be­täu­bungs­mit­tel­ver­kehrs nicht ge­währ­leis­tet, weil sich beim An­bau durch ei­ne Pri­vat­per­son ei­ne gleich blei­ben­de Qua­li­tät des Can­na­bis, ins­be­son­de­re sei­nes Haupt­wirk­stoffs THC nicht si­cher­stel­len las­se. Des Wei­te­ren ha­be der Klä­ger we­der ge­eig­ne­te Räu­me und Si­che­run­gen für An­bau, Trock­nung und La­ge­rung des Can­na­bis nach­ge­wie­sen noch sei er­sicht­lich, dass er über die er­for­der­li­che Sach­kun­de ver­fü­ge. Den Wi­der­spruch des Klä­gers wies das BfArM mit Be­scheid vom 10. Au­gust 2010 zu­rück und führ­te er­gän­zend aus, die Er­laub­ni­s­er­tei­lung ver­sto­ße auch ge­gen das in­ter­na­tio­na­le Sucht­stoff­über­ein­kom­men. Selbst wenn man un­ter­stell­te, dass kei­ne zwin­gen­den Ver­sa­gungs­grün­de vor­lä­gen und die Er­tei­lung der Er­laub­nis des­halb im Er­mes­sen der Be­hör­de stün­de, kä­me ei­ne An­bau­er­laub­nis nicht in Be­tracht, da dem Klä­ger ei­ne al­ter­na­ti­ve The­ra­pie mit can­na­bis­hal­ti­gen Prä­pa­ra­ten zur Ver­fü­gung ste­he.

5 Mit sei­ner Kla­ge hat der Klä­ger die Ver­pflich­tung der Be­klag­ten be­gehrt, ihm zu er­lau­ben, Can­na­bis (In­di­ca-Sa­tiva-Hy­bri­den) in sei­ner Woh­nung an­zu­bau­en, zu ern­ten und zum Zweck sei­ner Be­hand­lung zu ver­wen­den. Er hat gel­tend ge­macht, der Ei­gen­an­bau sei für ihn die ein­zi­ge Mög­lich­keit, sei­nen Can­na­bis­be­darf zu de­cken. Die Kos­ten für den Er­werb ei­nes stan­dar­di­sier­ten Can­na­bis-Prä­pa­rats über die Apo­the­ke in Hö­he von mehr als 1 000 € sei­en für ihn nicht trag­bar. Sei­ne Kran­ken­kas­se ha­be ei­ne Kos­ten­über­nah­me ab­ge­lehnt. Die von ihm vor­ge­se­he­nen Si­che­rungs­maß­nah­men für sei­ne Woh­nung sei­en ge­eig­net und aus­rei­chend, um die Be­täu­bungs­mit­tel ge­gen ei­ne un­be­fug­te Ent­nah­me zu si­chern.

6 Mit Ur­teil vom 11. Ja­nu­ar 2011 hat das Ver­wal­tungs­ge­richt die an­ge­foch­te­nen Be­schei­de auf­ge­ho­ben und die Be­klag­te un­ter Kla­ge­ab­wei­sung im Üb­ri­gen ver­pflich­tet, über den Er­laub­nis­an­trag des Klä­gers un­ter Be­ach­tung der Rechts­auf­fas­sung des Ge­richts er­neut zu ent­schei­den. Zwin­gen­de Ver­sa­gungs­grün­de im Sin­ne von § 5 Abs. 1 BtMG lä­gen nicht vor, so dass die Er­laub­nis im be­hörd­li­chen Er­mes­sen ste­he. Die­ses Er­mes­sen ha­be das BfArM bis­lang nicht ord­nungs­ge­mäß aus­ge­übt; es ha­be nicht ge­prüft, ob dem Klä­ger ei­ne al­ter­na­ti­ve Be­hand­lungs­mög­lich­keit zur Ver­fü­gung ste­he, die für ihn auch er­schwing­lich sei.

7 Das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt hat die Be­ru­fung der Be­klag­ten und die An­schluss­be­ru­fung des Klä­gers zu­rück­ge­wie­sen. Zur Be­grün­dung hat es im We­sent­li­chen aus­ge­führt: Die Er­tei­lung der be­gehr­ten Er­laub­nis lie­ge im öf­fent­li­chen In­ter­es­se im Sin­ne des § 3 Abs. 2 BtMG, da Can­na­bis bei dem schwer kran­ken Klä­ger zu ei­ner er­heb­li­chen sub­jek­ti­ven Lin­de­rung sei­ner Be­schwer­den füh­re. Ihm ste­he kein gleich wirk­sa­mes zu­ge­las­se­nes und er­schwing­li­ches Me­di­ka­ment zur Ver­fü­gung. We­der das Fer­tig­arz­nei­mit­tel "Sa­tivex" noch das Re­zep­tur­arz­nei­mit­tel "Dro­na­bi­nol" stell­ten ei­ne gleich wirk­sa­me The­ra­pie­al­ter­na­ti­ve dar. Die Be­hand­lung mit Me­di­zi­nal­hanf kom­me für den Klä­ger aus Kos­ten­grün­den nicht in Be­tracht, nach­dem sei­ne Kran­ken­kas­se ei­ne Kos­ten­über­nah­me wie­der­holt, zu­letzt im Ju­ni 2014, ab­ge­lehnt ha­be. Es sei ihm auch nicht zu­mut­bar, ein wei­te­res Mal vor den So­zi­al­ge­rich­ten zu kla­gen. Der An­bau­er­laub­nis stün­den kei­ne zwin­gen­den Ver­sa­gungs­grün­de ent­ge­gen. § 5 Abs. 1 BtMG sei mo­di­fi­ziert an­zu­wen­den. Da­nach kön­ne die er­for­der­li­che sach­kun­di­ge Be­treu­ung da­durch si­cher­ge­stellt wer­den, dass der Klä­ger sei­nen Haus­arzt als ver­ant­wort­li­che Per­son im Sin­ne von § 5 Abs. 1 Nr. 2 i.V.m. Nr. 1 BtMG be­nen­ne. Der Ver­sa­gungs­grund des § 5 Abs. 1 Nr. 4 BtMG lie­ge nicht vor, weil die vom Klä­ger vor­ge­se­he­nen Si­cher­heits­vor­keh­run­gen aus­rei­chend sei­en. Die er­for­der­li­che Si­cher­heit und Kon­trol­le des Be­täu­bungs­mit­tel­ver­kehrs nach § 5 Abs. 1 Nr. 5 BtMG kön­ne über die haus­ärzt­li­che Be­treu­ung ge­währ­leis­tet wer­den. Für ei­ne miss­bräuch­li­che Ver­wen­dung des an­ge­bau­ten Can­na­bis durch den Klä­ger be­stün­den kei­ne An­halts­punk­te. Auch sei da­von aus­zu­ge­hen, dass er auf­grund der jah­re­lan­gen Ei­gen­the­ra­pie über um­fas­sen­de Er­fah­run­gen hin­sicht­lich Wirk­sam­keit und Do­sie­rung des Can­na­bis ver­fü­ge. Zu­dem bie­te sei­ne An­bau­me­tho­de ei­ne re­la­ti­ve Ge­währ für ei­nen kon­stan­ten THC-Ge­halt der Can­na­bis­pflan­zen. Der Ver­sa­gungs­grund des § 5 Abs. 1 Nr. 6 BtMG sei gleich­falls nicht ge­ge­ben. Da der Klä­ger aus me­di­zi­ni­schen Grün­den auf Can­na­bis an­ge­wie­sen sei, sei hin­zu­neh­men, dass bei ihm in­zwi­schen ei­ne Be­täu­bungs­mit­tel­ab­hän­gig­keit ent­stan­den sei. Die Er­laub­nis kön­ne auch nicht nach § 5 Abs. 2 BtMG mit der Be­grün­dung ver­sagt wer­den, das in­ter­na­tio­na­le Sucht­stoff­über­ein­kom­men von 1961 ver­lan­ge die Ein­rich­tung ei­ner Can­na­bis-Agen­tur, die von der Be­klag­ten aber nicht be­ab­sich­tigt sei. Art. 28 Abs. 1 und Art. 23 des Über­ein­kom­mens sei­en hier nicht an­wend­bar. Ab­ge­se­hen da­von sei die vom BfArM nach § 5 Abs. 2 BtMG ge­trof­fe­ne Er­mes­sens­ent­schei­dung feh­ler­haft, weil die Schwe­re der Er­kran­kung des Klä­gers, die feh­len­de Be­hand­lungs­al­ter­na­ti­ve und der Grund­rechts­schutz des Art. 2 Abs. 2 Satz 1 GG un­be­rück­sich­tigt ge­blie­ben sei­en. Da das BfArM zu Un­recht von ei­ner The­ra­pie­mög­lich­keit mit can­na­bis­hal­ti­gen Prä­pa­ra­ten aus­ge­gan­gen sei, er­wie­sen sich schlie­ß­lich auch die nach § 3 Abs. 2 BtMG an­ge­stell­ten Er­mes­sen­ser­wä­gun­gen als feh­ler­haft. Das recht­fer­ti­ge gleich­wohl nicht, die Be­klag­te zur Er­laub­ni­s­er­tei­lung zu ver­pflich­ten. Viel­mehr ste­he die be­gehr­te Er­laub­nis im pflicht­ge­mä­ßen Er­mes­sen, bei des­sen Aus­übung das BfArM ins­be­son­de­re § 6 Abs. 2 BtMG zu prü­fen so­wie über mög­li­che Ne­ben­be­stim­mun­gen ge­mäß § 9 Abs. 2 BtMG zu ent­schei­den ha­be.

8 Ge­gen die­ses Ur­teil ha­ben so­wohl die Be­klag­te als auch der Klä­ger Re­vi­si­on ein­ge­legt. Die Be­klag­te macht gel­tend, das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt ha­be das öf­fent­li­che In­ter­es­se nach § 3 Abs. 2 BtMG zu Un­recht be­jaht. Es sei un­ter Ver­stoß ge­gen § 86 Abs. 1 Vw­GO und § 108 Abs. 1 Vw­GO vom Feh­len ei­ner er­schwing­li­chen The­ra­pie­al­ter­na­ti­ve aus­ge­gan­gen. Zu­dem hät­te die Rechts­fra­ge ge­klärt wer­den müs­sen, ob dem Klä­ger ein so­zi­al­recht­li­cher An­spruch auf Kos­ten­über­nah­me für Me­di­zi­nal­hanf zu­ste­he. Das Be­ru­fungs­ur­teil be­ru­he au­ßer­dem auf ei­ner Ver­let­zung von § 5 BtMG. Das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt hät­te mit Blick auf die von ihm fest­ge­stell­te Be­täu­bungs­mit­tel­ab­hän­gig­keit des Klä­gers prü­fen müs­sen, ob Be­den­ken ge­gen des­sen Zu­ver­läs­sig­keit be­stehen und die Er­laub­nis da­her nach § 5 Abs. 1 Nr. 3 BtMG zu ver­sa­gen sei. Zu­dem sei nicht er­sicht­lich, dass der Haus­arzt des Klä­gers die ihm ob­lie­gen­den Ver­pflich­tun­gen als Ver­ant­wort­li­cher im Sin­ne von § 5 Abs. 1 Nr. 2 BtMG stän­dig er­fül­len kön­ne. Da­mit sei auch die er­for­der­li­che Si­cher­heit des Be­täu­bungs­mit­tel­ver­kehrs nicht ge­währ­leis­tet. Der Er­laub­ni­s­er­tei­lung ste­he au­ßer­dem das Sucht­stoff­über­ein­kom­men von 1961 ent­ge­gen, wie ei­ne Stel­lung­nah­me des in­ter­na­tio­na­len Sucht­stoff­kon­troll­rats be­stä­ti­ge. Er­mes­sens­feh­ler sei­en nicht er­sicht­lich.

9 Der Klä­ger ver­tei­digt das an­ge­grif­fe­ne Ur­teil und trägt zur Be­grün­dung sei­ner Re­vi­si­on vor, er ha­be ei­nen An­spruch auf die be­gehr­te Er­laub­nis, weil die Er­mes­sens­ent­schei­dung der Be­klag­ten zwin­gend zu­guns­ten der Er­laub­ni­s­er­tei­lung aus­fal­len müs­se. Sei­nem In­ter­es­se an der Be­hand­lung mit Can­na­bis, die für ihn al­ter­na­tiv­los und al­lein im We­ge des Ei­gen­an­baus ver­füg­bar sei, kom­me we­gen der Schwe­re sei­ner Er­kran­kung ein be­son­de­res Ge­wicht zu.

II

10 Die Re­vi­si­on der Be­klag­ten ist un­be­grün­det, die Re­vi­si­on des Klä­gers ist be­grün­det. Das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt hat oh­ne Ver­stoß ge­gen Bun­des­recht (§ 137 Abs. 1 Nr. 1 Vw­GO) an­ge­nom­men, dass die vom Klä­ger be­gehr­te Er­laub­nis zum Ei­gen­an­bau von Can­na­bis zu the­ra­peu­ti­schen Zwe­cken im öf­fent­li­chen In­ter­es­se im Sin­ne des § 3 Abs. 2 BtMG liegt (1.) und der Er­laub­ni­s­er­tei­lung kei­ne zwin­gen­den Ver­sa­gungs­grün­de im Sin­ne von § 5 Abs. 1 BtMG ent­ge­gen­ste­hen (2.). Es ist auch zu Recht da­von aus­ge­gan­gen, dass die Er­laub­nis nicht nach § 5 Abs. 2 BtMG in Ver­bin­dung mit dem in­ter­na­tio­na­len Sucht­stoff­über­ein­kom­men we­gen Feh­lens ei­ner Can­na­bis-Agen­tur ver­sagt wer­den kann (3.). Das an­ge­foch­te­ne Ur­teil be­ruht je­doch auf der Ver­let­zung von Bun­des­recht, so­weit es die Be­klag­te le­dig­lich zur Neu­be­schei­dung des Er­laub­nis­an­trags ver­pflich­tet hat. Der Klä­ger hat in­fol­ge ei­ner Er­mes­sens­re­du­zie­rung auf Null ei­nen An­spruch auf die Er­laub­nis (4.). Das führt da­zu, dass der Kla­ge un­ter Än­de­rung der vor­in­stanz­li­chen Ur­tei­le in vol­lem Um­fang statt­zu­ge­ben ist (§ 144 Abs. 3 Satz 1 Nr. 1 Vw­GO).

11 Rechts­grund­la­ge für die strei­ti­ge Er­laub­nis ist § 3 Abs. 2 des Ge­set­zes über den Ver­kehr mit Be­täu­bungs­mit­teln (Be­täu­bungs­mit­tel­ge­setz - BtMG) i.d.F. der Be­kannt­ma­chung vom 1. März 1994 (BGBl. I S. 358), zu­letzt ge­än­dert durch Art. 1 der Ver­ord­nung vom 11. No­vem­ber 2015 (BGBl. I S. 1992). Da­nach kann das Bun­des­in­sti­tut für Arz­nei­mit­tel und Me­di­zin­pro­duk­te ei­ne Er­laub­nis zum An­bau der in An­la­ge I des Ge­set­zes be­zeich­ne­ten Be­täu­bungs­mit­tel nur aus­nahms­wei­se zu wis­sen­schaft­li­chen oder an­de­ren im öf­fent­li­chen In­ter­es­se lie­gen­den Zwe­cken er­tei­len. Can­na­bis (Ma­ri­hua­na, Pflan­zen und Pflan­zen­tei­le der zur Gat­tung Can­na­bis ge­hö­ren­den Pflan­zen) zählt zu den nicht ver­kehrs­fä­hi­gen Be­täu­bungs­mit­teln der An­la­ge I zu § 1 Abs. 1 BtMG. Die dort un­ter Buchst. a) bis e) zu Can­na­bis auf­ge­führ­ten Aus­nah­men sind hier nicht ein­schlä­gig (vgl. zu Buchst. e: Amt­li­che Be­grün­dung zur Fünf­und­zwan­zigs­ten Ver­ord­nung zur Än­de­rung be­täu­bungs­mit­tel­recht­li­cher Vor­schrif­ten vom 11. Mai 2011, BR-Drs. 130/11 S. 7 und S. 10). Eben­so we­nig liegt ei­ne Aus­nah­me von der Er­laub­nis­pflicht nach § 4 BtMG vor.

12 1. Die Er­tei­lung der be­an­trag­ten An­bau­er­laub­nis liegt im öf­fent­li­chen In­ter­es­se im Sin­ne des § 3 Abs. 2 BtMG.

13 In der Recht­spre­chung des Se­nats ist ge­klärt, dass die Er­laub­nis nach § 3 Abs. 2 BtMG aus­nahms­wei­se auch für die The­ra­pie­rung ei­nes ein­zel­nen schwer kran­ken Pa­ti­en­ten mit Can­na­bis er­teilt wer­den kann. Das er­for­der­li­che öf­fent­li­che In­ter­es­se ist zu be­ja­hen, wenn die Er­kran­kung durch die Be­hand­lung mit dem Be­täu­bungs­mit­tel ge­heilt oder zu­min­dest ge­lin­dert wer­den kann und wenn dem Be­trof­fe­nen kei­ne gleich wirk­sa­me The­ra­pie­al­ter­na­ti­ve zur Ver­fü­gung steht (BVer­wG, Ur­teil vom 19. Mai 2005 - 3 C 17.04 - BVer­w­GE 123, 352 <354 ff.>). Die­se Vor­aus­set­zun­gen, die für die Er­laub­nis zum Ei­gen­an­bau von Can­na­bis ge­nau­so gel­ten wie für die Er­laub­nis zu des­sen Er­werb (vgl. BVer­wG, Ur­teil vom 19. Mai 2005 a.a.O. S. 360), sind hier er­füllt.

14 a) Der Klä­ger lei­det an ei­ner schwe­ren und un­heil­ba­ren Er­kran­kung in Form ei­ner se­kun­dä­ren chro­ni­schen Mul­ti­plen Skle­ro­se mit viel­fäl­ti­gen und er­heb­li­chen ge­sund­heit­li­chen Be­ein­träch­ti­gun­gen. Nach den bin­den­den ta­trich­ter­li­chen Fest­stel­lun­gen (§ 137 Abs. 2 Vw­GO) führt die An­wen­dung von Can­na­bis zu ei­ner deut­li­chen Ver­bes­se­rung sei­nes sub­jek­ti­ven Be­fin­dens. Der Klä­ger er­rei­che durch die re­gel­mä­ßi­ge Ein­nah­me von Can­na­bis ei­ne er­heb­li­che Lin­de­rung sei­ner Be­schwer­den ins­be­son­de­re im Be­reich der Ata­xie, der Spas­tik und sei­ner psy­chi­schen Ver­fas­sung. Vor al­lem das Gang­bild sei er­kenn­bar si­che­rer, die ma­xi­ma­le Geh­stre­cke am Hand­stock ver­län­ge­re sich, es be­stün­den kei­ne Schluck­schwie­rig­kei­ten, die Spra­che sei aus­rei­chend ver­ständ­lich, die Stim­mungs­la­ge aus­ge­gli­chen, die Im­puls­kon­trol­le sei re­gu­liert. Da­nach ist ein the­ra­peu­ti­scher Nut­zen ge­ge­ben, der die An­nah­me ei­nes öf­fent­li­chen In­ter­es­ses am Ein­satz von Can­na­bis zu me­di­zi­ni­schen Zwe­cken recht­fer­tigt (BVer­wG, Ur­teil vom 19. Mai 2005 - 3 C 17.04 - BVer­w­GE 123, 352 <354 ff.>).

15 b) Dem Klä­ger steht zur Be­hand­lung der Sym­pto­ma­tik kei­ne gleich wirk­sa­me The­ra­pie­al­ter­na­ti­ve zur Ver­fü­gung.

16 aa) Das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt hat für das Re­vi­si­ons­ver­fah­ren ver­bind­lich fest­ge­stellt (§ 137 Abs. 2 Vw­GO), dass das zu­ge­las­se­ne Arz­nei­mit­tel "Sa­tivex" für den Klä­ger kei­ne Be­hand­lungs­al­ter­na­ti­ve dar­stellt, weil es nicht die glei­che Wirk­sam­keit wie das von ihm an­ge­bau­te Can­na­bis hat. Der An­wen­dungs­be­reich von "Sa­tivex" sei auf die Be­hand­lung der Spas­tik bei Mul­ti­pler Skle­ro­se be­schränkt, wäh­rend sich der Can­na­bis­kon­sum ins­ge­samt güns­tig auf sei­ne Be­schwer­den aus­wir­ke. Ein The­ra­pie­ver­such mit "Sa­tivex" ha­be bei ihm zu ei­ner Ver­schlech­te­rung sei­nes Ge­sund­heits­zu­stan­des ge­führt.

17 Auch das Re­zep­tur­arz­nei­mit­tel "Dro­na­bi­nol" kommt man­gels ver­gleich­ba­rer the­ra­peu­ti­scher Wir­kung bei dem Klä­ger nicht als The­ra­pie­al­ter­na­ti­ve in Be­tracht. Das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt ist auf­grund der Be­fund­be­rich­te und sach­ver­stän­di­gen Zeu­gen­aus­sa­gen der ihn be­treu­en­den Ärz­te zu dem Schluss ge­kom­men, dass ei­ne Mo­no­the­ra­pie mit "Dro­na­bi­nol" auf das Be­schwer­de­bild des Klä­gers nicht ge­nau­so po­si­tiv ein­wir­ke wie die An­wen­dung von Can­na­bis. Der Ver­such, den Can­na­bis­kon­sum durch die Ein­nah­me von "Dro­na­bi­nol" zu er­set­zen, müs­se als ge­schei­tert an­ge­se­hen wer­den. Auch in ho­her Do­sie­rung ha­be das Arz­nei­mit­tel kei­ne ver­gleich­ba­re Lin­de­rung der spas­tisch-ata­k­ti­schen Sym­pto­ma­tik be­wirkt. Ei­ne wei­te­re Er­hö­hung der Do­sis schei­de aus, weil es da­durch zu ei­ner er­heb­li­chen Ver­schlech­te­rung des psy­chi­schen Ge­sund­heits­zu­stan­des des Klä­gers kom­me. Die­se Fest­stel­lun­gen sind aus re­vi­si­ons­recht­li­cher Sicht nicht zu be­an­stan­den. Das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt hat sie aus­führ­lich und über­zeu­gend be­grün­det. Die Be­klag­te hat da­ge­gen kei­ne Ver­fah­rens­rü­gen er­ho­ben.

18 bb) Me­di­zi­nal­hanf ist für den Klä­ger nicht er­schwing­lich und stellt für ihn da­her gleich­falls kei­ne Al­ter­na­ti­ve dar, die das öf­fent­li­che In­ter­es­se am Ei­gen­an­bau von Can­na­bis ent­fal­len lässt (BVer­wG, Ur­teil vom 19. Mai 2005 - 3 C 17.04 - BVer­w­GE 123, 352 <359>).

19 (1) Me­di­zi­nal­hanf (ge­trock­ne­te Can­na­bis­blü­ten in phar­ma­zeu­ti­scher Qua­li­tät) ist in Deutsch­land nicht als Arz­nei­mit­tel zu­ge­las­sen und auch nicht ver­schrei­bungs­fä­hig (§ 13 Abs. 1 Satz 3 BtMG). Mit ei­ner Aus­nah­me­er­laub­nis nach § 3 Abs. 2 BtMG kann er im Ein­zel­fall nach Deutsch­land im­por­tiert und in Apo­the­ken an Pa­ti­en­ten ab­ge­ge­ben wer­den. Nach den be­ru­fungs­ge­richt­li­chen Fest­stel­lun­gen ent­ste­hen beim Er­werb von Me­di­zi­nal­hanf aus der Apo­the­ke für den Klä­ger bei der von ihm be­nö­tig­ten Do­sis von ca. 100 g "Can­na­bis flos Be­dro­can" mo­nat­li­che Kos­ten von min­des­tens 400 €, wenn nicht so­gar von 1 600 €. Bei ei­ner mo­nat­li­chen Er­werbs­un­fä­hig­keits­ren­te von ca. 890 € ist er nicht in der La­ge, die­se Kos­ten zu tra­gen. Dem­ge­gen­über be­schrän­ken sich sei­ne mo­nat­li­chen Aus­ga­ben beim Ei­gen­an­bau von Can­na­bis auf ca. 110 €.

20 (2) Der Klä­ger kann nicht dar­auf ver­wie­sen wer­den, es be­stehe die Mög­lich­keit der Kos­ten­er­stat­tung durch sei­ne Kran­ken­kas­se. Die­se hat es wie­der­holt ab­ge­lehnt, die Kos­ten für die Ver­sor­gung mit Me­di­zi­nal­hanf zu über­neh­men (Schrei­ben der AOK Ba­den-Würt­tem­berg - Be­zirks­di­rek­ti­on Rhein-Ne­ckar-Oden­wald - vom 8. No­vem­ber 2012, 7. Ju­ni 2013 und 10. Ju­ni 2014). Be­ruht ei­ne sol­che Ab­leh­nung auf ei­ner mög­li­cher­wei­se un­zu­tref­fen­den Rechts­auf­fas­sung, ist es dem Be­trof­fe­nen zwar grund­sätz­lich zu­zu­mu­ten, Kla­ge vor den So­zi­al­ge­rich­ten zu er­he­ben. Das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt hat aber oh­ne Rechts­feh­ler an­ge­nom­men, dass es dem Klä­ger un­ter den hier ge­ge­be­nen Um­stän­den nicht zu­mut­bar ist, er­neut den so­zi­al­ge­richt­li­chen Kla­ge­weg zu be­schrei­ten.

21 Es ist nicht ab­seh­bar, dass ei­ne Kla­ge auf Über­nah­me der Kos­ten für die Ver­sor­gung mit Me­di­zi­nal­hanf Er­folg ha­ben wür­de. Nach der Recht­spre­chung der So­zi­al­ge­rich­te schei­den ein Sach­leis­tungs­an­spruch nach § 27 Abs. 1 Satz 1 i.V.m. Satz 2 Nr. 3, § 31 Abs. 1 Satz 1 SGB V oder ein Kos­ten­er­stat­tungs- und Über­nah­me­an­spruch nach § 13 SGB V aus, weil es sich bei Me­di­zi­nal­hanf nicht um ein im In­land zu­ge­las­se­nes Fer­tig­arz­nei­mit­tel han­delt (BSG, Ur­tei­le vom 27. März 2007 - B 1 KR 30/06 R - ju­ris Rn. 10 f. und vom 3. Ju­li 2012 - B 1 KR 25/11 R - BS­GE 111, 168 Rn. 12 f.; LSG Stutt­gart, Ur­teil vom 27. Fe­bru­ar 2015 - L 4 KR 3786/13 - ju­ris Rn. 36). Ein An­spruch auf der Grund­la­ge von § 135 Abs. 1 SGB V kommt man­gels der da­für er­for­der­li­chen be­für­wor­ten­den Richt­li­ni­en-Emp­feh­lung des Ge­mein­sa­men Bun­des­aus­schus­ses nicht in Be­tracht (BSG, Ur­teil vom 27. März 2007 - B 1 KR 30/06 R - ju­ris Rn. 12; LSG Stutt­gart, Ur­teil vom 27. Fe­bru­ar 2015 - L 4 KR 3786/13 - ju­ris Rn. 40; LSG Ber­lin-Bran­den­burg, Be­schluss vom 4. Mai 2015 - L 1 KR 221/15 B ER - ju­ris Rn. 18). Es liegt auch kein Aus­nah­me­fall vor, in dem trotz feh­len­der Richt­li­ni­en-Emp­feh­lung ei­ne Leis­tungs­pflicht der Kran­ken­kas­se be­steht. Die Vor­aus­set­zun­gen des so ge­nann­ten Sel­ten­heits­falls ei­ner Krank­heit sind nicht er­füllt. Dar­un­ter ist ei­ne Er­kran­kung zu ver­ste­hen, die welt­weit nur ex­trem sel­ten auf­tritt und des­halb nicht sys­te­ma­tisch er­forscht wer­den kann (BSG, Ur­teil vom 28. Fe­bru­ar 2008 - B 1 KR 16/07 R - BS­GE 100, 103 Rn. 30 m.w.N.). Auf Mul­ti­ple Skle­ro­se trifft das nicht zu (LSG Nie­der­sach­sen-Bre­men, Be­schluss vom 7. März 2011 - L 4 KR 48/11 B ER - ju­ris Rn. 21; LSG Mainz, Ur­teil vom 20. Au­gust 2009 - L 5 KR 100/08 - ju­ris Rn. 15). Eben­so we­nig ist er­kenn­bar, dass ei­ne Ak­tua­li­sie­rung der Richt­li­ni­en des Ge­mein­sa­men Bun­des­aus­schus­ses rechts­wid­rig un­ter­blie­ben wä­re (Fall des so ge­nann­ten Sys­tem­ver­sa­gens, (BSG, Ur­teil vom 27. März 2007 - B 1 KR 30/06 R - ju­ris Rn. 13 f; LSG Stutt­gart, Ur­teil vom 27. Fe­bru­ar 2015 - L 4 KR 3786/13 - ju­ris Rn. 42; LSG Mün­chen, Be­schluss vom 26. No­vem­ber 2015 - L 4 KR 419/15 B ER - ju­ris Rn. 30).

22 Es lässt sich auch nicht fest­stel­len, dass der Klä­ger vor­aus­sicht­lich die Über­nah­me der Kos­ten für Me­di­zi­nal­hanf auf­grund von § 2 Abs. 1a SGB V be­an­spru­chen könn­te. Nach die­ser Be­stim­mung kön­nen Ver­si­cher­te mit ei­ner le­bens­be­droh­li­chen oder re­gel­mä­ßig töd­li­chen Er­kran­kung oder mit ei­ner zu­min­dest wer­tungs­mä­ßig ver­gleich­ba­ren Er­kran­kung, für die ei­ne all­ge­mein an­er­kann­te, dem me­di­zi­ni­schen Stan­dard ent­spre­chen­de Leis­tung nicht zur Ver­fü­gung steht, auch ei­ne von § 2 Abs. 1 Satz 3 SGB V ab­wei­chen­de Leis­tung be­an­spru­chen, wenn ei­ne nicht ganz ent­fernt lie­gen­de Aus­sicht auf Hei­lung oder auf ei­ne spür­ba­re po­si­ti­ve Ein­wir­kung auf den Krank­heits­ver­lauf be­steht. § 2 Abs. 1a SGB V ist durch das GKV-Ver­sor­gungs­struk­tur­ge­setz vom 22. De­zem­ber 2011 (BGBl. I S. 2983) mit Wir­kung vom 1. Ja­nu­ar 2012 ein­ge­fügt wor­den und knüpft an den Be­schluss des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts vom 6. De­zem­ber 2005 - 1 BvR 347/98 - (BVerf­GE 115, 25) an. Vor­aus­set­zung für den Leis­tungs­an­spruch ist, dass ei­ne le­bens­be­droh­li­che oder re­gel­mä­ßig töd­li­che Er­kran­kung oder wer­tungs­mä­ßig ver­gleich­ba­re Er­kran­kung in ei­ner not­stands­ähn­li­chen Si­tua­ti­on vor­liegt. Dies kann der Fall sein, wenn nach den kon­kre­ten Um­stän­den des Ein­zel­falls droht, dass sich der töd­li­che Krank­heits­ver­lauf oder der nicht kom­pen­sier­ba­re Ver­lust ei­nes wich­ti­gen Sin­nes­or­gans oder ei­ner her­aus­ge­ho­be­nen Kör­per­funk­ti­on in­ner­halb ei­nes kür­ze­ren, über­schau­ba­ren Zeit­raums wahr­schein­lich ver­wirk­li­chen wird (Amt­li­che Be­grün­dung zum GKV-Ver­sor­gungs­struk­tur­ge­setz, BT-Drs. 17/6906 S. 52 f.). Das Baye­ri­sche Lan­des­so­zi­al­ge­richt hat zwar in Er­wä­gung ge­zo­gen, dass der Fall des nicht kom­pen­sier­ba­ren Ver­lusts ei­ner her­aus­ge­ho­be­nen Kör­per­funk­ti­on ge­ge­ben sein kann, wenn bei ei­ner be­stehen­den Mul­ti­plen Skle­ro­se mit ei­ner schwer­wie­gen­den Be­ein­träch­ti­gung der Geh­fä­hig­keit ei­ne wei­te­re Ver­schlech­te­rung der Mo­bi­li­tät droht (LSG Mün­chen, Be­schluss vom 19. Ju­ni 2013 - L 5 KR 91/13 B ER - ju­ris Rn. 24 f.). Da­bei han­delt es sich aber um die nur vor­läu­fi­ge Be­wer­tung im Rah­men ei­ner Fol­gen­ab­wä­gung im einst­wei­li­gen Rechts­schutz­ver­fah­ren; zu­dem ist die­se Ent­schei­dung, so­weit er­sicht­lich, sin­gu­lär ge­blie­ben. Das Bun­des­so­zi­al­ge­richt hat dem­ge­gen­über an­ge­nom­men, dass die qua­li­fi­zier­ten Er­for­der­nis­se ei­ner le­bens­be­droh­li­chen oder ver­gleich­bar gra­vie­ren­den Krank­heit im Sin­ne des Be­schlus­ses des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts vom 6. De­zem­ber 2005 bei ei­ner be­stehen­den Mul­ti­plen Skle­ro­se mit se­kun­där-chro­ni­scher Ver­laufs­form trotz der un­be­streit­ba­ren Schwe­re die­ser Er­kran­kung nicht vor­lie­gen (BSG, Ur­teil vom 27. März 2007 - B 1 KR 17/06 R - ju­ris Rn. 18 ff.; ver­gleich­bar Ur­teil vom 8. No­vem­ber 2011 - B 1 KR 19/10 R - BS­GE 109, 211 Rn. 23; LSG Stutt­gart, Be­schluss vom 10. No­vem­ber 2014 - L 11 KR 3826/14 ER-B - ju­ris Rn. 25). Auch das Bun­des­mi­nis­te­ri­um für Ge­sund­heit geht in sei­nem Re­fe­ren­ten­ent­wurf für ein "Ge­setz zur Än­de­rung be­täu­bungs­mit­tel­recht­li­cher und an­de­rer Vor­schrif­ten" vom 7. Ja­nu­ar 2016 (ver­öf­fent­licht un­ter http://​www.​bmg.​bund.​de/​glo​ssar​begr​iffe/​c/​can​nabi​s/​can​nabi​s-​als-​medizin.​html) da­von aus, dass Ver­si­cher­te nach der gel­ten­den Rechts­la­ge kei­nen An­spruch auf Ver­sor­gung mit Me­di­zi­nal­hanf ha­ben und mit der vor­ge­se­he­nen Neu­re­ge­lung in eng be­grenz­ten Aus­nah­me­fäl­len die Mög­lich­keit der Kos­ten­über­nah­me in der ge­setz­li­chen Kran­ken­ver­si­che­rung ge­schaf­fen wer­den soll (vgl. S. 1 und S. 19).

23 Schlie­ß­lich be­steht auch kein Leis­tungs­an­spruch ge­gen­über an­de­ren So­zi­al­leis­tungs­trä­gern. Der Ver­weis der Be­klag­ten auf das Zwei­te und das Zwölf­te Buch des So­zi­al­ge­setz­buchs geht fehl. Die Re­ge­lun­gen über Hil­fen bei Krank­heit nach § 48 i.V.m. § 52 SGB XII und über er­näh­rungs­be­ding­te Mehr­be­dar­fe nach § 21 Abs. 5 SGB II oder § 30 Abs. 5 SGB XII sind hier nicht ein­schlä­gig.

24 Vor die­sem Hin­ter­grund ist es nicht zu­mut­bar, den Klä­ger auf ei­ne Rechts­ver­fol­gung vor den So­zi­al­ge­rich­ten zu ver­wei­sen. Das gilt be­son­ders mit Blick auf die au­ßer­ge­wöhn­lich lan­ge Dau­er des Er­laub­nis­ver­fah­rens von mehr als 15 Jah­ren. Der Klä­ger hat den Er­laub­nis­an­trag im Mai 2000 ge­stellt. Be­reits im Fe­bru­ar 2000 hat­te er par­al­lel da­zu vor dem So­zi­al­ge­richt Kla­ge auf Ver­sor­gung mit Dro­na­bi­nol er­ho­ben, die in al­len In­stan­zen oh­ne Er­folg blieb. Das ver­wal­tungs­ge­richt­li­che Ver­fah­ren ge­gen den (ers­ten) Ver­sa­gungs­be­scheid der Be­klag­ten vom 31. Ju­li 2000 fand Mit­te 2006 vor dem Ober­ver­wal­tungs­ge­richt sei­nen Ab­schluss, nach­dem die Be­klag­te den Be­scheid mit Blick auf das Se­nats­ur­teil vom 19. Mai 2005 - 3 C 17.04 - (BVer­w­GE 123, 352) auf­ge­ho­ben hat­te. Seit Ju­ni 2009 ist das Ver­fah­ren ge­gen den hier an­ge­foch­te­nen (zwei­ten) Ver­sa­gungs­be­scheid vom 6. De­zem­ber 2007 an­hän­gig.

25 (3) Da­nach blei­ben auch die Ver­fah­rens­rü­gen der Be­klag­ten oh­ne Er­folg. Das an­ge­grif­fe­ne Ur­teil be­ruht nicht auf ei­nem Ver­stoß ge­gen die ge­richt­li­che Auf­klä­rungs­pflicht (§ 86 Abs. 1 Vw­GO) oder den Über­zeu­gungs­grund­satz (§ 108 Abs. 1 Satz 1 Vw­GO). Dem Ober­ver­wal­tungs­ge­richt muss­te sich nach dem Er­geb­nis der Be­weis­auf­nah­me nicht auf­drän­gen, ei­ne er­neu­te Stel­lung­nah­me der Kran­ken­kas­se zur Fra­ge der Kos­ten­über­nah­me ein­zu­ho­len. Denn die AOK Ba­den-Würt­tem­berg hat un­ter Be­zug­nah­me auf das ne­ga­ti­ve Vo­tum des Me­di­zi­ni­schen Diens­tes der Kran­ken­ver­si­che­rung aus dem April 2013 die Ab­leh­nung der Kos­ten­er­stat­tung für Me­di­zi­nal­hanf auch da­mit be­grün­det, dass ei­ne Leis­tungs­pflicht nach der Recht­spre­chung des Bun­des­so­zi­al­ge­richts zu § 2 Abs. 1a SGB V aus­schei­de.

26 2. Der Er­laub­ni­s­er­tei­lung ste­hen kei­ne zwin­gen­den Ver­sa­gungs­grün­de nach § 5 Abs. 1 BtMG ent­ge­gen.

27 a) Ge­mäß § 5 Abs. 1 Nr. 2 BtMG ist die Er­laub­nis zu ver­sa­gen, wenn der vor­ge­se­he­ne Ver­ant­wort­li­che (§ 5 Abs. 1 Nr. 1 BtMG) nicht die er­for­der­li­che Sach­kennt­nis hat oder die ihm ob­lie­gen­den Ver­pflich­tun­gen nicht stän­dig er­fül­len kann. Es ist un­schäd­lich, dass der Klä­ger die Vor­aus­set­zung ei­nes ab­ge­schlos­se­nen wis­sen­schaft­li­chen Hoch­schul­stu­di­ums im Sin­ne von § 6 Abs. 1 Nr. 2 BtMG nicht er­füllt und des­halb die Mög­lich­keit aus­schei­det, als An­trag­stel­ler selbst die Stel­le des Ver­ant­wort­li­chen zu über­neh­men (§ 5 Abs. 1 Nr. 1 Halbs. 2 BtMG). Die An­nah­me des Ober­ver­wal­tungs­ge­richts, die Sach­kennt­nis kön­ne auch da­durch nach­ge­wie­sen wer­den, dass ein den Klä­ger be­treu­en­der Arzt die Stel­le des Ver­ant­wort­li­chen ein­nimmt, ist nicht zu be­an­stan­den. § 6 Abs. 2 BtMG sieht vor, dass im Ein­zel­fall von den in Ab­satz 1 ge­nann­ten An­for­de­run­gen an die Sach­kennt­nis ab­ge­wi­chen wer­den kann, wenn die Si­cher­heit und Kon­trol­le des Be­täu­bungs­mit­tel­ver­kehrs ge­währ­leis­tet sind. Dies er­laubt, die Sach­kun­de­an­for­de­run­gen an den kon­kret be­an­trag­ten Be­täu­bungs­mit­tel­ver­kehr an­zu­pas­sen, wenn und so­weit dies im In­ter­es­se der not­wen­di­gen me­di­zi­ni­schen Ver­sor­gung ge­bo­ten und mit den Be­lan­gen der Si­cher­heit und Kon­trol­le des Be­täu­bungs­mit­tel­ver­kehrs ver­ein­bar ist. Das ist hier zu be­ja­hen. Nach den ta­trich­ter­li­chen Fest­stel­lun­gen kann die er­for­der­li­che sach­kun­di­ge Be­glei­tung und Be­treu­ung des Klä­gers durch des­sen Haus­arzt si­cher­ge­stellt wer­den, der sich be­reit er­klärt hat, die mit der Be­nen­nung als Ver­ant­wort­li­cher ver­bun­de­nen Ver­pflich­tun­gen zu über­neh­men. Zu­dem ver­fügt der Klä­ger auf­grund des jah­re­lan­gen Ei­gen­an­baus selbst über ei­ne weit­rei­chen­de Sach­kennt­nis hin­sicht­lich der von ihm ver­wen­de­ten Can­na­bis­sor­te und ins­be­son­de­re über um­fas­sen­de prak­ti­sche Er­fah­run­gen in Be­zug auf Wirk­sam­keit und Do­sie­rung.

28 Dem kann auch nicht ent­ge­gen­ge­hal­ten wer­den, dass der Ver­ant­wort­li­che nach § 5 Abs. 1 Nr. 2 BtMG in der La­ge sein muss, die ihm ob­lie­gen­den Ver­pflich­tun­gen stän­dig zu er­fül­len. Er ist nach § 5 Abs. 1 Nr. 1 BtMG ver­ant­wort­lich da­für, dass der be­an­trag­te Be­täu­bungs­mit­tel­ver­kehr un­ter Ein­hal­tung der be­täu­bungs­mit­tel­recht­li­chen Vor­schrif­ten und der An­ord­nun­gen der Über­wa­chungs­be­hör­den statt­fin­det. "Stän­dig" im Sin­ne von § 5 Abs. 1 Nr. 2 BtMG meint ei­ne kon­ti­nu­ier­li­che Wahr­neh­mung die­ser Ver­ant­wor­tung, die ei­ne si­che­re Über­wa­chung des Be­täu­bungs­mit­tel­ver­kehrs ge­währ­leis­tet. Die nä­he­re Aus­ge­stal­tung, der den Ver­ant­wort­li­chen hier­bei tref­fen­den Ver­pflich­tun­gen, ins­be­son­de­re Häu­fig­keit und Um­fang der Kon­trol­len, hängt von der Art des be­an­trag­ten Ver­kehrs ab. Im Fall der Er­laub­nis zum Ei­gen­an­bau von Can­na­bis zu the­ra­peu­ti­schen Zwe­cken wird der zum Ver­ant­wort­li­chen be­stell­te Arzt sei­ner Kon­troll­funk­ti­on ge­recht, wenn er den An­trag­stel­ler kon­ti­nu­ier­lich be­treut und mit der im Ein­zel­fall ge­bo­te­nen Häu­fig­keit und In­ten­si­tät über­prüft, ob die­ser sei­nen Pflich­ten im Um­gang mit dem Be­täu­bungs­mit­tel ord­nungs­ge­mäß nach­kommt. Nach den Fest­stel­lun­gen des Ober­ver­wal­tungs­ge­richts ist nicht er­sicht­lich, dass der Haus­arzt des Klä­gers hier­zu nicht be­reit oder im­stan­de wä­re.

29 Auch sonst be­stehen im Hin­blick auf die nach § 6 Abs. 2 BtMG zu ge­währ­leis­ten­de Si­cher­heit und Kon­trol­le des Be­täu­bungs­mit­tel­ver­kehrs kei­ne Be­den­ken, da die Ver­sa­gungs­grün­de des § 5 Abs. 1 Nr. 3 bis 6 BtMG - wie nach­fol­gend dar­ge­legt - gleich­falls nicht ge­ge­ben sind.

30 b) Oh­ne, dass der Ver­sa­gungs­grund des § 5 Abs. 1 Nr. 3 BtMG aus­drück­lich an­ge­spro­chen wird, be­ruht das an­ge­grif­fe­ne Ur­teil er­kenn­bar auf der An­nah­me, dass kei­ne Tat­sa­chen vor­lie­gen, aus de­nen sich Zwei­fel an der Zu­ver­läs­sig­keit des Klä­gers er­ge­ben. Zu­ver­läs­sig im Sin­ne von § 5 Abs. 1 Nr. 3 BtMG ist, wer die Ge­währ da­für bie­tet, die ihm ob­lie­gen­den Pflich­ten bei der Durch­füh­rung des be­an­trag­ten Be­täu­bungs­mit­tel­ver­kehrs je­der­zeit in vol­lem Um­fang zu er­fül­len. Das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt hat aus­ge­führt, es ge­be we­der An­halts­punk­te da­für, dass der Klä­ger das von ihm an­ge­bau­te Can­na­bis miss­bräuch­lich an­wen­de, noch dass er es dem il­le­ga­len Be­täu­bungs­mit­tel­ver­kehr zu­füh­ren könn­te (UA S. 36). Zu ei­ner wei­ter­ge­hen­den Er­ör­te­rung be­stand kei­ne Ver­an­las­sung, nach­dem die an­ge­foch­te­nen Be­schei­de nicht auf die­sen Ver­sa­gungs­grund ge­stützt sind und die Be­klag­te auch im ge­richt­li­chen Ver­fah­ren kei­ne Tat­sa­chen vor­ge­tra­gen hat, die Zwei­fel an der be­täu­bungs­mit­tel­recht­li­chen Zu­ver­läs­sig­keit des Klä­gers be­grün­den wür­den.

31 Sol­che Zwei­fel er­ge­ben sich auch nicht, so­weit das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt bei sei­nen Aus­füh­run­gen zu § 5 Abs. 1 Nr. 6 BtMG in den Blick ge­nom­men hat, dass bei dem schwer kran­ken Klä­ger in­zwi­schen ei­ne Be­täu­bungs­mit­tel­ab­hän­gig­keit ent­stan­den sei. Zwar be­zweckt das Be­täu­bungs­mit­tel­ge­setz nach § 5 Abs. 1 Nr. 6 BtMG, das Ent­ste­hen oder Er­hal­ten ei­ner Be­täu­bungs­mit­tel­ab­hän­gig­keit so­weit wie mög­lich aus­zu­schlie­ßen. Die For­mu­lie­rung "so­weit wie mög­lich" lässt aber er­ken­nen, dass das Be­stehen ei­ner Ab­hän­gig­keit nicht stets die Er­laub­ni­s­er­tei­lung hin­dert. Kommt im Ein­zel­fall dem öf­fent­li­chen In­ter­es­se an der Si­cher­stel­lung der me­di­zi­ni­schen Ver­sor­gung der Be­völ­ke­rung ein über­ra­gen­des Ge­wicht zu, ist die Ge­fahr ei­ner Be­täu­bungs­mit­tel­ab­hän­gig­keit des Be­trof­fe­nen in Kauf zu neh­men. So liegt es hier. Da­bei kann für das Re­vi­si­ons­ver­fah­ren un­ter­stellt wer­den, dass bei dem Klä­ger, wie von der Vor­in­stanz an­ge­nom­men, ei­ne Ab­hän­gig­keit be­steht und nicht, wie er mit sei­ner Ge­gen­rü­ge gel­tend macht, le­dig­lich ei­ne Can­na­bis­to­le­ranz. Weil die The­ra­pie mit Can­na­bis für den schwer kran­ken Klä­ger nach den Fest­stel­lun­gen des Be­ru­fungs­ge­richts al­ter­na­tiv­los ist, über­wiegt das Be­hand­lungs­in­ter­es­se auch im Fall ei­ner Ab­hän­gig­keit. Der Klä­ger ist lang­jäh­ri­ger Can­na­bis­kon­su­ment und nimmt den Stoff in ei­ner nicht un­er­heb­li­chen täg­li­chen Do­sis zu sich (der­zeit ca. 100 g mo­nat­lich). Die ärzt­lich be­glei­te­te Be­hand­lung ist dar­auf aus­ge­rich­tet, ei­ne Über­do­sie­rung zu ver­mei­den und die Can­na­bis­zu­fuhr auf das not­wen­di­ge Maß zu be­schrän­ken. An­halts­punk­te für ei­ne miss­bräuch­li­che Ver­wen­dung durch den Klä­ger sind nicht er­sicht­lich. Da­mit stellt sich ei­ne be­stehen­de Be­täu­bungs­mit­tel­ab­hän­gig­keit als un­er­wünsch­te, im In­ter­es­se des The­ra­pie­er­folgs je­doch un­ver­meid­ba­re Ne­ben­wir­kung dar. Das al­lein ge­nügt da­her nicht, um die Zu­ver­läs­sig­keit des Klä­gers in Fra­ge zu stel­len. Sons­ti­ge Tat­sa­chen, die be­sor­gen lie­ßen, dass er die be­täu­bungs­mit­tel­recht­li­chen Vor­schrif­ten nicht ein­hal­ten wird, hat das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt nicht fest­ge­stellt.

32 Da­nach lässt sich die strei­ti­ge Er­laub­nis auch nicht ge­mäß § 5 Abs. 1 Nr. 6 BtMG mit der Be­grün­dung ver­sa­gen, die Art und der Zweck des be­an­trag­ten Ver­kehrs sei­en mit dem Ge­set­zes­zweck un­ver­ein­bar.

33 c) Der Ver­sa­gungs­grund des § 5 Abs. 1 Nr. 4 BtMG steht der Er­laub­ni­s­er­tei­lung eben­falls nicht ent­ge­gen; da­nach ist die Er­laub­nis zu ver­sa­gen, wenn ge­eig­ne­te Räu­me, Ein­rich­tun­gen und Si­che­run­gen für die Teil­nah­me am Be­täu­bungs­mit­tel­ver­kehr nicht vor­han­den sind. Nach § 15 Satz 1 BtMG sind Be­täu­bungs­mit­tel ge­son­dert auf­zu­be­wah­ren und ge­gen un­be­fug­te Ent­nah­me zu si­chern. Die von dem Klä­ger vor­ge­se­he­nen Si­che­rungs­maß­nah­men ge­nü­gen nach den Fest­stel­lun­gen des Ober­ver­wal­tungs­ge­richts die­sen An­for­de­run­gen. Da­nach ver­fügt sei­ne Woh­nung über ei­ne drei­fach ver­rie­gel­te Ein­gangs­tür so­wie si­cher­heits­ver­glas­te, sechs­fach ver­rie­gel­te und mit ei­nem Auf­he­bel­schutz ver­se­he­ne Fens­ter. Die ge­plan­te An­brin­gung ei­nes Git­ters vor dem Ba­de­zim­mer­fens­ter sorgt für den er­for­der­li­chen Schutz bei Kipp­stel­lung des Fens­ters. Die Can­na­bis­ern­te wird in ei­nem Tre­sor ge­la­gert, die Mut­ter­pflan­ze und die Nach­zucht von Steck­lin­gen wer­den in ei­nem Schrank auf­be­wahrt. Im Hin­blick auf die in der Du­sche im Ba­de­zim­mer un­ter­ge­brach­ten Pflan­zen in der Blüh­pha­se hat der Klä­ger an­ge­bo­ten, ein Fin­ger­print­schloss an­zu­brin­gen, mit dem er den Zu­gang des Rau­mes un­ter Kon­trol­le hät­te. Für den sel­te­nen Fall sei­ner Ab­we­sen­heit will er eben­falls vor­sor­gen. Er be­ab­sich­tigt die In­stal­la­ti­on ei­ner Über­wa­chungs­ka­me­ra mit pro­gram­mier­tem Be­we­gungs­mel­der und au­to­ma­ti­scher Be­nach­rich­ti­gung über ein mo­bi­les Te­le­fon. Er­for­der­li­chen­falls kann die Be­klag­te im We­ge ei­ner An­ord­nung nach § 9 Abs. 2, § 15 Satz 2 BtMG für die Um­set­zung der Si­che­rungs­maß­nah­men sor­gen.

34 d) Die Si­cher­heit und Kon­trol­le des Be­täu­bungs­mit­tel­ver­kehrs ist auch nicht aus an­de­ren als den in Num­mer 1 bis 4 ge­nann­ten Grün­den nicht ge­währ­leis­tet (§ 5 Abs. 1 Nr. 5 BtMG). Zwar bie­tet der Ei­gen­an­bau von Can­na­bis kei­ne ver­gleich­ba­re The­ra­pie­si­cher­heit wie der aus der Apo­the­ke er­wor­be­ne Me­di­zi­nal­hanf, der hin­sicht­lich Her­stel­lung und Qua­li­tät phar­ma­zeu­ti­schen Stan­dards ent­spricht. Die er­for­der­li­che Ver­kehrs­si­cher­heit kann hier aber aus­nahms­wei­se als ge­währ­leis­tet an­ge­se­hen wer­den, weil der Klä­ger auf­grund sei­ner lang­jäh­ri­gen An­bau­pra­xis über weit­rei­chen­de Kennt­nis­se und Er­fah­run­gen hin­sicht­lich Wirk­sam­keit und Do­sie­rung der von ihm an­ge­bau­ten Can­na­bis­sor­te ver­fügt. Zu­dem bie­ten die Ver­meh­rungs­me­tho­de - Nach­zucht der Steck­lin­ge von ei­ner Mut­ter­pflan­ze - und die Ein­hal­tung glei­cher An­bau­be­din­gun­gen ei­ne re­la­ti­ve Ge­währ für ei­nen kon­stan­ten THC-Ge­halt sei­ner Can­na­bis­pflan­zen. Die Ge­fahr ei­ner Fehl­do­sie­rung er­weist sich da­her als be­herrsch­bar. Hin­zu kommt, dass der Ei­gen­an­bau und die An­wen­dung von Can­na­bis un­ter ärzt­li­cher Be­treu­ung und Be­glei­tung er­fol­gen.

35 3. Nach § 5 Abs. 2 BtMG kann die Er­laub­nis un­ter an­de­rem ver­sagt wer­den, wenn sie der Durch­füh­rung der in­ter­na­tio­na­len Sucht­stoff­über­ein­kom­men oder Be­schlüs­sen, An­ord­nun­gen oder Emp­feh­lun­gen zwi­schen­staat­li­cher Ein­rich­tun­gen der Sucht­stoff­kon­trol­le ent­ge­gen­steht. Das führt hier eben­falls nicht zur Er­laub­nis­ver­sa­gung.

36 Das Ein­heits-Über­ein­kom­men von 1961 über Sucht­stof­fe in der Fas­sung der Be­kannt­ma­chung vom 4. Fe­bru­ar 1977 (BGBl. II S. 111), dem mit Zu­stim­mungs­ge­set­zen vom 4. Sep­tem­ber 1973 (BGBl. II S. 1353) und vom 18. De­zem­ber 1974 (BGBl. 1975 II S. 2) in­ner­staat­li­che Gel­tung ver­lie­hen wor­den ist, steht ei­ner Ent­schei­dung zu­guns­ten des Klä­gers nicht ent­ge­gen. Ob sich das, wie das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt an­ge­nom­men hat, schon aus ei­ner feh­len­den An­wend­bar­keit der Re­ge­lun­gen über die Ein­rich­tung ei­ner staat­li­chen Can­na­bis­stel­le er­gibt, ist al­ler­dings frag­lich. Der In­ter­na­tio­na­le Sucht­stoff-Kon­troll­rat (In­ter­na­tio­nal Nar­co­tics Con­t­rol Board - IN­CB) weist in sei­nem Schrei­ben an das BfArM vom 30. Ju­li 2010 aus­drück­lich dar­auf hin, dass die nach Art. 28 Abs. 1 i.V.m. Art. 23 ÜK 1961 be­stehen­de Pflicht zur Ein­rich­tung ei­ner staat­li­chen Kon­troll­stel­le auch im Fall des Ei­gen­an­baus von Can­na­bis zu the­ra­peu­ti­schen Zwe­cken gilt. Der In­ter­na­tio­na­le Sucht­stoff-Kon­troll­rat ist da­für zu­stän­dig, die Durch­füh­rung des Ein­heits-Über­ein­kom­mens si­cher­zu­stel­len (vgl. Art. 5, 9, 14 ÜK 1961). Sei­ner Aus­le­gung des Über­ein­kom­mens kommt da­her Ge­wicht zu. Die An­wend­bar­keit der Art. 23, 28 ÜK 1961 be­darf hier aber kei­ner ab­schlie­ßen­den Klä­rung. Die Er­laub­nis kann auch dann nicht mit der Be­grün­dung ver­sagt wer­den, sie ste­he der Durch­füh­rung des In­ter­na­tio­na­len Sucht­stoff­über­ein­kom­mens ent­ge­gen, wenn das Über­ein­kom­men die Ein­rich­tung ei­ner Can­na­bis-Agen­tur ver­lan­gen soll­te. § 5 Abs. 2 BtMG stellt die Ver­sa­gung der Er­laub­nis in das Er­mes­sen der Be­hör­de. Das Ein­heits-Über­ein­kom­men will den the­ra­peu­ti­schen Ein­satz von Sucht­stof­fen nicht ver­hin­dern (BVer­wG, Ur­teil vom 19. Mai 2005 - 3 C 17.04 - BVer­w­GE 123, 352 <361 f.>). Nach der Prä­am­bel ist die me­di­zi­ni­sche Ver­wen­dung von Sucht­stof­fen zur Lin­de­rung von Schmer­zen und Lei­den un­er­läss­lich und muss hin­rei­chend Vor­sor­ge ge­trof­fen wer­den, da­mit Sucht­stof­fe für die­sen Zweck zur Ver­fü­gung ste­hen. Im Lich­te des­sen muss die nach § 5 Abs. 2 BtMG zu tref­fen­de Er­mes­sens­ent­schei­dung zu­guns­ten des Klä­gers aus­fal­len. Sein In­ter­es­se an der not­wen­di­gen me­di­zi­ni­schen Ver­sor­gung mit Can­na­bis, die für ihn der­zeit nur über den Ei­gen­an­bau ver­füg­bar ist, über­wiegt die Be­den­ken, die sich aus dem Feh­len ei­ner Can­na­bis-Agen­tur er­ge­ben könn­ten. Die Be­klag­te kann sich auf die­sen Um­stand nicht be­ru­fen. Denn es liegt in ih­rem Ver­ant­wor­tungs­be­reich, wenn sie den im Ein­heits-Über­ein­kom­men vor­ge­se­he­nen Weg ei­nes staat­lich kon­trol­lier­ten Can­na­bi­s­an­baus zu the­ra­peu­ti­schen Zwe­cken nicht be­schrei­tet.

37 4. Das Feh­len zwin­gen­der Ver­sa­gungs­grün­de führt un­ter den hier ge­ge­be­nen Um­stän­den da­zu, dass die be­an­trag­te Er­laub­nis zum Ei­gen­an­bau von Can­na­bis aus­nahms­wei­se zu er­tei­len ist. Die Aus­übung des Er­mes­sens nach § 3 Abs. 2 BtMG ist we­gen des von Art. 2 Abs. 2 Satz 1 GG ge­for­der­ten Schut­zes der kör­per­li­chen Un­ver­sehrt­heit recht­lich zwin­gend zu­guns­ten der Er­laub­ni­s­er­tei­lung vor­ge­zeich­net (Er­mes­sens­re­du­zie­rung auf Null, vgl. BVer­wG, Be­schluss vom 3. Ok­to­ber 1988 - 1 B 114.88 - Buch­holz 316 § 40 VwVfG Nr. 8). Der schwer kran­ke Klä­ger ist auf die The­ra­pie mit Can­na­bis zur Lin­de­rung sei­ner Be­schwer­den an­ge­wie­sen. Die Be­hand­lung kann er ge­gen­wär­tig nur durch den Ei­gen­an­bau si­cher­stel­len. Es liegt we­der in sei­ner Hand, dass die recht­li­chen Rah­men­be­din­gun­gen für ei­ne Kos­ten­über­nah­me für Me­di­zi­nal­hanf in der ge­setz­li­chen Kran­ken­ver­si­che­rung ge­schaf­fen wer­den, noch kann er die Ein­rich­tung ei­ner Can­na­bis-Agen­tur be­ein­flus­sen. Es wä­re da­her un­ver­hält­nis­mä­ßig, dem Klä­ger die Mög­lich­keit der Selbst­hil­fe durch Ei­gen­an­bau auch dann zu ver­weh­ren, wenn - wie ge­zeigt - die er­for­der­li­che Si­cher­heit und Kon­trol­le des Be­täu­bungs­mit­tel­ver­kehrs ge­währ­leis­tet sind (eben­so VG Köln, Ur­teil vom 8. Ju­li 2014 - 7 K 5217/12 - ju­ris Rn. 128,155).

38 Un­be­rührt bleibt die Be­fug­nis der Be­klag­ten, die Er­laub­nis ge­mäß § 9 Abs. 2 BtMG mit Ne­ben­be­stim­mun­gen zu ver­se­hen, so­fern sich dar­aus kein Wi­der­spruch zu die­sem Ur­teil er­gibt.

39 Die Kos­ten­ent­schei­dung be­ruht auf § 154 Abs. 1 und 2 Vw­GO.