Bundesverwaltungsgericht

Geschichte der Bibliothek des Reichsgerichts

Gründung
Bei Gründung des Reichsgerichts im Jahre 1879 bestand die bibliothekarische Grundausstattung in der Übernahme der Bibliothek des ebenfalls in Leipzig ansässigen Reichsoberhandelsgerichts mit einem Bestand von ca. 20.000 Bänden.

Bestandsausbau
Unter der sachkundigen und engagierten Leitung des ersten Bibliotheksdirektors Karl Schulz (1844 - 1929), der sein Amt 38 Jahre lang bis 1917 ausübte, entwickelte sich die Reichsgerichtsbibliothek zur größten und bedeutendsten Gerichtsbibliothek Deutschlands.

Um die Jahrhundertwende besaß die Bibliothek einen Bestand von ca. 115.000 Bänden. Ihr Leiter Karl Schulz war bestrebt, die Entwicklung des deutschen Rechts im gesamteuropäischen Rahmen vom Mittelalter bis zum 19. Jahrhundert im Buchbestand der Reichsgerichtsbibliothek zu dokumentieren.

Die Reichgerichtsbibliothek hatte es sich von Anfang an zur Aufgabe gemacht, antiquarische Literatur zu erwerben. Nach 1800 erschienene Literatur wurde fast vollständig beschafft, vor 1800 erschienene Titel in größerer Auswahl. Der Sachkenntnis und dem persönlichen Interesse von Karl Schulz verdankt die Bibliothek den Erwerb glossierter Ausgaben des Corpus iuris civilis und des Corpus iuris Canonici sowie eine auf mehreren Italienreisen erworbene umfangreiche Sammlung italienischer Stadtstatuten.

Außergewöhnlich ist auch die Sammlung der verschiedenen Ausgaben der Sachsenspiegel und Schwabenspiegel.

Um 1900 besaß die Bibliothek ca. 81 Handschriften und 238 Inkunabeln. Der Buchbestand konnte in den Jahren bis zum ersten Weltkrieg bei fast kontinuierlichem Etat auf ca. 170.000 Bände ausgebaut werden.

Das Schicksal der Bibliothek während der beiden Weltkriege
Während und nach dem Ersten Weltkrieg musste die Bibliothek einen rigorosen Sparkurs steuern, der auch zu Personalkürzungen zwang. Die galoppierende Inflation zwang die Bibliothek, die Erwerbungspolitik neu festzulegen. Der Erwerb nichtjuristischer Literatur wurde stark eingeschränkt. Überflüssig erscheinender Bestand sollte erstmals verkauft werden und die Mitglieder des Reichsgerichts wurden angehalten, von eigenen wissenschaftlichen Publikationen der Bibliothek kostenlos ein Exemplar zukommen zu lassen. Den Richtern überlassene Rezensionsexemplare sollten ebenfalls an die Bibliothek weitergereicht werden. Verleger gewährten Preisermäßigungen. 1929 zum 50-jährigen Bestehen des Gerichts verfügte die Bibliothek über 238.000 Bände.

Im Zweiten Weltkrieg war die Stadt Leipzig schweren Luftangriffen ausgesetzt. Das viergeschossige Bibliotheksmagazin im Nordflügel des Gebäudes war nach einem Luftangriff am 6. April 1945 nicht mehr benutzbar und der Katalograum brannte völlig aus. Der damalige Bibliotheksleiter Paul Güntzel hatte bereits nach den ersten Luftangriffen weitreichende Sicherungsmaßnahmen, die den Bibliotheksbestand mit Ausnahme von ca. 20.000 Bänden vor der Zerstörung bewahrten, verfügt.

Ein Teil der Werke wurde in den Kellergewölben des Reichsgerichts untergebracht, weitere Bestände lagerten in den Kellern des Völkerschlachtdenkmals. Auch ein Bergwerk in Anhalt diente als Lagerort für die Bücher der Reichsgerichtsbibliothek. Die Sicherungsmaßnahmen des Bibliotheksleiters zahlten sich aus.

Die Bibliothek in der Nachkriegszeit
Seit Oktober 1945 unterstand die Reichsgerichtsbibliothek dem Leipziger Landgerichtspräsidenten und war in die Verwaltung des Landes Sachsen eingegliedert. In den ersten Nachkriegsjahren wurde der Bestand nicht nur von Richtern, Anwälten und wissenschaftlich arbeitenden Juristen, sondern auch von den Professoren und Studenten der juristischen Fakultät der Leipziger Universität genutzt. Der Ausbau erfolgte mit dem Ziel, die Bibliothek wieder bei einem höchsten deutschen Gericht anzusiedeln.

Die Reichsgerichtsbibliothek als Teil der Bibliothek des Obersten Gerichts der DDR
Im Herbst 1950 wurde die Bibliothek von Leipzig nach Berlin transportiert und in ein Gebäude in der Invalidenstraße Ecke Scharnhorststraße einquartiert, in dem auch das Oberste Gericht seinen Sitz hatte. In den Folgejahren führte die Bibliothek ein Schattendasein, juristisches Schrifttum vor 1945 wurde vom Obersten Gericht nicht benötigt.

Als 1974 das Gericht in neue Räume in der Littenstraße umzog, war für die Reichgerichtsbibliothek bis auf 10.000 Bände kein Platz, die Raumfrage ungeklärt. Ein großer Teil des nichtjuristischen Bestandes wurde an die Deutsche Staatsbibliothek abgegeben, andere Teile makuliert. Weitere Bestände wurden zur Devisenbeschaffung an das Zentralantiquariat abgegeben.

Der als erhaltenswert angesehene Teil der Bibliothek wurde 1974 nach einem genauen Plan, der die geordnete Wiederaufstellung ermöglichen sollte, auf Gittereisenpaletten gepackt und in die Staatsreserve nach Oranienburg ausgelagert. Zwei Jahre später kehrten 100.000 Bände in ein Fabrikgebäude in die Wilhelm-Pieck-Straße nach Berlin zurück, während der Restbestand in eine Staatsreserve nach Forst gebracht wurde. Zur selben Zeit sank auch die Bedeutung der Bibliothek des Obersten Gerichts.

Die Zahl der Neuerwerbungen für die Bibliothek fiel ab 1976 kontinuierlich. 1989 waren es 359, davon fast die Hälfte als Geschenke eingegangene Dissertationen. Der damalige Etat von 77.000,- Mark reichte nur für den Erwerb von Zeitschriften und Fortsetzungen aus. Die Bibliothek sollte und konnte die ihr zugedachte Aufgabe der juristischen Literaturversorgung des Obersten Gerichts nicht mehr wahrnehmen.


Die Situation nach der Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990
Nach dem Beitritt der DDR zur Bundesrepublik erteilte das Bundesministerium der Justiz (BMJ) dem Bundesgerichtshof (BGH) als dem Funktionsnachfolger des Reichsgerichts als oberster Gerichtshof für die ordentliche Gerichtsbarkeit die Weisung zur Übernahme der Bibliothek des ehemaligen Obersten Gerichts der DDR einschließlich Personal ab dem 3. Oktober 1990.

Die teilweise stark vom Verfall bedrohten Bücher in der Staatsreserve wurden daraufhin nach Karlsruhe transportiert, dort gesichtet, buchpflegerisch behandelt und auch zum Teil katalogisiert.

Gleichzeitig setzten die Vorbereitungen für eine künftige umfangreiche Restaurierungstätigkeit ein.

Die Standortkontroverse
Nachdem sich im Vorfeld des Beschlusses der Föderalismuskommission im Frühjahr 1992 herauskristallisierte, dass der BGH seinen Sitz nicht von Karlsruhe nach Leipzig verlegen, sondern stattdessen das Bundesverwaltungsgericht aus Berlin dorthin ziehen würde, gab es zwischen den beiden Gerichten Meinungsverschiedenheiten über den zukünftigen Standort der ehemaligen Reichsgerichtsbibliothek. Auch die rechtshistorische Fachwelt beteiligte sich an der publizistischen Debatte.

Das BVerwG wollte den Bestand der ehemaligen Reichsgerichtsbibliothek an seinen Ursprungsort im Reichsgerichtsgebäude zurückführen, während der BGH, der bis zum Erscheinungsjahr 1999 die Reichsgerichtssystematik in nur knapp abgewandelter Form verwendete, denselben Bestand als historischen Komplementärbestand zur eigenen, seit Kriegsende aufgebauten Bibliothek betrachtete.

Nach eingehenden Gesprächen und unter Vermittlung des BMJ einigten sich die Präsidenten der beiden Gerichte Karlmann Geiß für den BGH und Dr. Everhardt Franßen für das BVerwG auf einen Kompromiss: Die Bibliothek des Obersten Gerichts der DDR (und darin eingeschlossen die Reichsgerichtsbibliothek) wurde geteilt.

Der "Leipziger" Bestand der Reichsgerichtsbibliothek
In Leipzig befinden sich ca. 74.500 Bände der ehemaligen Reichsgerichtsbibliothek, die sich wie folgt aufgliedern:

Sachgruppe  
  alle bis einschließlich dem Jahr 1800 erschienenen Werke (aus den Sachgruppen A bis X)
A "Allgemeines"
(mit Ausnahme der gesondert ausgewiesenen Reichsgerichtsentscheidungen und Nachschlagewerke)
G "Staatsrecht"
H "Kirchenrecht"
J "Internationales Recht"
(mit Ausnahme des internationalen Privatrechts)
K "Partikularrecht"
(Restbestand für das ehemalige Territorium der DDR - jetzt: Neue Bundesländer - vorhanden)
L "Österreich"
M "Schweiz"
TA-TD "Russland etc."
U "Außereuropäische Länder"
St "Staatswissenschaften"
Gesch "Geschichte"
Zeitg "Zeitungen"
(nur geringer Restbestand vorhanden)
Diss "Dissertationen-DDR"

Kataloge
Es existiert ein gedruckter Bandkatalog: Katalog der Bibliothek des Reichsgerichts, 1. Bd. Leipzig 1882, 2. Bd. Leipzig 1890. Eine Neuauflage sollte ab 1911 erscheinen, wurde jedoch aus Kostengründen nicht fertiggestellt. Die Systematik wurde im Jahr 1900 geändert und die Bände wurden entsprechend umsigniert. Die Signaturen auf den Buchrücken stimmen deshalb mit den Signaturen aus dem Katalog nicht mehr überein.


Der "Leipziger" Bestand ist - abgesehen von der Literatur des 16. und 17. Jahrhunderts - größtenteils im Online-Katalog des Bundesverwaltungsgerichts nachgewiesen.

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