Ver­fah­rens­in­for­ma­ti­on

Der Klä­ger, ein tür­ki­scher Staats­an­ge­hö­ri­ger, ist im Be­sitz ei­ner Er­laub­nis zum Dau­er­auf­ent­halt-EG und be­gehrt zu­sätz­lich die Er­tei­lung ei­ner (na­tio­na­len) Nie­der­las­sungs­er­laub­nis. Au­ßer­dem wen­det er sich ge­gen ver­schie­de­ne Ge­büh­ren, die ihm an­läss­lich der Aus­stel­lung bzw. Er­tei­lung von Auf­ent­halts­ti­teln auf­er­legt wur­den. Das Ver­wal­tungs­ge­richt hat sei­ner Kla­ge statt­ge­ge­ben und die Be­klag­te ver­pflich­tet, dem Klä­ger ei­ne Nie­der­las­sungs­er­laub­nis ge­mäß § 9 Auf­en­thG zu er­tei­len. Au­ßer­dem hat es die an­ge­foch­te­nen Ge­büh­ren­be­schei­de auf­ge­ho­ben, so­weit der Klä­ger sie der Hö­he nach an­ge­grif­fen hat. In der vom Ver­wal­tungs­ge­richt zu­ge­las­se­nen Sprung­re­vi­si­on geht es um die Fra­ge, ob ein Aus­län­der, der be­reits im Be­sitz ei­nes Auf­ent­halts­ti­tels ist, da­ne­ben die Er­tei­lung ei­nes wei­te­ren Auf­ent­halts­ti­tels be­an­spru­chen kann (hier: un­be­fris­te­te Nie­der­las­sungs­er­laub­nis nach § 9 Auf­en­thG ne­ben un­be­fris­te­ter Er­laub­nis zum Dau­er­auf­ent­halt-EG nach § 9a Auf­en­thG). Des Wei­te­ren ist zu ent­schei­den, ob und ggf. in wel­chem Um­fang die er­ho­be­nen Ge­büh­ren (hier: Ge­bühr für die Aus­stel­lung ei­ner Auf­ent­halts­er­laub­nis nach § 4 Abs. 5 Auf­en­thG i.H.v. 40 €, für de­ren Ver­län­ge­rung i.H.v. 30 € und für die Er­tei­lung ei­ner Er­laub­nis zum Dau­er­auf­ent­halt-EG i.H.v. 135 €) ge­gen das As­so­zi­ie­rungs­ab­kom­men EWG/Tür­kei und ge­gen die Richt­li­nie 2003/109/EG - Dau­er­auf­ent­halts­richt­li­nie - ver­sto­ßen.


Pres­se­mit­tei­lung Nr. 17/2013 vom 19.03.2013

Kei­ne dis­kri­mi­nie­ren­den Ge­büh­ren für Auf­ent­halts­pa­pie­re tür­ki­scher Ar­beit­neh­mer

Ge­büh­ren, die von ei­nem tür­ki­schen Ar­beit­neh­mer für Auf­ent­halts­do­ku­men­te er­ho­ben wer­den, sind nicht mit dem As­so­zia­ti­ons­recht EWG-Tür­kei zu ver­ein­ba­ren, wenn sie im Ver­gleich zu ent­spre­chen­den Ge­büh­ren für Uni­ons­bür­ger un­ver­hält­nis­mä­ßig hoch sind. Dies hat das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt in Leip­zig heu­te ent­schie­den.


Der Klä­ger, ein tür­ki­scher Ar­beit­neh­mer, lebt seit 2003 in Deutsch­land. Zum Nach­weis sei­nes as­so­zia­ti­ons­recht­li­chen Auf­ent­halts­rechts stell­te ihm die Aus­län­der­be­hör­de 2010 ei­ne be­fris­te­te Auf­ent­halts­er­laub­nis aus, die sie 2011 ver­län­ger­te. 2012 er­hielt der Klä­ger ei­ne Er­laub­nis zum Dau­er­auf­ent­halt-EG. Die für die­se drei Amts­hand­lun­gen er­ho­be­nen Ge­büh­ren i.H.v. 40 €, 30 € und 135 € hat der Klä­ger teil­wei­se an­ge­foch­ten. Das Ver­wal­tungs­ge­richt hat der Kla­ge in vol­lem Um­fang statt­ge­ge­ben.


Der 1. Re­vi­si­ons­se­nat des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts hat die Ent­schei­dung des Ver­wal­tungs­ge­richts im Er­geb­nis be­stä­tigt und die Sprung­re­vi­si­on der Be­klag­ten zu­rück­ge­wie­sen. Als tür­ki­scher Ar­beit­neh­mer kann sich der Klä­ger auf das Dis­kri­mi­nie­rungs­ver­bot des Art. 10 und auf die Still­hal­te­klau­sel des Art. 13 des Be­schlus­ses Nr. 1/80 des As­so­zia­ti­ons­rats EWG-Tür­kei - ARB 1/80 - be­ru­fen. Nach der Recht­spre­chung des Ge­richts­hofs der Eu­ro­päi­schen Uni­on - Eu­GH - stel­len Ge­büh­ren, die im Ver­gleich zu den von Uni­ons­bür­gern für ent­spre­chen­de Auf­ent­halts­do­ku­men­te ver­lang­ten Ge­büh­ren un­ver­hält­nis­mä­ßig hoch sind, ei­ne ge­gen Art. 10 ARB 1/80 ver­sto­ßen­de dis­kri­mi­nie­ren­de Ar­beits­be­din­gung dar. Da­mit ver­let­zen al­le drei Ge­büh­ren­be­schei­de, so­weit der Klä­ger sie an­ge­foch­ten hat, das Dis­kri­mi­nie­rungs­ver­bot. Denn von Uni­ons­bür­gern wur­de bei Er­lass der Be­schei­de für die Aus­stel­lung ver­gleich­ba­rer Do­ku­men­te ei­ne Ge­bühr von höchs­tens 8 € er­ho­ben. Auch der Hin­weis auf die hö­he­ren Kos­ten für elek­tro­ni­sche Auf­ent­halts­do­ku­men­te in Form ei­ner Scheck­kar­te bei der Dau­er­auf­ent­halts­er­laub­nis-EG recht­fer­tigt die ver­lang­te Ge­bühr von 135 € nicht, weil ent­spre­chen­de Do­ku­men­te für die Fa­mi­li­en­an­ge­hö­ri­gen von Uni­ons­bür­gern mit 28,80 € deut­lich we­ni­ger kos­ten. Die­se uni­ons­recht­li­che Be­gren­zung der Ge­büh­ren kommt über das As­so­zia­ti­ons­recht auch tür­ki­schen Staats­an­ge­hö­ri­gen zu­gu­te.


Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt hat wei­ter ent­schie­den, dass der Klä­ger zu­sätz­lich zur Er­laub­nis zum Dau­er­auf­ent­halt-EG noch ei­ne Nie­der­las­sungs­er­laub­nis be­an­spru­chen kann. Denn er kann durch ei­ne Nie­der­las­sungs­er­laub­nis sei­nen auf­ent­halts­recht­li­chen Sta­tus ver­bes­sern. Ei­ne Sper­re mit der Fol­ge, dass ein Aus­län­der, der die ge­setz­li­chen Er­tei­lungs­vor­aus­set­zun­gen bei­der Auf­ent­halts­ti­tel er­füllt, sich für ei­nen der bei­den ent­schei­den müss­te, ist we­der dem Wort­laut noch der Sys­te­ma­tik des Auf­ent­halts­ge­set­zes zu ent­neh­men.


BVer­wG 1 C 12.12 - Ur­teil vom 19. März 2013

Vor­in­stanz:

VG Aa­chen, 8 K 1159/10 - Ur­teil vom 14. März 2012 -


Ur­teil vom 19.03.2013 -
BVer­wG 1 C 12.12ECLI:DE:BVer­wG:2013:190313U1C12.12.0

Leit­sät­ze:

1. Der Er­tei­lung ei­ner Nie­der­las­sungs­er­laub­nis nach § 9 Auf­en­thG steht der Be­sitz ei­ner Er­laub­nis zum Dau­er­auf­ent­halt-EG nach § 9a Auf­en­thG nicht ent­ge­gen.

2. Die Er­he­bung ei­ner Ge­bühr für die Aus­stel­lung ei­nes Auf­ent­halts­do­ku­ments ver­stö­ßt ge­gen das Dis­kri­mi­nie­rungs­ver­bot des Art. 10 ARB 1/80, wenn sie im Ver­gleich zu den von Uni­ons­bür­gern in ei­ner ver­gleich­ba­ren Si­tua­ti­on er­ho­be­nen Ge­büh­ren un­ver­hält­nis­mä­ßig ist (hier: be­jaht für die Er­he­bung von Ge­büh­ren für die Aus­stel­lung bzw. Ver­län­ge­rung ei­ner Auf­ent­halts­er­laub­nis nach § 4 Abs. 5 Auf­en­thG und für die Er­tei­lung ei­ner Er­laub­nis zum Dau­er­auf­ent­halt-EG).

3. Ei­ne - über ei­nen In­fla­ti­ons­aus­gleich hin­aus­ge­hen­de - nach­träg­li­che Er­hö­hung ei­ner Ge­bühr für die Aus­stel­lung ei­nes Auf­ent­halts­do­ku­ments ver­stö­ßt un­ter die­sen Vor­aus­set­zun­gen zu­gleich ge­gen die Still­hal­te­klau­sel des Art. 13 ARB 1/80 (hier: be­jaht hin­sicht­lich der Er­hö­hung der Ge­bühr für die Er­tei­lung ei­ner Er­laub­nis zum Dau­er­auf­ent­halt-EG von 85 € auf 135 €).

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  • Zi­tier­vor­schlag

Ur­teil

BVer­wG 1 C 12.12

  • VG Aa­chen - 14.03.2012 - AZ: VG 8 K 1159/10

In der Ver­wal­tungs­streit­sa­che hat der 1. Se­nat des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts
auf die münd­li­che Ver­hand­lung vom 19. März 2013
durch die Prä­si­den­tin des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts Eckertz-Hö­fer,
die Rich­ter am Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt Prof. Dr. Dö­rig und Prof. Dr. Kraft,
die Rich­te­rin am Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt Fri­cke so­wie
den Rich­ter am Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt Dr. Mai­dow­ski
für Recht er­kannt:

  1. Die Re­vi­si­on der Be­klag­ten ge­gen das Ur­teil des Ver­wal­tungs­ge­richts Aa­chen vom 14. März 2012 wird mit der Ma­ß­ga­be zu­rück­ge­wie­sen, dass die Be­klag­te hin­sicht­lich der Ge­büh­ren­be­schei­de zur Rück­zah­lung nicht ver­pflich­tet, son­dern ver­ur­teilt wird.
  2. Die Be­klag­te trägt die Kos­ten des Re­vi­si­ons­ver­fah­rens.

Grün­de

I

1 Der Klä­ger be­gehrt die Er­tei­lung ei­ner Nie­der­las­sungs­er­laub­nis. Zu­gleich wen­det er sich ge­gen meh­re­re Ge­büh­ren­be­schei­de.

2 Der Klä­ger, ein 1980 ge­bo­re­ner tür­ki­scher Staats­an­ge­hö­ri­ger, kam 2003 zum Stu­di­um nach Deutsch­land. Er er­hielt zu­nächst ei­ne Auf­ent­halts­be­wil­li­gung, spä­ter ei­ne Auf­ent­halts­er­laub­nis nach § 16 Auf­en­thG, die mehr­fach - zu­letzt bis Ju­ni 2010 - ver­län­gert wur­de. Ab Ja­nu­ar 2004 war er bei der RWTH A. be­schäf­tigt.

3 Im April 2010 be­an­trag­te der Klä­ger, ihm zu be­stä­ti­gen, dass ihm spä­tes­tens seit Au­gust 2009 ein as­so­zia­ti­ons­recht­li­ches Auf­ent­halts­recht zu­ste­he. Au­ßer­dem be­an­trag­te er die Er­tei­lung ei­ner Nie­der­las­sungs­er­laub­nis so­wie ei­ner Er­laub­nis zum Dau­er­auf­ent­halt-EG. Im Ju­ni 2010 stell­te die Be­klag­te dem Klä­ger rück­wir­kend zum 1. Au­gust 2009 ei­ne auf den 30. Ju­ni 2011 be­fris­te­te Auf­ent­halts­er­laub­nis ge­mäß § 4 Abs. 5 Auf­en­thG aus. Hier­für zahl­te der Klä­ger ei­ne Ge­bühr in Hö­he von 40 €.

4 Im Ju­li 2010 er­hob der Klä­ger Kla­ge. Wäh­rend des Kla­ge­ver­fah­rens ver­län­ger­te die Be­klag­te die Auf­ent­halts­er­laub­nis des Klä­gers im Ju­ni 2011 um ein Jahr und er­teil­te ihm im März 2012 ei­ne Er­laub­nis zum Dau­er­auf­ent­halt-EG als ei­gen­stän­di­ges Do­ku­ment mit elek­tro­ni­schem Spei­cher- und Ver­ar­bei­tungs­me­di­um. Hier­für zahl­te der Klä­ger Ge­büh­ren in Hö­he von 30 € und 135 €. Hin­sicht­lich des Be­geh­rens auf Er­tei­lung ei­ner Er­laub­nis zum Dau­er­auf­ent­halt-EG wur­de das Ver­fah­ren ein­ge­stellt. Zu­letzt be­an­trag­te der Klä­ger vor dem Ver­wal­tungs­ge­richt, die Be­klag­te zu ver­pflich­ten, ihm ei­ne Nie­der­las­sungs­er­laub­nis zu er­tei­len. Au­ßer­dem be­an­trag­te er, die Ge­büh­ren­be­schei­de der Be­klag­ten vom 9. Ju­ni 2010 über 40 €, vom 15. Ju­ni 2011 über 30 € und vom 20. Ja­nu­ar 2012 über 135 € auf­zu­he­ben, so­weit sie den Be­trag von 20,45 €, 15,45 € bzw. 30,68 € über­stei­gen, und die Be­klag­te zu ver­pflich­ten, ihm die Über­zah­lung in Hö­he von ins­ge­samt 138,42 € nebst Zin­sen zu­rück­zu­zah­len.

5 Das Ver­wal­tungs­ge­richt Aa­chen hat der Kla­ge mit Ur­teil vom 14. März 2012 statt­ge­ge­ben. Zur Be­grün­dung hat es aus­ge­führt: Hin­sicht­lich des Be­geh­rens auf Er­tei­lung ei­ner Nie­der­las­sungs­er­laub­nis feh­le dem Klä­ger nicht das Rechts­schutz­be­dürf­nis, da die­ser Auf­ent­halts­ti­tel un­ter be­stimm­ten Vor­aus­set­zun­gen ei­nen bes­se­ren Schutz ge­wäh­re als ei­ne Er­laub­nis zum Dau­er­auf­ent­halt-EG. Nach dem Wort­laut des Auf­ent­halts­ge­set­zes be­stehe ein An­spruch auf Er­tei­lung ei­nes Auf­ent­halts­ti­tels bei Vor­lie­gen der ge­setz­li­chen Vor­aus­set­zun­gen oh­ne Be­gren­zung auf ei­nen ein­zel­nen Ti­tel. Auch aus der Sys­te­ma­tik des Auf­ent­halts­ge­set­zes las­se sich nicht ab­lei­ten, dass meh­re­re Auf­ent­halts­ti­tel nicht ne­ben­ein­an­der er­teilt wer­den könn­ten. Die Richt­li­nie 2003/109/EG ge­he eben­falls von ei­nem Ne­ben­ein­an­der aus. Der in der Ver­ord­nung (EG) Nr. 380/2008 her­vor­ge­ho­be­ne Grund­satz „ei­ne Per­son - ein Do­ku­ment“ be­zie­he sich auf das tech­ni­sche Do­ku­ment, in dem die dem Auf­ent­halt zu­grun­de lie­gen­den Rechts­grund­la­gen an­zu­ge­ben sei­en. Bei Schwie­rig­kei­ten prak­ti­scher Art müs­se die tech­ni­sche Aus­ge­stal­tung der Auf­ent­halts­ti­tel den ge­setz­li­chen Ver­pflich­tun­gen an­ge­passt wer­den.

6 Die Ge­büh­ren­for­de­run­gen ver­stie­ßen im an­ge­foch­te­nen Um­fang ge­gen die Still­hal­te­klau­sel des Art. 13 ARB 1/80 und ge­gen das Dis­kri­mi­nie­rungs­ver­bot des Art. 10 ARB 1/80, da sie hö­her sei­en als die Ge­büh­ren für die Aus­stel­lung ver­gleich­ba­rer Auf­ent­halts­ti­tel bei In­kraft­tre­ten des As­so­zia­ti­ons­rats­be­schlus­ses Nr. 1/80 am 1. De­zem­ber 1980 und sie im Ver­gleich zu den von Staats­an­ge­hö­ri­gen der Mit­glied­staa­ten ver­lang­ten Ge­büh­ren un­ver­hält­nis­mä­ßig sei­en. Der Ge­büh­ren­be­scheid vom 9. Ju­ni 2010 über 40 € be­tref­fe die Er­tei­lung ei­ner Auf­ent­halts­er­laub­nis nach § 4 Abs. 5 Auf­en­thG. Für die Er­tei­lung ei­ner ver­gleich­ba­ren Auf­ent­halts­er­laub­nis ha­be die Ge­bühr im De­zem­ber 1980 40 DM (= 20,45 €) be­tra­gen; dies ent­spre­che selbst bei ei­ner in­fla­ti­ons­be­rei­nig­ten Um­rech­nung nur 37,43 €. Uni­ons­bür­ger hät­ten - im ma­ß­geb­li­chen Zeit­punkt des Er­las­ses des Ge­büh­ren­be­scheids - für die Aus­stel­lung ei­ner Auf­ent­halts­be­schei­ni­gung kei­ne Ge­büh­ren ent­rich­ten müs­sen. Der Ge­büh­ren­be­scheid vom 15. Ju­ni 2011 über 30 € be­tref­fe die Ver­län­ge­rung der Auf­ent­halts­er­laub­nis. Im De­zem­ber 1980 ha­be die Ge­bühr für ei­ne ver­gleich­ba­re Ver­län­ge­rung 30 DM (= 15,45 €) be­tra­gen; dies ent­spre­che selbst bei ei­ner in­fla­ti­ons­be­rei­nig­ten Um­rech­nung nur 28,71 €. Da Uni­ons­bür­ger bei Er­lass des Be­scheids kei­ne ver­gleich­ba­re Ge­bühr hät­ten zah­len müs­sen, sei auch die­se Ge­bühr un­ver­hält­nis­mä­ßig. Der Ge­büh­ren­be­scheid vom 20. Ja­nu­ar 2012 über 135 € be­tref­fe die Er­tei­lung ei­ner Er­laub­nis zum Dau­er­auf­ent­halt-EG. Auch die­se Ge­bühr ver­sto­ße - je­den­falls so­weit sie den Be­trag von 30,68 € über­stei­ge - ge­gen Art. 10 und 13 ARB 1/80. Als Ver­gleichs­maß­stab sei die Auf­ent­halts­be­rech­ti­gung nach § 8 AuslG 1965 her­an­zu­zie­hen. Im De­zem­ber 1980 ha­be die Ge­bühr für die Er­tei­lung die­ses Auf­ent­halts­ti­tels 60 DM (= 30,68 €) be­tra­gen; dies ent­spre­che selbst bei ei­ner in­fla­ti­ons­be­rei­nig­ten Um­rech­nung nur 57,89 €. Uni­ons­bür­ger hät­ten im Ja­nu­ar 2012 für die Be­schei­ni­gung ih­res Dau­er­auf­ent­halts le­dig­lich 8 € und ih­re frei­zü­gig­keits­be­rech­tig­ten Fa­mi­li­en­an­ge­hö­ri­gen für die Aus­stel­lung ei­ner Auf­ent­halts­kar­te oder ei­ner Dau­er­auf­ent­halts­kar­te höchs­tens 28,80 € zah­len müs­sen. Der As­so­zia­ti­ons­rechts­wid­rig­keit ste­he nicht ent­ge­gen, dass die Er­hö­hung der Ge­bühr im Zu­sam­men­hang mit der Ein­füh­rung des elek­tro­ni­schen Auf­ent­halts­ti­tels ste­he, der auf Uni­ons­ebe­ne für Dritt­staats­an­ge­hö­ri­ge ver­bind­lich vor­ge­schrie­ben wor­den sei und zu­sätz­li­che Ma­te­ri­al- und Ver­wal­tungs­kos­ten ver­ur­sa­che. Der Rück­zah­lungs­an­spruch er­ge­be sich aus § 21 Vw­KostG; ab Rechts­hän­gig­keit sei er in ent­spre­chen­der An­wen­dung der §§ 291, 288 Abs. 1 Satz 2 BGB zu ver­zin­sen.

7 Die Be­klag­te macht mit der vom Ver­wal­tungs­ge­richt zu­ge­las­se­nen Sprung­re­vi­si­on gel­tend, für die Er­tei­lung ei­ner Nie­der­las­sungs­er­laub­nis feh­le schon das Rechts­schutz­be­dürf­nis. Au­ßer­dem wi­der­spre­che die Er­tei­lung meh­re­rer Auf­ent­halts­ti­tel ne­ben­ein­an­der der Sys­te­ma­tik des Auf­ent­halts­ge­set­zes. Die Aus­stel­lung ei­nes zwei­ten (elek­tro­ni­schen) Auf­ent­halts­ti­tels sei zu­dem tech­nisch nicht mög­lich. Hin­sicht­lich der Ge­büh­ren­be­schei­de feh­le es an ei­ner neu­en Be­schrän­kung im Sin­ne des Art. 13 ARB 1/80. Die An­he­bung der Ge­büh­ren stel­le sich im We­sent­li­chen als ei­ne auf­ge­run­de­te An­pas­sung an die Geld­ent­wer­tung dar und sei nicht ge­eig­net, die Ver­wirk­li­chung der Ar­beit­neh­mer­frei­zü­gig­keit zu be­hin­dern. Die Ge­büh­ren sei­en auch nicht un­ver­hält­nis­mä­ßig hö­her als die Ge­büh­ren, die Uni­ons­bür­ger un­ter „gleich­ar­ti­gen Um­stän­den“ zu zah­len hät­ten. Die Er­hö­hung der Ge­bühr für die Er­laub­nis zum Dau­er­auf­ent­halt-EG sei auf die Ein­füh­rung des elek­tro­ni­schen Auf­ent­halts­ti­tels zu­rück­zu­füh­ren. Die­ser Auf­ent­halts­ti­tel sei mit der Be­schei­ni­gung des Dau­er­auf­ent­halts­rechts bei Uni­ons­bür­gern nicht ver­gleich­bar. Er sei mit ei­nem hö­he­ren Ma­te­ri­al- und Ver­wal­tungs­auf­wand ver­bun­den und die­ne der Wah­rung der öf­fent­li­chen Si­cher­heit und Ord­nung im Sin­ne des Art. 14 ARB 1/80.

8 Der Klä­ger ver­tei­digt das an­ge­grif­fe­ne Ur­teil.

9 Der Ver­tre­ter des Bun­des­in­ter­es­ses beim Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt hat sich am Ver­fah­ren be­tei­ligt und un­ter­stützt die Re­vi­si­on der Be­klag­ten.

10 Der Klä­ger ist wäh­rend des Re­vi­si­ons­ver­fah­rens um­ge­zo­gen. Die Be­klag­te hat mit­ge­teilt, dass sie das Ver­fah­ren mit Zu­stim­mung der für den neu­en Wohn­ort zu­stän­di­gen Aus­län­der­be­hör­de fort­führt.

II

11 Die Re­vi­si­on der Be­klag­ten ist zu­läs­sig, aber nicht be­grün­det. Das der Kla­ge in vol­lem Um­fang statt­ge­ben­de Ur­teil des Ver­wal­tungs­ge­richts ist im Er­geb­nis mit re­vi­si­blem Recht zu ver­ein­ba­ren. Der Klä­ger hat An­spruch auf Er­tei­lung ei­ner Nie­der­las­sungs­er­laub­nis zu­sätz­lich zu der ihm be­reits er­teil­ten Er­laub­nis zum Dau­er­auf­ent­halt-EG (1.). Die Ge­büh­ren­be­schei­de sind, so­weit der Klä­ger sie an­ge­grif­fen hat, we­gen Ver­sto­ßes ge­gen das As­so­zia­ti­ons­recht EWG-Tür­kei rechts­wid­rig und ver­let­zen den Klä­ger in sei­nen Rech­ten (2.). Hin­sicht­lich des Rück­zah­lungs­be­geh­rens war im Te­nor al­ler­dings klar­zu­stel­len, dass die Be­klag­te in­so­weit nicht ver­pflich­tet, son­dern ver­ur­teilt wird (3.).

12 1. Das Ver­wal­tungs­ge­richt hat die Be­klag­te oh­ne Ver­stoß ge­gen Bun­des­recht zur Er­tei­lung ei­ner Nie­der­las­sungs­er­laub­nis ver­pflich­tet.

13 1.1 Der Um­stand, dass der Klä­ger be­reits In­ha­ber ei­ner Er­laub­nis zum Dau­er­auf­ent­halt-EG ist, stellt das Rechts­schutz­be­dürf­nis für die Kla­ge nicht in Fra­ge. Denn der (zu­sätz­li­che) Be­sitz ei­ner Nie­der­las­sungs­er­laub­nis wür­de sei­ne auf­ent­halts­recht­li­che Rechts­po­si­ti­on ver­bes­sern. Da­mit kann nicht da­von aus­ge­gan­gen wer­den, dass die Er­tei­lung ei­ner Nie­der­las­sungs­er­laub­nis für ihn völ­lig nutz­los wä­re.

14 Nie­der­las­sungs­er­laub­nis und Er­laub­nis zum Dau­er­auf­ent­halt-EG sind bei­des un­be­fris­te­te und weit­ge­hend un­be­schränk­te Auf­ent­halts­ti­tel, die kraft Ge­set­zes zur Aus­übung ei­ner Er­werbs­tä­tig­keit be­rech­ti­gen (§ 9 Abs. 1, § 9a Abs. 1 Satz 1 und 2 Auf­en­thG). Bei Um­set­zung der Richt­li­nie 2003/109/EG des Ra­tes vom 25. No­vem­ber 2003 be­tref­fend die Rechts­stel­lung der lang­fris­tig auf­ent­halts­be­rech­tig­ten Dritt­staats­an­ge­hö­ri­gen (ABl EU Nr. L 16 S. 44) - Dau­er­auf­ent­halts­richt­li­nie - hat der deut­sche Ge­setz­ge­ber ent­schie­den, die Vor­ga­ben die­ser Richt­li­nie durch Schaf­fung ei­nes neu­en Auf­ent­halts­ti­tels um­zu­set­zen, der nach uni­ons­recht­li­chen Grund­sät­zen er­teilt wird. Da­ne­ben be­steht wei­ter­hin die Mög­lich­keit der Auf­ent­halts­ver­fes­ti­gung über ei­ne Nie­der­las­sungs­er­laub­nis. So­weit das Auf­ent­halts­ge­setz nichts an­de­res re­gelt, ist die Er­laub­nis zum Dau­er­auf­ent­halt-EG der Nie­der­las­sungs­er­laub­nis gleich­ge­stellt (§ 9a Abs. 1 Satz 3 Auf­en­thG). Über die­se „Gleich­stel­lung“ hin­aus, ge­währt die Dau­er­auf­ent­halts­er­laub­nis-EG wei­ter­ge­hen­de Rech­te, die dem In­ha­ber ei­ner Nie­der­las­sungs­er­laub­nis nicht zu­ste­hen, et­wa das Recht zum Auf­ent­halt in an­de­ren Mit­glied­staa­ten nach Art. 14 ff. der Richt­li­nie 2003/109/EG. Zu Recht weist das Ver­wal­tungs­ge­richt dar­auf hin, dass um­ge­kehrt die Nie­der­las­sungs­er­laub­nis dem Aus­län­der bei den Er­lö­schens­grün­den ei­ne ge­ring­fü­gig bes­se­re Rechts­stel­lung ge­währt. Denn die Dau­er­auf­ent­halts­er­laub­nis-EG er­lischt - in Um­set­zung der Vor­ga­ben aus Art. 9 Abs. 1 Buchst. a der Richt­li­nie 2003/109/EG - kraft Ge­set­zes, wenn der Aus­län­der die Rechts­stel­lung ei­nes lang­fris­tig Auf­ent­halts­be­rech­tig­ten in ei­nem an­de­ren Mit­glied­staat er­wirbt (§ 51 Abs. 9 Nr. 5 Auf­en­thG), wäh­rend ei­ne Nie­der­las­sungs­er­laub­nis in die­sem Fall nur un­ter den Vor­aus­set­zun­gen des § 51 Abs. 1 Nr. 6 und 7 Auf­en­thG und un­ter Be­rück­sich­ti­gung der nach § 51 Abs. 2 bis 4 Auf­en­thG gel­ten­den Ein­schrän­kun­gen ent­fällt. Die­ser Nach­teil der Dau­er­auf­ent­halts­er­laub­nis-EG wird auch nicht da­durch aus­ge­gli­chen, dass ei­nem Aus­län­der mit dem Er­werb der Rechts­stel­lung ei­nes lang­fris­tig Auf­ent­halts­be­rech­tig­ten in ei­nem an­de­ren Mit­glied­staat un­ter den Vor­aus­set­zun­gen des § 38a Auf­en­thG in Deutsch­land ein An­spruch auf Er­tei­lung ei­ner Auf­ent­halts­er­laub­nis zu­steht, wenn er sich län­ger als drei Mo­na­te hier auf­hal­ten will. Denn die­ser An­spruch bleibt hin­ter den Rechts­wir­kun­gen ei­ner fort­be­stehen­den Nie­der­las­sungs­er­laub­nis zu­rück. Der Klä­ger muss sich auch nicht ent­ge­gen­hal­ten las­sen, dass der­zeit un­ge­wiss ist, ob er je­mals auf den wei­ter­ge­hen­den Schutz der Nie­der­las­sungs­er­laub­nis an­ge­wie­sen sein wird, und ihm bei ei­nem ent­spre­chen­den Be­dürf­nis zu ei­nem spä­te­ren Zeit­punkt ei­ne Nie­der­las­sungs­er­laub­nis er­teilt wer­den könn­te. Denn der Be­sitz ei­ner Nie­der­las­sungs­er­laub­nis be­wirkt ei­ne vom wei­te­ren Vor­lie­gen der Er­tei­lungs­vor­aus­set­zun­gen un­ab­hän­gi­ge Auf­ent­halts­ver­fes­ti­gung.

15 1.2 Die Kla­ge rich­tet sich ge­gen die rich­ti­ge Be­klag­te. Der Klä­ger ist wäh­rend des Re­vi­si­ons­ver­fah­rens zwar um­ge­zo­gen. Die für den neu­en Wohn­ort zu­stän­di­ge Aus­län­der­be­hör­de hat der Be­klag­ten aber die Zu­stim­mung zur Fort­füh­rung des Ver­fah­rens in ei­ge­ner Zu­stän­dig­keit er­teilt (vgl. Art. 3 Abs. 3 LV­wVfG NRW). Ei­ne sol­che Hand­ha­bung ist recht­lich nicht zu be­an­stan­den und dient der ein­fa­chen und zweck­mä­ßi­gen Durch­füh­rung des Ver­fah­rens (Ur­teil vom 24. Mai 1995 - BVer­wG 1 C 7.94 - BVer­w­GE 98, 313 <316> = Buch­holz 402.240 § 24 AuslG 1990 Nr. 1).

16 1.3 Der Klä­ger hat An­spruch auf Er­tei­lung ei­ner Nie­der­las­sungs­er­laub­nis. Er er­füllt un­strei­tig die Vor­aus­set­zun­gen des § 9 Abs. 2 Auf­en­thG. Auch ma­te­ri­ell steht dem An­spruch nicht ent­ge­gen, dass er be­reits im Be­sitz ei­ner Er­laub­nis zum Dau­er­auf­ent­halt-EG ist. Ein Ver­bot bei­der Auf­ent­halts­ti­tel ne­ben­ein­an­der mit der Fol­ge, dass dem Klä­ger nur ei­ner die­ser bei­den Auf­ent­halts­ti­tel er­teilt wer­den könn­te, ist dem Auf­ent­halts­ge­setz nicht zu ent­neh­men. Es wi­der­sprä­che auch der Sys­te­ma­tik des Auf­ent­halts­ge­set­zes.

17 a) Das Auf­ent­halts­ge­setz ent­hält kei­ne all­ge­mei­ne Re­ge­lung, wie zu ver­fah­ren ist, wenn ein Aus­län­der die ge­setz­li­chen Vor­aus­set­zun­gen für meh­re­re Auf­ent­halts­ti­tel er­füllt. So­weit § 4 Abs. 1 Satz 1 Auf­en­thG be­stimmt, dass Aus­län­der für die Ein­rei­se und den Auf­ent­halt im Bun­des­ge­biet „ei­nes“ Auf­ent­halts­ti­tels be­dür­fen, kann dem nur ent­nom­men wer­den, dass der Auf­ent­halt im Bun­des­ge­biet un­ter ei­nem Er­laub­nis­vor­be­halt steht (BT­Drucks 15/420 S. 68). Das Er­for­der­nis ei­ner Er­laub­nis zum Auf­ent­halt im Bun­des­ge­biet sagt aber nichts dar­über aus, ob bei Vor­lie­gen der ge­setz­li­chen Vor­aus­set­zun­gen meh­re­rer Auf­ent­halts­ti­tel nur ein Auf­ent­halts­ti­tel er­teilt wer­den darf. So­weit in der Ge­set­zes­be­grün­dung zum Zu­wan­de­rungs­ge­setz dar­auf hin­ge­wie­sen wird, dass „die ge­setz­li­che Grund­la­ge“ für die Er­tei­lung „ei­nes“ Auf­ent­halts­ti­tels auf dem Do­ku­ment ver­merkt wer­de (BT­Drucks 15/420 S. 69), schlie­ßt dies die Er­tei­lung meh­re­rer Auf­ent­halts­ti­tel auf­grund un­ter­schied­li­cher An­spruchs­grund­la­gen nicht aus.

18 Die Vor­schrif­ten über die Nie­der­las­sungs­er­laub­nis und die Er­laub­nis zum Dau­er­auf­ent­halt-EG ent­hal­ten eben­falls kei­ne An­halts­punk­te für ei­ne wech­sel­be­züg­li­che Sperr­wir­kung. Bei­de Auf­ent­halts­ti­tel be­ru­hen auf un­ter­schied­li­chen An­spruchs­grund­la­gen mit ei­gen­stän­di­gen Tat­be­stands­vor­aus­set­zun­gen. Auch in den Rechts­fol­gen stim­men sie zwar weit­ge­hend, aber eben nicht voll­stän­dig über­ein. Viel­mehr han­delt es sich nach der ge­setz­li­chen Aus­ge­stal­tung um zwei gleich­be­rech­tigt ne­ben­ein­an­der ge­stell­te Auf­ent­halts­ti­tel, die bei­de dem In­ha­ber ei­nen dau­er­haf­ten Auf­ent­halt er­mög­li­chen.

19 b) Dass ei­nem Aus­län­der - so­lan­ge das Ge­setz nicht ein­deu­tig et­was an­de­res be­stimmt - meh­re­re Auf­ent­halts­ti­tel ne­ben­ein­an­der er­teilt wer­den kön­nen, er­gibt sich ins­be­son­de­re aus dem dem Auf­ent­halts­ge­setz zu­grun­de lie­gen­den Kon­zept un­ter­schied­li­cher Auf­ent­halts­ti­tel mit je­weils ei­gen­stän­di­gen Rechts­fol­gen. In Um­set­zung die­ses Kon­zepts de­fi­niert das Auf­ent­halts­ge­setz ver­schie­de­ne Auf­ent­halts­ti­tel (§ 4 Abs. 1 Satz 2 Auf­en­thG) und re­gelt de­ren Vor­aus­set­zun­gen und Rechts­fol­gen. Er­füllt ein Aus­län­der - wie hier - so­wohl die Vor­aus­set­zun­gen für die Er­tei­lung ei­ner Er­laub­nis zum Dau­er­auf­ent­halt-EG als auch ei­ner Nie­der­las­sungs­er­laub­nis, hat er nach dem Ge­setz ei­nen An­spruch auf bei­de Auf­ent­halts­ti­tel. Folg­lich sind ihm auf ei­nen ent­spre­chen­den An­trag hin bei­de Auf­ent­halts­ti­tel zu er­tei­len. Denn nur so kann der Aus­län­der von den mit bei­den Auf­ent­halts­ti­teln ver­bun­de­nen Rechts­vor­tei­len ef­fek­tiv Ge­brauch ma­chen. Müss­te er sich für ei­nen der bei­den Auf­ent­halts­ti­tel ent­schei­den, wür­den ihm hier­durch die nur mit dem an­de­ren Ti­tel ver­bun­de­nen Rechts­vor­tei­le ver­lo­ren­ge­hen, ob­wohl er nach dem Ge­setz auch auf die­sen Ti­tel und die da­mit ver­bun­de­nen Rechts­vor­tei­le ei­nen An­spruch hat.

20 Die gleich­zei­ti­ge Er­tei­lung ei­ner Nie­der­las­sungs­er­laub­nis ne­ben ei­ner Er­laub­nis zum Dau­er­auf­ent­halt-EG führt nicht zu ei­ner vom Auf­ent­halts­recht nicht ge­deck­ten Rechts­stel­lung des Aus­län­ders. Er er­hält hier­durch ins­be­son­de­re kein über die ge­setz­lich ge­re­gel­ten Auf­ent­halts­ti­tel hin­aus­ge­hen­des „neu­es“ Auf­ent­halts­recht, son­dern le­dig­lich zwei Auf­ent­halts­ti­tel, die in ih­ren Rechts­fol­gen und in ih­rem Fort­be­stand wei­ter­hin je­weils ih­ren ei­ge­nen Re­ge­lun­gen un­ter­lie­gen. Da­mit lässt sich auch beim Be­sitz meh­re­rer Auf­ent­halts­ti­tel der auf­ent­halts­recht­li­che Sta­tus des Aus­län­ders je­der­zeit ein­deu­tig be­stim­men. Dass dem Auf­ent­halts­ge­setz das gleich­zei­ti­ge Be­stehen ver­schie­de­ner - in ih­ren Rechts­fol­gen un­ter­schied­lich aus­ge­stal­te­ter - Rechts­stel­lun­gen ei­nes Aus­län­ders nicht fremd ist, zeigt im Üb­ri­gen die Re­ge­lung in § 4 Abs. 5 Auf­en­thG. Da­nach ist ein Aus­län­der, dem nach dem As­so­zia­ti­ons­ab­kom­men EWG/Tür­kei ein Auf­ent­halts­recht zu­steht, ver­pflich­tet, das Be­stehen des Auf­ent­halts­rechts durch den Be­sitz ei­ner Auf­ent­halts­er­laub­nis nach­zu­wei­sen, so­fern er we­der ei­ne Nie­der­las­sungs­er­laub­nis noch ei­ne Er­laub­nis zum Dau­er­auf­ent­halt-EG be­sitzt. Dem ist zu ent­neh­men, dass das Be­stehen ei­nes as­so­zia­ti­ons­recht­li­chen Auf­ent­halts­rechts, das in sei­nen Rechts­fol­gen und in sei­nem Fort­be­stand eben­falls ei­ge­nen Re­ge­lun­gen un­ter­liegt, der (kon­sti­tu­ti­ven) Er­tei­lung ei­nes na­tio­na­len Auf­ent­halts­ti­tels nicht ent­ge­gen­steht (so im Er­geb­nis auch Nr. 4.5.1 der VV-Auf­en­thG).

21 Auch das in §§ 7 und 8 Auf­en­thG ver­an­ker­te Tren­nungs­prin­zip steht der gleich­zei­ti­gen Er­tei­lung ei­ner Er­laub­nis zum Dau­er­auf­ent­halt-EG und ei­ner Nie­der­las­sungs­er­laub­nis nicht ent­ge­gen. Die­ses Prin­zip be­sagt le­dig­lich, dass die Auf­ent­halts­er­laub­nis nach § 7 Abs. 1 Satz 2 Auf­en­thG - an­ders als zu­vor die Auf­ent­halts­er­laub­nis nach § 15 AuslG 1990 - nur für ei­nen be­stimm­ten Auf­ent­halts­zweck er­teilt wird. An die­sen knüpft das Ge­setz un­ter­schied­li­che Rechts­fol­gen, et­wa hin­sicht­lich der Ver­län­ge­rung der Auf­ent­halts­er­laub­nis oder der Ver­fes­ti­gung des Auf­ent­halts. Das hat zur Fol­ge, dass ein Aus­län­der sei­ne auf­ent­halts­recht­li­chen An­sprü­che nur aus den Rechts­grund­la­gen ab­lei­ten kann, die der Ge­setz­ge­ber für die spe­zi­fi­schen, vom Aus­län­der ver­folg­ten Auf­ent­halts­zwe­cke ge­schaf­fen hat. Da­mit han­delt es sich bei den un­ter­schied­li­chen Ar­ten von Auf­ent­halts­er­laub­nis­sen um je­weils ei­gen­stän­di­ge Re­ge­lungs­ge­gen­stän­de, die zu­ein­an­der im Ver­hält­nis der An­spruchs­kon­kur­renz ste­hen (Ur­tei­le vom 4. Sep­tem­ber 2007 - BVer­wG 1 C 43.06 - BVer­w­GE 129, 226 Rn. 26 = Buch­holz 402.242 § 31 Auf­en­thG Nr. 2 und vom 9. Ju­ni 2009 - BVer­wG 1 C 11.08 - BVer­w­GE 134, 124 Rn. 13 = Buch­holz 402.242 § 7 Auf­en­thG Nr. 3). Das Tren­nungs­prin­zip ver­hält sich hin­ge­gen nicht zu der vor­ge­la­ger­ten Fra­ge, ob ein Aus­län­der im­mer nur ei­nen Auf­ent­halts­ti­tel be­an­spru­chen kann oder ob ihm bei Vor­lie­gen der ge­setz­li­chen Er­tei­lungs­vor­aus­set­zun­gen und Be­stehen ei­nes Rechts­schutz­be­dürf­nis­ses auf ei­nen ent­spre­chen­den An­trag hin auch meh­re­re Auf­ent­halts­ti­tel - ggf. zu un­ter­schied­li­chen Zwe­cken - er­teilt wer­den müs­sen. Es wirft in dem hier vor­lie­gen­den Fall auch des­halb kei­ne Pro­ble­me auf, weil es sich bei der Nie­der­las­sungs­er­laub­nis und der Er­laub­nis zum Dau­er­auf­ent­halt-EG um un­be­fris­te­te Auf­ent­halts­ti­tel han­delt, die kei­ner Zweck­bin­dung un­ter­lie­gen.

22 c) Un­ge­ach­tet die­ses sich be­reits aus dem na­tio­na­len Recht er­ge­ben­den Be­funds fin­den sich auch in der Richt­li­nie 2003/109/EG kei­ne An­halts­punk­te für die Zu­läs­sig­keit ei­ner Sperr­wir­kung. Vor­ran­gi­ges Ziel die­ser Richt­li­nie ist die In­te­gra­ti­on von Dritt­staats­an­ge­hö­ri­gen, die in den Mit­glied­staa­ten lang­fris­tig an­säs­sig sind. Er­füllt ein Dritt­staats­an­ge­hö­ri­ger die in der Richt­li­nie auf­ge­stell­ten Be­din­gun­gen, hat er An­spruch auf Zu­er­ken­nung der Rechts­stel­lung ei­nes lang­fris­tig Auf­ent­halts­be­rech­tig­ten und der wei­te­ren Rech­te, die sich aus der Zu­er­ken­nung die­ser Rechts­stel­lung er­ge­ben (Eu­GH, Ur­teil vom 26. April 2012 - Rs. C-508/10, Kom­mis­si­on/Nie­der­lan­de u.a. - ABl EU Nr. C 174 S. 7 = In­fAuslR 2012, 253 Rn. 65 ff.). Die Richt­li­nie ver­bie­tet den Mit­glied­staa­ten zwar nicht, für die Aus­stel­lung dau­er­haf­ter oder un­be­fris­te­ter Auf­ent­halts­ti­tel güns­ti­ge­re Vor­aus­set­zun­gen als die­je­ni­gen der Richt­li­nie vor­zu­se­hen (Art. 13 der Richt­li­nie). Der na­tio­na­le Ge­setz­ge­ber durf­te da­her die be­stehen­den Re­ge­lun­gen über die Nie­der­las­sungs­er­laub­nis bei­be­hal­ten. Dem Uni­ons­recht ist aber nicht zu ent­neh­men, dass sich ein Dritt­staats­an­ge­hö­ri­ger in die­sem Fall für ei­nen der bei­den Auf­ent­halts­ti­tel ent­schei­den muss, wenn sie - wie hier - in Teil­be­rei­chen un­ter­schied­li­che Vor­tei­le ge­wäh­ren (vgl. hier­zu auch Be­richt der Kom­mis­si­on an das Eu­ro­päi­sche Par­la­ment und den Rat über die An­wen­dung der Richt­li­nie 2003/109/EG be­tref­fend der Rechts­stel­lung der lang­fris­tig auf­ent­halts­be­rech­tig­ten Dritt­staats­an­ge­hö­ri­gen, KOM <2011> 585 endg. S. 8 ABl EU Nr. C 335 S. 20).

23 d) Der Ein­wand der Be­klag­ten, die Er­tei­lung ei­nes zwei­ten elek­tro­ni­schen Auf­ent­halts­ti­tels sei ihr tech­nisch nicht mög­lich, über­sieht, dass es für die Er­tei­lung der be­gehr­ten Nie­der­las­sungs­er­laub­nis nicht der Aus­stel­lung ei­nes wei­te­ren Do­ku­ments be­darf. Die er­for­der­li­chen Ein­tra­gun­gen kön­nen als Zu­satz zur Art des Ti­tels oder im An­mer­kungs­feld vor­ge­nom­men wer­den (Ur­teil vom 22. Mai 2012 - BVer­wG 1 C 6.11 - BVer­w­GE 143, 150 Rn. 30 un­ter Hin­weis auf § 78 Abs. 1 Satz 3 Nr. 8 und 12 Auf­en­thG, § 59 Abs. 2 i.V.m. Anl. D 14a Auf­enth­VO, Art. 1 Abs. 1 i.V.m. An­hang a) Ver­ord­nung <EG> Nr. 1030/2002 des Ra­tes vom 13. Ju­ni 2002 zur ein­heit­li­chen Ge­stal­tung des Auf­ent­halts­ti­tels für Dritt­staa­ten­an­ge­hö­ri­ge, in der durch VO <EG> Nr. 380/2008 des Ra­tes vom 18. April 2008 ge­än­der­ten Fas­sung ABl EG Nr. L 115 S. 1). Da­mit er­ge­ben sich auch we­der aus der Ver­ord­nung (EG) Nr. 380/2008 noch aus dem Grund­satz „ei­ne Per­son - ein Do­ku­ment“ durch­grei­fen­de Be­den­ken ge­gen die gleich­zei­ti­ge Er­tei­lung ei­ner Nie­der­las­sungs­er­laub­nis ne­ben ei­ner Er­laub­nis zum Dau­er­auf­ent­halt-EG.

24 2. Das Ver­wal­tungs­ge­richt hat der Kla­ge im Er­geb­nis zu Recht auch hin­sicht­lich der an­ge­grif­fe­nen Ge­büh­ren­be­schei­de statt­ge­ge­ben. Die­se sind, so­weit der Klä­ger sie an­ge­foch­ten hat, rechts­wid­rig. Zwar ist die An­nah­me des Ver­wal­tungs­ge­richts, dass nicht nur der Ge­büh­ren­be­scheid vom 20. Ja­nu­ar 2012, son­dern auch die Ge­büh­ren­be­schei­de vom 9. Ju­ni 2010 und 15. Ju­ni 2011 ge­gen die Still­hal­te­klau­sel des Art. 13 des Be­schlus­ses Nr. 1/80 des As­so­zia­ti­ons­rats EWG/Tür­kei über die Ent­wick­lung der As­so­zia­ti­on vom 19. Sep­tem­ber 1980 (AN­BA 1981 S. 4) - ARB 1/80 - ver­sto­ßen, mit Bun­des­recht nicht zu ver­ein­ba­ren (2.1). Die­se An­nah­me ist aber nicht ent­schei­dungs­tra­gend, da al­le drei Ge­büh­ren­be­schei­de je­den­falls das Dis­kri­mi­nie­rungs­ver­bot des Art. 10 ARB 1/80 ver­let­zen (2.2). Of­fen blei­ben kann, ob der Ge­büh­ren­be­scheid vom 20. Ja­nu­ar 2012 dar­über hin­aus mit der Richt­li­nie 2003/109/EG zu ver­ein­ba­ren ist (2.3).

25 Die Recht­mä­ßig­keit der Ge­büh­ren­be­schei­de be­stimmt sich grund­sätz­lich - und so auch hier - nach der im Zeit­punkt ih­res Er­las­ses ma­ß­geb­li­chen Rechts­la­ge (Ur­teil vom 16. Ok­to­ber 2012 - BVer­wG 10 C 6.12 - Rn. 12, zur Ver­öf­fent­li­chung in der Ent­schei­dungs­samm­lung BVer­w­GE vor­ge­se­hen).

26 Der Ge­büh­ren­be­scheid vom 9. Ju­ni 2010, der die rück­wir­ken­de Aus­stel­lung ei­ner Auf­ent­halts­er­laub­nis ge­mäß § 4 Abs. 5 Auf­en­thG an­stel­le der dem Klä­ger zu­vor er­teil­ten Auf­ent­halts­er­laub­nis nach § 16 Auf­en­thG be­trifft, fin­det sei­ne Rechts­grund­la­ge in § 69 Auf­en­thG i.d.F. des Ge­set­zes zur Ver­fol­gung der Vor­be­rei­tung von schwe­ren staats­ge­fähr­den­den Ge­walt­ta­ten - Ge­wVVG - vom 30. Ju­li 2009 (BGBl I S. 2437) i.V.m. § 45 Nr. 3 Auf­enthV i.d.F. vom 15. Ju­ni 2009 (BGBl I S. 1287) - Auf­enthV 2009/2010. Da­nach ist für die durch ei­nen Wech­sel des Auf­ent­halts­zwecks ver­an­lass­te Än­de­rung der Auf­ent­halts­er­laub­nis ein­schlie­ß­lich de­ren Ver­län­ge­rung ei­ne Ge­bühr in Hö­he von 40 € zu er­he­ben. Der An­wen­dung die­ses Ge­büh­ren­tat­be­stands steht nicht ent­ge­gen, dass die der Ge­büh­ren­er­he­bung zu­grun­de lie­gen­de Auf­ent­halts­er­laub­nis auf ei­nem as­so­zia­ti­ons­recht­li­chen Auf­ent­halts­recht be­ruht. Denn tür­ki­sche Staats­an­ge­hö­ri­ge, de­nen nach dem As­so­zia­ti­ons­ab­kom­men EWG/Tür­kei ein Auf­ent­halts­recht zu­steht, sind un­ter den Vor­aus­set­zun­gen des § 4 Abs. 5 Auf­en­thG ver­pflich­tet, das Be­stehen die­ses Auf­ent­halts­rechts durch den Be­sitz ei­ner Auf­ent­halts­er­laub­nis nach­zu­wei­sen. Auch die Aus­stel­lung ei­ner sol­chen - de­kla­ra­to­ri­schen - Auf­ent­halts­er­laub­nis un­ter­fällt der Ge­büh­ren­re­ge­lung in § 45 Auf­enthV 2009/2010.

27 Der Ge­büh­ren­be­scheid vom 15. Ju­ni 2011, der die Ver­län­ge­rung der nach § 4 Abs. 5 Auf­en­thG aus­ge­stell­ten Auf­ent­halts­er­laub­nis be­trifft, fin­det sei­ne Rechts­grund­la­ge in § 69 Auf­en­thG i.d.F. des Ge­set­zes zur An­pas­sung des deut­schen Rechts an die Ver­ord­nung (EG) Nr. 380/2008 des Ra­tes vom 18. April 2008 zur Än­de­rung der Ver­ord­nung Nr. 1030/2002 zur ein­heit­li­chen Ge­stal­tung des Auf­ent­halts­ti­tels für Dritt­staa­ten­an­ge­hö­ri­ge - EG­V380/2008AnpG - vom 12. April 2011 (BGBl I S. 610) i.V.m. § 45 Nr. 2 Buchst. b Auf­enthV i.d.F. vom 2. Au­gust 2010 (BGBl I S. 1134) - Auf­enthV 2010/2011. Da­nach ist für die Ver­län­ge­rung ei­ner Auf­ent­halts­er­laub­nis für ei­nen wei­te­ren Auf­ent­halt von mehr als drei Mo­na­ten ei­ne Ge­bühr in Hö­he von 30 € zu er­he­ben. Auch hier steht der An­wen­dung des § 45 Auf­enthV 2010/2011 nicht ent­ge­gen, dass der Ver­län­ge­rung le­dig­lich de­kla­ra­to­ri­sche Wir­kung zu­kommt.

28 Der Ge­büh­ren­be­scheid vom 20. Ja­nu­ar 2012 über 135 € be­trifft schlie­ß­lich die Er­tei­lung ei­ner Er­laub­nis zum Dau­er­auf­ent­halt-EG nach § 9a Auf­en­thG als ei­gen­stän­di­ges Auf­ent­halts­do­ku­ment im Scheck­kar­ten­for­mat mit in­te­grier­tem Chip (vgl. § 78 Auf­en­thG; sog. elek­tro­ni­scher Auf­ent­halts­ti­tel). Er fin­det sei­ne Rechts­grund­la­ge in § 69 Abs. 1 Auf­en­thG i.d.F. des Ge­set­zes zur Um­set­zung auf­ent­halts­recht­li­cher Richt­li­ni­en der Eu­ro­päi­schen Uni­on und zur An­pas­sung na­tio­na­ler Rechts­vor­schrif­ten an den EU-Vi­sa­ko­dex - EU­RL/Vi­sa­ko­dexUmsG - vom 22. No­vem­ber 2011 (BGBl I S. 2258) i.V.m. § 44a Auf­enthV i.d.F. vom 25. No­vem­ber 2011 (BGBl I S. 2347) - Auf­enthV 2011/2012.

29 2.1. Mit der Still­hal­te­klau­sel des Art. 13 ARB 1/80 nicht zu ver­ein­ba­ren ist nur der Ge­büh­ren­be­scheid vom 20. Ja­nu­ar 2012. Die den Be­schei­den vom 9. Ju­ni 2010 und 15. Ju­ni 2011 zu­grun­de lie­gen­den Ge­büh­ren stel­len hin­ge­gen schon kei­ne neue Be­schrän­kung im Sin­ne des Art. 13 ARB 1/80 dar.

30 Der Klä­ger er­füllt auf­grund sei­ner Be­schäf­ti­gung bei der RWTH A. un­strei­tig die Vor­aus­set­zun­gen des Art. 6 Abs. 1, 3. Spie­gel­strich ARB 1/80. Als tür­ki­scher Ar­beit­neh­mer kann er sich auf die Still­hal­te­klau­sel in Art. 13 ARB 1/80 be­ru­fen. Da­nach dür­fen die Mit­glied­staa­ten der Ge­mein­schaft und die Tür­kei für Ar­beit­neh­mer und ih­re Fa­mi­li­en­an­ge­hö­ri­gen, de­ren Auf­ent­halt und Be­schäf­ti­gung in ih­rem Ho­heits­ge­biet ord­nungs­ge­mäß sind, kei­ne neu­en Be­schrän­kun­gen der Be­din­gun­gen für den Zu­gang zum Ar­beits­markt ein­füh­ren. Der Eu­GH geht in stän­di­ger Recht­spre­chung da­von aus, dass die­se Be­stim­mung un­mit­tel­ba­re Wir­kung ent­fal­tet, so dass sich tür­ki­sche Staats­an­ge­hö­ri­ge, die die Vor­aus­set­zun­gen der Still­hal­te­klau­sel er­fül­len, vor den in­ner­staat­li­chen Ge­rich­ten auf die­se Vor­schrift be­ru­fen kön­nen, um die An­wen­dung ent­ge­gen­ste­hen­der Vor­schrif­ten des in­ner­staat­li­chen Rechts aus­zu­schlie­ßen (Eu­GH, Ur­teil vom 17. Sep­tem­ber 2009 - Rs. C-242/06, Sa­hin - Slg. 2009, I-08465 Rn. 53 ff. m.w.N.).

31 Art. 13 ARB 1/80 ver­bie­tet die Ein­füh­rung neu­er in­ner­staat­li­cher Maß­nah­men, die be­zwe­cken oder be­wir­ken, dass die Aus­übung der Ar­beit­neh­mer­frei­zü­gig­keit durch ei­nen tür­ki­schen Staats­an­ge­hö­ri­gen in ei­nem Mit­glied­staat stren­ge­ren Vor­aus­set­zun­gen als den­je­ni­gen un­ter­wor­fen wird, die für ihn zum Zeit­punkt des In­kraft­tre­tens die­ser Be­stim­mung in dem be­tref­fen­den Mit­glied­staat gal­ten (Eu­GH, Ur­teil vom 17. Sep­tem­ber 2009 a.a.O. Rn. 63). Ma­ß­geb­lich für die­sen Ver­gleich ist die am 1. De­zem­ber 1980 gel­ten­de Rechts­la­ge (Art. 16 Abs. 1 ARB 1/80; Ur­teil vom 8. De­zem­ber 2009 - BVer­wG 1 C 16.08 - BVer­w­GE 135, 334 Rn. 23 = Buch­holz 451.901 As­so­zia­ti­ons­recht Nr. 58; Eu­GH, Ur­teil vom 9. De­zem­ber 2010 - Rs. C-300/09 und C-301/09, Toprak und Oguz - Slg. 2010, I-12845 Rn. 62). Dar­über hin­aus er­fasst die Still­hal­te­klau­sel auch die nach­träg­li­che Ver­schär­fung ei­ner nach die­sem Stich­tag in Be­zug auf die Ar­beit­neh­mer­frei­zü­gig­keit ein­ge­führ­ten Be­stim­mung, die ei­ne Er­leich­te­rung der da­mals gel­ten­den Be­stim­mun­gen vor­sah, auch wenn die­se Ver­schär­fung nicht die Be­din­gun­gen für die Er­tei­lung der Er­laub­nis im Ver­gleich zu den bei In­kraft­tre­ten gel­ten­den Be­din­gun­gen ver­schlech­tert (Eu­GH, Ur­teil vom 9. De­zem­ber 2010 a.a.O. Rn. 50 ff.). Nicht je­de Än­de­rung ei­ner na­tio­na­len Be­stim­mung stellt aber ei­ne Ver­schär­fung dar. Die Still­hal­te­klau­sel ist dar­auf ge­rich­tet, güns­ti­ge Be­din­gun­gen für die schritt­wei­se Ver­wirk­li­chung der Ar­beit­neh­mer­frei­zü­gig­keit zu schaf­fen, in­dem den in­ner­staat­li­chen Stel­len ver­bo­ten wird, neue Hin­der­nis­se für die­se Frei­heit ein­zu­füh­ren, um die schritt­wei­se Her­stel­lung die­ser Frei­heit zwi­schen den Mit­glied­staa­ten und der Re­pu­blik Tür­kei nicht zu er­schwe­ren (Eu­GH, Ur­teil vom 9. De­zem­ber 2010 a.a.O. Rn. 53). Än­de­run­gen be­stehen­der Vor­schrif­ten füh­ren da­her nur dann zu ei­ner neu­en Be­schrän­kung im Sin­ne des Art. 13 ARB 1/80, wenn sie ein neu­es Hin­der­nis für die Aus­übung der Ar­beit­neh­mer­frei­zü­gig­keit be­grün­den (Eu­GH, Ur­teil vom 9. De­zem­ber 2010 a.a.O. Rn. 54). Der Er­lass neu­er Vor­schrif­ten steht al­ler­dings dann nicht im Wi­der­spruch zur Still­hal­te­klau­sel, wenn die neu­en Vor­schrif­ten in glei­cher Wei­se auf tür­ki­sche Staats­an­ge­hö­ri­ge und auf Uni­ons­bür­ger An­wen­dung fin­den. An­dern­falls be­fän­den sich tür­ki­sche Staats­an­ge­hö­ri­ge in ei­ner güns­ti­ge­ren Po­si­ti­on als Uni­ons­bür­ger, was ge­gen Art. 59 des Zu­satz­pro­to­kolls zum As­so­zi­ie­rungs­ab­kom­men vom 23. No­vem­ber 1970 (BGBl 1972 II S. 385) - Zu­satz­pro­to­koll (ZP) - ver­stie­ße, wo­nach der Re­pu­blik Tür­kei kei­ne güns­ti­ge­re Be­hand­lung ge­währt wer­den darf als die­je­ni­ge, die sich die Mit­glied­staa­ten un­ter­ein­an­der ein­räu­men (Eu­GH, Ur­teil vom 17. Sep­tem­ber 2009 a.a.O. Rn. 67).

32 Hier­aus hat der Eu­GH ge­fol­gert, dass die Still­hal­te­klau­sel die Ein­füh­rung von Ge­büh­ren für die Aus­stel­lung von Auf­ent­halts­do­ku­men­ten nicht hin­dert, so­lan­ge die­se im Ver­gleich zu Ge­büh­ren, die Uni­ons­bür­ger in ver­gleich­ba­rer La­ge zu zah­len ha­ben, nicht un­ver­hält­nis­mä­ßig sind (Eu­GH, Ur­teil vom 17. Sep­tem­ber 2009 a.a.O. Rn. 69 ff.). Da­bei ist nach der Recht­spre­chung des Eu­GH nicht je­de im Ver­gleich zur La­ge der Uni­ons­bür­ger hö­he­re Ge­bühr not­wen­di­ger­wei­se un­ver­hält­nis­mä­ßig (Eu­GH, Ur­teil vom 29. April 2010 - Rs. C-92/07, Kom­mis­si­on/Nie­der­lan­de - Slg. 2010, I-03683 Rn. 71). Viel­mehr geht der Ge­richts­hof da­von aus, dass Ge­büh­ren, die et­was hö­her sind als die von Uni­ons­bür­gern für die Aus­stel­lung ent­spre­chen­der Do­ku­men­te ver­lang­ten, in be­stimm­ten Son­der­fäl­len als ver­hält­nis­mä­ßig an­ge­se­hen wer­den kön­nen.

33 a) In An­wen­dung die­ser Grund­sät­ze ver­stö­ßt der Be­scheid vom 9. Ju­ni 2010 nicht ge­gen Art. 13 ARB 1/80. Denn die Er­he­bung ei­ner Ge­bühr in Hö­he von 40 € für die (rück­wir­ken­de) Aus­stel­lung ei­ner Auf­ent­halts­er­laub­nis nach § 4 Abs. 5 Auf­en­thG mit ei­ner Gel­tungs­dau­er von zwei Jah­ren stellt ge­gen­über der am 1. De­zem­ber 1980 gel­ten­den Rechts­la­ge kei­ne neue Be­schrän­kung im Sin­ne des Art. 13 ARB 1/80 dar.

34 Dies er­gibt sich al­ler­dings nicht schon aus dem Um­stand, dass tür­ki­sche Ar­beit­neh­mer in Deutsch­land - im Ge­gen­satz zur Rechts­la­ge in den Nie­der­lan­den, die den Ur­tei­len des Eu­GH vom 17. Sep­tem­ber 2009 (a.a.O.) und vom 29. April 2010 (a.a.O.) zu­grun­de lag - be­reits im De­zem­ber 1980 für die Aus­stel­lung von Auf­ent­halts­do­ku­men­ten Ge­büh­ren ent­rich­ten muss­ten. Denn auch die Än­de­rung ei­ner be­reits vor­han­de­nen Re­ge­lung kann zu ei­ner Ver­schär­fung der Be­din­gun­gen für den Ar­beits­markt­zu­gang füh­ren. Al­lein die zwi­schen­zeit­li­che Er­hö­hung der Ge­büh­ren in Deutsch­land be­grün­det in Be­zug auf die dem Be­scheid vom 9. Ju­ni 2010 zu­grun­de lie­gen­de Ge­bühr aber noch kein neu­es Hin­der­nis für die Aus­übung der Ar­beit­neh­mer­frei­zü­gig­keit. Nach § 2 Abs. 1 Nr. 1 Buchst. c der im De­zem­ber 1980 gel­ten­den Ge­büh­ren­ver­ord­nung zum Aus­län­der­ge­setz vom 20. De­zem­ber 1977 (BGBl I S. 2840) - Ausl­GebV - be­trug die Ge­bühr bei Auf­ent­halts­er­laub­nis­sen für ei­nen Auf­ent­halt von län­ger als ei­nem Jahr 40 DM. Dies er­gibt nach dem amt­li­chen Um­rech­nungs­kurs 20,45 € und ent­spricht - nach den nicht mit Ver­fah­rens­rü­gen an­ge­grif­fe­nen und da­mit bin­den­den ta­trich­ter­li­chen Fest­stel­lun­gen - bei ei­ner in­fla­ti­ons­be­rei­nig­ten Um­rech­nung zum ent­schei­dungs­er­heb­li­chen Zeit­punkt 37,43 €. Die im Be­scheid vom 9. Ju­ni 2010 fest­ge­setz­te Ge­bühr liegt da­mit in­fla­ti­ons­be­rei­nigt nur un­we­sent­lich über der am 1. De­zem­ber 1980 zu ent­rich­ten­den Ge­bühr. Al­lein die - ge­ring­fü­gig auf­ge­run­de­te - An­pas­sung ei­ner Ge­bühr an die Geld­ent­wer­tung be­grün­det aber noch kein neu­es Hin­der­nis für die Aus­übung der Ar­beit­neh­mer­frei­zü­gig­keit. Denn in die­sem Fall bleibt die tat­säch­li­che Be­las­tung im We­sent­li­chen gleich. Ein Ver­stoß ge­gen Art. 13 ARB 1/80 schei­det da­her aus, oh­ne dass es dar­auf an­kommt, ob die fest­ge­setz­te Ge­bühr im Ver­gleich zu den Ge­büh­ren, die von Uni­ons­bür­gern im Ju­ni 2010 für die Aus­stel­lung ent­spre­chen­der Do­ku­men­te ver­langt wur­den, un­ver­hält­nis­mä­ßig ist.

35 b) Glei­ches gilt hin­sicht­lich der dem Be­scheid vom 15. Ju­ni 2011 zu­grun­de lie­gen­den Ge­bühr in Hö­he von 30 € für die Ver­län­ge­rung der Auf­ent­halts­er­laub­nis nach § 4 Abs. 5 Auf­en­thG um ein Jahr. Nach § 2 Abs. 1 Nr. 6 i.V.m. Nr. 1 Buchst. b Ausl­GebV be­trug im De­zem­ber 1980 die Ge­bühr für die Ver­län­ge­rung ei­ner Auf­ent­halts­er­laub­nis von mehr als drei Mo­na­ten bis zu ei­nem Jahr 30 DM. Dies er­gibt nach dem amt­li­chen Um­rech­nungs­kurs 15,45 € und ent­spricht nach den ta­trich­ter­li­chen Fest­stel­lun­gen bei ei­ner in­fla­ti­ons­be­rei­nig­ten Um­rech­nung 28,71 €. Auch hier liegt die fest­ge­setz­te Ge­bühr in­fla­ti­ons­be­rei­nigt mit­hin nur un­we­sent­lich über der am 1. De­zem­ber 1980 zu ent­rich­ten­den Ge­bühr.

36 c) Die Er­he­bung ei­ner Ge­bühr in Hö­he von 135 € für die Er­tei­lung ei­ner Er­laub­nis zum Dau­er­auf­ent­halt-EG nach § 9a Auf­en­thG ist hin­ge­gen mit der Still­hal­te­klau­sel des Art. 13 ARB 1/80 nicht zu ver­ein­ba­ren.

37 aa) Auch hier fehlt es - ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Ver­wal­tungs­ge­richts - zwar an ei­ner neu­en Be­schrän­kung ge­gen­über der am 1. De­zem­ber 1980 gel­ten­den Rechts­la­ge. Die Er­laub­nis zum Dau­er­auf­ent­halt-EG ist nach § 9a Abs. 1 Satz 1 Auf­en­thG ein un­be­fris­te­ter Auf­ent­halts­ti­tel, der - wie sich aus § 12 Abs. 2 Satz 1 Auf­en­thG er­gibt - nicht mit Auf­la­gen und Be­din­gun­gen ver­se­hen wer­den kann und im Ge­gen­satz zur Nie­der­las­sungs­er­laub­nis dem In­ha­ber ein Recht zum Auf­ent­halt in an­de­ren Mit­glied­staa­ten nach Ma­ß­ga­be der Art. 14 ff. der Richt­li­nie 2003/109/EG ge­währt. So­wohl die Auf­ent­halts­be­rech­ti­gung nach § 8 AuslG 1965 als auch die un­be­fris­te­te Auf­ent­halts­er­laub­nis nach § 7 Abs. 2 Auf­en­thG 1965 ge­währ­ten dem Aus­län­der kein über das Bun­des­ge­biet hin­aus­ge­hen­des Auf­ent­halts­recht. Schon we­gen die­ser un­ter­schied­li­chen Rechts­fol­gen kann die Ge­bühr für die Er­tei­lung ei­ner Er­laub­nis zum Dau­er­auf­ent­halt-EG da­her nicht an den Ge­büh­ren für die Er­tei­lung ei­ner un­be­fris­te­ten Auf­ent­halts­er­laub­nis oder ei­ner Auf­ent­halts­be­rech­ti­gung nach al­tem Recht ge­mes­sen wer­den. Als Ge­bühr für ei­nen mit wei­ter­ge­hen­den Rech­ten ver­bun­de­nen neu­en Dau­er­auf­ent­halts­ti­tel stellt sie kei­ne neue Be­schrän­kung, son­dern ei­ne nach­träg­li­che Ver­bes­se­rung der Be­din­gun­gen im Be­reich der Ar­beit­neh­mer­frei­zü­gig­keit dar.

38 Die Ge­bühr für die Er­tei­lung ei­ner Er­laub­nis zum Dau­er­auf­ent­halt-EG wur­de aber nach­träg­lich er­höht. Bei Ein­füh­rung die­ses Auf­ent­halts­ti­tels durch das Richt­li­ni­en­um­set­zungs­ge­setz 2007 be­trug sie nach § 44a Auf­enthV i.d.F. vom 19. Au­gust 2007 (BGBl I S. 1970) - Auf­enthV 2007 - zu­nächst 85 €. Erst durch die Sechs­te Ver­ord­nung zur Än­de­rung der Auf­ent­halts­ver­ord­nung vom 22. Ju­li 2011 (BGBl I S. 1530) - Auf­enthV 2011 - wur­de sie mit Wir­kung ab dem 1. Sep­tem­ber 2011 auf 135 € an­ge­ho­ben. Die­se - über ei­nen In­fla­ti­ons­aus­gleich deut­lich hin­aus­ge­hen­de - Er­hö­hung be­grün­det ei­ne nach­träg­li­che Ver­schär­fung der Be­din­gun­gen im Be­reich der Ar­beit­neh­mer­frei­zü­gig­keit. Da­bei ist un­er­heb­lich, dass der Klä­ger zum Nach­weis und zur ef­fek­ti­ven In­an­spruch­nah­me der ihm mit dem As­so­zia­ti­ons­recht ein­ge­räum­ten Rech­te nicht auf den Be­sitz die­ses Auf­ent­halts­ti­tels an­ge­wie­sen ist. Denn die Er­laub­nis zum Dau­er­auf­ent­halt-EG be­rech­tigt zum Auf­ent­halt in ei­nem an­de­ren Mit­glied­staat und ist da­mit so­wohl ge­gen­über dem as­so­zia­ti­ons­recht­li­chen Auf­ent­halts­recht als auch dem Be­sitz ei­nes na­tio­na­len Auf­ent­halts­ti­tels in Be­zug auf die Ar­beit­neh­mer­frei­zü­gig­keit von ei­ner an­de­ren recht­li­chen Qua­li­tät.

39 bb) Die nach­träg­li­che Er­hö­hung der Ge­bühr für die Er­tei­lung ei­ner Er­laub­nis zum Dau­er­auf­ent­halt-EG von 85 € auf 135 € ist im Ver­gleich zu den von Uni­ons­bür­gern für die Aus­stel­lung ver­gleich­ba­rer Do­ku­men­te er­ho­be­nen Ge­büh­ren auch un­ver­hält­nis­mä­ßig. Bei die­sem Ver­gleich ist auf die in Um­set­zung der Richt­li­nie 2004/38/EG des Eu­ro­päi­schen Par­la­ments und des Ra­tes vom 29. April 2004 (ABl EU Nr. L 158 S. 77) - Uni­ons­bür­ger­richt­li­nie - im Ge­setz über die all­ge­mei­ne Frei­zü­gig­keit von Uni­ons­bür­gern (Frei­zü­gig­keits­ge­setz/EU - Frei­zügG/EU -) ge­re­gel­ten Auf­ent­halts­do­ku­men­te ab­zu­stel­len. Al­lein der Um­stand, dass bei Uni­ons­bür­gern über § 11 Abs. 1 Satz 11 Frei­zügG/EU das Auf­ent­halts­ge­setz ent­spre­chen­de An­wen­dung fin­det, wenn es im Ein­zel­fall ei­ne güns­ti­ge­re Rechts­stel­lung ver­mit­telt, hat ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Be­klag­ten nicht zur Fol­ge, dass Uni­ons­bür­ger schon des­halb hin­sicht­lich der im Auf­ent­halts­ge­setz ge­re­gel­ten Auf­ent­halts­ti­tel der glei­chen Ge­büh­ren­pflicht un­ter­lie­gen wie Dritt­staats­an­ge­hö­ri­ge.

40 Die Uni­ons­bür­gern in Um­set­zung der Richt­li­nie 2004/38/EG im Ja­nu­ar 2012 aus­zu­stel­len­den Auf­ent­halts­do­ku­men­te er­ge­ben sich aus § 5 Frei­zügG/EU in der sei­ner­zeit gül­ti­gen Fas­sung des Ge­set­zes zur Ver­bes­se­rung der Wie­der­ein­glie­de­rungs­chan­cen am Ar­beits­markt - Ein­gl­VerbG - vom 20. De­zem­ber 2011 (BGBl I S. 2854) - Frei­zügG/EU a.F. Die da­mit kor­re­spon­die­ren­den Ge­büh­ren­tat­be­stän­de rich­ten sich nach § 47 Abs. 3 Auf­enthV 2011/2012. Da­nach war von Uni­ons­bür­gern für die Be­schei­ni­gung ih­res Dau­er­auf­ent­halts­rechts nach § 5 Abs. 6 Satz 1 Frei­zügG/EU a.F. ei­ne Ge­bühr in Hö­he von 8 € zu ent­rich­ten (§ 47 Abs. 3 Satz 4 Auf­enthV 2011/2012); die - in­zwi­schen weg­ge­fal­le­ne - Aus­stel­lung ei­ner Be­schei­ni­gung über das Auf­ent­halts­recht nach § 5 Abs. 1 Frei­zügG/EU a.F. war nicht ge­büh­ren­pflich­tig (§ 2 Abs. 6 Frei­zügG/EU a.F.).

41 Als „ver­gleich­ba­res“ Do­ku­ment kommt hier die Be­schei­ni­gung des Dau­er­auf­ent­halts­rechts für Uni­ons­bür­ger nach § 5 Abs. 6 Satz 1 Frei­zügG/EU a.F. in Be­tracht. Dem steht nicht ent­ge­gen, dass es sich bei der Er­laub­nis zum Dau­er­auf­ent­halt-EG für Dritt­staats­an­ge­hö­ri­ge im Ge­gen­satz zur Be­schei­ni­gung des Dau­er­auf­ent­halts­rechts bei Uni­ons­bür­gern um ei­nen kon­sti­tu­ti­ven Auf­ent­halts­ti­tel han­delt, der zu­dem nach der Ver­ord­nung (EG) Nr. 380/2008 des Ra­tes vom 18. April 2008 zur Än­de­rung der Ver­ord­nung (EG) Nr. 1030/2002 zur ein­heit­li­chen Ge­stal­tung des Auf­ent­halts­ti­tels für Dritt­staa­ten­an­ge­hö­ri­ge (ABl EU Nr. L 115 S. 1) - sog. eAT-Ver­ord­nung - als ei­gen­stän­di­ges Do­ku­ment im ID-1- oder ID-2-For­mat aus­ge­stellt wer­den muss. Nach der Recht­spre­chung des Eu­GH dür­fen tür­ki­schen Staats­an­ge­hö­ri­gen, auf die Art. 13 ARB 1/80 An­wen­dung fin­det, kei­ne neu­en Pflich­ten auf­er­legt wer­den, die im Ver­gleich zu de­nen der Uni­ons­bür­ger un­ver­hält­nis­mä­ßig sind. Als An­knüp­fungs­punkt hat er in der Rechts­sa­che Sa­hin die von Uni­ons­bür­gern „un­ter gleich­ar­ti­gen Um­stän­den“ ver­lang­ten Ge­büh­ren her­an­ge­zo­gen (Eu­GH, Ur­teil vom 17. Sep­tem­ber 2009 a.a.O. Rn. 74). In der Rechts­sa­che Kom­mis­si­on/Nie­der­lan­de hat er die Gleich­ar­tig­keit der von tür­ki­schen Staats­an­ge­hö­ri­gen und von Uni­ons­bür­gern ge­stell­ten An­trä­ge her­vor­ge­ho­ben und auf die von Uni­ons­bür­gern „für ent­spre­chen­de Do­ku­men­te“ ver­lang­ten Ge­büh­ren ab­ge­stellt (Eu­GH, Ur­teil vom 29. April 2010 a.a.O. Rn. 54 und 74). Da­mit ist An­knüp­fungs­punkt für die Prü­fung der Un­ver­hält­nis­mä­ßig­keit die fi­nan­zi­el­le Be­las­tung ei­nes Uni­ons­bür­gers, der sich in ei­ner ver­gleich­ba­ren Si­tua­ti­on be­fin­det. Hin­sicht­lich der Ge­büh­ren für die Er­tei­lung ei­ner Er­laub­nis zum Dau­er­auf­ent­halt-EG ist da­her auf die Kos­ten ab­zu­stel­len, die ei­nem Uni­ons­bür­ger ent­ste­hen, der in­ner­halb der Uni­on von sei­ner Ar­beit­neh­mer­frei­zü­gig­keit Ge­brauch macht und zu die­sem Zwe­cke im Auf­nah­me­mit­glied­staat die Aus­stel­lung ei­nes Do­ku­ments über sein Recht zum Dau­er­auf­ent­halt be­gehrt.

42 Sind die­se Kos­ten - wie hier - nied­ri­ger als die Ge­büh­ren, die ein tür­ki­scher Ar­beit­neh­mer für die Er­tei­lung ei­ner Er­laub­nis zum Dau­er­auf­ent­halt-EG zu ent­rich­ten hat, kön­nen al­ler­dings bei der Fra­ge, ob die­se un­ter­schied­li­che Be­las­tung ei­ne Un­ver­hält­nis­mä­ßig­keit be­grün­det, die der Un­gleich­be­hand­lung zu­grun­de lie­gen­den Grün­de ei­ne Rol­le spie­len. Da­bei stellt aber al­lein der Um­stand, dass es sich bei der Er­laub­nis zum Dau­er­auf­ent­halt-EG für Dritt­staats­an­ge­hö­ri­ge im Ge­gen­satz zur Be­schei­ni­gung des Dau­er­auf­ent­halts­rechts für Uni­ons­bür­ger um ei­nen kon­sti­tu­ti­ven Auf­ent­halts­ti­tel han­delt, kein stich­hal­ti­ges Ar­gu­ment für ei­ne un­ter­schied­li­che Ge­büh­ren­er­he­bung dar. Auch die mit der Um­stel­lung der Er­laub­nis zum Dau­er­auf­ent­halt-EG auf ein elek­tro­ni­sches Auf­ent­halts­do­ku­ment ver­bun­de­nen Nut­zungs­mög­lich­kei­ten recht­fer­ti­gen nicht die be­stehen­de Un­gleich­be­hand­lung. Denn der Ver­ord­nungs­ge­ber ist bei der Fest­le­gung der Ge­büh­ren­sät­ze da­von aus­ge­gan­gen, dass al­lein mit die­ser Um­stel­lung der Wert oder Nut­zen der Amts­hand­lung für den Emp­fän­ger im Ver­gleich zum bis­he­ri­gen Recht un­ver­än­dert bleibt (BR­Drucks 264/11 S. 23). Für den Emp­fän­ger vor­teil­haft ist al­lein die Ein­schal­tung des elek­tro­ni­schen Iden­ti­täts­nach­wei­ses. Hin­sicht­lich die­ser Amts­hand­lung er­ge­ben sich aber kei­ne Un­ter­schie­de zum elek­tro­ni­schen Per­so­nal­aus­weis, wes­halb dies­be­züg­lich nach § 45a Auf­enthV die glei­chen Ge­büh­ren er­ho­ben wer­den wie beim Per­so­nal­aus­weis (BR­Drucks 264/11 S. 25 f.).

43 Ob ei­ne Un­gleich­be­hand­lung tür­ki­scher Ar­beit­neh­mer ge­gen­über Uni­ons­bür­gern mit den bei der Aus­stel­lung ei­nes elek­tro­ni­schen Auf­ent­halts­do­ku­ments an­fal­len­den hö­he­ren Kos­ten und Aus­la­gen be­grün­det wer­den kann (hin­sicht­lich der Ge­büh­ren­kal­ku­la­ti­on vgl. BR­Drucks 264/11 S. 21 ff. zur Än­de­rung der §§ 44, 44a und 45 Auf­enthV), be­darf hier kei­ner ab­schlie­ßen­den Ent­schei­dung. Denn selbst wenn man - zu Las­ten des Klä­gers - da­von aus­geht, dass in­so­weit stich­hal­ti­ge Grün­de für ei­ne Un­gleich­be­hand­lung vor­lie­gen, wo­für ei­ni­ges spricht, wür­de dies je­den­falls nicht die tat­säch­li­che Hö­he der fest­ge­setz­ten Ge­bühr recht­fer­ti­gen. Denn in dem für die Be­ur­tei­lung ma­ß­geb­li­chen Zeit­punkt im Ja­nu­ar 2012 wur­den auch die für dritt­staats­an­ge­hö­ri­ge Fa­mi­li­en­an­ge­hö­ri­ge von Uni­ons­bür­gern in Um­set­zung der Richt­li­nie 2004/38/EG vor­ge­se­he­nen Auf­ent­halts­do­ku­men­te als elek­tro­ni­sche Auf­ent­halts­do­ku­men­te aus­ge­stellt (vgl. § 11 Abs. 1 Satz 3 Frei­zügG/EU a.F. i.V.m. § 78 Auf­en­thG). Für de­ren Aus­stel­lung fie­len mit­hin die glei­chen Kos­ten und Aus­la­gen an wie bei der Er­laub­nis zum Dau­er­auf­ent­halt-EG. Dritt­staats­an­ge­hö­ri­ge Fa­mi­li­en­an­ge­hö­ri­ge von Uni­ons­bür­gern muss­ten aber für die Aus­stel­lung so­wohl ei­ner Auf­ent­halts­kar­te nach § 5 Abs. 2 als auch ei­ner Dau­er­auf­ent­halts­kar­te nach § 5 Abs. 6 Satz 2 Frei­zügG/EU a.F. höchs­tens ei­ne Ge­bühr in Hö­he von 28,80 € ent­rich­ten (vgl. § 47 Abs. 3 Satz 1 Auf­enthV 2011/2012). Die­ser Be­trag mar­kiert uni­ons­recht­lich zu­gleich ei­ne ab­so­lu­te Gren­ze für die Er­he­bung von Ge­büh­ren für die Aus­stel­lung von Auf­ent­halts­do­ku­men­ten an Uni­ons­bür­ger und de­ren Fa­mi­li­en­an­ge­hö­ri­ge. Denn nach Art. 25 Abs. 2 der Richt­li­nie 2004/38/EG wer­den die nach der Uni­ons­bür­ger­richt­li­nie aus­zu­stel­len­den Auf­ent­halts­do­ku­men­te un­ent­gelt­lich oder ge­gen Ent­rich­tung ei­nes Be­trags aus­ge­stellt, der die Ge­bühr für die Aus­stel­lung ent­spre­chen­der Do­ku­men­te für In­län­der nicht über­steigt. In Um­set­zung die­ser uni­ons­recht­li­chen Vor­ga­be ist der deut­sche Ver­ord­nungs­ge­ber da­von aus­ge­gan­gen, dass es sich bei der Auf­ent­halts­kar­te und der Dau­er­auf­ent­halts­kar­te für Fa­mi­li­en­an­ge­hö­ri­ge von Uni­ons­bür­gern um Do­ku­men­te han­delt, die in ih­rer tech­ni­schen Her­stel­lung und Aus­ge­stal­tung dem (elek­tro­ni­schen) Per­so­nal­aus­weis ver­gleich­bar sind, so dass für sie höchs­tens ei­ne Ge­bühr er­ho­ben wer­den darf, die der Ge­bühr für die Aus­stel­lung ei­nes Per­so­nal­aus­wei­ses ent­spricht (BR­Drucks 264/11 S. 27). Die­se be­trägt nach der Per­so­nal­aus­weis­ge­büh­ren­ver­ord­nu­ng bei In­län­dern, die bei An­trag­stel­lung min­des­tens 24 Jah­re alt sind, 28,80 € (§ 1 Abs. 1 Nr. 2 PAus­w­GebV).

44 Dür­fen die Kos­ten und Aus­la­gen für die Aus­stel­lung ei­nes Auf­ent­halts­do­ku­ments bei Uni­ons­bür­gern und ih­ren Fa­mi­li­en­an­ge­hö­ri­gen nach Art. 25 Abs. 2 der Richt­li­nie 2004/38/EG al­len­falls in Hö­he der von In­län­dern für die Aus­stel­lung ent­spre­chen­der Do­ku­men­te er­ho­be­nen Ge­büh­ren wei­ter­ge­ge­ben wer­den, wirkt sich die­se uni­ons­recht­li­che Ge­büh­ren­ober­gren­ze über das As­so­zia­ti­ons­recht auch auf tür­ki­sche Ar­beit­neh­mer aus. Denn aus­ge­hend von dem Ziel, dass ih­nen kei­ne neu­en Pflich­ten auf­er­legt wer­den dür­fen, die im Ver­gleich zu de­nen der Uni­ons­bür­ger un­ver­hält­nis­mä­ßig sind, ist es mit der Stand­still­klau­sel des Art. 13 ARB 1/80 je­den­falls nicht zu ver­ein­ba­ren, wenn bei ih­nen die für die Er­tei­lung ei­ner Er­laub­nis zum Dau­er­auf­ent­halt-EG er­ho­be­ne Ge­bühr nicht nur er­heb­lich über der von Uni­ons­bür­gern für ei­ne Be­schei­ni­gung ih­res Dau­er­auf­ent­halts­rechts er­ho­be­nen Ge­bühr liegt, son­dern zu­gleich die von dritt­staats­an­ge­hö­ri­gen Fa­mi­li­en­an­ge­hö­ri­gen von Uni­ons­bür­gern - in Um­set­zung der in Art. 25 Abs. 2 der Richt­li­nie 2004/38/EG uni­ons­recht­lich vor­ge­ge­be­nen Gren­ze - zu ent­rich­ten­de Ge­bühr um mehr als das Vier­fa­che über­steigt, oh­ne dass für die­se Un­gleich­be­hand­lung stich­hal­ti­ge Grün­de er­kenn­bar sind. An die­sem Be­fund än­dern auch die - im Fall des Klä­gers oh­ne­hin nicht ein­schlä­gi­gen - Be­frei­ungs- und Er­mä­ßi­gungs­tat­be­stän­de nach §§ 52 und 53 Auf­enthV 2011/2012 nichts.

45 Die er­heb­li­che Dif­fe­renz zu den von Uni­ons­bür­gern und ih­ren Fa­mi­li­en­an­ge­hö­ri­gen für die Aus­stel­lung elek­tro­ni­scher Auf­ent­halts­do­ku­men­te ver­lang­ten Ge­büh­ren kann auch nicht über Art. 14 ARB 1/80 ge­recht­fer­tigt wer­den. Da­nach gel­ten - ähn­lich den in Art. 45 Abs. 3, Art. 52 Abs. 1 und Art. 62 AEUV ent­hal­te­nen Ein­schrän­kun­gen bei der Ar­beit­neh­mer­frei­zü­gig­keit, der Nie­der­las­sungs­frei­heit und der Dienst­leis­tungs­frei­heit bei Uni­ons­bür­gern - die Be­stim­mun­gen des 1. Ab­schnitts nur vor­be­halt­lich der Be­schrän­kun­gen, die aus Grün­den der öf­fent­li­chen Ord­nung, Si­cher­heit und Ge­sund­heit ge­recht­fer­tigt sind. Auch wenn die mit der Ein­füh­rung des elek­tro­ni­schen Auf­ent­halts­ti­tels vor­ge­se­he­nen tech­ni­schen Stan­dards den Schutz vor Fäl­schun­gen und Ver­fäl­schun­gen von Auf­ent­halts­ti­teln wei­ter er­hö­hen und da­mit zur Ver­hin­de­rung und Be­kämp­fung il­le­ga­ler Ein­wan­de­rung und des il­le­ga­len Auf­ent­halts bei­tra­gen und so letzt­lich der Wah­rung der öf­fent­li­chen Si­cher­heit und Ord­nung die­nen, ver­mag dies ei­ne un­ter­schied­li­che Be­hand­lung tür­ki­scher Staats­an­ge­hö­ri­ger ge­gen­über Uni­ons­bür­gern und ih­ren Fa­mi­li­en­an­ge­hö­ri­gen bei der Er­he­bung von Ge­büh­ren für un­ter glei­chen Um­stän­den aus­ge­stell­te auf­ent­halts­recht­li­che Do­ku­men­te und die da­mit ein­her­ge­hen­de Un­gleich­be­hand­lung bei der Aus­ge­stal­tung der Be­din­gun­gen für den Zu­gang zum Ar­beits­markt nicht zu recht­fer­ti­gen.

46 2.2 Im Ein­klang mit re­vi­si­blen Recht ist das Ver­wal­tungs­ge­richt da­von aus­ge­gan­gen, dass al­le drei Ge­büh­ren­be­schei­de ge­gen das Dis­kri­mi­nie­rungs­ver­bot des Art. 10 ARB 1/80 ver­sto­ßen. Da­nach räu­men die Mit­glied­staa­ten der Ge­mein­schaft den tür­ki­schen Ar­beit­neh­mern, die ih­rem re­gu­lä­ren Ar­beits­markt an­ge­hö­ren, ei­ne Re­ge­lung ein, die ge­gen­über den Ar­beit­neh­mern aus der Ge­mein­schaft hin­sicht­lich des Ar­beits­ent­gelts und der sons­ti­gen Ar­beits­be­din­gun­gen je­de Dis­kri­mi­nie­rung auf­grund der Staats­an­ge­hö­rig­keit aus­schlie­ßt. Der Eu­GH geht in stän­di­ger Recht­spre­chung da­von aus, dass auch die­se Be­stim­mung un­mit­tel­ba­re Wir­kung ent­fal­tet und sich ein tür­ki­scher Staats­an­ge­hö­ri­ger vor den na­tio­na­len Ge­rich­ten des Auf­nah­me­mit­glied­staa­tes hier­auf be­ru­fen kann (Ur­teil vom 8. De­zem­ber 2009 - BVer­wG 1 C 16.08 - BVer­w­GE 135, 334 Rn. 13 = Buch­holz 451.901 As­so­zia­ti­ons­recht Nr. 58; Eu­GH, Be­schluss vom 25. Ju­li 2008 - Rs. C-152/08, Re­al So­cie­dad de Fut­bal SAD u.a. - Slg. 2008, I-6291 Rn. 29).

47 So­weit ein Mit­glied­staat von tür­ki­schen Ar­beit­neh­mern für die Aus­stel­lung von Auf­ent­halts­do­ku­men­ten Ge­büh­ren ver­langt, die im Ver­gleich zu den von Uni­ons­bür­gern für ent­spre­chen­de Auf­ent­halts­do­ku­men­te ver­lang­ten Ge­büh­ren un­ver­hält­nis­mä­ßig sind, stellt dies ei­ne ge­gen Art. 10 ARB 1/80 ver­sto­ßen­de dis­kri­mi­nie­ren­de Ar­beits­be­din­gung dar (Eu­GH, Ur­teil vom 29. April 2010 a.a.O. Rn. 75). Da­bei ist nach der Recht­spre­chung des Eu­GH auch hier - wie bei Art. 13 ARB 1/80 - nicht je­de im Ver­gleich zur La­ge der Uni­ons­bür­ger hö­he­re Ge­bühr not­wen­di­ger­wei­se un­ver­hält­nis­mä­ßig. Viel­mehr kön­nen in Son­der­fäl­len Ge­büh­ren, die et­was hö­her sind als die von Uni­ons­bür­gern für die Aus­stel­lung ent­spre­chen­der Do­ku­men­te ver­lang­ten, noch als ver­hält­nis­mä­ßig an­ge­se­hen wer­den. Auch in­so­weit hat der Eu­GH aber die nie­der­län­di­schen Ge­büh­ren, die in­ner­halb ei­ner Span­ne la­gen, de­ren nied­rigs­ter Wert um mehr als 2/3 hö­her war als die von Uni­ons­bür­gern für die Aus­stel­lung ent­spre­chen­der Do­ku­men­te ver­lang­ten Ge­büh­ren, ins­ge­samt als un­ver­hält­nis­mä­ßig an­ge­se­hen (Eu­GH, Ur­teil vom 29. April 2010 a.a.O. Rn. 74).

48 a) In An­wen­dung die­ser Grund­sät­ze führt die im Be­scheid vom 9. Ju­ni 2010 fest­ge­setz­te Ge­bühr in Hö­he von 40 € mit Blick auf die von Uni­ons­bür­gern für ent­spre­chen­de Do­ku­men­te ver­lang­ten Ge­büh­ren zu ei­ner Dis­kri­mi­nie­rung im Sin­ne des Art. 10 ARB 1/80. Als ver­gleich­ba­res Do­ku­ment ist hier die Uni­ons­bür­gern sei­ner­zeit noch aus­ge­stell­te Be­schei­ni­gung über das Auf­ent­halts­recht nach § 5 Abs. 1 Frei­zügG/EU in der da­mals an­wend­ba­ren Fas­sung des Ge­set­zes zur Än­de­rung des Bun­des­po­li­zei­ge­set­zes und an­de­rer Ge­set­ze - BPol­Gua­ÄndG - vom 26. Fe­bru­ar 2008 (BGBl I S. 215) her­an­zu­zie­hen, die nach § 47 Abs. 3 Auf­enthV 2009/2010 un­ent­gelt­lich aus­ge­stellt wur­de. Da­mit liegt be­reits be­trags­mä­ßig ei­ne nicht von vorn­her­ein zu ver­nach­läs­si­gen­de fi­nan­zi­el­le Mehr­be­las­tung vor, für die kei­ne stich­hal­ti­gen Grün­de vor­ge­tra­gen oder er­sicht­lich sind. Zu­dem war die dem Ge­büh­ren­be­scheid zu­grun­de lie­gen­de Auf­ent­halts­er­laub­nis auf zwei Jah­re be­fris­tet, wäh­rend die Uni­ons­bür­gern nach § 5 Abs. 1 Frei­zügG/EU a.F. aus­zu­stel­len­den Be­schei­ni­gun­gen kei­ner Be­fris­tung un­ter­la­gen.

49 b) Glei­ches gilt hin­sicht­lich der dem Be­scheid vom 15. Ju­ni 2011 zu­grun­de lie­gen­den Ge­bühr in Hö­he von 30 €. Als ver­gleich­ba­res Do­ku­ment ist auch hier die Uni­ons­bür­gern sei­ner­zeit noch aus­ge­stell­te Be­schei­ni­gung über das Auf­ent­halts­recht nach § 5 Abs. 1 Frei­zügG/EU in der da­mals an­wend­ba­ren Fas­sung des Ge­setz zur An­pas­sung des deut­schen Rechts an die Ver­ord­nung (EG) Nr. 380/2008 des Ra­tes vom 18. April 2008 zur Än­de­rung der Ver­ord­nung Nr. 1030/2002 zur ein­heit­li­chen Ge­stal­tung des Auf­ent­halts­ti­tels für Dritt­staa­ten­an­ge­hö­ri­ge - EG­V380/2008AnpG - vom 12. April 2011 (BGBl I S. 610) her­an­zu­zie­hen, die nach § 47 Abs. 3 Auf­enthV 2010/2011 wei­ter­hin un­ent­gelt­lich aus­ge­stellt wur­de. Zwar liegt die fi­nan­zi­el­le Be­las­tung be­trags­mä­ßig hier et­was nied­ri­ger, an­de­rer­seits war die dem Ge­büh­ren­be­scheid zu­grun­de lie­gen­de Ver­län­ge­rung der Auf­ent­halts­er­laub­nis auch nur be­fris­tet für ein Jahr aus­ge­spro­chen wor­den. Im Er­geb­nis ist da­her auch die­se Ge­bühr - un­ge­ach­tet ih­rer über­schau­ba­ren ab­so­lu­ten Hö­he - im Ver­gleich zur Nicht­er­he­bung von Ge­büh­ren bei Uni­ons­bür­gern un­ver­hält­nis­mä­ßig.

50 c) Da die dem Be­scheid vom 20. Ja­nu­ar 2012 zu­grun­de lie­gen­de Ge­bühr nach den vor­ste­hen­den Aus­füh­run­gen zu Art. 13 ARB 1/80 mit Blick auf die von Uni­ons­bür­gern und ih­ren Fa­mi­li­en­an­ge­hö­ri­gen für ent­spre­chen­de Do­ku­men­te ver­lang­ten Ge­büh­ren un­ver­hält­nis­mä­ßig ist, liegt in­so­weit zu­gleich ei­ne Dis­kri­mi­nie­rung auf­grund der Staats­an­ge­hö­rig­keit im Sin­ne des Art. 10 ARB 1/80 vor.

51 2.3. Die fest­ge­stell­ten Ver­stö­ße ge­gen das As­so­zia­ti­ons­recht EWG/Tür­kei ha­ben zur Fol­ge, dass al­le drei Ge­büh­ren­be­schei­de je­den­falls in der Hö­he, in der sie vom Klä­ger an­ge­foch­ten wur­den, rechts­wid­rig sind. Ei­ner Vor­la­ge an den Eu­GH be­darf es nicht, da die ma­ß­geb­li­chen uni­ons­recht­li­chen Fra­gen, so­weit sie hier ent­schei­dungs­er­heb­lich sind, ge­klärt sind. Ob die dem Be­scheid vom 20. Ja­nu­ar 2012 zu­grun­de lie­gen­de Ge­bühr für die Er­laub­nis zum Dau­er­auf­ent­halt-EG - un­ab­hän­gig von der tür­ki­schen Staats­an­ge­hö­rig­keit des Klä­gers und der da­mit ver­bun­de­nen as­so­zia­ti­ons­recht­li­chen Pri­vi­le­gie­rung - mit der Richt­li­nie 2003/109/EG zu ver­ein­ba­ren ist (vgl. hier­zu Eu­GH, Ur­teil vom 26. April 2012 - Rs. C-508/10, Kom­mis­si­on/Nie­der­lan­de u.a. - ABl EU Nr. C 174 S. 7 = In­fAuslR 2012, 253), kann of­fen­blei­ben.

52 3. So­weit die Ge­büh­ren­be­schei­de nach § 113 Abs. 1 Vw­GO auf­zu­he­ben sind, hat der Klä­ger ei­nen Er­stat­tungs­an­spruch. Dies­be­züg­lich war die Be­klag­te nach § 113 Abs. 4 Vw­GO zur Rück­zah­lung aber zu ver­ur­tei­len und nicht zu ver­pflich­ten.

53 4. Die Kos­ten­ent­schei­dung folgt aus § 154 Abs. 2 Vw­GO.